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SWR3 Gedanken

Endlich. Die ersten echten Frühlingstage mit Sonne und Wärme sind da und in meinem Garten explodiert es. An den Kirschbäumen, die es kaum abwarten konnten, treiben Blätter und Blüten aus. Der Apfelbaum hinter dem Haus wird in ein paar Tagen nachziehen. Ich liebe diese Jahreszeit. Mir geht da jedes Jahr das Herz auf. Ich kann dann stundenlang hinter dem Haus sitzen und der aufblühenden Natur zuschauen. Weil sich da mit aller Macht das Leben Bahn bricht. Egal, wie kalt und schmuddelig es vorher war. Egal wie lang der Winter sich auch hingezogen hat. Das Leben ist da und durch nichts mehr aufzuhalten.

Für mich ist das aber in jedem Jahr auch ein Kontrastprogramm zu all dem, was sich an Düsterem in den zurückliegenden Monaten angesammelt hat. Nicht nur im winterlichen Schmuddelwetter. Wenn ich hinter meinem Haus in der milden Frühlingssonne sitze, dann denke ich auch an die schwere Erkrankung meiner Frau, die sie gut überstanden hat. An den Bekannten, der dem Tod nach einem Unfall von der Schippe gesprungen ist. An die Studentin, die immer noch mit ihrer Depression ringt. Und auch an die aus meinem Umfeld, die nun endgültig gegangen sind. Die düstern Schatten sind damit nicht weg. Sie sind und bleiben ja ein Teil von mir. Doch dann denke ich mir: Ja, all das ist auch bei dir geschehen in den letzten Monaten, aber am Ende steht das Leben.

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„Weißt du jetzt, was ich mit ‚ganz spezielle Freundlichkeit‘ meine“, sagt meine Tochter zu mir, als wir das Geschäft verlassen. Sie studiert in einer ostdeutschen Großstadt und beschwert sich manchmal über die – wie sie es ausdrückt – Unfreundlichkeit mancher Menschen dort. Mir ist das gar nicht so aufgefallen. Aber einen speziellen Stil gibt es schon. Hart, aber herzlich würde ich eher sagen. Das kommt halt nicht bei jedem sofort als Freundlichkeit an. Dabei könnte in der Tat alles so einfach, das Leben so leicht sein, wenn wir freundlich miteinander umgehen würden. Wenn ich die Bedienung anlächle, die mir den Kaffee bringt und sie mir ein Lächeln gönnt, während sie die Tasse abstellt. Wenn der Zugbegleiter mir mit einem Lächeln eine gute Reise wünscht und der Busfahrer mich mit einem schallenden Guten Morgen beim Einsteigen begrüßt. Nicht, dass ich das nicht erleben würde, aber es ist ausbaufähig, zugegeben mitunter auch bei mir. Denn eines ist auch ganz klar. Miese Laune erzeugt wieder miese Laune. Wer schon beim Einsteigen in den Bus angeraunzt wird, dem hebt das nicht gerade die Stimmung. Und für einen Busfahrer, der sich von Schülern anpöbeln lassen muss, geht auch nicht die Sonne auf.

Konflikte und Meinungsverschiedenheiten verhindert das natürlich nicht. Die gibt’s und sie müssen ausgetragen werden. Doch auch das geht so oder so. Pöbelnd und drohend oder ruhig und mit Verständnis für den anderen. Auch, wenn es schwerfallen mag. Letzteres trägt tatsächlich weiter. Liebe deinen Nächsten, denn er ist wie du, könnte da ja so ein Leitsatz sein. Und bis das wirklich klappt hilft meistens schon ein einfaches Lächeln.

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Wer hat den Größten, den Längsten, den Stärksten? Es sind die immer gleichen Männerfragen, um die sich leider auch die Weltpolitik dreht. Er habe einen größeren, hat uns der amerikanische Präsident schließlich unlängst wissen lassen. Gemeint war der Atomknopf. Und während der eine mit seinem Atomknopf prahlt, inszeniert sich ein anderer in Russland als muskelbepackter Naturbursche hoch zu Ross, während sich in Ungarn einer als letzte Rettung vor dem Untergang des Landes preist. Einem Untergang, den er vorher selber an die Wand gemalt hat. Es ist lächerlich und ermüdend, aber sie funktioniert noch immer. Die alte Geschichte vom trotzig-starken Helden, der mutig vorangeht und allen Anderen Paroli bietet. Mag die Wirklichkeit auch noch so komplex sein.

Mir ist daran nochmal klar geworden, warum die Bibel nie und nimmer als Anleitung für politische Macht dienen kann. Es ist eben nicht besonders sexy, wenn statt des Helden, der mit nacktem Oberkörper durch die Wildnis reitet, ein sanfter Mann auftritt, der sagt: Liebt eure Feinde, tut Gutes denen, die euch hassen. Oder: Wenn dich einer auf die eine Wange schlägt, dann halt ihm auch die Andere hin. Auch das ist ein Programm. Aber keines, mit dem man in dieser Welt gerade Wahlen gewinnen könnte. 

Dennoch glaube ich, dass es ohne so ein Programm nicht geht. Krawall machen und Konflikte schüren kann schließlich jeder. Wirkliche Kunst aber ist es, den Frieden zu gestalten. Nicht nur mit den Nachbarn, sondern auch untereinander. Als Gesetzbuch taugt das Evangelium auch dafür nicht. Als Inspiration allerdings sehr wohl.

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Der Junge auf dem Friseurstuhl neben mir hat eine klare Vorstellung. Nein, die Haare sollen auf gar keinen Fall so kurz werden, wie die Mutter es gern hätte. Amüsiert verfolge ich die Debatte, betrachte die ratlose Friseurin, die geduldig auf die Lösung wartet. Eines immerhin hat der Junge ziemlich gut drauf: Klar und deutlich NEIN zu sagen zu Dingen, die er nicht will. Das kann für andere ganz schön nervig sein, aber es erleichtert das Leben. Nie vergessen habe ich jenen Mitarbeiter, der sich genau damit schwer tat. Der endlos rumdruckste, sich gleichsam entschuldigte, weil er möglichst keinen kränken wollte. Vielleicht war es übertriebene Höflichkeit, vielleicht eigene Unsicherheit. Am Ende hat er damit nicht nur sich, sondern auch uns anderen das Leben schwer gemacht.

NEIN markiert eine Grenze, ein Statement. Im besten Fall ein „Hier stehe ich und kann nicht anders“. So jedenfalls soll Martin Luther es damals vor der versammelten Machtelite gesagt haben. Und so ein NEIN kann dann auch Konsequenzen haben. Martin Luther etwa hätte sein NEIN um Haaresbreite mit dem Leben bezahlt. Aber es war unter anderem auch dieses NEIN, das ihn bis heute berühmt macht.

Wenn ich so nachdenke, dann waren es oft die Neinsager, die der Welt ein bisschen eine andere Richtung gegeben haben. Weil sie etwas, das sie für falsch hielten, einfach nicht mittragen wollten. Denn Ein NEIN kann im besten Fall ja auch eine Einladung zum Gespräch sein – so wie im Friseurladen. Mutter und Sohn haben schließlich eine Lösung gefunden, die beiden passt.

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Jürgen heißt in Wirklichkeit nicht Jürgen. Er würde es auch nicht wollen, dass sein richtiger Name im Radio genannt wird. Jürgen gehört zu jenen Menschen, die einen normalen Acht-Stunden-Arbeitstag gar nicht durchstehen. Die immer wieder mal eine Auszeit brauchen, weil sie dem Druck und dem Tempo im Erwerbsleben nicht so gut gewachsen sind. Gründe dafür gibt es ganz viele. Bei Jürgen, einem Mann im mittleren Alter, waren es Alkohol und psychische Probleme. Beides hat er heute wieder im Griff. Aber einen Job, den er bewältigen könnte, den hat er eben nicht. Es gibt keinen für Menschen wie ihn. Dabei belastet es ihn, von Sozialleistungen leben zu müssen. Viel lieber würde er sich selber sein Geld verdienen, sich nützlich machen, in die Gesellschaft einbringen. So gut eben, wie er es kann.

Vielleicht war immer ein wenig Lebenslüge mit dabei, dass man Menschen wie Jürgen durch Trainings und Schulungen wieder fit machen könnte für den sogenannten ersten Arbeitsmarkt in einer Leistungsgesellschaft. Da also, wo die meisten von uns arbeiten. Da aber gelten andere Regeln. Da muss ich auch dann noch weiterarbeiten können, wenn es richtig eng und stressig wird. Gelingt mir das nicht, wird es schwierig.

Darum finde ich es gut, wenn in der Politik nun wenigstens ernsthaft darüber diskutiert wird, Menschen wie Jürgen eine Arbeit zu geben, die sie leisten können, statt ihnen Hartz IV ohne Aussicht auf Besserung zu bezahlen. Dabei ist es völlig egal, ob man das nun zweiter Arbeitsmarkt oder solidarisches Grundeinkommen nennt. Wichtig ist, dass Menschen wie Jürgen wieder eine Perspektive bekommen. Weg vom Almosenempfänger und hin zum Menschen, der für sich selber sorgen kann. Ob es gelingen wird, weiß ich nicht. Aber es ist ein Anfang. Endlich!

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Hundert Dinge, die ein Paar mal tun sollte. Der Buchtitel macht mich neugierig. Doch während ich durch das schmalen Büchlein blättere stellt sich schnell Ernüchterung ein. Gebt euch einen Schokokuss, lese ich da, oder: macht mal eure Smartphones aus. Kurz, für mich erscheinen viele dieser hundert Dinge wie eine Ansammlung von Banalitäten.

Es gibt etliche von solchen 100-Dinge-Ratgebern. Sachen, die ich unbedingt gemacht, Orte, die ich auf jeden Fall besucht haben sollte. Als Anstubser für die eigene Phantasie sind sie sicher nicht verkehrt. Und mehr will wohl auch das Büchlein für die Paare gar nicht sein. Doch letztlich geht es ja bei alldem um etwas anderes, das keiner dieser kleinen Ratgeber klar ausspricht.

Ganz klar macht das eine Kunstaktion, die vor fünf Jahren in Kaiserslautern zum ersten Mal verwirklicht wurde. Inzwischen ist sie schon durch etliche Städte gezogen. „Bevor ich sterbe, möchte ich …“. Vorbeigehende Passanten auf öffentlichen Straßen und Plätzen waren aufgerufen, diese Frage für sich zu beantworten. Ihre Antworten konnten sie dann mit Kreide auf großen Tafeln hinterlassen. Mancher Unfug stand da, aber auch Dinge, die mich berührt haben. „Bevor ich sterbe, möchte ich geliebt werden“, las ich einmal im Vorbeigehen.

Und so kreisen Ratgeber und 100-Dinge-Bücher letzten Endes auch nur um diese eine entscheidende Frage: Was ist mir wirklich wichtig im Leben. Und was möchte ich, bevor ich sterbe, auf jeden Fall noch gemacht, gesehen oder erlebt haben?

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Warum dauert Ostern eigentlich zwei Tage, fragt mich ein Kind nach dem Gottesdienst am Ostermontag. Gute Frage. Genau genommen, antworte ich, feiern wir Ostern ja gar nicht zwei, sondern sogar fünfzig Tage und ernte erst mal verständnislose Blicke. Der kleine Kerl hat Recht. Ein Fest über fünfzig Tage zu feiern ist ja in der Tat schwer vorstellbar. Wenn man ehrlich ist, dann halten so was selbst die härtesten Partygänger kaum durch. Noch dazu, wenn ab Osterdienstag Alltag und Arbeit wieder vor der Tür stehen. Klingt also ein bisschen nach kirchlichem Etikettenschwindel, das mit dem fünfzigtägigen Fest zwischen Ostern und Pfingsten. Doch es geht ja nicht um die große Sause. Fünfzig Tage Ostern feiern heißt eben nicht unbedingt fünfzig Tage arbeitsfrei haben und feiern können ohne Ende. Vielleicht ist es eher wie bei Sabine und Thomas, die ich von früher kenne. Sie haben letztes Jahr geheiratet. Zwei Tage haben sie ihre Hochzeit gefeiert, dann hatte der Alltag die beiden wieder. Als ich sie dann ein paar Wochen später getroffen habe, haben sie mir mit leuchtenden Augen von ihrem tollen Fest erzählt. Ich habe gemerkt: Etwas von ihrer Freude haben sie sich mitgenommen in ihren Alltag. Zumindest für eine gewisse Zeit. So, denke ich, könnte es auch mit der Osterzeit sein. Keine endlose Dauerparty, aber ein bisschen Grund zur Freude im Alltag. Schließlich haben wir an Ostern gerade das Leben gefeiert – allen Widrigkeiten zum Trotz.

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