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SWR3 Gedanken

Papst Franziskus ist bekannt für seine Spontanaktionen. Als er die Philippinen besucht hat, war´s mal wieder soweit. Er hat dort ein paar Kinder getroffen und die durften ihm Fragen stellen.

Das Mädchen Glyzelle ist dran. Sie ist zwölf Jahre alt und hat sich lange als Straßenkind durchschlagen müssen. Glyzelle erzählt Papst Franziskus, wo sie herkommt. Dass sie schreckliche Dinge erlebt hat: Drogen und Prostitution. Als sie davon erzählt, laufen ihr plötzlich die Tränen runter, aber Glyzelle schafft es noch, Papst Franziskus das zu fragen, was sie sich vorgenommen hat. „Franziskus, warum lässt Gott das zu?“

Und jetzt die Reaktion von Franziskus: Er dreht sein Mikrofon weg, steht auf und geht zu dem Mädchen. Eine Antwort gibt er nicht. Es gibt ja auch keine. Denn auf der einen Seite soll Gott allmächtig sein, auf der anderen Seite greift er ganz oft nicht ein, wenn furchtbare Dinge geschehen. Er lässt die Menschen machen, weil es ihm so viel wert ist, dass wir frei sind und die Verantwortung, die wir haben, selber wahrnehmen. Deshalb ist die Frage „Warum lässt Gott das zu?“ so schwierig zu beantworten. Warum lässt er das alles zu: dass schon Kinder Drogen nehmen und sich prostituieren müssen, dass Babys einfach verhungern oder dass eine junge Mutter schwerkrank wird und dann sterben muss.

Die Frage „Warum?“ ist ganz schwierig zu beantworten. Der Papst sagt auch nichts dazu. Er nimmt das Mädchen von den Philippinen mit seiner Frage aber trotzdem ernst. Franziskus nimmt es am Schluss nämlich einfach in den Arm. Er lässt das Mädchen und seine Traurigkeit ganz nah an sich ran.  

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Reina ist Tomatenpflückerin in Florida. Und Reina ist einen Schritt weiter als die Schauspielerinnen in Hollywood. Zumindest was „MeToo“ angeht, wenn Frauen von Vorgesetzten sexuell genötigt zu werden. Die Mexikanerin Reina arbeitet auf den Tomatenfeldern von Immokalee, einem kleinen Ort im Südwesten von Florida. In Immokalee heißt es seit ein paar Jahren nicht mehr „MeToo“, sondern „nie mehr MeToo“.

Das heißt für Reina, dass sie morgens ohne Angst zur Arbeit gehen kann. Das war nicht immer so. Noch vor zwei, drei Jahren waren sexuelle Übergriffe für Reina und die anderen Feldarbeiterinnen ganz normaler Alltag. Die mexikanischen Frauen ohne Papiere und ohne große Rechte, waren den mächtigen Vorarbeitern einfach nur ausgeliefert. Da hieß es oft: „Arbeit gegen Sex“.

Aber damit ist für Reina jetzt Schluss. Das hat sie auch Nely zu verdanken. Nely ist Frauenrechts-Aktivistin - mit eigenem Büro und eigener Radiosendung. Darin spricht sie immer wieder über die Rechte, die jeder hat – egal ob Mann oder Frau. Vor ein paar Jahren hat Nely zusammen mit vielen in Immokalee den Aufstand gewagt und die ständigen Übergriffe öffentlich gemacht. Seitdem gibt es dort einen Verhaltenskodex und es gilt Null Toleranz für Täter. Jeder kennt die Regeln und wer trotzdem dagegen verstößt, verliert seine Arbeit.

Die Pflückerin Reina weiß, dass ihr theoretisch immer noch etwas passieren kann, aber sie weiß auch, wo sie Nely findet. Die ist einfach unermüdlich, sie sagt: „Ich kämpfe immer weiter für eine Welt, in der Frauen kein Schattendasein mehr führen müssen  und wo sie sich gegen sexuelle Gewalt wehren können. Erst an dem Tag, an dem das überall so ist, leben wir in einer idealen Welt.“

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Hier sind fünf Tipps für alle, die mit Gott befreundet sein wollen. „Mit Gott befreundet sein“ – das hört sich erstmal fromm und abgehoben an, aber das was jetzt kommt, ist überhaupt nicht abgehoben. Und man kann es sich ganz gut merken. Denn die Tipps lassen sich an den fünf Fingern einer Hand abzählen.

Der Daumen ist ein bisschen unbeweglicher als alle anderen. Deshalb steht er für genügend Schlaf. Schlafen ist total wichtig, denn wer ständig dauermüde ist, hat auch keinen Nerv für Gott übrig. Nur wer wach ist, kann Gott entdecken.

Jetzt der Zeigefinger. Er kann gut hinweisen. Er könnte mich daran erinnern, dass ich mich genug bewege und darauf achte, was mein Körper braucht. Auch was Essen und Trinken angeht. Es gibt ja den Spruch: in einem gesunden Körper, wohnt auch ein gesunder Geist. Da ist auf alle Fälle was dran.

Der Mittelfinger steht fürs Beten. Es geht ganz konkret um die Zeit, die ich mit Gott verbringe. Dass ich versuche mit ihm in Kontakt zu kommen, auch wenn das schwierig ist.

Der Ringfinger trägt Ringe und erinnert mich an meine Beziehungen. Ich brauch doch meine Familie und Freunde. Und wenn da etwas nicht stimmt, bringt mir auch der beste Kontakt zu Gott nichts. Deswegen der Tipp, dass ich mich um die Menschen um mich herum kümmere.

Erst an letzter Stelle kommt jetzt noch das Thema Arbeit. Der, der diese Fünf-Finger-Regel erfunden hat, sagt: Arbeit hat sowieso schon so viel Gewicht im Leben, da braucht man nicht noch zu pushen, da reicht der kleine Finger.

Die Tipps hat sich Franz Jalic, ein ungarischer Priester und Schriftsteller überlegt. Mittlerweile ist Jalic ein alter Mann, weit über neunzig. Aber seine fünf Tipps haben mich total angesprochen.

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Lydia sitzt im Zug, allein in einem Abteil. Lydia ist eine junge Brasilianerin, klein und zierlich, und auch ein bisschen frech. An einer Station kommt ein Mann zu ihr rein und setzt sich neben sie. Kaum dass er sitzt, zieht er ein Messer aus seiner Jacke und sagt zu Lydia: „Hör zu, es wird jetzt so laufen: du gibst mir deine Handtasche, dann steigst du an der nächsten Station aus und sagt niemandem etwas.“

Lydia schaut dem Mann direkt ins Gesicht und antwortet mit fester, ruhiger Stimme: „Ich heiße Lydia. Ich komme aus Brasilien.“ Damit bringt sie den Mann aus der Fassung, wie kann sie nur so mutig sein? Der Mann mit dem Messer in der Hand ist total perplex und Lydia spricht weiter: „In meiner Handtasche sind lauter persönliche Sachen von mir. Fotos und die ganzen Adressen von meinen Freunden. Für mich hat das alles sehr viel Bedeutung, aber Ihnen sagen die Sachen nichts. Ich vermute mal, dass Sie Geld wollen. In meiner Tasche ist aber kein Geld. Ich habe aber Geld in meiner Hosentasche. Wir machen es also so: Ich hole das Geld raus, ich gebe ihnen zwanzig Dollar und Sie steigen an der nächsten Station aus. Und wir verlieren beide kein Wort über die Sache.“

Das hat tatsächlich so funktioniert. Verrückt, wie mutig Lydia da war. Die Geschichte von Lydia habe ich in einem Buch über Christen in Amerika gelesen. Da geht es darum, wie diese Christen ihren Glauben ganz praktisch und auch ziemlich offensiv leben. Lydia ist eine davon. Sie sagt: „Ich konnte im Zug so mutig sein, weil ich Christin bin. Ich weiß, dass Gott mir in jeder Situation irgendeine Chance bietet. Ich muss diese Chance nur ergreifen und mir und Gott dann ganz viel zutrauen.“

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Romina hat mir von ihrer „Gedanken-Autobahn“ erzählt. Das hat sie natürlich nur als Bild gemeint. Romina will damit sagen: ihr schwirrt manchmal so viel auf einmal im Kopf rum, dass sie meint die Gedanken rauschen durch sie hindurch wie die Autos auf einer Autobahn. Romina ist eine ganz normale Frau: mit Job als Krankenschwester, verheiratet und zwei Töchtern.

Romina meditiert manchmal. Dazu setzt sie sich ruhig hin und macht erstmal gar nichts. Sie will dann nicht an gestern oder morgen denken, sondern einfach nur den Moment erleben. Das hört sich leicht an, ist es aber nicht. Eben weil die Gedanken-Autobahn losrauscht, zumindest bei Romina. Da ist zum Beispiel der Druck aus ihrem Job und sie denkt: „Ich muss unbedingt noch diese zwei Dokumentationen fertigmachen, eigentlich heute noch.“ Und dann rauscht gleich der nächste Gedanke an: „Vorgestern, als ich mit meiner Mutter telefoniert habe - irgendwie war das komisch, da müsste ich mich gleich nochmal melden.“ So geht das die ganze Zeit in Rominas Kopf. Wahrscheinlich von morgens bis abends, aber wenn sie meditiert, dann fällt ihr das besonders auf.

Romina sagt, wenn sie regelmäßig meditiert, dann verändert das etwas in ihr. Sie kriegt dann irgendwie Abstand zu dem, was sie so alles umtreibt. Wenn sie dieses stille Hinsitzen und Gar Nichts Tun immer wieder trainiert, dann steht sie quasi nicht mehr mitten auf der Fahrbahn und wird von ihren Gedanken mitgerissen. Sie kann die Gedanken leichter an sich vorbeirauschen lassen. Das tut Romina total gut. Sie merkt beim Meditieren, dass nicht nur wichtig ist, was sie denkt, sondern auch was sie fühlt und wie es ihr eigentlich geht.

Am Anfang war das ein echter Aha-Effekt für Romina. Ihr ist da was klargeworden. Sie bringt das so auf den Punkt: „Jetzt muss ich 35 Jahre alt werden um zu entdecken, dass ich mehr bin als meine Gedanken.“ 

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Es ist diese typische Szene im Zug: es setzt sich jemand neben mich - laut quasselnd mit dem Handy. Nach ein paar Sätzen weiß ich ziemlich viel über die junge Frau neben mir. Dass Sie Medienkommunikation studiert hat, gerade ihre eigene Homepage aufbaut, und dass sie ziemlich gut reden kann. Das mit dem Gut Reden Können ist ihr Hauptthema. Denn die Freundin, mit der sie gerade telefoniert, bewundert sie genau dafür. Sie möchte das auch so gut können. Deswegen erklärt ihr meine Nachbarin ganz genau, wie sie sich das antrainiert hat und was man dabei alles beachten muss. Es fallen Begriffe wie: Strategie, „roter Faden“ und Einfühlungsvermögen. „Aha“, denke ich. Und dann kommt ein Satz, den meine Sitznachbarin ihrer Freundin bestimmt viermal hintereinander einbläut. Der Satz heißt: „Fake it till you make it.“

Klingt erstmal gut: „Fake it till you make it.“ Übersetzt heißt das: „Täusche es vor bis du es kannst.“ „Tue erstmal so als ob…“ und „Zeige ja keine Lücke.“ Mich ärgert dieser Satz. Vielleicht auch, weil mich die Frau neben mir langsam ärgert. Mit ihrem ganzen Schein statt Sein. Ständig höre ich sie Dinge sagen wie „die Verpackung muss stimmen“ oder „Du musst einfach authentisch und selbstsicher rüberkommen.“

„Fake it till you make it“ – das geht nicht bei den entscheidenden Dingen im Leben. Die müssen in einem reifen. So lange, bis sie wirklich zu mir gehören und nicht nur schnell antrainiert sind. Ich habe zum Beispiel gelernt, mit dem Selbstzweifel umzugehen, der immer wieder kommt. Er gehört eben zu mir. Und ich bin dabei zu üben, die Menschen um mich herum so auszuhalten, wie sie eben sind, weil ich sie nicht ändern kann. Das ist manchmal hart, wie ich im Zug erfahren habe. Auf jeden Fall geht es nicht von heute auf morgen. Und ein „fake it“ nützt da gar nichts.

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„Ich hab mir jetzt auch mal so einen Liefer-Sklaven kommen lassen.“ Das erzählt mir mein Bruder Markus am Telefon. „Wie, Liefer-Sklave? Wie meinst du das?“ Mein Bruder erklärt: „Naja, so einen Fahrradkurier. Den bestellst du per App und der holt dir dann deine Pizza beim Lieblingsitaliener ab und bringt sie dir.“ Markus erzählt mir weiter: „Das habe ich jetzt erst einmal gemacht, aber das hat was. Du kannst auf dem Smartphone genau verfolgen, wo dein Radfahrer gerade ist, ob er noch in der Schlange ansteht für die Pizza oder ob er schon über die Kreuzung bei dir um die Ecke drüber ist. Es ist krass. Du siehst das im Handy und dann klingelt es ein paar Sekunden später bei dir an der Haustür.“ Soweit mein Bruder.

Gehört habe ich schon von Lieferando, Foodora, Deliveroo und wie sie alle heißen. Und ich weiß auch, dass die Leute, die den Lieferdienst übernehmen, ziemlich schlecht bezahlt werden, obwohl der Job hart ist. Stundenlang durch die Stadt fahren, immer abhängig davon, ob jemand bestellt oder nicht.

Mein Bruder Markus weiß das auch. Er ist ein ziemlich kritischer Zeitgenosse. Politisch interessiert und immer auf dem Laufenden. Ihm ist auch klar, dass die Arbeitsbedingungen bei den Fahrradkurieren miserabel sind. Und er weiß nicht so recht, ob er ein schlechtes Gewissen haben soll, weil er das System mit den miesen Arbeitsbedingungen ja irgendwie unterstützt, wenn er sich so die Pizza bringen lässt.

„Hast du eigentlich Trinkgeld gegeben?“ habe ich meinen Bruder am Telefon noch gefragt. „Ja, zwei Euro. Klar, die machen es irgendwie auch nicht viel besser.“ Und weiter sagt Markus: „Aber immerhin sage ich dem Kurier damit: ich benutze dich nicht nur, weil ich grade bequem bin. Ich sehe deine Arbeit und sage damit: Danke.“

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