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SWR3 Gedanken

Morgen ist das Endspiel der Fußball WM. Und da gilt ein Spruch des Fußballexperten Holger Stanislawski besonders: „Es geht nicht um die besten Elf, sondern um die beste Elf“! Denn es nützt nichts, elf Spitzenkicker zu haben, die keine Mannschaft sind. Elf Einzelkönner, die nur auf ihren eigenen Erfolg aus sind und nicht auf den aller.

Im Fußball, wie in allen Mannschaftssportarten, kommt es darauf an, eine gute Mischung von unterschiedlichen Könnern und Charakteren zu finden.  Mehr aber noch kommt es darauf an, einen guten Teamspirit zu haben, mit einem gemeinsamen Ziel. Dann wird aus den besten Elf auch die beste Elf. Dann schaut man nicht nur auf sich, sondern auch auf den anderen. Dann rennt man nicht nur für sich, sondern auch für die anderen. Und nur so kann eine Mannschaft über sich hinauswachsen.

Das ist natürlich nicht nur im Sport so, das ist eine Lebensweisheit quer durch alle Kulturen. „Eine Kette ist nur so stark wie ihr schwächstes Glied“, „Einer für alle -  alle für Einen“ oder „Gemeinsam ist schöner als einsam“. Ohne den Geist, der in diesen Sprichworten steckt, funktioniert keine Familie. Schauen die Eltern oder ein Elternteil nur nach sich, zerbricht die Familie. Ohne Gemeinschaftsgeist funktioniert keine Gesellschaft. Sie fällt auseinander in den Interessenskampf verschiedener Gruppen. Und ohne diesen Geist der Gemeinschaft gibt es schon gar kein Europa, wie leider fast täglich in den Nachrichten zu sehen. Wie schade, denn all jene die nur nach ihrem eigenen Vorteil schauen bringen sich um eine der schönsten Erfahrungen die es gibt: Getragen zu sein und andere zu tragen, wenn es nötig ist. Und so stärker zu ein, als allein -  und glücklicher…

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„Rasender Stillstand“, so beschreibt ein Soziologe den Zustand des modernen Menschen. Mit der Wirtschaft als Hamsterrad, das ihn antreibe und in dem er wie verrückt auf der Stelle renne, ohne einen Schritt voranzukommen. Hartmut Rosa heißt der Soziologe. Und hat er recht? Nun, ich bin kein Soziologe, aber ich erlebe viele Menschen, die durch ihre Arbeit mehr erschöpft als erfüllt sind. Erschöpft von einer Art Wirtschaft, die immer mehr produzieren muss und nie zu einem Ende kommt.

Eine Wirtschaftsform, die in immer mehr Bereiche unserer Gesellschaft gedrungen ist, in der sie nichts zu suchen hat. Krankenhäuser zum Beispiel, sollen keinen Profit abwerfen müssen, sondern Menschen heilen. Diese Ökonomisierung unserer Gesellschaft schafft Angst, sagt der Soziologe Rosa. Angst abzustürzen, wenn man nicht mitmacht. Als Land im globalen Wettbewerb und als Mensch, wenn man den Druck nicht mehr aushält. Und diese Angst verhindere, dass die Menschen wirklich glücklich sein können. Weil ihnen die Angst ihre „Resonanzräume“ nehme. Mit Resonanzraum meint er die Möglichkeit berührbar zu sein, sich lebendig zu fühlen und das Gefühl etwas bewirken zu können. All unsere PCs, Handys und Smartphones seien auch Ersatz für wirkliche Resonanzerfahrungen. Also äußeres Geklingel statt unsere inneren Saiten zum Klingen zu bringen.

Und was könnten solche Resonanzräume sein? Der Soziologe nennt scheinbar altmodische, ich würde aber eher sagen zeitlose Resonanzräume: Die Familie, die Kunst, politisches Engagement und: Religion! Religion ist für den Soziologen Hartmut Rosa der Resonanzraum, der die Raserei zum Stillstand bringen kann. Weil sie den Menschen nicht antreibt, sondern sein lässt, ihn zur Ruhe kommen lässt, ohne dass er vorher etwas geleistet haben muss. Einfach weil er Mensch ist. Und nicht Hamster im sich endlos drehenden Rad der Wirtschaft.

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„Für viele ist es eine exotische Erfahrung, dass man ihnen absichtsfrei zuhört.“ Das hat ein Künstler gesagt, der in Zürich ein ganz besonderes Projekt ins Leben gerufen hat: Ein „Fundbüro für Immaterielles“. Ende letzten Jahres hat er ein ausrangiertes Tickethäuschen in Zürich umfunktioniert, zu einem Fundbüro, in dem Menschen davon erzählen konnten, wie sie etwas verloren oder gefunden hatten. Aber wie gesagt keine materiellen Dinge, sondern so etwas wie Zeit.

Einer jungen Frau zum Beispiel, ist, seit sie ein Kind hat und arbeiten muss, komplett die Zeit verloren gegangen. Zeit Für sich selbst oder für Freundinnen. Oder ein siebenjähriges Mädchen erzählt stolz davon, dass sie ihre Angst vor dem dunklen Keller verloren hat. Und ein sechzigjähriger Mann beschreibt wie er seine Selbstachtung verloren und wiedergefunden hat. Dadurch, dass er die Achtung vor seiner Chefin verloren hat, die ihn so geplagt hatte, dass er gekündigt hat.

Das Büro für immaterielle Fundsachen hat zwei Dinge gezeigt: Zum einen, wie heilsam es ist reden zu können. Über Ängste, Verluste und Hoffnungen. Zum anderen, welch wohltuende Erfahrung es ist, wenn Menschen einfach nur zuhören, ohne etwas zu wollen oder zu erwarten. Das gibt es Gott sei Dank nicht nur in einmaligen Kunstprojekten in Zürich, sondern auch in vielen Beratungsstellen oder bei Therapeuten. Aber gut, dass ein Kunstprojekt mal wieder darauf hingewiesen hat: Wie gut es ist wenn man frei reden kann. Und jemand wirklich zuhört…

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“Eine von diesen…“ das steht auf der Uhr eines Friedhofsgebäudes in Hamburg, in goldenen Buchstaben unter dem Zifferblatt. Gesehen hab ich das von der S-Bahn aus, auf dem Weg zum Flughafen. Also im Vorbeifahren und mitten im Alltagsgetümmel. „Eine von diesen…“ Eine von diesen Stunden, wird deine Todesstunde sein, sagt mir diese Friedhofsuhr. Eine so unpassende wie passende Erinnerung daran, dass ich sterben werde. Passend, weil es ganz einfach stimmt, dass mein Leben endlich ist. Unpassend, weil ich mitten im Alltag, inmitten all meiner sterbensfernen Lebendigkeit daran erinnert werde. Daran erinnert, dass ich an einem ganz bestimmten Tag, zu einer ganz bestimmten Stunde sterben werde.

Welcher Tag wird das sein? Ein kalter Wintertag, ein schöner Sommertag? Ein trüber Herbsttag oder gar ein Frühlingstag an dem das Leben aus allen Knospen sprießt?

Und welche Stunde wird es wohl sein? Mitten am Tag? Diese Welt inmitten aller Geschäftigkeit verlassen? Oder in der Dämmerung? Im Übergang zwischen Tag und Nacht oder Nacht und Tag? Was so gut zum Übergang von diesem Leben ins andere passen würde? Ober doch in den frühen Morgenstunden? In diesen stillsten Stunden, bevor der Tag kommt und in denen, wie es heißt, die meisten Menschen sterben?

Eine von diesen Stunden wird es sein. Und es ist gut, dass ich sie nicht kenne, aber um sie weiß. Weil ich dann bewusster lebe und vielleicht auch besser gehen kann. Wenn sie gekommen ist, meine letzte Stunde.

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Ruhestand, so langsam häufen sich bei mir die Verabschiedungen von Kolleginnen und Kollegen in den Ruhestand. Und da gibt es dann auch meistens viele Reden. Letztlich hat eine Kollegin darauf mit einer kleinen Geschichte geantwortet. Und die ging so:
„Ein Mann wird - wie so oft - gefragt, wie er sich denn seinen Ruhestand vorstellt. Ob er sich denn auch gut darauf vorbereitet hat. Und was er dann alles machen möchte. Darauf antwortet er: ‚Ich setz‘ mich erst mal vier Wochen in den Schaukelstuhl und mache gar nichts!‘ ‚Ja gut, kann man machen, ist ja auch eine schöne lange Zeit, aber was machen Sie dann?‘ wird er weiter gefragt.  Und er antwortet: ‚Dann, dann fange ich ganz langsam an zu schaukeln.‘

Herrlich, nicht? Wie das Wort Ruhe-Stand so gut ins Bild gebracht wird mit diesem Schaukelstuhl. Der Stuhl steht erstmal still und zwar so lange wie es braucht und sich die erste Bewegung scheinbar wie von selbst ergibt. Und sich der Ruheständler ganz langsam und gemächlich einschwingt in diesen neuen Zustand. Dieses Bild vom schaukelnden Ruheständler finde ich auch deshalb so schön, weil es auch über sich hinausweist.

Diese letzte Lebensphase, die so ersehnt, wie auch gefürchtet ist, sie bewegt uns Richtung Ende der Zeit, die uns auf dieser Erde gegeben ist. Und so ist der Schaukelstuhl für mich auch ein Bild für das langsame Einschwingen in den Zustand zwischen Zeit und Ewigkeit. Vor und zurück, jeweils mit einem kurzen Stillstand am Ende einer jeder Bewegung, wie das Pendeln einer Uhr. Oder wie das Universum, das sich nach einer seiner Entstehungstheorien, auch erst vorwärts bewegt, sich ausdehnt und sich dann wieder zurückzieht. Und der Mensch im Schaukelstuhl, sich allmählich, ganz langsam einschwingt, in dieses Vor und Zurück des großen Ganzen…

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„Backen ist aus Teig geformte Liebe“. Dieser Satz stand am Ende einer mail, die mir ein Bäcker geschickt hat. Über dem Foto von einem fröhlich lachenden Mann, mit einem Brot in der Hand. „Backen ist aus Teig geformte Liebe“: wie schön, wenn das ein Mensch sagt, der weiß Gott, keinen leichten Beruf hat. Mitten in der Nacht aufstehen, damit wir morgens unser frisches Brot haben. Mit einem ganz anderen Tagesablauf, wie all die anderen Menschen und die Konkurrenz durch Backfabriken im Rücken. Wie schön, dass so ein Mensch dann noch sagen kann, dass er seine Arbeit liebt. Es liebt unser Grundnahrungsmittel herzustellen: Brot. Ich denke, man merkt es dem Brot auch an, wenn es mit Liebe gemacht ist. Dass es dann anders ist, anders schmeckt als massenhaft von Maschinen hergestelltes Brot. So wie in vielen anderen Berufen.

Wie zum Beispiel auch die Arbeit der Menschen hier im Radio, auch sie kann hörbar gemachte Liebe sein. All die Moderatoren, Tontechnikerinnen, Redakteurinnen  und Regisseure. Dass sie so ganz selbstverständlich für uns da sind, wenn wir das Radio einschalten. Und uns den Alltag verschönern mit Musik, Freundlichkeit und guter Laune. Ihn bereichern, mit verlässlicher und nützlicher Information - akustische Grundnahrungsmittel, geistiges Brot. Ja, ich denke dabei, wie auch bei jeder anderen Tätigkeit, macht die Liebe den Unterschied. Weil sie aus einer Tat eine Wohltat macht.

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„Unsere größten Erlebnisse sind nicht unsere lautesten, sondern unsere stillsten Stunden.“ Hört sich gut an dieser Spruch des Theologen Jean Paul. Aber stimmt er denn auch? Sind unsere größten Erlebnisse wirklich nur die stillen? Von „unseren“ Erlebnissen kann ich nicht reden, aber ich kann ja mal ein paar von meinen darauf hin bedenken.

Also fange ich am besten gleich von ganz vorn an. Bei den Geburten meiner Kinder. Die waren beides, laut und leise. Ich erinnere das schnelle und laute metallische Klopfen der Herztöne aus dem Kontrollmonitor, das schwere Atmen meiner Frau in den Wehen und den ersten Schrei des Neugeborenen in dieser Welt.

Ich erinnere aber auch die wunderbare Stille, als diese neugeborenen Menschenkinder in meinen Armen lagen. Eigenartig ähnlich die Stille mit den Menschen, bei deren Sterben ich dabei war. Zeitlos, ja irgendwie sogar schön. Und friedlich, vor allem, wenn das Sterben schwer war und nicht gerade leise. Wie auch die Liebe, zuerst völlig still und leise, beim Verlieben wenn dieser Blitz so schön lautlos einschlägt. Und dann später kann sie auch ganz schön laut sein, die Liebe, beim Lieben... Also auch hier sind die größten Erlebnisse laut und leise.

Meiner Erfahrung nach sind die größten Erlebnisse also nicht nur die Stillen. Ich denke, sie haben wie so vieles Großes beides in sich.Sie verbinden die Gegensätze, gleichen sie aus oder verstärken sich gegenseitig. Wie Tag und Nacht, Mann und Frau, Leben und Tod, Gott und die Welt…

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