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SWR3 Gedanken

Uni-ver-sum Schule. In Rheinland-Pfalz ist längst schon wieder der Schullalltag eingekehrt. Und in Baden-Württemberg ist es am Montag wieder so weit. Es ist ja schon auch eine Plage. Jeden Morgen aufstehen und sich wieder in dieses Korsett zwängen. Für alle Beteiligten. Schüler wie Lehrer. Natürlich hat Schule auch genügend schöne Zeiten, aber sie kann auch knüppelhart und knochentrocken sein. Auch wieder für alle Beteiligten. Nicht zuletzt auch weil die Rollen so festgezurrt sind im Universum Schule. Hier die Schüler und da die Lehrer. Ich hab einen Text gelesen, der mit genau diesen Rollen spielt. Und weil er mir echt Spaß gemacht hat, geb ich ihn gern weiter. Er heißt „Wach auf Jim“ und ist vom amerikanischen  Autor Antony de Mello:

„Ein Mann klopft an die Zimmertür seines Sohnes und ruft: ‚Wach auf, Jim!“ Jim ruft zurück: ‚Ich mag nicht aufstehen Papa.‘ Darauf der Vater noch lauter: ‚Steh auf, du musst in die Schule!‘ 
‚Ich will nicht in die Schule gehen. Warum denn nicht, fragt der Vater. ‚Aus drei Gründen‘, sagt Jim. ‚Erstens ist es so langweilig, zweitens ärgern mich die Kinder, und drittens kann ich die Schule nicht ausstehen.‘

Der Vater erwidert: ‚So, dann sag ich dir drei Gründe warum du in die Schule musst: Erstens ist es deine Pflicht, zweitens bist du 45 Jahre alt, und drittens bist Du Lehrer.‘“

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Es ist doch immer wieder dasselbe: nach dem Urlaub, am Jahresanfang oder an Geburtstagen nimmt man sich die großen Veränderungen vor. Und immer wieder scheitert man damit. Weil sie eben oft zu groß sind.   Es gibt da einen Text, der so realistisch wie hilfreich ist. Ein Gebet von Antoine de St.-Exupéry und es geht so: 

„Ich bitte nicht um Wunder und Visionen, Herr. Sondern um die Kraft für den Alltag. Lehre mich die Kunst der kleinen Schritte...

Mach mich griffsicher in der richtigen Zeiteinteilung. Schenke mir das Fingerspitzengefühl um herauszufinden was erstrangig und was zweitrangig ist … Hilf mir das nächste so gut wie möglich zu tun und die jetzige Stunde als die wichtigste zu erkennen.

Verleihe mir die nötige Phantasie, im rechten Augenblick ein Päckchen Güte, mit oder ohne Worte, an der richtigen Stelle abzugeben.

Bewahre mich vor dem naiven Glauben, es müsste im Leben alles glatt gehen. Schenke mir die nüchterne Erkenntnis, dass Schwierigkeiten, Niederlagen, Misserfolge, Rückschläge eine selbstverständliche Zugabe zum Leben sind, durch die wir wachsen und reifen.

Erinnere mich daran, dass das Herz oft gegen den Verstand streikt.  Schick mir im rechten Augenblick jemand, der den Mut hat, mir die Wahrheit in Liebe zu sagen. Du weißt, wie sehr wir der Freundschaft bedürfen. Gib, dass ich diesem schönsten, riskantesten und zartesten Geschenk des Lebens gewachsen bin. Mach aus mir einen Menschen, der einem Schiff mit Tiefgang gleicht, um auch die zu erreichen, die „unten“ sind. Bewahre mich vor der Angst ich könnte das Leben versäumen.

Gib mir nicht was ich mir wünsche, sondern was ich brauche.

Lehre mich die Kunst der kleinen Schritte.“

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„Der Kirche ein Dorf geben“. Das hat der katholische Pfarrer in Tettnang gesagt. Als der Grundstein für ein neues Wohnviertel gelegt wurde: Das „Sankt Anna Quartier“. Jahrhundertelang haben sich Dörfer und Städte um die Kirchen herum gebildet. Und so gut wie jedes Dorf hatte seine Kirche, die sakrales und soziales Zentrum war. Das hat sich verändert. Heute sind die Kirchen meist nur noch optisch der Mittelpunkt eines Ortes. Und wenn nun der Tettnanger Pfarrer nun „der Kirche wieder ein Dorf geben“ will, dann ist das kein nostalgischer Wunsch, sondern er will Leben ermöglichen. Der Kirche, die sich von so viel Leben abgekoppelt hat und abgekoppelt wurde. Und er will ärmeren Menschen Leben ermöglichen, indem er ihnen bezahlbaren Wohnraum schafft. Dafür hat er, statt ein neues Gemeindezentrum zu bauen, der Stadt das kircheneigene Grundstück günstig zur Verfügung gestellt. Und dort entstehen nun 127 Wohnungen. Und zwar bewusst nicht nach dem Prinzip der Gewinnmaximierung. Sondern für ärmere Menschen zu sozialen Mietpreisen, wie zum Beispiel 7 Euro pro Quadratmeter. Und das geht, wenn genug Menschen guten Willens sich zusammentun und sich nicht den scheinbar naturgesetzlichen Marktmechanismen unterwerfen. Die 127 Wohnungen gruppieren sich um die Sankt Anna Kapelle. Sie ist das Herzstück des Quartiers. Dort können dann verschiedenste Menschen ihr Dorf bilden, das ihnen zur Heimat wird: eine Wohngemeinschaft für behinderte Jugendliche, Familien mit Kindern, hilfsbedürftige Senioren, Einheimische und Menschen aus anderen Ländern. Mit dieser Art von Wohnen ist die Kirche dann wieder in der Mitte der Menschen. Und hat - wie früher, aber doch ganz neu - wieder ein Dorf um sich herum…

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Alles hängt mit allem zusammen. Das wurde mir mal wieder klar, als ich über zwei Zahlen gestolpert bin. 37 kg Plastik verwendet jeder Mensch pro Jahr in Deutschland. Und 30 kg Plastikmüll waren im Bauch eines Pottwals, der an diesem Müll gestorben und vor kurzem auf der Insel Santorini gestrandet ist. Nun sind diese beiden 30er Zahlen Zufall und sicherlich ist auch kein Müll, den ich produziert habe im Bauch dieses Wals gelandet. Aber sicher ist auch, dass die Meere immer mehr zu den Plastik-Endlagern unserer Welt werden. 150 Millionen Tonnen Plastikabfälle werden in den Weltmeeren vermutet. Durch die Meeresströmungen sammeln sie sich in Müllstrudeln. Der größte davon im Nordatlantik mit einer Fläche so groß wie Mitteleuropa. Das muss man sich mal vorstellen, eine ganze Meeresregion voll mit Plastikmüll. Das ist so fürchterlich, dass ich mir ganz ohnmächtig vorkomme. Aber Ohnmacht lässt sich nur dadurch überwinden, dass man was macht. Und weil es bei Industrie und Politik noch dauern wird, bis sich da nachhaltig was ändert, muss ich erstmal selbst was tun. Mich fragen wo ich Plastik vermeiden kann. Das fängt mit ganz einfachen Sachen an. Dass ich keine Plastiktüten benutze, dass ich mit Korb, Rucksack oder Stoffbeutel einkaufen gehe. Obst und Gemüse nicht eingeschweißt oder in diesen kleinen Plastiktüten kaufe, sondern lose oder in mitgebrachten Boxen. Getränke, wo es geht, nur in Glas kaufe und schon gar keinen „Coffee to go“ trinke, sondern mit Zeit, aus einer Tasse und bestenfalls im Sitzen. Es gibt so viele Möglichkeiten, ich muss mir nur meinen Tagesablauf anschauen und den ganzen Plastikmüll, den ich produziere. Und mir ab und zu sagen, dass alles mit allem zusammenhängt auf diesem wunderschönen blauen Planeten. Und dass ich es bin, der etwas ändern muss - und kann.

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Pfarrer, egal ob katholisch oder evangelisch, sollten eigentlich Menschen sein, die ein wenig anders sind, anders als die anderen. Sich zum Beispiel nicht nach Moden richten oder in hektischer Betriebsamkeit aufgehen. Aber Pfarrer sind eben auch nur Menschen und deshalb gelingt es ihnen halt auch nicht immer, so zu sein wie sie sein sollten oder wollten. Der Kirche von England ist das aufgefallen und sie hat ihren Pfarrern deshalb irgendwann mal zehn Gebote zusammengestellt. Diese zehn Gebote sollten den Pfarrern helfen, bessere Pfarrer zu sein. Damit sie den Menschen offen und liebevoll begegnen können. Ich halte diese zehn Gebote für so gut, dass ich sie gern weitergebe. Also: Erstens sollen die englischen Pfarrer nicht versuchen, es jedem recht machen zu wollen. Das zweite Gebot: sie müssen nicht perfekt sein! Drittens sollen sie Aufgaben auch mal liegen lassen. Viertens sollten sie sich nicht aufreiben und fünftens lernen nein zu sagen. Im sechsten Gebot wird den englischen Geistlichen empfohlen sich Zeit für sich selbst und ihre Familien zu nehmen. Das siebte Gebot lautet, du sollst regelmäßig abschalten und nichts tun. Das achte Gebot, du sollst ab und zu langweilig und unattraktiv sein. Wunderbar. Neuntens sollen sie sich nicht dauernd schuldig fühlen und zehntens aufhören sich selbst zum ärgsten Feind zu haben. Mein Gott! Welch herrliche zehn Gebote für Pfarrer. Und nicht nur für die…

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Irgendwo in Südamerika soll es ein Ritual geben, das ich faszinierend finde: Ein Indiostamm macht jeden Morgen vor Sonnenaufgang bestimmte Verbeugungen und Gebete damit die Sonne aufgeht. Die Indios sind überzeugt, dass, wenn sie dieses Ritual nicht machen würden, die Sonne auch nicht aufgehen würde. Darum wird das Ritual auch immer gemacht, egal was ist. Und so wissen sie aber auch nicht, ob die Sonne ohne sie und ihr Ritual tatsächlich aufgehen würde. Denn sie haben sich ja noch nie getraut es ausfallen zu lassen...

 

Das gefällt mir. Die Verantwortung, die da drin steckt: Die Indios sorgen aus ihrer Sicht mit dafür, dass es hell und warm wird. Dass die Früchte reifen können, der ganze Naturkreis am Leben bleibt. Mir gefällt auch die Verlässlichkeit. Jeden Morgen vor Anbruch des Tages sind sie da und tun ihren Job. Auch die Regelmäßigkeit mag ich. So wie Tag und Nacht wechseln, Sommer und Winter, Ebbe und Flut, so tragen sie ihren Teil bei zum verlässlichen Ablauf der Welt.

Aber sonst geht’s dir noch gut, werden jetzt vielleicht manche fragen. Das ist doch abergläubischer Schnickschnack, magische Selbstüberschätzung, naive Zwanghaftigkeit.

Kann man alles sagen! Und wie schräg einem dieses Ritual auch vorkommen mag. Aber mich beeindruckt es und ich nehme in meinen Alltag mit wie verantwortungsbewusst die Indios sind, wie verlässlich und wie eingebunden in die Natur. Und ein kleines bisschen hoffe ich auch, dass sie eines Tages nicht doch mal verschlafen…

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„Die Gefühle hausen in unseren Pausen“, das hört sich nicht nur gut an, das ist auch wahr. In Gesprächen zum Beispiel, wenn ich kurz innehalte, mir Zeit lasse, das nachzuempfinden, was ich gesagt habe. Oder erstmal spüren, was ich sagen will. 
"Die Gefühle hausen in unseren Pausen“ – wenn ich beim Reden eine Pause mache und darauf achte was der andere sagt, wie er es sagt oder was er nicht sagt. Wenn ich nachdenke darüber und das Gesagte nicht gleich mit meiner Antwort vergessen mache. Dann ist da Raum und Zeit für Gefühle.

Es gibt Menschen, die pausenlos auf einen einquasseln. Lawinentreter nenn‘ ich sie. Sie hören ein Stichwort und wie eine Lawine stürzt ein endloser Redeschwall auf dich ein. Sie gehören zu der Gattung Mensch, die ich schwer verstehe. Sind sie so gefühllos, dass sie selbst keine Pausen brauchen? Oder haben sie so viele Gefühle, dass sie alle in ihren Redeschwall legen und für die des anderen kein Platz mehr ist? Oder haben sie vielleicht Angst vor Gefühlen und reden deshalb pausenlos, damit nur ja keine aufkommen können?

Ja, es braucht manchmal Mut um Pausen zu machen. Um den Stillstand, oder die Stille auszuhalten. Aber dieser Mut tut gut. Einem selbst und oft auch anderen. Weil er Raum schafft für gute Gefühle. Durch Ruhe, Entspannung und Gelassenheit. Der Sonntag ist, in seinem besten Sinn, eine einzige, große Pause.

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