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SWR3 Gedanken

Heute bleibt eine Gans mehr am Leben. Jan hat nämlich sein traditionelles Gans-Essen abgesagt. Viele Jahre hat er mit Freude, Liebe und Inbrunst eine Gans vom Biohof für den Martinstag zubereitet. Und wer je dazu eingeladen war, schwärmt noch Jahre später davon. Sie werden wohl weiter von diesen Erinnerungen zehren müssen. Denn Jan hat das Essen abgesagt, weil er es nicht mehr aushält sich vorzustellen, dass eine muntere Gans wegen ihm ihr Leben verliert.

So ganz zu Ende gedacht hat er das nicht. Der Biobauer ist ja schließlich darauf angewiesen, dass genügend Leute seine Gänse essen. Und Vegetarier ist Jan auch nicht geworden. Ihn treibt die Frage um: Kann es richtig sein, ein Tier zu schlachten, zu töten, weil es halt so nett ist, es mit Freunden aufzuessen?

Meine Frage ist eine andere: Kann es richtig sein, Fleisch von Tieren zu essen, die unter unwürdigen Bedingungen gehalten und transportiert werden? Mit der Biohof-Gans hätte ich persönlich kein Problem.

Aber am Ende bewegt uns beide die Frage, ob wir prinzipiell schöpfungsgemäß konsumieren. Ob wir durch unser Kaufen und Essen die Natur weiter ausbeuten. Oder ob wir Maß halten. Klar, dass wir Firmen und Bauern unterstützen wollen die respektvoll mit Tieren umgehen und Pflanzenvielfalt schützen. Aber vielleicht gehört dazu tatsächlich auch, liebgewordene Gewohnheiten zu hinterfragen. 

An der einen Gans hängts vermutlich nicht. Aber besser einmal mehr darüber nachdenken und Kürbissuppe essen, als gedankenlos Fleisch von wo auch immer zu futtern.

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Wie das wohl damals war? Das Leben in ständiger Angst? Damals, vor 80 Jahren, als so viele Menschen Angst hatten. Weil der Stammbaum nicht rein arisch war, weil die sexuelle Orientierung nicht der Norm entsprochen hat, weil die politische Einstellung dem Führer nicht passte. Eine angstvolle, eine hässliche Zeit.

Hässlich sind auch die Schmierereien, mit denen manche heute wieder an diese Zeit erinnern wollen: Hakenkreuze und Naziparolen. Auf Häuserwänden, in Unterführungen, an Parkmauern – schwarz, gekrakelt, hässlich.

Aber nur so lange, bis Ibo Omari so eine Schmiererei entdeckt! Ibo will sich die Welt nicht mit Zeichen der Angst vermiesen lassen. Deshalb greift er selbst zur Farbe, wenn er irgendwo Nazizeichen sieht. Zu viel Farbe. Zu bunter Farbe. Und aus dem Hakenkreuz wird plötzlich ein Kleeblatt, oder ein Zauberwürfel, oder ein Blumengarten.

Paint-back nennt Ibo seine Aktion in Berlin. Inzwischen hat er andere damit angesteckt! Eine ganze Crew aus Jugendlichen und Kiezsprayern geht seither mit überraschenden Motiven und Humor gegen die alten Angst-Zeichen vor. Mir gefällt das. Mehr davon! Das pralle, bunte Leben gegen die Angst. Paint back!

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„Klar, war das blöd von Anne, aber ich will jetzt auch kein Problem draus machen. Weil, also. Genau. Wir sind ja schließlich befreundet. Genau.“ So oder so ähnlich sprechen immer mehr Menschen.

„Genau“ – kaum ein Wort höre ich häufiger. Am Ende eines Satzes, statt einer Pause, oder zur Bekräftigung. „Genau“ ist das neue Äh, sagen Leute in der Sprachforschung. So sehe ich das nicht. Genau markiert immer einen Einschnitt. Die Leute sichern damit das schon Gesagte und geben sich eine kurze Bedenkpause, bevor sie weitersprechen.  

Ich finde, man könnte deshalb auch sagen: „Genau“ ist das neue Amen. Amen ist ein Wort aus Jesu Zeiten, ziemlich alt also. Amen hat man immer dann gesagt, wenn klar sein sollte: So mein ich das echt, oder: so soll es sein.

Setze ich nun „genau“ für die ganzen Amens in der Bibel ein, klingt so manches schon viel flotter. O-Ton Jesus: „Genau, wer glaubt, hat das ewige Leben.“ Oder der Hauptmann bei der Kreuzigung: „Der ist Gottes Sohn gewesen. Genau!“

Interessant ist aber auch die Umkehrung. Wenn all die Leute anstelle ihres häufigen Verlegenheitsfüllworts ‚Genau‘ einfach „Amen“ sagen würden. Das Beispiel vom Anfang klänge dann so: „Klar, war das blöd von Anne, aber ich will jetzt auch kein Problem draus machen. Weil, also. - Wir sind ja schließlich befreundet. Amen.“
Anderes Beispiel: Ich glaube, Gott versteht uns, egal wie wir sprechen. Amen. Oder: Genug geredet; Zeit für Musik, Amen.

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„Schwarze, Weiße, Gelbe, Rote – Gott hat sie alle lieb“
Ziemlich lange her, dass ich das gesungen habe. Damals in der Grundschule. Mit Inbrunst haben wir da von den vielen Hautfarben gesungen. Dabei war unser Mitschüler Patrick das Exotischste, was unsere Klasse zu bieten hatte. Patrick kam aus Österreich.

Bei meinen Kindern war das schon im Kindergarten ganz anders. Und natürlich auch in der Grundschule: Meine jüngste Tochter zählt immer mal wieder fasziniert die verschiedenen Nationalitäten in ihrer Klasse auf. Auf zwölf Herkunftsländer kommt sie inzwischen. Und darunter sind fast genau so viele Hautfarben.

Da kommt die Initiative ‚So bunt ist Deutschland‘ gerade recht. Unter diesem Namen verkauft die Kampagne govolunteer jetzt Holz- und Wachsmalstifte in 12 verschiedenen Hautfarben. Ich musste mich früher immer entscheiden, ob ich meine liebevoll gemalten Menschen nun mit orange oder rosa ein lebendiges Aussehen gebe. Dabei sahen weder Patrick noch ich orange oder rosa aus.

Meine Tochter hat jetzt die große Auswahl. Sie kann sämtliche Patricks rund um den Globus mit realistischer Hautfarbe malen. Die ganze Vielfalt unserer Welt lässt sich endlich auch von Kindern beim Malen darstellen. Was für ein Farbenfest!

Fehlt nur noch, dass die Kinder heute auch wieder singen: „Schwarze, Weiße, Gelbe, Rote – Gott hat sie alle lieb“. Denn wahr ist es ja immer noch: Gott hat sie alle lieb. Die ganze Palette!

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Der schwarze Rollkragenpulli bedeckt Mund und Nase, die Schiebermütze ist tief in die Stirn gezogen. Mit der rechten Hand holt er zum Wurf aus. Zweifellos ist da ein Autonomer auf der Postkarte abgebildet. Vielleicht sogar von Banksy gesprayt – weiß man ja immer nicht so genau.

Die Postkarte steht schon eine ganze Weile auf meinem Schreibtisch. Weil mir der Gegensatz auf dem Bild so gut gefällt. Mein Schreibtischautonomer wirft nämlich keinen Pflasterstein oder Farbbeutel und erst recht keinen Molotowcocktail. Nein, er hat einen satten Strauß Sonnenblumen in der Wurfhand.

Ein kleines Häufchen gelber Blütenblätter hat sich an seinem Standbein gesammelt. Ich stelle mir vor, wie die Wurfbahn des Blumenstraußes eine gelbe Spur in die Luft ziehen wird. Wie ein Komet. Ein farbenprächtiger Protest ohne Aggression.

Blumen statt Steine! Dass das funktioniert zeigt die Geschichte: Rote Nelken in den Gewehrläufen sind das Symbol für den Sturz der Diktatur in Portugal vor 44 Jahren. Diese Nelkenrevolution hat damals eine ganze Reihe weiterer Demokratiebewegungen in Europa angestoßen.

In jüngerer Zeit hat Georgien 2003 den friedlich verlaufenen Machtwechsel zur Demokratie Rosenrevolution genannt und damit den Impuls zu einer Bewegung von unten gegeben. In Tunesien war der Jasmin 2011 die Blume, die die Proteste begleitet hat. Allesamt Bewegungen, die ohne Gewalt versuchten etwas zum Guten zu verändern.

Nur so können Menschen ohne Verletzung miteinander ins Gespräch kommen. Nur so lassen sich Dinge auf nachhaltige Weise klären.

Blumen statt Steine – vielleicht ist das das Motto der neuen Friedensbewegung. Zu biblischer Zeit hat ein Prophet gefordert: Schwerter zu Pflugscharen! Das gilt immer noch. Und dann holen wir von den Äckern die Blumen, um weltweit für eine friedliche Welt einzustehen: Blumen statt Steine!

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Ich muss den Kopf ganz in den Nacken legen. Nur so kann ich die Turmspitze des filigranen Mauerwerks erkennen. Endlich ist der Turm des Freiburger Münsters wieder gerüstfrei.

Zwölf Jahre lang wurde das gewaltige Bauwerk saniert. Zwölf Jahre waren Teile der Kirche und der Turm hinter Baugerüsten versteckt. Jetzt ist der Blick wieder frei auf dieses Wunderwerk der gotischen Baukunst. Und damit leider auch auf die Geranien!

Seit ich mich erinnern kann sind auf dem Münsterturm – etwa in Höhe des goldenen Schnitts – Blumenkästen mit Geranien angebracht. Drei Seiten des Turms zieren die rotblühenden Allerweltsblumen. Irgendjemand muss diese Blumenkästen wohl auch während der Baujahre gegossen und gepflegt haben. Die Geranien prangen jedenfalls wieder (oder womöglich immer noch) in luftiger Höhe in voller Blüte.

Für mich passen diese eher spießigen Blumen überhaupt nicht mit der erhabenen Baukunst des Münsters zusammen. Ist wohl ein Geheimnis des Glaubens. Vielleicht steckt aber auch mehr dahinter. Womöglich sind die Geranien auf dem gotischen Turm so eine Art Gleichnis für Gottes Dasein im Alltag?

Während ich mich Gott besonders nahe fühle, wenn ich mich in besonders kunstvollen Bauten aufhalte, fühlt sich Gott womöglich einfach dort Zuhause, wo die Blumen ordentlich gegossen werden. Wo sich Menschen um das Leben in jeder Form kümmern. Einfacher gesagt: Gott wohnt nicht in Kirchen, sondern dort, wo die Geranien blühen.

Ich sollte definitiv aufhören, über Geranien zu lästern. Lieber selber welche pflanzen. Und dann: Herzlich Willkommen, Gott, auf meinem Fenstersims!

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Gegessen hat sie schon immer gerne. Am liebsten mehrgängige Menüs, bei denen viel Besteck um die Teller herum angeordnet ist. Damit man weiß, dass da noch was kommt. Bis zuletzt hat sie gerne gegessen. Obwohl sie da nur noch pürierte Kost zu sich nehmen konnte. Aber sobald der Duft aus der Küche durch die Wohnung gezogen ist, hat sie gefragt, was es heute gibt. Und dann mit einem Leuchten in den Augen darauf gewartet.

Sie hat gewusst, dass sie nicht mehr gesund werden würde. Ein paar Tage bevor sie gestorben ist, hat sie mit ihrer Tochter über ihre Beerdigung gesprochen. Halt, nein, sie hat nicht über ihre Beerdigung gesprochen. Sie hat über ihre Überzeugung gesprochen. Beim Sprechen hat sie manchmal Pause gemacht, weil es so anstrengend war. Viele Fragen, leise Antworten. Aber dann, plötzlich, hat die Mutter der Tochter die Hand auf den Arm gelegt und tief Luft geholt:

„Legt mir auf jeden Fall eine Gabel mit in den Sarg“, hat sie mit Nachdruck gesagt, „eine Gabel. Unbedingt.“ „Eine Gabel, Mama? Warum?“

Bei ihrer Antwort hat sie ihr Menüstrahlen in den Augen gehabt. Das Sprechen ist ihr für einen Moment leichter gefallen: „Na, du weißt doch: Immer wenn nach einem Gang noch weiteres Besteck am Platz bereit liegt, kommt noch was. Was Köstliches. Noch herrlicher als der bereits gegessene Gang.

Also: Legt mir eine Gabel in den Sarg. Der Hauptgang kommt noch. Ganz bestimmt.“

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