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SWR3 Gedanken

03AUG2019
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Alles läuft wunderbar. Die Kirche ist rappelvoll. Ich stehe am Eingang, warte, bis es gleich losgeht. Die letzten Glockenschläge verhallen. Da kommen die beiden rein. Zwei Polizisten. Und zwar nicht die im freundlichen Grün oder schickem Blau. Nein, zwei schwarz gekleidete Spezialeinsatzkräfte mit schusssicheren Westen und allem, was dazu gehört. Breitbeinig stellen sich die beiden direkt neben den Eingang unserer Kirche. Mir läuft es eiskalt den Rücken herunter. Jetzt, denke ich, passiert es also, der Terror und die Gewalt kommen bei mir in meiner kleinen Kirche an. Ich bin starr vor Schreck.

Die Kirche ist doch voll von jungen Familien. Es soll ein kleines Theaterstück im Gottesdienst aufgeführt werden mit vielen Kindern und Jugendlichen als Schauspielende. Und ich als Pfarrerin habe doch eine Verantwortung gegenüber diesen Menschen! Gibt es eine Gefahr? Eine Warnung? Was tun? Ich hole erst einmal tief Luft, dann gehe ich zu den beiden SEKlern hin: „Entschuldigen sie, aber gibt es einen Grund, warum sie hier sind?“ Da lächelt mich der eine an: „Frau Pfarrerin, meine Tochter spielt doch heute beim Theaterstück mit und ich habe ihr versprochen, ich gucke, dass ich dabei bin. Aber wir müssen hier stehen bleiben, weil wir jederzeit zu einem Einsatz wegmüssen, sie verstehen?“ Ich atme aus und freue mich. Und das Theaterstückchen ist toll, es gibt lauten Beifall am Ende. Und die beiden haben Glück, sie können die ganze Zeit dabei sein, die Tochter und alle die anderen Kinder und Jugendlichen mit ihrem Theaterstück sehen und dann mit dem Segen wieder in den Dienst gehen.

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02AUG2019
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Termine. Termine auf der Arbeit. Termine in der Freizeit. Das muss noch gemacht und dies noch erledigt werden. Dazwischen Stau und unpünktliche Züge. Es klingelt und summt und pfeift, aha, eine neue Nachricht. Wichtig. Stress. Stress hält uns tagtäglich in Atem. Schlechter Stress macht krank.

Ich habe gelesen, mehr als die Hälfte der Deutschen fühlt sich gestresst. Die Männer stresst vor allem die Arbeit. Die Frauen stressen die Ansprüche an sich selbst: Supermami, supersexy und supererfolgreich!

Manchmal klappt es: eine Pause im Alltagsstress. Und ich merke, wie gut es tut, wenn ich mal die Fünf gerade sein lasse, wenn ich mir wirklich Zeit nehme für mich.

In der Bibel sagt Jesus, das wichtigste ist, Gott, seinen Nächsten und sich selbst zu lieben. Ich befürchte, viel zu oft vergessen wir dieses Liebe-dich-selbst.

Sich selbst lieben heißt: nicht perfekt sein zu müssen. Sich nicht auffressen zu lassen – weder von der Arbeit noch von den vielen Freizeitaktivitäten. Die Das-war-schon-immer-sos und die Immer-weiter-sos links liegen lassen. Sich selbst lieben, sich selbst akzeptieren, ich bin ok und du bist es auch. So, wie wir sind, mit unseren Stärken und mit unseren Schwächen. Das tut gut. Und das tut den Menschen um mich herum gut, meiner Familie, meinen Freunden, meinen Kollegen. Ich bin ok. Du bist ok.

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01AUG2019
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Manchmal setze ich mich an mein Küchenfenster und gucke raus. So wie diese älteren Herrschaften mit einem Kissen auf der Fensterbank. So gucke ich mir die Welt vor meinem Fenster an.

Genau gegenüber, über die Straße ist eine Schule. In den Pausen spielen und toben die Kinder. Laut sind sie und voller Leben. Auf der einen Seite von mir wohnt eine Flüchtlingsfamilie. Der Sohn macht bald Abitur, er spricht gutes Deutsch. Der Vater blüht im Garten hinterm Haus auf. Seine Tomaten sind superlecker.

Auf der anderen Seite wohnt eine alte Dame. Sie erzählt gerne. Von damals. Vom Krieg und der Flucht. Vom Ankommen in der fremden Stadt. Lauter Katholiken und sie, die „Reingeschmeckte“, und dann auch noch evangelisch – „wüstgläubig“… Ein paar Häuser weiter Freunde. Zwei Männer. Wenn ich etwas brauche: Eier oder Zuspruch, Freundschaft oder einen Bohrer – hier kann ich immer hin.

Vor meinem Fenster ist die ganze Welt versammelt und ich bin ein Teil davon. Alle sind wir besonders, mit einer eigenen Geschichte, Sachen, die wir mögen, Dinge, die wir nicht abkönnen; jeder hat seine Eigenheiten und Merkmale und Wertvorstellungen. Die Welt ist bunt – und ich freue mich dazuzugehören!

Aber noch besser ist es, wenn ich mein Kissen nehme, das Fenster schließe und mich auf die Bank setze, die draußen, vor meiner Haustür steht. Dahin, wo die anderen auch sind.

Inspiriert von „Vor meinem Fenster ist die ganze Welt versammelt“ von GiselaMatthiae, aus: Junge.Kirche 4/18

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31JUL2019
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Oh, ich kann mich sowas von aufregen! Es ärgert mich, wenn mein Nachbar sein Auto unerlaubterweise direkt vor meiner Haustür parkt. Und reden wir nicht davon, wenn meine Bahn mal wieder 50 Minuten Verspätung hat… Manchmal könnte ich schreien, so wütend bin ich über meine Mitmenschen und über unser mangelndes Zusammenleben. Und da hilft auch kein „tief durchatmen“ und kein „bis-10-zählen“. Und wenn jemand die Unverfrorenheit hat, mir dann auch noch ein „Reg dich doch nicht so auf“ zu sagen, bin ich an der Decke!

Ich glaube, es ist manchmal gut und wichtig, sich aufzuregen. Die Kunst liegt wohl darin zu erkennen, wann es wirklich angebracht ist. Manchmal ist es nämlich auch einfach nur verschwendete Energie, die mir und anderen nur schadet.

Es gibt ein altes Gebet. Das Gebet habe ich mir ausgedruckt und vor mir an die Schreibtischwand gehängt. Es sagt: Ja, manchmal ist es richtig aufzustehen, um gegen Ungerechtigkeit zu protestieren oder um Unverschämtheiten Einhalt zu gebieten. Ein lautes NEIN zu sagen, wenn meine Nachbarin mal wieder über DIE Ausländer lästert. Aber das Gebet sagt auch, dass es manchmal Unvermeidliches gibt, dass man einfach akzeptieren muss. Es lohnt sich zum Beispiel einfach nicht, aus der Haut zu fahren, wenn man irgendwo anruft und sich in einer endlosen Warteschleife wiederfindet…

Das Gebet geht so:
Gott, gib mir die Gelassenheit,
Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann,
den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann,
und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.

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30JUL2019
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Wenn irgendetwas gegen Stress und schlechte Laune hilft, dann das: Gutes tun. Einfach nett sein. Der Kassiererin im Supermarkt Danke sagen. Dem Nachbarn einen schönen Tag wünschen. Ja echt, so einfach ist das. Aber es bewirkt großes: der eigene Stress lässt nach und die gute Laune steigt – beim anderen und bei mir!

 

Und obwohl es so einfach ist, macht es kaum einer. Stattdessen hetzen viele durch den Tag. Ich vorneweg. Alles ist grau, das Wetter, die Mitmenschen, die Arbeit, die Stimmung. Schlechte Laune. Auch das noch! Und dann bin ich wütend. Und dann sage ich auch noch was, also etwas nicht so nettes. Und bin noch gestresster. Und alle um mich herum auch. Genervt, verletzt.

Was aus diesem Teufelskreis raushilft, ist, anderen zu helfen. Und da reichen oft Kleinigkeiten. Der Frau im Rollstuhl die Tür aufhalten oder dem Kollegen einen Kaffee vorbeibringen. Man hilft, lächelt sich an und schwups ist das Stressgefühl weg. Glaubste nicht?!? Ausprobieren! Diese Woche mal nach der alten Pfadfinderweisheit leben: Jeden Tag eine gute Tat.

Auf dem Weg zur Arbeit, mit dem Auto anhalten, um das Schulkind über die Straße zu lassen. Der Kollegin sagen, dass sie gute Arbeit leistet. Blumen für den Familientisch mitbringen und sich freuen, wenn alle halbwegs friedlich beisammen sind. Es ist wie ein Wunder: wenn ich etwas Gutes tu, wenn ich freundlich bin, wenn ich jemanden helfe – geht es mir gut! Übrigens: je mehr gute Taten, desto besser fühlt man sich!

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29JUL2019
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„Glücksfaktor Stress. Warum Stress uns erfolgreich und gesund macht“ – so heißt dagegen das Buch von Kelly McGonigal. In ihrem Buch schreibt sie, dass Stress auch seine guten Seiten hat. Denn: stressfrei heißt nicht automatisch glücklich.  Im Gegenteil: Stress kann echt sinnvoll sein. Ohne Stress keine Kunstwerke, kein Fortschritt, keine Entdeckungen und Erfindungen. Stress kann uns sehr wohl dabei helfen, dass es uns gut geht.

Aber damit Stress etwas Gutes hat, so Kelly McGonigal, ist es wichtig, seine Einstellung dazu zu verändern. D.h. sich nicht lähmen zu lassen von den Aufgaben, sondern Abstand zu nehmen und sich zu fragen: Was sind meine Möglichkeiten? Was kann ich jetzt machen? Vor allen Dingen: wie will ich jetzt reagieren? Damit das gelingt, ist es gut Prioritäten zu setzen: Was ist mir wichtig im Leben? Was mache ich wirklich gern? Vielleicht auch nach (versteckten) Gründen fragen: Warum meine ich, das jetzt machen zu müssen?

So kann es gelingen im Stress innere Ressourcen zu finden: die Stärke, die in mir schlummert, die Ausdauer, auch die Kreativität.

Oder aber einzusehen: Das schaffe ich jetzt nicht allein. Ich muss jemand anders um Hilfe bitten. Gemeinsam kriegen wir es dann hin. Und dieses gemeinsame Tun, tut gut. Es stärkt die Verbundenheit mit anderen.

Stress ist eine Herausforderung. Aber nicht jeder Stress ist schlecht. Stress kann auch etwas Gutes haben: Man ist wie elektrisiert, voller Energie, wächst über sich hinaus.

Kurzum: am besten man lässt sich nicht stressen vom Stress, denn dann kann er auch ein Glücksfaktor sein!

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28JUL2019
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Meine Cousine ist gestorben. Einfach so. An einem Tag war sie noch am leben und quasi am nächsten Tag tot. Zurück blieb ihre kleine Familie - und wir. Zur Beerdigung kamen so viele Menschen, die Kirche war zu klein. Danach saßen wir zusammen, die Familie und wir Cousins und Cousinen. Wir waren erschrocken, wie schnell sich das Leben ändert, wie schnell jemand stirbt. Und wir haben beschlossen, dass wir uns öfters sehen müssen, nicht bloß auf der nächsten Beerdigung, sondern als Familie, das Leben und die Familie feiern. Und so kam die Idee der Cousinen- und Cousinstreffen: weil wir doch zusammengehören.

In dem Kinderbuch „Ronja Räubertochter“ von Astrid Lindgren sitzen Ronja und ihr bester Freund Birk zusammen. Die Väter der beiden, die Räuberhäuptlinge Borka und Mattis bekriegen sich bis aufs Blut, weil jeder den Wald und die Burg für sich haben möchte. Ihre beiden Kinder Ronja und Birk verstehen das nicht. Und jetzt hat es in dem Kleinkrieg der beiden Väter sogar einen Verletzten gegeben. Und da, schreibt Astrid Lindgren, saßen Ronja und Birk lange „dort und hatten es schwer. Aber sie hatten es gemeinsam schwer, das war ein Trost. Leicht war es trotzdem nicht.“

Ich glaube, da ist etwas sehr Wahres dran: wenn man zusammen mit der Familie oder mit Freunden ist, dann bleiben Trauer und Probleme, aber die anderen, die Gemeinschaft der Familie, der Freunde geben Trost.

Manchmal braucht man jemanden. Miteinander zu reden, macht die Probleme nicht weniger und den Kummer nicht kleiner. Leicht ist es nicht. Es ist schwer. Aber man hat es gemeinsam schwer und das ist ein Trost.

„Ronja Räubertochter“ von Astrid Lindgren

https://www.kirche-im-swr.de/?m=29129