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SWR3 Gedanken

Es sind immer ganz besondere Momente für mich, wenn ich die letzten Sätze eines Romans lese. Sie haben etwas stark Abschiedliches, ja einen Hauch von Sterben. Weil, wie auch im Leben, das diesen Roman umgibt, die letzten Sätze besonders bedeutungsvoll sind.

Ich hätte so viele Beispiele wunderschöner letzter Sätze, in denen das Buch noch einmal zusammengefasst ist, die dankbar zurückschauen oder kraftvoll nach vorn. Letzte Sätze, die all das vorher Gesagte in einer wundervollen Schwebe halten oder die die großen Themen großer Romane ein letztes Mal auf den Punkt bringen: Das Leben, die Liebe, den Tod.           

Zu gern würde ich viele von ihnen nennen, aber ich würde sie aus dem Zusammenhang reißen und durch ein Hintereinanderreihen, entwerten. Darum will ich nur eine Passage eines Romans zitieren, den ich dieses Jahr gelesen habe und der mich sehr berührt hat. Es sind die letzten Sätze des Romans „Ach diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ von Joachim Meyerhoff. In diesem Roman geht es nicht nur, aber vor allem um die Beziehung des Autors zu seinen liebenswert skurrilen Großeltern. Am Ende des Romans beschreibt er wie die Erinnerung seine verstorbenen Großeltern für ihn lebendig hält. Er schreibt: „Kaum, dass ich an sie denke, sind sie auch schon da. Sitzen in ihrem Sessel und stoßen mit mir an. Verlässlicher Besuch aus dem Totenreich. Es kommt mir so vor, als würde es sie freuen, wenn ich mich an sie erinnere. Mit offenen Armen empfangen sie mich und der Unterschied, zu einem echten Besuch bei ihnen als sie noch am Leben waren und einem Gedankenbesuch, verfliegt. Wie auch immer sie das geschafft haben, die Vergänglichkeit verschont sie und die Zeit trägt sie, wann ich es will, bereitwillig auf Händen zu mir. Ganz und gar lebendig.“

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Zwischen den Jahren - so werden die Tage zwischen Weihnachten und Silvester auch genannt. Ich mag diese Tage. Sie sind nicht so gefühlsbeladen wie Weihnachten und nicht so knallig wie Silvester. Diese Tage zwischen den Jahren haben was von einer Dämmerung. Wenn der Tag noch nicht ganz gegangen ist und die Nacht noch nicht ganz da. Ein kurzer Zustand des sanften Übergangs, mit dem alles so mild einhüllenden Licht. Die Tage zwischen den Jahren sind für mich wie die Abenddämmerung des Jahres. Meistens hab ich Urlaub in dieser Zeit. Mein Tempo in diesem Zwischenraum wird langsamer. Ich habe Zeit. Zeit zurückzuschauen, auf das Jahr. Dinge zu ordnen, für die ich das ganze Jahr keine Zeit hatte. Nachdenken, inne halten, wie zwischen zwei Atemzügen. Die Zeit zwischen den Jahren ist für mich eine Zeit, die genauso viel mit Religion zu tun hat, wie Weihnachten. Weil ich in dieser Zwischenzeit mein Leben besser betrachten kann, erkennen kann, was ist. Zurückschauen und nach vorn. Was war gut, was will ich beibehalten? Was war schlecht, was muss sich ändern? Die Religion der ich angehöre ermutigt an vielen Stellen zur Veränderung. Wenn Menschen in einer Sackgasse waren, innerlich verkantet waren, dann hat der Mann aus Nazareth seine heilige Gabe eingesetzt und die Verkantung der Menschen gelöst und sie wieder auf den Weg gebracht, auf ihren Weg. Ein zentraler Teil seiner Botschaft war die des „Schon und Noch nicht". Die neue Welt des ganz anderen, befreiten, schönen Lebens, ist schon da, in wunderbaren Ansätzen ahnbar, spürbar. Aber noch nicht in seiner ganzen Fülle. Schon und noch nicht. Wie die Zeit zwischen den Jahren. Das alte Jahr fast schon wieder zu Ende und das neue noch nicht da.

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„Lassen wir es gut sein!“ welch ein wichtiger Satz. Gesprochen bei einem Streit, wenn die Argumente hin und her geflogen sind, die Gefühle hochgekocht und keine Einigung in Sicht, dann kann so ein Satz das Beste sein: „Lassen wir es gut sein“. Auszeit, Waffenstillstand, Erschöpfungspause, in der sich dann vielleicht irgendwann eine Lockerung der verhärteten Fronten ergeben kann.                                                           

„Lassen wir es gut sein.“ Ein wichtiger, heilsamer Satz, auch bei der Arbeit. Wenn ein Projekt unbedingt am Jahresende fertig gemacht, nur noch diese eine E-mail geschrieben werden muss. „Lassen wir es gut sein“. Machen wir mindestens eine Pause, bestenfalls ein paar Tage frei. Denn wenn ich mich nicht erhole, fehlt mir diese Kraft am nächsten Tag oder überhaupt. „Lassen wir es gut sein“. Ein so wichtiger Satz, auch in einer Welt die immer mehr zu keinem Ende mehr findet. Immer und überall ist alles zu haben. Immer und überall ist alles zu machen. Mit den immer länger geöffneten Läden in unseren Städten und denen, die immer offen haben im Internet, schließen auch unsere inneren Läden immer schwerer. Und mit den in Smartphones, Computern und Laptops verlagerten Büros haben wir auch immer später Feierabend oder gar keinen mehr. Aber wenn wir es verlernen, etwas gut sein zu lassen, wenn wir immer schwerer spüren wann es gut ist mit Streiten, oder mit Arbeiten, dann wird nichts gut. Der Streit nicht, weil wir uns endlos zerfleischen und immer weiter voneinander entfernen. Und die Arbeit nicht, weil man erschöpft nicht produktiv und schon gar kreativ sein kann. Darum lassen wir es immer wieder auch gut sein. Damit das, wofür wir uns verkämpfen, was wir doch so gut und so schön machen wollen, auch wirklich gut wird. Und uns gut tut.

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In diesen Tagen gibt es für Kinder auch Geschenke, die sie jahrelang begleiten werden. Kuscheltiere gehören dazu oder oft auch ganz einfache Holzspielzeuge. Je früher sie diese bekommen haben, desto untrennbarer sind sie dann mit ihnen verbunden. Als ob diese unbelebten Lebensgefährten irgendwann ein eigenes Leben mit ihnen führen würden. Die Autorin Margery Williams* hat das in eine wunderbare Geschichte gefasst, die mehr als nur eine Kindergeschichte ist. Sie schrieb: „Das Holzpferd, so heißt es, lebte länger im Kinderzimmer als irgendjemand sonst. Es war so alt, dass sein Stoffüberzug ganz abgeschabt war. ‚Was ist wirklich?", fragte eines Tages der Stoffhase das Holzpferd, als sie Seite an Seite in der Nähe des Laufställchens lagen. ‚Wirklich‘, antwortete das Holzpferd, ‚ist nicht, wie man gemacht ist. Es ist etwas, was an einem geschieht. Wenn ein Kind dich liebt, für eine lange Zeit, nicht nur, um mit dir zu spielen, sondern dich wirklich liebt‘, dann wirst du wirklich‘. ‚Tut es weh?, fragte der Hase. ‚Manchmal‘ antwortete das Holzpferd, denn es sagte immer die Wahrheit. ‚Geschieht es auf einmal oder nach und nach?‘ ‚Du wirst.‘ sagte das Holzpferd. ‚Es dauert lange. Darum geschieht es nicht oft an denen die leicht brechen oder scharfe Kanten haben oder die schön gehalten werden müssen. Im allgemeinen sind zu der Zeit, wenn du wirklich sein wirst die meisten Haare verschwunden, deine Augen ausgefallen, du bist wacklig in den Gelenken und sehr hässlich. Aber das ist überhaupt nicht wichtig, denn wenn du wirklich bist, kannst du nicht hässlich sein, ausgenommen in den Augen von Leuten, die keine Ahnung haben.‘ ‚Ich glaube, du bist wirklich‘ - meinte der Stoffhase. Und das Holzpferd lächelte nur.“

 

Quelle: „Wege entdecken- Biblische Texte, Gebet und Betrachtungen“, hrsg. v. Joachim Feige/ Renate Spennhoff, Katholisches Bibelwerk, Stuttgart, 1990, S. 77.

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„Gastfreundschaft besteht aus ein wenig Wärme, ein wenig Nahrung und großer Ruhe.“ Ein Satz vom amerikanischen Schriftsteller Ralph Waldo Emerson. Und er passt zu den Weihnachtsfeiertagen wie der Deckel auf den Topf. Und doch auch wieder nicht. Denn die Weihnachtsfeiertage sind für Viele auch verbunden mit viel Stress. Vor allem die Mütter und Großmütter, die es ihren Lieben besonders schön machen wollen, wenn sie zu Besuch kommen. Aber auch für viele Besuchende ist Weihnachten ein Stress. Und sie hätten lieber ihre Ruhe, als diese ganzen Besuchsarien an und nach Heilig Abend.
                                                                   
„Gastfreundschaft besteht aus ein wenig Wärme, ein wenig Nahrung und großer Ruhe.“ Ich finde dieser Satz könnte helfen aus dem Weihnachtsbesuch-Stress heraus zu kommen. Stichwort Wärme.“ Dies ein wenig Wärme gefällt mir. Keine überladenen Geschenke, keine überbordenden Gefühle und schon gar keine falschen Gefühle, sondern nur ein wenig Wärme. Weil die oft schon reicht in unserer kalten Welt. „Und ein wenig Nahrung.“ Ist ja recht, dass an Weihnachten festlich gegessen wird. Aber das ist nicht die Hauptsache. Die Hauptsache ist doch, dass man beisammen ist beim Essen und zusammen ein wenig zur Ruhe kommt. Den Alltagsstress hinter sich lässt und den anderen kommen lässt. Zur Ruhe kommen und dadurch zu sich selbst kommen lässt. Und sich so und wohl nur so dem Anderen öffnen kann. Und dem ganz Anderen, dem Göttlichen in der Welt, um das es ja im Ersten und im Letzten geht in diesen Tagen. So könnte Weihnachten ein wirkliches Fest sein. Ein Fest der Gastfreundschaft, bei dem ich mich in mir selbst zu Hause fühle und so auch Anderen ein guter Gastgeber sein kann.

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Der Weihnachtsbaum – ein Baum an dem nicht nur Kugeln, Kerzen und Sterne hängen, sondern auch Traditionen, Erinnerungen und Gefühle. Wie wird er geschmückt? Mit Lichterketten und Lametta? Oder mit Natur pur? Mit echten Kerzen, Äpfeln und Strohsternen? Die Autorin Susanne Niemeyer hat vor ein paar Jahren einen besonders schönen, warmherzigen Weihnachtsschmuck gefunden, ja besser gesagt erfunden. Sie war irgendwie nicht mehr zufrieden mit dem Schmuck, den sie alle Jahre wieder aus der Kiste geholt hatte. Irgendwas hatte ihr gefehlt. Bis sie auf vier Pappherzen gestoßen ist, weiße und unbedruckte Pappherzen. „Die sind das, wonach ich suche“ schreibt sie in ihrem Text „Herzensbaum“. „Ich hole rote Tinte und setze geschwungene Buchstaben in die Herzen, Marc und Mama, Luci und Ariane, Opa und Stefan. Lieblingsfreunde, Weggefährten, Menschen, mit denen ich durch dieses Jahr gegangen bin. Ich hole sie in unser Weihnachtszimmer. ‚Meine‘ Bäckerin setze ich dazu, den lieben Gott, Herrn E. und alle anderen, die mir lieb und wichtig sind. Fern und nah, tot und lebendig – ihr seid hier. Wir feiern zusammen.“

 

Quelle: Susanne Niemeyer „Herzensbaum“, in: Der Andere Advent 2011/2012. 21.12.

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„Ich würde gern beten können“, das hat die Journalistin Silke Stuck in einer Frauenzeitschrift* geschrieben. Mit diesem Wunsch ist sie nicht allein. Ich denke viele Menschen würden sich gern an ein höheres Wesen wenden, mit ihrer Freude oder ihrem Leid. Nur haben sie es nie gelernt, verlernt oder sind aus den Kindergebeten rausgewachsen.

Silke Stuck spricht wohl Vielen aus dem Herzen, wenn sie ihre Schwierigkeiten mit dem Beten beschreibt. Am Ende gibt sie aber auch einen so einfachen wie praktikablen Rat. Sie schreibt: „Ich weiß, dass es unzählige Varianten des Betens gibt: Beten mit festem Text und ohne, den Rosenkranz, die Bildmeditation. Menschen singen Gebete, sie schweigen, sie tanzen. Weiß ich denn wirklich, was Beten bedeutet? Es heißt wohl, mit Gott zu sprechen. Aber wie spricht man mit Gott, wenn man sich seiner nicht einmal sicher sein kann? Was sind meine Erwartungen, warum möchte ich überhaupt wieder mit Beten anfangen? Ich habe die Hoffnung, dadurch wieder ein bisschen mehr zum Wesentlichen vorzudringen. Gott, Glaube – wie auch immer man es nennt. Innehalten, still werden, mich auf mich besinnen, den alltäglichen Irrsinn hinter mir lassen. Eine kleine Ecke im Schlafzimmer, hinter mir das Fenster – das könnte der richtige Ort sein. Ich versuche jetzt ab und zu genauer hinzuhören. Da sein und horchen. Da sein und genau hinschauen. Im Grunde ist das schon ein Gebet: die Dinge ein bisschen mehr auf mich wirken zu lassen.“     

 *Brigitte Nr. 26, 2006.

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