Alle Beiträge

Die Texte unserer Radiosendungen in den Programmen des SWR können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
Klicken Sie unten die gewünschte Sendung an.


SWR3 Gedanken

Die Tage war ich mit meinem Sohn bei einem Fußballschnuppertraining. Lauter kleine Knirpse wuseln durch die Gegend, immer dem Ball hinterher. Bambinis eben. Sie treten sich, natürlich unabsichtlich, fallen übereinander, ineinander. Knallen gegen Absperrungen. Stoßen sich Beine, Köpfe und alle erdenklichen Körperteile. Aber keiner der Knirpse hat sich dabei verletzt. Für mich war das ein Wunder. Denn hätten Erwachsene so gespielt, wäre die Hälfte davon im Krankenhaus gelandet.

Ich bin mir deswegen sicher: Wunder gibt es. Vielleicht nicht so spektakulär, wie man sich das gerne vorstellt. Aber versteckt und unscheinbar. Mitten im Alltag. Und seitdem versuche ich, noch mehr Wunder zu finden. Und die gibt es! Zum Beispiel das Ehepaar. Seit Jahren pflegt er seine Frau. Alleine könnte sie nicht mehr leben. So viel Arbeit und Mühe und doch – die Liebe ist den beiden erhalten geblieben. Ich finde, das ist auch ein Wunder.

Oder Geschwister, die sich über ein Erbe zerstritten haben. Jahrelange Funkstille. Und dann erste vorsichtige Annäherungen, bis sie heute wieder alle miteinander reden können. Vielleicht nicht mehr so innig, wie es früher war. Vielleicht ja aber auch: noch nicht wieder so innig. Aber auch so ist das für mich ein Wunder.

Und auch die vielen, die sich freiwillig und ehrenamtlich engagieren. Von der freiwilligen Feuerwehr über die Flüchtlingsarbeit bis hin zu den Kirchengemeinden. Alle investieren Zeit, Geld und manche setzen sogar ihr Leben aufs Spiel. Und das alles für andere. Sie wirken Wunder.
Wunder gibt es. Schauen Sie mal. Ich bin sicher, Sie finden auch eins. Und vielleicht ja schon heute.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=28091

Zehntausende kleine Klebezettel haben schon an der Wand einer Pizzeria in Amerika geklebt. Und jeder einzelne dieser kleinen Klebezettel ist in dieser Pizzeria ein Pizzastück wert gewesen. Obdachlose oder bedürftige Menschen dürfen sich hier einen dieser Zettel von der Wand nehmen und bekommen dann ein Pizzastück. Andere, die zuvor in der Pizzeria gegessen haben, haben das Pizzastück schon bezahlt. Auf vielen Zetteln stehen kleine Grüße wie „genieße es“, „miau“ oder auch „sei gesegnet“.

Manche, die so ein warmes Essen erhalten haben, haben sich bedankt. Es hängt zum Beispiel auch ein Pappteller an der Wand. Darauf steht: „Gott segne dich. Dank dir habe ich etwas essen können, das auf diesem Teller lag. Ich bin obdachlos, aber die Leute hier in der Pizzeria behandeln mich mit Respekt. Das ist wirklich ein Segen. Herzlichen Dank.“

Mich beeindruckt das. Denn das Wort Segen kenne ich gut. Als Pfarrer spreche ich am Ende von jedem Gottesdienst Gottes Segen zu. Die alten Worte, die ich dabei spreche, klingen für viele nicht richtig greifbar: „Gott segne dich und behüte dich. Gott lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig. Gott hebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden.“

Aber in der Pizzeria in Amerika, da wird lebendig, was diese Worte sagen. Wer auch immer diesen Pappteller beschrieben hat, hat das nämlich erlebt. Dieser eine Mensch wurde respektvoll behandelt, hat etwas zu essen bekommen und sich angenommen gefühlt. Was für eine großartige Erklärung für den Segenszuspruch in all den Gottesdiensten.

Und übrigens: Die Aktion mit den Klebezetteln hat ganz klein angefangen. Ein Kunde hatte mal gefragt, ob in der Pizzeria manchmal auch obdachlose Menschen essen würden. Und weil das so war, wollte er für den nächsten obdachlosen Gast ein Pizzastück im Voraus bezahlen. Das hat er gemacht und dafür wanderte der erste Klebezettel an die Wand.

Veränderungen beginnen im Kleinen. Und Gottes Segen womöglich auch.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=28090

In der Bibel sind Engel Gesandte Gottes. Sie überbringen eine Botschaft, erledigen einen Auftrag und sind dann wieder weg. Engel sind flüchtige Wesen. So wie der Schutzengel bei einem Bekannten von mir. Den hat er neulich getroffen: Auf der Autobahn.

Da ist er unterwegs gewesen, linke Spur, und hat auf einmal gemerkt: Da stimmt etwas nicht mit dem Auto. Er wollte schnell rüber zum Standstreifen. Und auf die mittlere Spur ist er noch gekommen, aber dort ist sein Auto liegen geblieben. Mitten auf der dreispurigen Autobahn. „Ich hatte solche Angst,“ sagt er, „Angst auszusteigen! Angst, dass jemand von hinten auf das Auto fährt!“ Er hat dann den Notruf gewählt und auf die Polizei gewartet. Und da hat sich plötzlich ein Auto vor ihn gesetzt. Ein Mann in Warnweste ist ausgestiegen und hat ihn gefragt: „Lässt sich der Wagen im Leerlauf bewegen? Dann schiebe ich Sie auf die Standspur.“

„Haben Sie denn Erfahrung mit so etwas?“, hat mein Bekannter gefragt. Da hat der Mann nur auf die Rückseite seiner Weste gezeigt. Dort stand ein Wort: Polizei. Und dann hat er den Verkehr auf der rechten Spur zum Stehen gebracht und meinen Bekannten rüber auf die Standspur geschoben. „Ziehen Sie sich eine Warnweste an und sichern Sie dann das Auto mit dem Warndreieck. Ich muss jetzt schnell weg“, hat er zum Abschied gesagt. Und dann war er auch weg – bevor mein Bekannter „Danke“ sagen konnte.

Das hat er aber nachgeholt. Bei Facebook. Und zum Facebookpost hatte er noch zwei Hashtags gesetzt: „#Dnkgtt“ und „#Schutzengel“. Denn für ihn ist klar: Der Polizist ist sein Schutzengel gewesen. Wer weiß, was ohne ihn passiert wäre. Das hätte richtig hässlich werden können.

Schutzengel sind flüchtige Wesen. Manchmal kann man sich nicht mal richtig bei ihnen bedanken. Aber es gibt sie: Gott sei Dank!

https://www.kirche-im-swr.de/?m=28089

Eine Frau kommt in ein Café und setzt sich an einen noch nicht abgeräumten Tisch. Nicht etwa, weil das Café so voll ist und kein anderer Platz frei wäre. Sie setzt sich an einen noch nicht abgeräumten Tisch, weil sie sich wie ein Gast in einem tollen Café fühlen möchte. Wirklich etwas zu bestellen, das könnte sich die Frau nicht leisten. Dazu fehlt ihr das Geld.

In einem Interview habe ich davon gehört. Und die Geschichte der Frau hat mir mal wieder die Augen geöffnet: Was für viele bei uns in Deutschland selbstverständlich ist, ist es nicht für alle. Sich was kaufen unterwegs, sich im Café verabreden, ins Kino gehen oder ins Theater. Das ist alltäglich gewordener Luxus. Aber viele können sich das nicht leisten und haben deswegen am kulturellen Leben kaum Anteil. Auch viele Kinder gehören dazu.

Das ist schlimm, finde ich, und deshalb gefällt mir eine Aktion der Diakonie in Württemberg. Dort gibt es sogenannte Teilhabegutscheine. Es gibt den „Teilhabegutschein Beschäftigung“ und den „Teilhabegutschein Freizeit, Kultur, Bildung“. Mit dem Beschäftigungsgutschein kann eine Kirchengemeinde eine Person selbst anstellen oder die Anstellung bei einem diakonischen Träger finanzieren. So können Menschen, wieder ins Berufsleben finden. Denn wer lange ohne Arbeit war, verliert häufig seinen geregelten Tagesablauf und dadurch den Anschluss ans Leben.

Der Gutschein Freizeit, Kultur, Bildung ermöglicht es, auch am kulturellen Leben teilzuhaben. Die Fördermöglichkeiten reichen von einem Volkshochschulkurs, über einen Babysitter für Alleinerziehende, bis zur Übernahme der Kosten für Sportschuhe, Trainingskleidung und Jahresbeitrag für den Sportverein für Kinder und Jugendliche. Beantragen können diese Teilhabegutscheine übrigens evangelische Kirchengemeinden in Württemberg. Eine gute Sache, finde ich. Und wenn Sie nicht in Württemberg wohnen, dann fragen Sie doch einfach mal vor Ort nach, was es dort für Möglichkeiten gibt.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=28088

Abends schaue ich zurzeit häufig in Schränke, hinter Türen oder unter Betten. Unsere Kinder sind in der Phase, in der sie vor dem Einschlafen Angst haben. Denn im Schrank, hinter der Türe oder unter dem Bett könnte ja ein Monster sein. Und mit dieser Angst lässt es sich schlecht einschlafen. Also machen meine Frau und ich, was unsere und vermutlich unzählige andere Eltern auch schon gemacht haben. Wir schauen mit den Kindern in Schränke, hinter Türen und unter Betten. Und wir reden mit ihnen. So weicht die Angst und die aufgewühlten Seelen finden wieder Ruhe.

Über solche Geschichten zu schmunzeln fällt leicht, finde ich. Das Lächeln friert mir aber ein, wenn ich selbst mal Angst oder Sorgen habe. Und die Gründe, warum auch wir Erwachsenen Ängste oder Sorgen haben können, die sind ja vielfältig. Kinder bereiten manchen Eltern Sorgen. Wenn es auf dem Konto regelmäßig mau aussieht, können Existenzängste aufkommen. Oder wenn der Chef einem kündigt. Da kann die Angst aufkommen, wertlos zu sein. All das schlägt auf die Seele.

Manchmal kommt es mir so vor, dass wir Erwachsenen über solche Ängste und Sorgen lieber schweigen. Sie lieber unter den Teppich kehren. Das klappt aber nur, bis sich unter dem Teppich so viel angesammelt hat, dass alles herausplatzt.

Dabei glaube ich, dass kleine Kinder da ein Vorbild sein können. Sie sagen einfach nur: „Ich habe Angst!“ Eltern reagieren darauf, nehmen diese Angst ernst und helfen ihren Kindern. Zum Beispiel indem sie in Schränke schauen. Oder mit ihren Kindern reden. Ich glaube, es tut auch Erwachsenen gut, wenn sie das machen. Sich anderen anvertrauen, die vertrauenswürdig sind. Und mit ihnen gemeinsam unter den Teppich schauen. Dahin, wo die Angst sitzt. Und dann gemeinsam unterwegs sind, bis es der Seele wieder besser geht. Und sie mit der Angst umgehen können. Das ist für mich Seelsorge.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=28087

Es gibt in Deutschland über 940 Tafeln als Verein. Diese über 940 Tafeln betreiben mehr als 2.000 Tafel-Läden und Ausgabestellen. Um die 60.000 Menschen engagieren sich ehrenamtlich dort. In den Läden und Ausgabestellen geben die Tafeln überschüssige Lebensmittel kostenlos oder gegen einen symbolischen Betrag aus.

Ich finde es gut, dass es die Tafeln gibt. Besorgniserregend finde ich aber, dass sich so viele bei den Tafeln engagieren müssen. Denn immer mehr Menschen benötigen diese Unterstützung. Sie haben zu wenig Geld, um regulär einkaufen zu gehen. Es reicht kaum für das Nötigste. Und das betrifft auch viele Kinder und Jugendliche.

Mich macht das wütend. Auch, weil es so im Widerspruch steht zu dem, was ich in der Bibel lese. Ein ganz wichtiges Wort in der Bibel ist Gerechtigkeit. In vielen Geschichten geht es darum, dass Gott sich einsetzt dafür, dass Menschen gerecht behandelt werden. Und die Menschen sind dazu aufgerufen sich für Gerechtigkeit einzusetzen. Damit eben alle genug zum Leben haben. Und nicht angewiesen sind auf Almosen.

Das machen all die Helfer und Helferinnen in den Tafeln. Und darüber bin ich froh. Aber ich glaube es ist auch wichtig, Ungerechtigkeit aufzudecken, wo man sie sieht. Auch das ist eine Möglichkeit für Gerechtigkeit einzutreten.

Denn wie kann es zum Beispiel sein, dass die Schere zwischen arm und reich immer weiter auseinander geht in unserem reichen Land? Wie kann es sein, dass es keine Bildungsgerechtigkeit gibt und damit schon Kindern die Hoffnung auf eine bessere Zukunft zunichte gemacht wird?

Klar – diese Probleme kann ich nicht auf einmal lösen. Aber ich kann diese Fragen offen halten. Und ich kann mit Menschen sprechen, die Entscheider sind, zum Beispiel mit den Abgeordneten meiner Gegend. Ich kann zeigen: Mir ist das nicht egal. Ich will, dass es gerechter zugeht – und ich glaube, da bin ich nicht allein.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=28086

Wie ist das bei Ihnen mit den guten Vorsätzen? Fällt es Ihnen leicht, die umzusetzen? Viele unken ja, dass fast alle Vorsätze nach zwei Tagen schon wieder überholt sind. Und es stimmt sicher auch: Bei vielen guten Vorsätzen bleibt es beim Vorsatz. Es ist nicht leicht, alte Gewohnheiten abzulegen und neu zu beginnen.

Wenn ich wieder einmal an einem Vorsatz gescheitert bin, dann hilft es mir, daran zu denken, wie Jesus mit den Menschen umgegangen ist. In der Bibel wird erzählt, dass er oft zu Menschen gegangen ist, die gesellschaftlich geächtet waren. Leute, die auch einiges falsch gemacht hatten in ihrem Leben. Einmal ist er zum Beispiel zu einem gegangen, der alle abgezockt hatte und mit dem deswegen niemand mehr etwas zu tun haben wollte.

Ich glaube, Jesus war nicht egal, was all diese Leute davor gemacht hatten. Aber er hat ihnen gesagt: „Was war, das spielt für mich keine Rolle mehr. Für mich zählt, was jetzt kommt.“ So konnten sie ihre Vergangenheit wirklich ruhen lassen und anders weiterleben. Das finde ich sehr befreiend. Ich bin nicht festgelegt auf das, was vergangen ist. Die Vergangenheit darf ruhen. Und ich darf mich mit dem versöhnen, was war. Ich muss nicht hadern oder den Glauben an mich verlieren. Ich kann nach vorne schauen.

Mir gibt das Kraft, auch wenn ich mir etwas vornehme. Denn auch wenn ich in der Vergangenheit schon einmal daran gescheitert bin. Jesus zeigt mir immer wieder: Ich darf neu anfangen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=28085