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SWR3 Gedanken

Für einen Fragebogen sollte ich mir überlegen auf wen ich gerne mal eine Laudatio, eine Lobrede halten würde. Ein paar Leute sind mir eingefallen: eine junge Frau, die nach dem Tod ihres Vaters in Drogenkonsum gerutscht ist, sich dann daraus befreit hat und jetzt versucht, ihren Schulabschluss nachzuholen. Ein Mann, der nachdem seine Frau psychisch erkrankte, sich so um seine Kinder gekümmert hat, dass die trotz Krisen und Schwierigkeiten, sich ein eigenes Leben aufbauen konnten. Eine ältere Frau, die als Kind ins Heim kam, dort misshandelt wurde, dann in die Psychiatrie kam und heute trotz Schmerz und Armut Tag aufsteht und Freundschaften pflegt.

Eine Frau mit einer schweren Behinderung. Sie ist blitzgescheit, sie war Lehrerin, aber Spasmen verdrehen ihre Hände. Sie kann nicht laufen, es fällt ihr schwer zu sprechen und es kostet Mühe und Zeit, sie zu verstehen. Sie lebt allein, seit ihr Mann gestorben ist.

Ich weiß nicht, ob ich an ihrer Stelle morgens überhaupt aufstehen würde. Aber jeden Tag macht sie sich auf und fährt mit dem Rolli durch die Stadt. Sie unterhält sich gerne und wenn sie lächelt, leuchtet ihr Gesicht. Eine Laudatio möchte ich halten, auf Leute die mit einem großen ‚trotzdem‘ aufrecht durch ihr Leben gehen oder eben rollen, je nachdem!

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Ist Reichtum eine Belohnung für Leistung? Oder ist er ererbt oder einfach Glück?

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsfragen hat bereits 2016 eine Studie herausgebracht, der zufolge dreiviertel aller Hochvermögenden mindestens ein oder mehrere Vermögen geerbt haben. Die Tendenz ist steigend: Es wird immer schwieriger durch Arbeit oder selbst durch eine großartige Businessidee zu Reichtum zu kommen. Die Behauptung, wer reich sei, habe ja schließlich auch etwas dafür geleistet, stimmt jedenfalls nicht bei allen.

Ich habe großen Respekt vor Leuten, die mit ihrem Reichtum verantwortlich umgehen, die großzügig teilen, die Projekte unterstützen und sich viele Gedanken machen, wem sie was warum geben. Aber mehr noch beeindrucken mich Menschen, die über ein großes Vermögen verfügen und mit großer Bescheidenheit davon reden als von einem Geschenk.

Ein älterer Herr, der kichernd erzählt von dem Glück, das ihm zugefallen ist. Er weiß, er war einfach im richtigen Moment am richtigen Ort. Dankbar ist er dafür und von einer besonderen Demut. Ob Gott das so gefügt hat? Er jedenfalls dankt dem Himmel für sein Leben. Vielleicht fängt die Großzügigkeit genau da an: Wo ich verstehe, dass die wichtigsten Dinge im Leben immer geschenkt sind. Aber auch das ist ein Geschenk: dass ich dankbar sein kann. Dafür danke ich dem Himmel

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Ich unterhalte mich mit einem älteren Herrn: Ich nenne ihn Oskar weil ich ihn so mag. Oskar lebt in seiner Wohnung seit Monaten ohne Strom und Heizung. Seine Rente reicht nicht, um davon zu leben, also jobbt er noch zusätzlich. Oskar hätte Prediger werden können oder einfach Poet. Ich möchte alles aufschreiben, was er sagt. Ich möchte, dass alle ihm zuhören, weil er immer neu Sätze sagt, die meine Seele anrühren.

Er erzählt davon, wie er vor Jahren krank wurde, Hypersomnie. Er ist einfach immer eingeschlafen. Damit er wach blieb, hat er Medikamente genommen. Von denen wurde er süchtig. Dann hat sich seine Frau von ihm getrennt. Und er meint: ‚Da hab ich angefangen zu meditieren. Ich wollte einfach keine Medikamente mehr nehmen. Seither habe ich wieder Licht in meinem Leben. Dafür bin ich so dankbar.‘

Er nimmt meine Hände und erklärt: ‚Manche Leute leuchten. Sie sind wie Diamanten so kostbar, aber wenige sehen das Licht. Man muss die Leute zusammenbringen, gerade die, denen es so schlecht geht wie mir. Ich will nicht nur, dass man mir hilft, ich will vor allem dass man mich ernst nimmt.‘

Immer wieder erlebe ich das: ich denke, ich kann jemand helfen und am Ende erklären die mir das Leben, auch mein Leben. Oskar ist so jemand, der bringt das Leben zum Leuchten. Dann ist da auf einmal Licht auch wo es ganz dunkel ist, trotzdem bin ich froh, dass wir es geschafft haben: Oskar lebt jetzt wieder mit Strom und Heizung. Das hat er eigentlich Astrid zu verdanken, die ist auch so ein Diamant. Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

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Im Januar war wieder Vesperkirche in Mannheim. Bis zu sechshundert Gäste kommen da jeden Tag. Wohnsitzlose, Suchtkranke, Rentnerinnen und Rentner. Sie bekommen Essen, Getränke, medizinische Versorgung und vor allem Aufmerksamkeit: Da ist ein Paar, sie sind sehr jung. Sie haben keine Wohnung. Jeden Tag versuchen sie, ein bisschen Geld zusammen zu bekommen, damit sie dann irgendwo sicher schlafen können.

Sie erzählt: ‚Die Leute behaupten: Wir wollten ja draußen schlafen. Aber das ist Blödsinn. Natürlich wollen wir eine Wohnung. Aber kein Mensch vermietet an Wohnsitzlose und wenn die uns sehen, wissen die auch, dass wir nichts haben. Wir haben keine Chance.‘ Es ist nicht leicht, wenn du erlebst, dass die Leute dir vor allem ansehen, dass du nichts hast und dann denken, dass du nichts wert bist. Es ist dann nicht leicht, überhaupt zu erzählen was los ist.

Diese beiden sind scheu, sie wollen keine Vorschriften oder gute Ratschläge. Ich höre aufmerksam zu. Das ist mir wichtig: immer wieder zuhören, so zuhören, dass jemand anfängt zu vertrauen. Dem Leben zu vertrauen. Damit ich vielleicht für sie telefonieren darf, einen Termin vereinbaren, so dass es wirklich Hilfe gibt. Und dann doch eine Chance, dem Leben wieder eine andere Richtung zu geben. Zuhören kann das ganze Leben verändern. Auch meins. Weil ich erkenne, wie verletzlich, wie bedroht das Leben ist.

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Wann haben Sie das letzte Mal jemand in die Augen gesehen und ihm oder ihr gesagt:
‚Ich seh‘ dich an und weißt du was? – Du wirst immer schöner.‘ Oder ‚Es ist so schön, dich in meinem Leben zu wissen!‘ Auch mal ,Ich möchte dir etwas anvertrauen…‘Oder einfach: ‚Ich liebe dich!‘

Sich in die Augen sehen und sich so etwas sagen, das ist etwas ganz anderes als digitale Kommunikation, als Liken, auf Twitter folgen und per Mausklick zu Freunden hinzufügen. Interessant ist es, dass es inzwischen so ungewohnt ist, jemand etwas Freundliches oder etwas Wichtiges zu sagen.

Ich liebe analoge Kommunikation. Auch und gerade weil ich so ein schrecklich ablenkbarer Typ bin. Dauernd fliegen meine Gedanken hierhin und dorthin, ständig bin ich mit meiner Aufmerksamkeit anderswo. Dann aber: das Handy weglegen, leise stellen, ganz ausmachen. Sich miteinander hinsetzen, sich einander zuwenden, konzentriert zuhören.

In unserer Gemeinde üben wir das auch im Gottesdienst. Aufstehen, sich zuwenden, sich annähern, einander in die Augen sehen unverwandt zueinander stehen und dann einander einen Satz weitersagen, so etwas wie: „Ich sehe dich, Gott sieht dich, Gott hat uns geträumt und wir sind sehr gut gelungen.“

Für viele ist das sehr ungewohnt und auch irritierend. Aber diese Worte sind wie ein Segen. Nicht umsonst heißt es da: ‚Gott segne dich, Gott wende sein Angesicht dir zu!‘

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‚Schabbaba kä Geld‘ flüstert eine Frau. Sie kommt zu uns in die Kirche. Es ist Vesperkirchenzeit und es gibt jeden Tag Essen für Bedürftige. Die Frau guckt voll Scham und Sehnsucht in die Behälter an der Essensausgabe und jemand von den Verantwortlichen sagt zu ihr: ‚Sie müssen sich einen Bon holen an der Kasse, dann setzen sie sich hin, dann werden sie bedient.

‚Schabbaba kä Geld‘.Zum Glück hat die Verantwortliche sofort verstanden was die Frau meint, auch wenn es nur leise hingeflüstert war: ‚Ich habe aber kein Geld‘.‚Egal sie bekommen trotzdem einen Bon und dann bekommen Sie ihr Essen gebracht.‘ Sie guckt immer noch sehnsüchtig und auch etwas erstaunt. ‚Schabbaba kä Geld‘ bleibt mir hängen, der beschämte Tonfall und der sehnsüchtige Blick aufs Essen. Dass es das wirklich gibt, in unserem reichen Land, das irritiert und beschämt mich immer wieder. Dass es so leicht ist, zwischen Hartz IV Sanktion, oder der Notwendigkeit im Januar erstmal Medikamente zu zahlen. Dann auf einmal gar nichts mehr zu haben. Nicht um die Heizung zu zahlen, nicht für Strom, nicht für Essen.

Wir können helfen, aber wir schaffen die Armut nicht ab. Aber die Sehnsucht bleibt nach einer Welt, die anders funktioniert, in der der Klang dieser Worte einfach verschwindet: ‚Schabbaba kä Geld.‘

Vielleicht arbeiten deswegen so viele mit in der Vesperkirche; sechzig Ehrenamtliche jeden Tag, fast siebenhundert im Lauf der vier Wochen. Weil so viele diese Sehnsucht teilen, nach einer Welt, die keinen Rand hat, hinter dem die allerärmsten einfach verschwinden.

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Ich unterhalte mich mit einem Mann, den ich schon seit Jahren kenne. Er sagt: Ich bin auf dem Weg des Glaubens, aber der Glaube allein überlebt nicht. Er braucht die Liebe. Auch die Liebe allein überlebt nicht. Sie braucht Respekt. Und den Respekt gibt es nicht ohne Barmherzigkeit.

Ich bekomme Angst wenn ich sehe, wie viele Leute heute keinen Respekt mehr haben. Und was die sich wieder trauen zu sagen.

Meine Mutter war im KZ. Wir sind Sinti. Das kann man sich gar nicht vorstellen wie das war. Da war ein Kind im Schrank versteckt. So schön war das Kind. Es sah aus wie ein Engel. Aber sie haben es mit Hunden gesucht und aufgespürt. Und dann wurde es ermordet. Das muss man sich mal vorstellen. Wer sind da die Menschen und wer die Bestien.

Aber - Er sieht mich an –‚Gott sieht und Gott hört! Gott ist da, da mittendrin. Gott sieht und befreit. ‘Deswegen bin ich auf dem Weg des Glaubens und suche die Liebe und Respekt und Barmherzigkeit.

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