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SWR3 Gedanken

Die 6jährige Thea fürchtet sich vor Mördern. Gianluca, 9, hat Angst vor Krieg. Florian mit seinen 8 Jahren sagt, er befürchte, dass die Abgase die Atmosphäre weiter kaputt machen und dann das Meer überläuft. Marie hat als 7Jährige vor allem vor Tigern und Schlangen Angst. Aus unserer Tageszeitung erfahre ich immer samstags im Magazin, was Kinder in unserer Region fürchten und was sie hoffen.

Mir fällt auf, dass sich ihre Ängste und Hoffnungen eigentlich nicht von denen der Erwachsenen unterscheiden. Angst vor Krieg, Katastrophen, bösartigen Angriffen und wilden Tieren – oder Spinnen – irgendwie treiben vermutlich alle solche Sorgen um.

Menschen haben Angst - und das wohl schon immer. Und oft machen sie dumme Sachen aus Angst: sie schotten sich ab, sie kämpfen gegen potentielle Feinde, sie verbreiten selbst Angst und Schrecken. Ein Teufelskreis der Angst.

Mir klingt noch das „Fürchtet euch nicht!“ der Engel aus der Weihnachtsgeschichte in den Ohren. Ich finde das auch noch nach 2000 Jahren aktuell denn Angst ist immer ein schlechter Ratgeber. Angst schränkt uns im Denken ein und bremst kreative Lösungen aus.

Dabei brauchen wir phantasievolle, mutige Lösungsansätze für das, was uns Menschen heute Angst macht. Wir brauchen Ideen, die zu einer angstfreien Gesellschaft beitragen. Wir brauchen Fürchtet-euch-nicht-Ideen!

Die Interviews mit den Kindern machen mir Hoffnung, dass da eine Generation heranwächst, die solche Ideen entwickelt:
Die kleine Thea sagt auf die Frage, was sie als Bundeskanzlerin machen würde: „Ich würde mich dafür einsetzen, dass niemand mehr hungern muss.“ Und Oliver, der mit der Angst vor Monstern und Räubern, sagt: „Ich würde viel nachdenken, um schwere Fälle zu lösen.“
Und ich, ich würde dafür sorgen, dass der Ruf der Engel immer wieder zu hören ist: Fürchtet euch nicht! Gott ist da! Ihr könnt alle Probleme lösen. Auch die schweren Fälle!

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Ich habe Post bekommen. Ach ja, denke ich, als ich den Absender sehe: Heute beginnt die jährliche Gebetwoche für die Einheit der Christen. Hatte ich nicht auf dem Schirm. Im Umschlag steckt eine Karte. Auf der Bildseite kommen mir viele Jugendliche entgegen.

Sie tragen alle einen kleinen Baum zum Einpflanzen in der Hand. Im Hintergrund ist ein großes farbiges Tuch mit einem Kreuz. Und irgendwo in der Ecke erkenne ich eine Band. Das Foto muss in einem großen Gottesdienst gemacht worden sein. Vermutlich ging es darum, wie wir die Schöpfung bewahren können.  

Auf der Karte steht das Motto der diesjährigen: Gerechtigkeit, Gerechtigkeit – ihr sollst du nachjagen.
Na ja, denke ich, gar nicht so einfach. Schon bei dem Thema Nachhaltigkeit geht’s ja los. Was ist im Zweifelsfall wichtiger? Der Erhalt von Wald und Erholungsräumen oder der soziale Wohnungsbau? Bei uns in Freiburg ist das gerade ein heißes Thema. Der Gerechtigkeit nachjagen – was ist gerecht?

Gerecht ist auf jeden Fall, wenn im Streitfall alle zu Wort kommen. Nur so wird klar, wer welche Bedürfnisse hat. Nur so können Lösungen gefunden werden.

Auf der Rückseite der Fotokarte ist noch ein Gebet abgedruckt:
„Hilf mir, meinen Nächsten zu lieben unabhängig von seiner kulturellen, ethischen und religiösen Zugehörigkeit.“ Ganz schön ehrgeizig, finde ich. Selbst für mich als Freiburgerin.

Aber falls das mit dem Lieben nicht gleich klappt, ist es schon mal gut, wenn allen gleiche Rechte eingeräumt werden. Dann können sich auch alle äußern. Und das ist dann schon mal ein echter Schritt auf dem Weg zu mehr Gerechtigkeit.

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‚La Rondine‘ ist das italienische Wort für Schwalbe. Für das kleine Städtchen Rondine in der Toskana wäre aber inzwischen Paloma, also Taube, der passendere Name. Noch besser: Friedenstaube!

Seit 10 Jahren schon bildet nämlich dort ein Verein Friedensstifter*innen aus. Freiwillige aus aller Welt verbringen dort ein 2jähriges Studienprogramm. Die jungen Leute kommen mit den politischen Überzeugungen ihrer Herkunftsländer. Oft sind sie patriotisch geprägt. Aber sie sind auch bereit, sich mit Gegenpositionen auseinander zu setzen.

So lernt die Israelin Gal mit der Palästinenserin Christina zusammen zu leben, obwohl sie in wichtigen Fragen keinen Konsens finden. Dabei hilft ihnen der Unterricht in Konfliktmanagement. Aber auch schlicht die Tatsache, in einem Haus zu wohnen.

Franco Vaccari gehört zum Gründungsteam des Programms. Er ist der Meinung, dass ausgerechnet die gemeinsame Waschküche dabei hilft, Feindbilder zu verlieren:

Wenn Russen und Tschetschenen in derselben Waschmaschine ihre Socken gewaschen haben, haben sie zum ersten Mal etwas gemeinsam, über das sie gefahrlos reden können. So kann es anfangen. Die Entdeckung, dass der Feind nicht nur Feind ist, sondern auch Mensch.

Rondine, Schwalbe, heißt der Ort, in dem Frieden gelehrt und gelernt wird. Ein kleiner Ort, ein kleines Programm. Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer, sagt man. Aber inzwischen sind es schon 200 Menschen, die in Rondine ausgebildet wurden. Sie sind fest entschlossen, in ihren Ländern für den Frieden zu arbeiten. Friedenstauben – wir brauchen sie weltweit!

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Die Zeit ist eine unverlässliche Partnerin. Je älter ich werde, desto öfter spielt mir mein Zeitgefühl Streiche: Ich kann mich an Ereignisse nicht erinnern, die mir meine Tochter in aller Ausführlichkeit schildert. Oder ich erzähle von einer wochenlangen Krankheits-Phase, die tatsächlich nur 5 Tage lang war, wie mir meine Kollegin nachweist. Ganz zu schweigen von jenen Wochen, die nur so vorbei zu fliegen scheinen, im Unterschied zu anderen Zeiten, in denen sich jede Stunde ins Unendliche dehnt. Diese riesige Bandbreite an gemeinsamen und persönlichen Lebensmomenten, an geteilter und erinnerter Zeit – je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr verheddere ich mich darin.

Mir gefällt der Gedanke, dass die Zeit ein Geschenk Gottes an den Menschen ist, um mit der Ewigkeit klar zu kommen. Dann ist unser Zeiterleben so was wie Atmen: Zeit gehört zu den Bedingungen unseres Lebendigseins. Aber letztlich kommt alle unsere Zeit aus einer ewigen Quelle.

Ganz egal, wie ich meine Lebenszeit einteile und erlebe oder gar erinnere – alles geschieht innerhalb dieser geschenkten Zeit und gehört gleichzeitig in diese Ewigkeit hinein. Das bedeutet dann auch: Nichts und niemand geht verloren. Meine leeren Tage sind darin geborgen, an die ich mich kaum erinnere. Meine traurigen Zeiten, in denen die Zeit still zu stehen scheint. Und auch die guten Zeiten, wenn ich vor lauter Glück die ganze Welt umarmen will. Alles gehört nicht nur zu meinem Leben sondern ist begleitet vom Leben der anderen Menschen und eingehüllt in Gottes Ewigkeit.

Ich finde das tröstlich. Und außerdem entlastend: Ich muss mich nicht an alles erinnern. Nichts geht verloren.

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„Extrem nett“, findet Nelly ihren Kollegen Tom. Und so wie Tom seine Kollegin Nelly manchmal anschaut, kann es nicht mehr lange dauern, bis die beiden ein Paar sind. „Extrem nett“ - mir fällt auf, dass ich das Wort ‚extrem‘ selten in so einer positiven Zuordnung höre, als Synonym für Verliebtsein.

Eigentlich begegnet mir dieses Wort nur noch zur Beschreibung von einer bestimmten Sorte Mensch: Extremisten. Extremisten werden Leute genannt, die ein einziges Ziel vor Augen haben und dem alles andere, auch Menschenleben, unterordnen. Extremisten begehen Anschläge, Extremisten töten wahllos Menschen, Extremisten sind voller Verachtung für solche, die anders denken. Wenn von Extremisten die Rede ist, dann entsteht sofort eine Atmosphäre der Angst.

Irgendwie schade um das Wort. Eigentlich bezeichnet extrem ja nur eine äußerste Grenze. Und wieso sollte ich nicht auch im guten Sinn mal an meine Grenzen gehen? Ich würde gerne mal von Extremisten lesen, die extrem menschenfreundlich sind. Extrem nett zu anderen sind!  
Extremisten der Liebe sozusagen. Und zwar nicht nur im Blick auf einen bestimmten anderen Menschen, so wie Nelly und Tom – , sondern mit einer Liebe, die die ganze Menschheit, ja, die ganze Welt umfasst.

Martin Luther King hatte eine ganz ähnliche Vision. Der schwarze Baptistenpastor, der in den 60er Jahren in den USA gewaltfrei gegen die Unterdrückung der Schwarzen kämpfte, hat einmal gesagt:
„Es ist nicht die Frage ob wir Extremisten sein wollen, sondern vielmehr, Extremisten welcher Art. Wollen wir Extremisten für den Haß oder für die Liebe sein?“ Also, ich bin für die Liebe! Auch in Extremsituationen.

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Mal wieder die Grünphase an der Ampel verpasst. Ich stelle mich aufs Warten ein und seufze. Mein Blick bleibt an den unzähligen Aufklebern an der Ampel hängen – offensichtlich haben viele vor mir ihre Warte-Zeit produktiv genutzt! An einem Sticker bleibe ich hängen. Darauf steht: „Wieviel Wahrheit verträgst Du?“

In mir arbeitet es. Ist das die Botschaft einer Verschwörungsclique? Oder geht es um Widerstand gegen Fake news? Wie ist das mit der Wahrheit, überlege ich. Wieviel Wahrheit vertrage ich? Oder besser: Welche Wahrheit trägt mich? ´Beinahe verpasse ich auch die nächste Grünphase, weil ich so intensiv überlege.Wieviel Wahrheit vertrage ich? Welche Wahrheit trägt mich?

Mir fällt einiges an Wahrheit ein, was sehr wehgetan hat, zu erfahren. Dass jemand meine Liebe nicht erwidert. Dass ich bei einer Prüfung nicht so gut abgeschnitten habe, wie ich dachte. Dass andere bestimmte Dinge besser können als ich. Zum Teil Wahrheiten, an denen ich lange zu kauen hatte. Aber ich bin daran gewachsen. Ich hab’s vertragen. Aber was trägt mich? Welche Wahrheit hilft mir, unangenehme Wahrheiten zu ertragen?

Ich glaube, dass es wahr ist, dass ich von Gott geliebt bin. Und dass daran niemand etwas ändern kann. Kein Mensch und auch nicht der Tod.Ich bin ein wenig überrascht, dass mir das so prompt eingefallen ist. Wenn das meine wichtigste Wahrheit ist, dann könnte ich doch eigentlich mutiger leben. Dann kann mir doch keiner was.

Wenn das meine wichtigste Wahrheit ist, dass mich nichts von Gottes Liebe trennen kann, dann muss das Folgen haben. Dann will ich mich in Zukunft viel konsequenter für die Wahrheit einsetzen. Die Wahrheit, dass Gott nicht nur mich, sondern auch jeden anderen Menschen liebt. Weil diese Wahrheit alle Menschen tragen kann. Unbedingt.

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Ich komme nach einem Vortrag aus dem Unigebäude. Es ist schon dunkel. Und kalt. Trotzdem bewegen sich auf dem Platz der alten Synagoge eine ganze Menge Menschen. Sieht aus, als ob sie tanzen – aber ich höre keine Musik. Endlich verstehe ich: die Tanzenden hören Musik über Kopfhörer. Je nach gewähltem Kanal tanzen sie auf Elektrobeats, Charts oder Swing. Trotzdem passt alles zueinander – eine große Harmonie verbindet alle.

Ich leihe mir auch einen Kopfhörer. Sofort bin ich aufgenommen in diese freundliche bunt gemischte Menge: verschiedene Hautfarben, Altersklassen, Milieus. Keinerlei Aggressionen zu beobachten.´Eine Weile tanze ich neben und mit zwei Mädchen, deren Eltern gut gelaunt gemeinsame Tanzschritte ausprobieren.

Dann lass ich mich in eine kleine Gruppe junger Leute treiben, die aus ganz verschiedenen Ländern zu kommen scheinen, vielleicht ein Sprachkurs? Sie kommunizieren über’s Tanzen miteinander, das funktioniert. Schließlich lande ich bei ein paar Leuten in meinem Alter. Wir tanzen, wir lächeln uns zu, wir fühlen uns versöhnt mit der Welt und mit dem Dasein.

Versöhnt sein, sich anderen verbunden fühlen - genau diese Haltung wollte Nathan Thurlow weitergeben, als er seine Silent Disco vor vier Jahren erfunden hat. Seither taucht er an unterschiedlichen Stellen in der Stadt auf und bietet ohne Pfand oder Gebühren Musik und Tanzen über Kopfhörer an.

Nach langen Jahren innerer Leere hat Thurlow vor ein paar Jahren seinen Glauben gefunden. Dieses unkomplizierte Musik- und Tanzangebot ist seine Art, diesen Glauben auszudrücken. Er will die Liebe, die er erlebt, weitergeben. Ohne Kirche, ohne Institution, einfach so.

Ein Freund sagt über Thurlowe: "Ich glaube nicht, dass er die Absicht hat, seinen Glauben zu verbreiten, sondern nur die Liebe, die dahinter steckt." Für Nathan Thurlowe gibt es da keinen Unterschied. Auf seiner homepage lese ich : „God is love“. Gott ist die Liebe. Ja, denke ich, let’s dance!

 

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