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SWR3 Gedanken

Wir haben uns lange nicht gesehen. Als ich die frühere Kollegin treffe, erzählt sie mir nach wenigen Sätzen, dass sie darüber nachdenkt den Job zu wechseln. „Dieses Klima im Betrieb“, sagt sie mir, „es schnürt mir die Luft ab. Ich verliere den Spaß an der Arbeit.“ Einen neuen Chef haben sie bekommen. Jung, erfolgsorientiert. Der will nun manches verändern. Das stört sie auch gar nicht. Aber seither herrscht auch ein Klima ständiger Unsicherheit. Wie ein Gift, dass sich langsam in die Herzen und Hirne der Kolleginnen und Kollegen frisst, sagt sie. Sie weiß nicht, ob sie noch offen sagen kann, was sie denkt. Den Kollegen von nebenan noch trauen kann. Und waren da nicht diese seltsamen Andeutungen beim letzten Meeting, die sie nicht deuten konnte? Und so frisst sich das Gift des Misstrauens und der Unsicherheit weiter hinein in die Herzen und Hirne.

Ich weiß, dass meine frühere Kollegin kein Einzelfall ist. Dass Machtgehabe und kurzfristige Erfolge oft wichtiger sind als zufriedene Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Nicht nur im Wirtschaftsleben. Es geschieht überall, wo Menschen Macht über andere Menschen haben.

Das biblische Bild vom guten Hirten kommt mirin den Sinn, als sie mir ihre Geschichte erzählt. Das ist ja einer, der seine Herde genau kennt und dem das Wohl jedes einzelnen Schafs am Herzen liegt. Wird es krank und lustlos, dann ist das auch ein Verlust für ihn. Er ist einer, auf den die Schafe sich absolut verlassen können. Einer, für den seine Schafe nicht nur Kostenstellen oder „Humankapital“ sind. Und er ist der, der sich entschlossen vor seine Herde stellt, wenn es mal brenzlig werden sollte. Eine Top-Führungskraft also, dieser gute Hirte. Von denen bräuchten wir viel mehr, denke ich, in Firmen, Behörden und in den Kirchen.

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Schule schwänzen für das Klima. Sie ist echt klasse, finde ich, die junge Schwedin Greta Thunberg. Gerade mal 16 Jahre alt gilt sie heute als eine der einflussreichsten Klimaaktivistinnen. Zehntausende Schülerinnen und Schüler sind ihrer Aktion „Schulstreik fürs Klima“, die sie ganz allein begonnen hat, inzwischen gefolgt. Auch bei uns. Lassen an einem Freitag mal den Unterricht sausen, um für eine bessere Klimapolitik auf die Straße zu gehen. Gretas Argument ist so einfach wie eindrücklich: Welchen Sinn hat es für eine Zukunft zu lernen, die es womöglich gar nicht mehr geben wird. Und so heißt die Aktion inzwischen auch „Fridays for future“. Freitage für die Zukunft.

Der Protest der Jungen richtet sich vor allem an die mächtigen Alten dieser Welt. An jene, die jetzt die Weichen stellen müssten. Aber er richtet sich ganz direkt auch an jede und jeden von uns, an Sie, an mich. An uns, die wir mal wieder hitzig über Tempolimits im Land diskutieren. Es ist geradezu absurd! Die jungen Schulschwänzer haben längst kapiert, dass es ihnen materiell nicht mehr besser gehen wird als uns. Noch mehr Geld, noch mehr Wohlstand, noch mehr Wachstum. Nein. Sie wissen, dass sie anders werden leben müssen, wenn alle Menschen morgen ein besseres Leben haben sollen. Und damit wollen sie schon heute anfangen. Ob sie Erfolg haben hängt auch davon ab, ob wir Alten endlich die Kurve kriegen. Offen gesagt: Da bin ich skeptisch. Aber um die Zukunft mache ich mir bei diesen engagierten Kindern und Jugendlichen zumindest jetzt weniger Sorgen.

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Es ist an der Zeit, ein Apfelbäumchen zu pflanzen! Martin Luther soll das mal gesagt haben: „Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt untergeht, dann würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen.“ Denn das mit dem Weltuntergang kommt gefühlt zumindest immer näher. Etwa, wenn man den Risikobericht des Weltwirtschaftsforums liest. Es hat vorletzte Woche im schweizerischen Davos  getagt. Sein Bericht sieht in diesem Jahr besonders düster aus: Eine rasant wachsende Aufrüstung. Großmächte, die sich immer feindlicher gegenüberstehen. Handelskriege, die den Wohlstand bedrohen. Staaten, die sich nach außen abschotten. Und über allem schwebt auch noch der Klimawandel, der längst im Gange ist. Puh! Keine Lektüre für ängstliche Gemüter.

Also doch schnell ein Apfelbäumchen pflanzen? Ob der Satz wirklich von Martin Luther stammt ist fraglich. Aber für mich schwingt etwas darin mit, dass Luther auf jeden Fall hatte: Gottvertrauen. Es geht da ja nicht um harmlose Beschwichtigung, um ein „Alles-halb-so-wild“. Nein, es geht schon darum, den Dingen nüchtern ins Gesicht zu sehen. Und wenn es tatsächlich so aussieht, dass der Untergang bevorsteht, dann soll ich trotzdem heute noch ein Bäumchen pflanzen. Allen Hiobsbotschaften zum Trotz. Sollte die Welt dann untergehen, war die Mühe umsonst. Klar. Aber mit diesem Bäumchen lehne ich mich ja trotzig dagegen auf. Hoffen bis zuletzt. Gottvertrauen nannte man das mal. Das unerschütterliche Vertrauen, dass da wenigstens noch einer ist, der einen Plan fürs Ganze hat.

Angesichts der Probleme heute könnte mehr Gottvertrauen nicht schaden, finde ich. Und in diesem Vertrauen die Ärmel hochkrempeln und nach Auswegen suchen, das wäre es. Dann würde das Bäumchen tatsächlich zum Hoffnungszeichen.

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„Wer sein Leben ändern will, der sollte anfangen, jeden Morgen sein Bett zu machen.“ Dieser doch merkwürdige Tipp kommt von einem früheren Kommandeur der amerikanischen Elitetruppen. Er meint damit, dass es wichtig sei, feste Rituale im Leben zu haben. Und das Bettmachen sei nun mal das erste am Tag. Denn Rituale, so der Ex-Admiral, geben dem Tag eine Ordnung. Und mit Ordnung im Leben werde ich am ehesten meine Ziele erreichen.

Ehrlich gesagt halte ich nicht viel von solchen Erfolgsratgebern, die inzwischen ganze Bücherregale füllen. Und besonders skeptisch werde ich, wenn sie aus dem militärischen Umfeld kommen. Trotzdem glaube ich, dass der Mann da auf etwas Wichtiges hinweist. Feste Rituale im Leben können tatsächlich Halt geben. Halt, der dann besonders wichtig ist, wenn das Leben droht, aus den Fugen zu geraten. Unwillkürlich musste ich da an meinen Schwiegervater denken. Nach dem Tod seiner Frau saß er auf einmal allein in seiner Wohnung. Um Küche und Haushalt hatte sich immer meine Schwiegermutter gekümmert. Wir Kinder waren in Sorge, ob und wie er das nun schaffen würde. Würde er sich nun hängen lassen? Langsam aber sicher verwahrlosen? Als das Begräbnis vorüber war, legte sich mein Schwiegervater eine Art Tagesplan zurecht. Jeden Morgen zur selben Zeit verließ er das Haus, dreht seine Runde durch den Ort, kaufte ein, schaute am Friedhof vorbei. Jeden Mittag zur immer selben Zeit machte er sich eine Mahlzeit warm. Manchmal haben wir uns darüber amüsiert. Fast schon zwanghaft kam uns das vor. Aber es waren genau diese täglichen Rituale, die ihn damals in schwieriger Zeit gerettet haben.

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Der Zug ist gut gefüllt. Da lässt sich ein Mann in den freien Sitz neben mich fallen. Dicke Winterjacke, kräftige Statur. Breitbeinig sitzt er da, stopft sich seine Ohrhörer in die Ohren und döst. Na super, denke ich. Der macht es sich bequem, und ich sitze hier eingeklemmt zwischen diesem Menschen und dem Zugfenster. Dass ich nun meinerseits versuche, mir etwas mehr Spielraum zu verschaffen, stört ihn nicht im Geringsten. Immerhin, zwei Stationen später steigt er wieder aus. Aufatmen.

Schon möglich, dass dieser Mann das Wort Rücksicht noch nie gehört hat. Ganz wörtlich bedeutet es ja, nicht immer nur stur nach vorne zu schauen. Dahin, wo ich gerade hinwill. Sondern auch mal nach links und rechts und sogar nach hinten. Also hin und wieder auch mal die Rück-Sicht einzunehmen. Der Rückspiegel im Auto ist ja auch nicht als Dekoelement gedacht. Dabei kann man dann Erstaunliches entdecken. Zum Beispiel, dass es auch noch andere gibt, die Bedürfnisse haben und nicht nur ich und meine Interessen. Egal ob auf der Straße oder im Leben.

Auf den ersten Blick scheinen Leute, die sich nicht mit allzu viel Rücksicht auf andere belasten, im Vorteil zu sein. Möglichst rücksichtslos die eigenen Interessen durchzusetzen garantiert in der Regel schnellen Erfolg. Und doch bin ich mir sicher, dass am Ende derjenige weiterkommt, der sich rücksichtsvoll verhält. Weil ich in meinem Leben unendlich oft auf die Hilfe von anderen angewiesen bin. Und weil es dann schon einen wichtigen Unterschied macht, ob Kollegen, Nachbarn oder auch Wildfremde gerne mit mir zu tun haben oder nicht. Und es ist definitiv schöner, beim Blick zurück ein freundliches Lächeln zu sehen.

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Die junge Journalistin Valerie Schönian hat sich etwas angewöhnt. In Berlin, wo sie lebt und arbeitet, geht sie an keinem Bettler mehr vorüber, ohne ihm etwas Geld in seinen Pappbecher oder die ausgestreckte Hand zu legen. Und Bettler gibt es einige in der Hauptstadt.

Was sie beschreibt hat mich nachdenklich gemacht. Denn die Argumente, die dagegen sprechen, ständig was zu geben, kenne ich ja alle selber. Sie gehen auch mir durch den Kopf, wenn ich auf dem Weg zur Arbeit an solchen Menschen vorbeikomme. Man kann nicht immer jedem was geben, etwa. Oder: Du unterstützt damit auch das gewerbsmäßige Betteln. Das stimmt beides und auch wieder nicht. Denn trotz Sozialsystemen gibt es ja diese Not. Sie wird konkret in dem alten Mann in abgetragenen Klamotten, der jeden Morgen an derselben Straßenecke sitzt. In der jungen Frau aus Osteuropa, die ihr Kind auf dem Arm hat und um eine Gabe bettelt. Und als Christ geht mir da natürlich auch ein Satz Jesu durch den Kopf: Was ihr dem Geringsten tut, das tut ihr mir. Die junge Journalistin sagt auch, dass sie die paar Euro in der Woche nicht arm machen. Sie schränke sich deswegen nicht ein und müsse deshalb auf keinen Restaurantbesuch verzichten. Das müsste ich auch nicht.

Letzte Woche bin ich wieder an so einem Menschen vorbeigekommen. Angelehnt an einer Hauswand in der Innenstadt saß dieser Mann, dick eingepackt, eine alte Wolldecke über den Beinen. Vor ihm ein Pappschild: Ich habe Hunger! Ich war spät dran wie immer, hatte es eilig und bin vorbeigelaufen. Doch sein Bild und dieses Schild vor ihm gingen mir lange nicht aus dem Sinn. Und irgendwie fühlte sich das mies an. Wenn er morgen wieder dasitzt, dachte ich, dann wirst du dir dreißig Sekunden Zeit und etwas Geld in die Hand nehmen. Denn letztlich ist es so, wie Valerie Schönian es so kurz wie treffend beschreibt: „Da bittet ein Mensch um Hilfe. Und deswegen hilft man ihm.“

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Wir schreiben das Jahr 315. Im Ort Sebaste in der heutigen Türkei kommt eine verzweifelte Mutter mit ihrem Kind zum Bischof. Den Leuten von Sebaste gilt er schon damals als ein Heiliger. Ihr Kind hat sich an einer Fischgräte verschluckt und steht kurz davor zu ersticken. Bischof Blasius gelingt es gerade noch rechtzeitig, das Kind vor dem sicheren Erstickungstod zu retten.

Soweit die Legende, die sich bis heute mit dem Namen dieses Mannes verbindet. In Erinnerung daran wird in den Katholischen Kirchen darum seit Jahrhunderten heute, an seinem Festtag, der sogenannte Blasiussegen gespendet. Bei vielen Gläubigen ist er beliebt. Und doch kann er auf jemanden, der ihn zufällig miterlebt, schon ziemlich schräg wirken. Da hält ein Priester zwei brennende Kerzen über Kreuz in der Hand. Den Gläubigen, die nach und nach vor ihn hintreten, hält er diese Kerzen vors Gesicht und spricht dazu einen Segensspruch: „Auf die Fürsprache des heiligen Bischofs Blasius bewahre dich der Herr vor Halskrankheiten und allem Bösen“.

Ich gebe zu: Ich hatte mit diesem Ritual immer meine Schwierigkeiten. Ich glaube eben nicht daran, dass mich so ein Segen vor der nächsten Bronchitis beschützt. Mich in diesen Tagen warm anzuziehen und viel Obst zu essen, erscheint mir da vielversprechender. Und von der Lungenentzündung vor etlichen Jahren hat mich wohl auch nicht der alte Bischof Blasius befreit, sondern zig Packungen Antibiotika.

Und trotzdem ist so ein Segen kein Hokuspokus. Kein magisches Sprüchlein, das mich vor Halsweh schützt. Ich glaube vielmehr, der Blasiussegen ist bei vielen deshalb so beliebt, weil er jeder und jedem persönlich zugesagt wird. Da steht ja einer vor mir, der mich ansieht, mich vielleicht sogar beim Namen nennt und der dann für mich betet. Nur für mich. Das kann schon mal ein Gänsehautmoment sein. Aber einer, der gut tut.

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