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SWR3 Gedanken

Mamihlapinatapai – und nochmal: Mamihlapinatapai. Klingt wie Kauderwelsch. Oder wie eine Übung aus der Sprecherziehung. Tatsächlich hat Mamihlapinatapai aber viel mehr mit Schweigen zu tun, als mit Sprechen. Mit nicht-sprechen-wollen, um genau zu sein. 

Mamihlapinatapai sagen die Ureinwohner von Feuerland, wenn zwei ohne Worte wissen, dass sie sich das gleiche wünschen, aber keiner von beiden den ersten Schritt machen will. Mamihlapinatapai – kein Wunder ist das Wort so kompliziert und lang. Wenn keiner redet, ist der Weg zum Glück weit, ewig weit.

Ist das Romantik oder einfach Schüchternheit, wenn es so weit kommt? Jedenfalls ist es kein rein chilenisches Phänomen. Dass ich nicht rausrücke, mit der Sprache. Dass ich nicht sage was ich will, obwohl ich fast sicher bin dass mein Gegenüber das gleiche denkt. Das kenn ich von mir auch. Das Deutsche hat nur nicht so ein cooles Wort dafür.

Aber wenn es schon ein Wort dafür gibt, dass ich keine Worte finde, dann müsste es doch möglich sein, doch noch über das zu sprechen, was ich denke. Vielleicht müsste ich in so einer Situation einfach mal Mamihlapinatapai ausrufen – dann wäre die Sache auf dem Tisch und das Glück in Reichweite.

So ein gesprochenes Wort kann alles Mögliche in Gang setzen – selbst die Erde hat ihren Anfang ja in einem Satz gefunden – „es werde Licht“, sagt Gott, „und es ward Licht.“ Also, nur immer raus mit den Worten – mein Gegenüber wird mich schon verstehen. Es sei denn ich warte zu lange, denn dann passt nur noch: Mamihlapinatapai.

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„Überkomplex“ ist das neue Zauberwort, wenn etwas zu kompliziert ist, um es zu verstehen oder sich gar für etwas einzusetzen. Eine Schutzformel, hinter der man sich verstecken kann. „Überkomplex“ nennen viele die Sache mit den Flüchtlingen und den europäischen Außengrenzen. Deswegen müssen die Schiffe mit den geretteten Menschen samt der Mannschaft eben auf See ausharren.
Überkomplex ist angeblich auch die Sache mit der Klimakatastrophe. Deswegen ist es zwar schade, dass die Polkappen abschmelzen und wir einer Zeit extremer Wetterlagen und Katastrophen entgegengehen, aber was soll schon machen?! Überkomplex? Und deswegen Hände in die Taschen und zur Tagesordnung übergehen?

Manchmal hilft mir ein schlichter Satz aus der Bibel, um zu begreifen, worauf es ankommt. Ich finde gut: „Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was Gott von dir fordert: für Gerechtigkeit sorgen, Liebe üben und besonnen handeln. Das ist auch komplex, aber nicht über oder unter, sondern genau passend. Immer. Und deshalb kann man wissen, dass es nicht gut ist, wenn Menschen auf ihrer Flucht allein gelassen werden. Und es ist auch nicht gut, wenn man so tut, als ob wir nichts mit dem Flüchtlingsproblem zu tun hätten.

Es ist deshalb auch nicht gut, wenn wir davon ausgehen, dass unser Konsumverhalten nichts mit der Erderwärmung zu tun hat. Und es ist auch nicht gut, wenn man so tut, als ob wir Einzelne nicht zählen. Es ist nicht gut! Aber es bleibt so, wenn sich niemand dafür einsetzt, dass es anders wird.
Dabei traut uns Gott zu, dass wir es besser machen: Dass wir für Gerechtigkeit sorgen, Liebe üben und besonnen handeln. Ja, es ist uns gesagt, was gut ist.

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Sind das Liegestützen? Ich fahre extra langsam, damit ich mir den Mann genauer anschauen kann. Brettsteif stützt sich da einer an der niedrigen Mauer ab und macht – tatsächlich: Liegestützen! Am hellichten Tag. Direkt zwischen Radweg und Kirche.

Aus den Augenwinkeln registriere ich das hellkarierte Oberhemd, eine Allerweltshose und einen Stoffbeutel, den er achtlos neben sich abgelegt hat.

Um die 50 wird er wohl sein, aber den Liegestützen nach ganz schön sportlich. Was er sich wohl dabei gedacht hat, hier so mitten im Wohnviertel? Als ob er eigentlich einkaufen wollte und sich dann spontan entschlossen hat, auf dem Weg noch eine kleine Trainingseinheit einzubauen.

Als ob er seinen Einkaufsbeutel auf den Weg gepfeffert, den Dreck vom Mäuerchen gewischt und angefangen hat mit seinen Liegestützen. Eins, zwei, drei --- immer weiter. Ohne Sportklamotten, Fitness-Studio oder Personal-Trainer. Einfach so. Einfach so. Könnte das vielleicht auch mit dem Beten funktionieren?  Mitten im Alltag. Vielleicht auf dem Weg zum Einkaufen.

Mal kurz eine kleine Gesprächseinheit mir Gott einbauen. Ohne Händefalten, Gottesdienst oder Pfarrerin. Mit Gott reden geht eigentlich immer und überall. Das trainiert zwar keine Muskeln, aber es stärkt für den Alltag. Einfach so!

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Ohne Gewalt ist es besser! Das ist jetzt sogar wissenschaftlich erwiesen! Eine amerikanische Wissenschaftlerin hat mit ihrem Team sämtliche Aufstände und Revolutionen von 1900 bis 2006 untersucht. Gewaltfreie und bewaffnete. Das Ergebnis der Studie hat mich überrascht: gewaltfreie Aufstände sind fast doppelt so erfolgreich wie bewaffnete Revolutionen und sehr viel nachhaltiger.

In Deutschland haben wir das 1989 eindrücklich erlebt. In Südafrika hat Anfang der 90er Jahre Nelson Mandela das Land von der Apartheid befreit. Ohne Gewalt. Dafür mit viel Ausdauer, Verhandlungsgeduld und klaren Forderungen.

Mandela ist der erste schwarze Präsident Südafrikas geworden, und er ist bis heute ein Symbol dafür, dass Versöhnung funktioniert. Das Geheimnis seines Erfolgs: er hat sich selbst vom Hass befreit. 27 Jahre lang hatte ihn das Apartheidregime gefangen gehalten. Über den Tag seiner Freilassung hat er später gesagt:

„Als ich aus der Zelle durch die Tür in Richtung Freiheit ging, wusste ich, dass ich meine Verbitterung und meinen Hass zurücklassen musste, oder ich würde mein Leben lang gefangen bleiben.“

Heute wäre Nelson Mandela 100 Jahre alt geworden. Ein guter Tag, um sich das vor Augen zu führen: Gerade wenn ich etwas ändern möchte, ist es besser ohne Hass und Groll für meine Sicht zu werben. Mit Nachdruck, mit Geduld und mit der Erkenntnis, dass Hass uns unfrei macht. Ohne Gewalt, ohne Hass, ist es besser! Im Großen und im Kleinen.

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Das Tattoo auf dem Nacken der zierlichen Studentin erinnert mich an etwas. Dieses längliche Gebilde mit einer Ausbuchtung in der Mitte wie ein schlecht gemalter Hut.

Dann fällt es mir ein: das Tattoo kopiert die Zeichnung, mit der Antoine St. Exupéry sein bekanntestes Buch beginnt. Der kleine Prinz erkennt dort auf Anhieb, was die Kinderzeichnung des Autors darstellen soll. Die Zeichnung im Buch zeigt ein längliches Gebilde mit einer Ausbuchtung in der Mitte. Aber der kleine Prinz erkennt sofort, dass dies eine Riesenboa ist, die einen Elefanten an einem Stück verschlungen hat.

Ohne die die Begegnung mit dem Kleinen Prinzen würde die Kinderzeichnung ein schlecht gemalter alter Hut bleiben. In dem Moment aber, als der Kleine Prinz den Elefanten in der Schlange erkennt, wird für den Erzähler seine ganze Kindheit wieder lebendig. Von dort her bekommt alles eine Bedeutung.

Anstatt dem Vortrag zu folgen, bleibe ich an dem Tattoo hängen. Oder besser daran, wie es kommt, dass aus einem Zeichen plötzlich Leben spricht. Eigentlich, überlege ich, ist diese Schlange mit Elefant so was wie das Kreuzzeichen.

Ja, das ist wie mit dem Kreuz: Erst in dem Moment, in dem Menschen erzählen, welche Erfahrungen sie mit dem Glauben gemacht haben, und was  Jesu Tod und Auferstehung für sie bedeutet , erhält das Kreuz einen Sinn, füllt sich mit Leben.

Und weil Menschen seit 2000 Jahren ihr Leben mit dem Leben und Sterben von Jesus verknüpfen, ist aus einem antiken Zeichen ein Symbol für Leben und Hoffnung geworden.

Ich hätte wahnsinnig gerne mit der Studentin darüber gesprochen, ob sie das auch so sieht. Und was für Erfahrungen sie im Leben gemacht hat. Leider habe ich sie nach dem Vortrag nicht mehr gesehen. Aber ich stelle mir seither vor, dass sie auch eine Kette trägt. Mit einem Kreuzanhänger.

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Das Schnellrestaurant in meinem Wohnviertel läuft gut. Chandra, der Besitzer, steht persönlich am Wok und kocht Gerichte aus seiner Heimat Sri Lanka. Sensationell lecker!

Die Einrichtung ist ähnlich einzigartig: Chandra hat hier seine ganz persönlichen Vorstellungen verwirklicht. Im Schaufenster stehen deshalb Figuren seiner Hindu-Tradition. Verschiedene kleine Figürchen und Bronzeelefanten umrahmen die Götterfigur Ganesha, das ist der Gott mit dem Elefantenkopf auf dem menschlichen Körper. Ganesha ist das Zentrum der kleinen blumengeschmückten Szene.

Vor kurzem hat der hinduistische Gott interreligiöse Gesellschaft bekommen: neben Ganesha steht nun ein Kreuz. Ein klassisches Kruzifix: silberner Christuskorpus an einem hölzernen Kreuz. Da stehen sie nun zusammen. Jesus am Kreuz gegenüber von Ganesha. Beide umringt von etlichen Elefanten und Figuren aus Sri Lanka. Mich rührt diese exotisch-friedliche Kombination zutiefst.

Für meinen Lieblingskoch geht das also problemlos zusammen: der Glaube, in dem er aufgewachsen ist und der christliche Hintergrund der Mehrzahl seiner Gäste.

Chandra drückt damit seinen tiefen Respekt aus vor der Religion seiner zweiten Heimat. Und vielleicht ja noch viel mehr:

Die Ahnung, dass Christus überall anwesend ist. Ganz bestimmt jedenfalls da, wo ihm ein Platz eingeräumt wird. Und wenn es im Schaufenster eines Schnellrestaurants neben Ganesha ist.

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‚Fight‘ lese ich auf dem Unterarm des neuen Schülers. Ist das als Aufforderung gemeint: „kämpfe“? Sofort überlege ich, wofür der junge Mann wohl kämpfen möchte. Dann macht er eine Bewegung und ich sehe, dass das Tattoo noch weitergeht: „Fight for family“ steht da in dicken schwarzen Lettern. Kämpfe für die Familie – ein statement!

Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich das mit 24 Jahren so gesagt hätte. Meint er das echt so? „Ja, klar“, bestätigt er und strahlt. „Familie ist wichtig. Meine Eltern, meine Schwester – die sind mir wichtig. Und Freunde gehören eigentlich auch dazu.“

Wie er das so lässig erzählt, stelle ich mir eine glückliche kleine Familie vor, ungetrübt von Trennung, Streit und Abschieden. Aber ich hab mich getäuscht. Mein Schüler erzählt, dass seine Eltern schon lange getrennt sind und dass seine Schwester für ihn in dieser Zeit besonders wichtig geworden ist und dass er einige Jahre bei seinem Vater und einige bei seiner Mutter gelebt hat und dass Teile seiner Familie nach Spanien ausgewandert sind und dass er für jedes Familienmitglied da sein wolle, wenn es nötig ist.

Ich höre ihm fasziniert zu. Was für eine wunderbare Vorstellung von Familie! Wen dieser Mann erst einmal ins Herz geschlossen hat, der gehört dazu. Egal welche Barrieren das Leben einzieht. Kämpfen bedeutet für ihn, dass er für diese Menschen da sein will, Energie und Zeit investieren will.
Endlich einmal eine Kampfbegründung, die ich nachvollziehen kann. Für jemanden da sein, wenn’s drauf ankommt. Fight for it!

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