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SWR3 Gedanken

Er ist ein Held, ein Halbgott - nicht in weiß - in blau. "Nein, i wo“, sagt Thomas im blauen Pflegekittel, aber meine Tante, die ich nach ihrem Infarkt besuche, sieht ihm genau so entgegen. Thommy, blauäugig und dunkellockig, ist der Liebling der Station. Er strahlt seine Patientin an, als hätte er – im Minutentakt der Handgriffe - alle Zeit der Welt. „Ein Schatz“, säuselt die Tante. Und ein seltener dazu.

Wer will schon Bettpfannen und Windeln wechseln, noch dazu als Mann? Im Schichtdienst, gehetzt, überarbeitet, übermüdet. Ohne Pflegekräfte aus Polen oder Tschechien stünden, besser lägen wir ganz schön alt da. Der Notstand ist lange bekannt. 8.000 neue Kräfte von 35.000 fehlenden sollen ausgebildet werden. Peinlich. „Ja, schlecht angesehen sind wir, aber dafür auch schlecht bezahlt“, meint Thomas süffisant. „Klar, mehr Geld würd ich sofort nehmen, aber das hier würde ich mir nie nehmen lassen. Für mich ist das Nächstenliebe. Und - ich hab auch was davon“, zwinkert er meiner Tante zu.

Und sie kichert wie ein junges Mädchen. Er klopft ihr Kissen zurecht und sagt beim Gehen: “Ich brauche das Lachen, es baut mich auf." Thomas. Nein, er ist kein Halbgott in blau. Er ist viel mehr: ein Mensch. Eine männliche Florence Nightingale. In Erinnerung an sie, die britische Krankenschwester, ist heute der Tag der Pflege. Sein Tag. Wenigstens einmal im Jahr.

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Der Mai, Hoch-Zeit für Hochzeiten. Birgit heiratet Sabine. Endlich, seit kurzem ist das möglich. Birgit war meine beste Schulfreundin. Ich schwärmte für Paul Newmann, sie für Romy Schneider. Und für die Englischlehrerin. „Bin ich normal?“ Lesbisch. In den 80ern wurde das Wort nur geflüstert. Voller Scham, auch von Birgit. Sie litt.

Martin. Gast in meiner ersten moderierten SWR-Sendung. Ein Kirchenmagazin. “Ich bin schwul und Christ“, meinte Martin. Mutig damals. Die Zuschauerwutpost folgte. Besonders von „frommen“ Christen. Ich schämte mich. Und heute manchmal wieder. Auch wenn sich viel getan hat. Die alten Ängste und Argumente kommen immer wieder hoch.

Als wäre Schwulsein ansteckend, als würden sich Adam und Eva nicht mehr anziehend finden, als wäre die gottgewollte Ehe gefährdet. Dabei findet sich in der Bibel keine klassische Ehe, kein klares Familienbild. Dafür etwa Vielweiberei, verheiratete Bischöfe, Leihmütter. Und ja, auch homosexuelle Praktiken. „Du sollst nicht beim Manne liegen!“ Das galt allerdings Heterosexuellen. Ehemännern, die sich nicht nebenbei - wie damals etwa bei den Griechen üblich - mit jungen Männern vergnügen sollten.

Nein, die Bibel, in ihrer jahrtausendealten Geschichte kennt keine gleichgeschlecht-lichen Paare, die ihr Leben teilen wollen. Die Bibel sagt nur: „Das Größte aber ist die Liebe.“ Und der Gott Jesu – der Sünder eher mag als selbstgerechte Fromme – der liebt wohl auch anders als manche Moralapostel sich das wünschen.

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Neulich in Wittenberg. Nach dem Reformationstrubeljahr liegt die Lutherstadt wieder still. Ich habe das Handy am Ohr, da spricht mich eine ältere Dame an. „Ick bin ja gottlos“, sagt sie verschmitzt unterm Hütchen und ist nicht mehr still. Ich unterbreche kurz und gehe ein paar Schritte mit ihr. „Letztes Jahr, uffm Markt hab ick Sie oft jehört, so ne kurze Andachten, jefiel mir, auch wenn ick gottlos bin."

„Oh, schön“, sage ich abwesend und Tschüss. Weiter zum Bahnhof und zu meinem etwas ärgerlichen Telefonat. Da steht mir ein Kleiner im Weg. „Du, weißt Du, wir haben Glück gehabt“, er zieht wichtig seine Latzhose hoch, „sooo ein Glück“, und sieht mich erwartungsvoll an. Ich schweige. „Papa hat den Schlüssel verloren, auf der Wiese... und jeeetzt haben wir ihn gefunden. So ein Glück! Gott sei Dank“, sagt er wie ein Alter.

„Das ist ja toll“, lache ich und gehe. Der Kleine bleibt an meiner Seite. „Gott sei Dank“, sagt er immer wieder „gell?“ Sein junger Papa lächelt und flipflopt hinter uns her. „Wie heißt dein Name?“, fragt mich der Kurze und ich bin sofort verliebt. Und als er sagt „Isst du jetzt auch Eis, wenn man sich geärgert hat, dann ist das guuut, du musst ein Eis essen“, da ist mein Ärger wie weggeschmolzen. „Wenn du ein Kind triffst, hast du Gott auf frischer Tat ertappt,“ meint der Wittenberger Martin Luther. Tja, „niemand ist gottlos“, würde ich der Dame von vorhin gern noch hinterherrufen. Und: Glück gehabt, dass ich den Kleinen treffen durfte.

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Blau wie der Himmel mit goldenen Sternen: die Europaflagge. Heute, am Europatag, hängt sie eher traurig herum. Wer mag jubeln, wer sagt noch überzeugt „je suis Europe, isch bin Europa“? Stattdessen „Britain first“, Brexit, Türkeikrise und und… „Zuerst ich!“, so scheint es. Mein Land, meine Wirtschaft, mein Geld.

Anders am 5. Mai 1949. Nach dem 2. Weltkrieg gründen die ersten Staaten den „Europarat“, es ging nicht zuerst um Wirtschaft und Eurokratie, sondern um Menschenrechte und Frieden. Um einen gemeinsamen Horizont. Besonders ein Belgier träumt vom Himmel: Paul Lévi, jüdischer Abstammung, schwört sich, wenn er die Hölle der Nazis überlebt, will er ein Zeichen setzen. Und so kommt es.

Lévi wird katholisch und Mitbegründer des Europarats. Als er eine Maria im Strahlenkranz sieht - Himmelsfrau mit „12 Sternen auf ihrem Haupte“, wie es in der biblischen Offenbarung (Offenbarung des Johannes Kapitel 12,1) heißt - offenbart sich ihm die ideale Europaflagge. Seine Idee wird 1955 angenommen.  

Seither wehen im Europahimmel zwölf Sterne. Zahl der Vollkommenheit. Zwölf Monate hat ein Jahr, zwölf Stunden der Tag. Auf der Flagge stehen die Sterne wie im Zifferblatt, all ihre Spitzen zeigen gen Himmel. Was für eine Zeitansage: Von der ersten Minute an stehen Europäer für Menschenrechte und Frieden. Dafür mag ich weiter einstehen - und jubeln am Europatag. Ja, „je suis Europe“.

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„Sie werden nicht mehr lernen, Krieg zu führen.“ (Jesaja 2,4) Eine biblische Vision. Was für ein Traum, seit 73 Jahren, seit dem 8. Mai 1945: Frieden hierzulande. Außer im Fernsehen. Die Nachrichten aus fernen Kriegen, auch mit deutschen Waffen. Und nach der Tagesschau gehts weiter. Boum, Boum in den Kopf. Jeden Abend Tatorte, Cold Case und Co. Gewalt als Serienunterhaltung.

Doch, ich sehe auch gern spannende Krimis. Nur müssen sie immer blutiger werden? Oder scheint mir das nur so? Meine 13jährige Patentochter sieht das ja anders: „Ach, diese Serien, langweilig, die Shooter bringen´s viel mehr“, meint Anja. Die eigentlich ein friedliches Mädchen ist und bei den Kriegsgeschichten von Opa nur abwinkt. Aber ich frage mich, ob das wirklich gut tut, Ego-Shooter zu spielen, aus der Ich-Perspektive herum zu ballern. „Sie werden nicht mehr lernen, zu töten.“

Ich weiß, ich weiß, PCkiller morden nicht gleich im normalen Leben. „Normal“ finde ich es dennoch nicht, wenn sich die Kleinen per Playstation an der Pumpgun üben. Nein, jenseits von Kuscheleckenpädagogik - Kinder sollen streiten, schreien, balgen dürfen -  aber wie spielt man eigentlich Frieden? Wie lehren wir unsere Kinder, wie lernen wir selbst, mit Aggressionen umzugehen? „Sie werden nicht mehr lernen, Krieg zu führen.“ Nicht mehr töten. Was für eine Vision. Sie steht in der Bibel, am Hauptgebäude der Vereinten Nationen und sie könnte in unseren Herzen stehen. Nicht nur heute, am Tag des Kriegsendes.

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„Kruzifix nochamoal“ oder auch kurz „Zefix“. Verstehen Sie das? Ein Fluch, auf Bayrisch. Will sagen: Verflucht nochmals. „Kruzifix“. Ein Mann, der gebeugten Kopfes an einem Galgen hängt. Das Kreuz. Symbol für das Leben. Segen. Verstehen Sie das? Vielleicht.

Nun soll in allen bayrischen Amtsstuben das Kreuz aufgehängt werden. Weniger als christliches Symbol, sondern als Zeichen „unserer Kultur.“ Verstehe ich das? Das Kreuz als „mia san mia“, als Folklore - wie Jodeln und Krachlederne? Ähm, nein. Es krachte und jodelte daraufhin entsprechend, von Seiten der Kirchen und anderer Kritiker. Die Rede war von Kreuzzug, Kulturkampf, Wahlkampfansage, um der AfD zu wehren. So kann man es wohl verstehen.

Klar dürfen Kreuze hängen und stehen, wo, wie und wie lange sie sollen, solange sie Menschen etwas bedeuten. In Kirchen, auf Gipfeln, in Behörden, in Schulen oder am Halskettchen. Aber Christus darf nicht irgendwo hängen müssen. Schon gar nicht von Staatswegen. 

Vielleicht - so könnte man es auch verstehen - steckt schlicht Angst dahinter. Das wäre ja menschlich. “Fürchtet euch nicht…“ , hat der Mann am Kreuz gesagt. Gegen die Angst, nicht mehr gesehen zu werden, mit dem, was wir denken und glauben, da hilft aber nur frei reden und kein Zwangsbekreuzigen. Das glaube ich zumindest.

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Haben Sie es heute schon getan? Heute ist Weltlachtag. Schon „Gott im Himmel lacht…“, heißt es in der Bibel. Schließlich ist es gesund. Also lachen, bis der Arzt kommt. "Kennt ihr den? Ein Mann geht zum Doc…" Es muss nicht lustig sein, wenn sich der Abend in die Witzkurve legt. Nichts langweiliger als Leute, die überall in der Bütt stehen und Schenkelklopfer erzählen. Doch, vielleicht solche, die es nicht können und jede Pointe verderben. "Und dann, dann sagt der Arzt… ähm… oder war es der Patient?“

Lachen machen ist schwer. Humorexperten, Arztkabarettisten arbeiten hart am Rezept. Manchmal ist auch das etwas schmerzhaft. Ich lache übrigens meist rezeptfrei. Wenn die Katzen verrückt spielen, die Kinder sich noch dazwischen werfen, wenn der Liebste wortwitzt und natürlich manch ein swr3-Comedian. Dann bricht es aus, von ganz unten, Glucksen, Gelächter, bis das Zwerchfell japst…

Genau da, aus dem Bauch heraus, dem Yogabauch entstand der Weltlachtag. Die Lach-Yoga-Bewegung scheint eine ernste Sache zu sein. In 100 Ländern wird in über 6.000 Lachclubs geatmet, geübt und heute ein Lachen um den Globus geschickt. "Lachen für Gesundheit, Glück und - den Weltfrieden". Das klingt komisch, ist aber gar nicht so dumm. Was kann befreiender sein gegen all die Machtbesoffenen und Kriegstreiber? “Gott im Himmel lacht ihrer…“ (Psalm 2,4), gemeint sind die Großen der Welt, die sich dummdreist aufplustern. Tja, wer zuletzt lacht…

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