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SWR3 Gedanken

Wir stehen in der Turnhalle und maulen. Wir, ein bunt zusammengewürfelter Haufen, junge und alte, sportliche und unsportliche, ungefähr ein Dutzend, wir sollen die gesamte Gruppe durch ein Geflecht aus kleineren und größeren Löchern bringen. Das Ganze nennt sich Spinnennetz und sieht auch so aus, die Spinnfäden sind hier aus Seilen. Ohne das Spinnennetz zu zerstören, sprich: ohne die Seile zu berühren, sollen alle durch dieses Spinnennetz schlüpfen – allerdings jede Person jeweils durch ein anderes Loch. Wir gucken uns an und uns ist klar, das schaffen wir nie und nimmer. Aber dann klappt es doch: der kräftig gebaute junge Mann, die Turnerin, der ältere Herr, genauso wie die rundlichere Frau – am Ende sind wir bass erstaunt: das haben wir gemeinsam geschafft?

Es geht leicht verloren, dieses Gefühl für Teamgeist. Ich bin eigentlich tagtäglich nur mit mir selbst beschäftigt, selbst wenn ich ein Foto mache, brauche ich niemanden mehr, ein Selfie genügt. Aber wenn wir uns ständig nur selbst betrachten, verlieren wir den Blick für die anderen. Denn es ist ja nun einmal so: erst in der Gruppe, gemeinsam, wächst der Einzelne über sich hinaus. Nur gemeinsam sind wir stark.

Das erinnert mich an eine biblische Geschichte. Jesus war in die Stadt gekommen. Es hieß von ihm, er würde kranke Menschen heilen. Die Freunde hatten aber einen Freund, der gelähmt war. Bloß waren um Jesus dauernd viel zu viele Menschen, er war von einer richtigen Menschenmauer umgeben – keine Chance, da mit einem behinderten Freund durchzukommen. Also überlegten die Freunde sich was: sie kletterten auf das Haus, in dem sich Jesus befand, machten kurzerhand ein Loch ins Dach und ließen ihren gelähmten Freund an langen Seilen durch das Dach hinunter. Und Jesus? Jesus war beeindruckt, vom Teamgeist und vom Einfallsreichtum der Freunde. Denn letztendlich gilt doch: nur gemeinsam können wir Hürden und Hindernisse überwinden, nur gemeinsam sind wir stark.

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Markus fehlt ein Finger. Seit dem letzten Frühjahr. Ein Unfall mit dem Auto. Im Krankenhaus konnten sie nichts mehr machen und haben den Finger amputiert. Seitdem fehlt Markus ein Finger. Aber irgendwie ist er trotzdem noch da.

Markus erzählt: „Klar, wenn du die Hand anguckst, sieht man sofort, dass der kleine Finger fehlt. Das ist total krass. Aber bei so einem kleinen Finger gibt’s keine Rehabilitation, keine Krankengymnastik, ich hab sofort wieder gearbeitet.“ Man muss dazu sagen, dass Markus Installateur ist, er arbeitet meist auf Großbaustellen. Er erzählt weiter: „Aber während des Sommers ist mir alles aus der Hand gefallen: Schraubenzieher, Schrauben… alles ist mir runtergefallen. Man glaubt nicht, wie nützlich so ein kleiner Finger ist!“ Aber das schlimmste kam dann im Winter: es wurde langsam kalt. Normalerweise arbeitet Markus immer ohne Handschuhe, weil er seine Finger braucht zum Festschrauben, einfetten, fühlen, ob die Rohre warm oder kalt sind. Aber das ging in diesem Jahr nicht, denn sein kleiner Finger wurde kalt. Wie kann es sein, dass er die Kälte gerade an einem Finger spürt, den er nicht mehr hat? Der Finger ist weg, aber er friert, tut weh. Phantomschmerzen nennt man das.

Aber da hatte Markus Oma eine geniale Idee: zu Weihnachten hat sie Markus ein paar fingerlose Handschuhe gestrickt – also vier Finger sind frei, fingerkuppenlos sozusagen, bloß der fehlende kleine Finger ist wie bei einem normalen Fingerhandschuh warm eingepackt.
Dank des Halbhandschuhs leidet Markus nicht mehr an der Kälte. Dank der Oma wird ihm auch im kommenden Winter sein kleiner Finger nicht mehr weh tun!

→ Inspiration: Jean Teulé, Comme une respiration, Editions Julliard, Paris, 2016SWR 3-

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Es gibt wohl nichts Schöneres: Freunde einladen, Gäste empfangen, bewirten. Ich überlege mir lange vorher, was ich kochen könnte, der Tisch wird schön gedeckt, der Wein geöffnet. Die Gäste kommen, es wird gelacht, gemeinsam gegessen, man redet von schönen Dingen und manchmal auch von nicht so schönen.

Es tut einfach gut, andere einzuladen. Einfacher jedenfalls als eingeladen zu werden! Wenn ich eingeladen werde, muss ich überlegen, was ich mitbringen soll. Blumen? Wein? Ich fühle mich im Zugzwang, auch eine Einladung aussprechen zu müssen, ich bin unsicher, weil ich nicht genau weiß, wie ich mich benehmen soll.

Daran habe ich denken müssen, als ich krank im Bett lag. Ein paar Wochen vorher hatte meine Nachbarin sich das Bein gebrochen und ganz selbstverständlich hatte ich ihr angeboten, für sie einkaufen zu gehen. Alles war gut. Dann bin ich selbst krank geworden, Erkältung. Ganz selbstverständlich ist meine Nachbarin nun zu mir gekommen und hat sich um mich und um meinen Hund gekümmert. Aber wie einfach ist es für mich gewesen zu helfen und wie schwierig war es jetzt, Hilfe anzunehmen.

Sich Unterstützung zu holen, wird oft als Zeichen von Schwäche gesehen. Dabei wären viele Probleme kleiner, das Leben einfacher, wenn man Hilfe einfach annehmen könnte. Ich glaube sogar, dass es ein Zeichen von Stärke ist, um Hilfe zu bitte, dass es stark ist, auch mal schwach zu sein. Jedenfalls habe ich mir vorgenommen, gelassener zu werden und Hilfe ganz schlicht und einfach dankbar anzunehmen, wie ein Geschenk. Um das zu üben, muss ich gar nicht wieder krank werden: Ich werde einfach versuchen, die nächste Einladung zu genießen, ohne mir so viele Gedanken zu machen.

→ „Wenn ich schwach bin, so bin ich stark.“ 2. Kor. 12,10

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„Jeder Mensch sollte einen Ankerpunkt haben.“ Das hat eine Freundin mir letztens gesagt. Sie sagt: „Jeder Mensch sollte einen Ankerpunkt haben, einen Ort, an dem er haltmachen und sich ausruhen kann. Dieser Ankerpunkt kann ein echter geographischer Ort sein oder auch nur in der Fantasie existieren. Wenn man da ist oder auch nur in Gedanken, dann kann man dort ‚anlegen‘.“

Ich habe mir das mal überlegt und mir ist aufgefallen, dass ich in der Tat einen solchen Ankerpunkt in meinem Leben habe: einen See mitten in den Vogesen. Ich habe ihn entdeckt auf einer Wanderung, ich hatte mich gerade getrennt und war fix und fertig und so wanderte ich allein in den Vogesen – da lag der See auf einmal vor mir: tiefblau, umgeben von Bäumen und Bergen. Hier ist es ganz still. Kein Autogeräusch. Um zu dem See zu gelangen, geht es hinauf über Steine und Felsen und Wurzeln. Hier am See kann man ausatmen, Luft holen, Pause. Ein tiefer Friede liegt über diesem See. Ich fühle mich wie in Gottes großer Hand - geborgen, aufgehoben. Ich bin schon viele Male zu „meinem“ See gegangen. Hatte manches Mal auch eine Frage oder eine Entscheidung mitgenommen, über die ich hier nachdenken wollte. Aber an diesem See gibt es keine Antworten, keine Lösungen. Was es hier gibt: Ruhe und Kraft zum Weitergehen. Manchmal schließe ich die Augen, wenn ich Stress auf der Arbeit habe oder es Streit in der Familie gibt, und dann sehe ich den See vor mir und spüre wieder diese Ruhe und Kraft.

Ja, ich stimme der Freundin zu: Ich wünsche jedem Menschen so einen Ankerpunkt. Vielleicht der Geheimplatz, an dem man sich als Kind zurückziehen konnte. Oder eine alte Kapelle. Dabei muss es kein realer Ort sein, es kann auch ein Ort in der eigenen Fantasie sein. Wenn man die Augen schließt, ist man dort. Kann anlegen, Ruhe und Kraft tanken und dann ausgeruht weitergehen.

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Schlechte Nachrichten überall. Egal, wo ich hinschaue: Radio, Zeitung, Internet. Die Schreckensnachrichten überwiegen.  

Ich wollte das nicht mehr. Und deswegen habe ich beschlossen, einen Monat lang keine schlechten Nachrichten. Morgens keine schlechten Radionachrichten. Stattdessen habe ich meine alten CDs ausgepackt und bin mit meiner Lieblingsmusik in den Tag gestartet. Mein Zeitungs-Abo habe ich den Monat lang einem Freund zukommen lassen. Und wenn ich den Computer eingeschaltet habe, habe ich nicht sofort auf tagesschau.de geklickt, sondern „Die gute Nachricht“ gelesen.

„Die gute Nachricht“ nennen Christinnen und Christen ihre Bibel. „Die gute Nachricht“ kann man in einem Satz zusammenfassen: Dich hat Gott ganz besonders lieb. Auch in der Bibel herrschen Sex, Drugs’n’Rock’n’Roll, auch in der Bibel gibt es schlechte Nachrichten und Hiobsbotschaften, aber die gute Nachricht zieht sich durch die Bibel wie ein roter Faden, der alles zusammenhält: Gott hat dich geschaffen, er hält, komme was wolle, zu dir.

Und so habe ich einen Monat lang jeden Morgen statt schlechter Nachrichten aus Der guten Nachricht gelesen. Und das hat mir erstaunlich gut getan. Jeden Morgen habe ich gelesen: Egal, was im Leben passiert, da glaubt jemand an mich; da glaubt jemand, dass ich die Welt ein klitzekleinesbisschen besser machen kann. Eine echt gute Nachricht eben!

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Die Mutter der kleinen Lilith wird von der Lehrerin in die Schule zitiert. Lilith ist acht Jahre alt und geht in die Grundschule. Liliths Mutter wartet brav vor dem Klassenzimmer und guckt sich die gemalten Bilder an. Lauter Schwarz-Weiße-Schneemänner – nur einer, der ist blau-weiß. „Das ist aber der schönste Schneemann“ lächelt sie die Lehrerin an. Die guckt streng zurück: „Genau deswegen sind sie hier.“

Über eine andere unangepasste Lilith gibt es eine sehr unterhaltsame Legende:
Gott hatte Adam geschaffen und wollte ihm jetzt eine gleichberechtigte und ebenbürtige Frau an die Seite stellen – so schuf er Lilith. Lilith ist ein freier Mensch gewesen. Sie wollte sich auf keinen Fall unterordnen. Sie hat sich geweigert Adam zu dienen und ist eine stolze und selbstbewusste Frau gewesen. Selbstbestimmt – in allen Beziehungen. Auch beim Sex.  Adam aber wollte sich die dominante Position nicht nehmen lassen. Und so ist es zum Eklat zwischen den beiden gekommen. Lilith soll daraufhin auf und davon sein. Adam hat Gott angefleht, sie zurückzuholen. Aber Lilith hat nur gelacht. Sie hat sich einen anderen Gefährten gesucht und hatte mit ihm viele Kinder. Die Legende erzählt dann noch, dass Gott Lilith bestraft hat für ihren Ungehorsam. Und für Adam die weit umgänglichere Eva geschaffen hat.

Ich glaube, die Legende wurde erfunden, um Mädchen den Freiheitsdrang und die Unabhängigkeit auszutreiben. Aber ich mag die Geschichte von Lilith. Ihre Kraft, ihren Freiheitsdurst und ihren Kampf um Unabhängigkeit. Ich frage mich, wann bin ich das letzte Mal so frei gewesen und habe gegen vermeintliche Autoritäten aufbegehrt? Wann habe ich einen Blau-Weißen-Schneemann gemalt, statt wie alle brav einen schwarz-weißen. Sicher, bequem ist es nicht, gegen den Strom zu schwimmen. Aber wunderbar frei.

 http://www.myss.de/Religion/lilith.html

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