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SWR3 Gedanken

 „Den wahren Wert von Worten erkennt man in der Wüste“. Dieser Gedanke kam mir nachdem ich zum ersten Mal eine Nacht in der Wüste verbrachte hatte. Und was mich dabei am meisten beeindruckt hat, war die Stille. Als ich am Morgen die ersten Worte in diese allumfassende Stille gesprochen habe, kamen sie mir ganz plastisch und wirksam vor. Als ob sie eine unsichtbare Spur in die Stille hineindrücken würden, wie die Füße auf einem unberührten Schneefeld. Das hatte ich noch nie erlebt und es hatte eine ganz spezielle Wirkung auf mich. Ich konnte und wollte nichts sagen, was mir nicht unbedingt sagenswert erschien. Um diese große, erhabene Stille nicht zu stören. Um sie nicht mit unnützem Wortgeräusch zu durchbrechen. Dadurch wurde mir fast körperlich spürbar wie viel ich oft rede und wieviel unnützes Zeugs den lieben langen Tag. Und was ist dann der wahre Wert von Worten? Dass sie es Wert sind die Stille zu durchbrechen. Die Stille, die die Menschen zur Ruhe bringt, zu sich selbst bringt und in Kontakt mit dem, der nur in der Stille zu finden ist. Den wahren Wert von Worten kann ich erfahren, wenn sie aus der Stille geboren sind und sie von Herz zu Herz gehen. Wenn sie in mir erspürt und zugewandt sind, heilsam sind. Diese Worte sind dann meistens wenige, im richtigen Moment gesprochen und nicht laut.
Nun, die wenigsten Menschen bei uns haben die Gelegenheit die Wüste zu erleben und ich werde wohl auch nicht mehr dorthin kommen. Aber die Erfahrung dieser Stille möchte ich weitergeben und mit in meinen Alltag nehmen. Mir immer wieder Orte und Zeiten suchen, in denen es still um mich wird. Und dadurch auch still in mir. Und die mir helfen mal nur zu reden, wenn es Sinn macht, nötig ist oder gut tut.

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„Wenn die Dame in Schwarz kommt, schick sie nicht weg, sondern setz Dich mit ihr an den Tisch und hör ihr gut zu was sie Dir zu sagen hat.“ Dieser Satz ist vom Psychoanalytiker C.G. Jung. Und mit der Dame in Schwarz hat er die Depression gemeint. Depression wird noch immer tabuisiert. Warum eigentlich? Weil sie ein Zeichen von Schwäche ist?  Oder weil es in unserer Leistungs- und Gute-Laune-Gesellschaft ein No Go ist, traurig, schwach und antriebslos zu sein? Rund 4 Millionen Menschen leiden laut Weltgesundheitsbehörde derzeit in Deutschland an diesem Seelenzustand. Depression gilt als Erkrankung der Seele. Ich würde sie anders nennen: ein Notsignal der Seele. Wenn eine Grenze überschritten worden ist. Durch einen Schicksalsschlag, durch eine Lebensveränderung oder durch eine zu lange Überforderung. Und mich die Seele ausbremst, mich zu dem Stillstand bringt, ja zwingt, der mich wieder ins Lot bringen soll. Dabei sind Medikamente hilfreich oder nötig. Gleichzeitig und noch viel mehr: Therapie. Heilsame Gespräche mit Fachleuten, die dabei helfen, die Dame in Schwarz an den Tisch zu lassen und ihr zuzuhören. In diesen Gesprächen geht es immer um offene, nicht verheilte seelische Wunden. Aufgerissen durch aktuelle Belastungen, Konflikte, Trennungen oder Tod. Wenn man sich aber genügend Zeit gibt sie zu beklagen, sie zu betrauern und letztlich auch zu bejahen, dann schließen sich diese Wunden. Mit der Zeit, die Wunden eben zum Heilen brauchen. In der auch die Dame in Schwarz irgendwann den Tisch verlässt. Und einen Menschen hinterlässt, der zwar dunkelste Dunkelheiten kennt, dessen Leben aber wieder hell geworden ist. Weil er den Mut hatte sich helfen zu lassen…

                                                                                                  

 

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Streit! Lange Zeit in meinem Leben habe ich Streit gehasst. Und ihn vermieden so lange es ging. Aber Streit gehört zum Leben, ab und zu muss er sein. Es ist aber nicht einfach gut zu streiten. Ich habe es selbst mühsam lernen müssen. Aber wie geht gut streiten? Ich hab mich in verschiedenen Büchern kundig gemacht und möchte zusammen mit meinen eigenen Erfahrungen ein paar der wichtigsten Streitregeln weitergeben. Zu allererst: keine Gewalt – weder körperlich noch seelisch. Denn beide Formen von Gewalt schlagen Wunden, die nur sehr schwer und sehr langsam heilen. Natürlich dürfen und sollen Gefühle raus und das was ärgert, nervt oder bedrückt soll auf den Tisch. Aber immer mit Respekt! Das heißt: keine Beleidigungen oder Drohungen. Dabei hilft „Ich“ sagen und nicht „Du“. Und nach der „VW-Regel“ vorgehen: Aus Vorwürfen Wünsche machen. Also nicht: „Du kommst immer so spät nach Hause“. Sondern: „Ich fände es schön, wenn Du mal früher nach Hause kämst“. Was beim Streiten schon gar nicht hilft sind Verallgemeinerungen wie „immer“ oder „nie“. Konkrete Beispiele sind da besser. Und ausreden lassen, nicht unterbrechen gehört auch zu den wichtigsten Streitregeln. Die dann zu einer höheren Stufe von Streitkultur führen können: Dem anderen wirklich zuhören und sich irgendwann sogar in seine Perspektive hineinversetzen. Was dann dem Schönsten am Streit schon ganz nahe ist: dem besseren Verständnis füreinander und vor allem: der Versöhnung!

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Wie fähig sind wir etwas Schönes wahrzunehmen, wenn es uns mitten im Alltag begegnet? Ein Experiment hat das untersucht. Es wurde gefilmt und zeigt folgendes: Am Eingang einer U-Bahn-Haltestelle in Washington DC spielt an einem verregneten Morgen ein Mann 45 Minuten lang auf einer Violine. Er spielt  sechs Stücke von Johann Sebastian Bach. Während dieser Zeit gehen etwa 1000 Menschen an ihm vorbei, die meisten auf dem Weg zur Arbeit. Nach etwa 3 Minuten bemerkt ein Passant die Musik. Für ein paar Momente verlangsamt er seinen Schritt, um dann schnell wieder seinen Weg zur Arbeit fortzusetzen. Vier Minuten später: Der Geiger erhält seinen ersten Dollar. Eine Frau wirft ihm das Geld in seinen Hut ohne ihr Tempo zu verringern. Sechs Minuten später: Ein junger Mann lehnt sich gegen die Wand um zuzuhören, dann schaut er auf seine Uhr und setzt seinen Weg fort. Zehn Minuten später: Ein dreijähriger Junge bleibt stehen, um dem Musiker zuzuhören, aber seine Mutter zieht ihn weiter. Nach 43 Minuten: 7 Menschen sind stehen geblieben und haben kurz zugehört. Ca. 20 gaben ihm Geld, seine Gesamteinnahmen lagen bei 32 Dollar. Nach einer dreiviertel Stunde beendet der Musiker seine Darbietung und es wird still. Niemand nimmt Notiz, niemand applaudiert. Niemand wusste es, aber der Musiker war Joshua Bell, einer der größten Musiker der Welt. Er spielte eines der schwierigsten Stücke die je geschrieben wurden, auf einer Violine im Wert von 3,5 Millionen Dollar. Auftraggeber dieses Experiments war die Zeitung Washington Post. Sie wollte ihren Lesern damit folgende Frage stellen: Wenn die meisten Menschen nicht einen Moment Zeit haben um anzuhalten und einem der besten Musiker der Welt zuzuhören, wie viel Schönes verpassen sie wohl sonst noch während sie durch ihr Leben hasten…?

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„Das Alter ist ein Aussichtsturm“. Na das ist doch mal eine schöne Sichtweise! Vom Schriftsteller Hans Kasper. Das Alter als Aussichts-plattform von der aus man weit sehen kann. Zurück auf die schweren und schönen Zeiten eines Lebens. Und nach vorn: auf das was noch bleibt. Es gibt so viele Vorstellungen von der letzten Lebensphase: Dass man weiser wird, alles ruhiger angehen lassen kann und selbstbestimmt leben. Aber auch Ängste: Dass man körperlich abbaut oder dement wird. Und was gibt es nicht alles für Vorsätze beim Gedanken ans Alter: endlich Dinge zu tun, die man vorher nicht tun konnte. Oder gerade auch Dinge zu lassen, die man bisher tun musste. Der irische Schriftsteller Jonathan Swift hat eine Liste erstellt mit seinen Vorsätzen fürs Alter. Diese Liste hat er mit 32 Jahren geschrieben und sie wurde erst nach seinem Tod in seinem Nachlass gefunden. Diese Liste ist aus dem Jahr 1699 und ich finde sie so zeitlos und amüsant, dass ich sie gern weitergeben möchte. Also, Swift schreibt: „Wenn ich alt bin möchte ich keine junge Frau heiraten. Ich möchte nicht die Gesellschaft der Jugend suchen, wenn sie nicht ausdrücklich danach verlangt. Möchte nicht mürrisch werden, verdrossen oder seltsam...Ich möchte nicht den immer gleichen Leuten die immer gleichen Geschichten erzählen. Nicht habgierig werden. Sitte, Anstand und Reinlichkeit nicht vernachlässigen um nicht widerwärtig zu werden. …Ich möchte nicht zu freimütig sein im Ratschlag, noch diejenigen belästigen, denen nicht daran gelegen ist. Ich möchte nicht verbohrt oder halsstarrig werden. Und mich nicht darauf einstellen, all diese Regeln auch zu beachten. Denn mir schwant, ich werde nicht eine einzige befolgen“…

Quelle:Lists 2.of 3.Note – Aufzeichnungen, die die Welt bedeuten. Hrsg. v. Shaun Usher, Heyne Verlag, München, 2015. S. 150.

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Entscheidungen müssen reifen. Leicht gesagt. Aber wie reifen Entscheidungen und wann ist der richtige Zeitpunkt für sie? Für wirklich große Entscheidungen, wie: Heiraten oder nicht. Diese Stelle nehmen oder eine andere. Sich operieren lassen oder nicht. Sich scheiden lassen oder es doch noch einmal versuchen. Kündigen oder dem Mitarbeiter noch eine Chance geben. Bei allen Entscheidungen muss ich auch scheiden, das heißt, mich von etwas trennen. Das macht Entscheidungen auch so schwer.. Entscheidung ist immer ein Risiko, ich kann mich auch falsch entscheiden. Darum ist es sinnvoll, vor einer Entscheidung alles gut zu bedenken und zu befühlen. Manchmal mach ich das auch im Gebet. Und wenn dann alles genügend hin und her bewegt ist, lege ich das Für und Wider vor Gott. Lasse es dort eine Weile liegen und dann erst entscheide ich.
Eine Anekdote fasst diesen Entscheidungsweg ganz gut in ein Bild: Ein Adlerjunges fragte: „Wann darf ich mein Futter endlich selbst jagen? Niemand fliegt im Sturzflug so wie ich, kein Tier ist sicher, wenn ich angebraust komme“ „Probier‘s und sage mir dann, was du erlebt hast“, antwortete der alte Adler. Wie ein Pfeil stürzte sich der junge Adler aus dem Nest, so wie er es bei den ausgewachsenen Adlern gesehen hatte. Die Flügel angelegt, die Krallen bereit zum Zupacken. Er sah Hasen und Murmeltiere, aber keines der Tiere konnte er erwischen. Müde und hungrig kehrte er zurück. „Ich habe nichts erlegt und doch habe ich es so gemacht wie ihr“, berichtete der junge Adler traurig. „Das stimmt“, sagte der alte und flog bedächtig in den blauen Himmel. „Aber du hast das Kreisen vergessen.“              

Quelle: „Wie das Krokodil zum Fliegen kam“ – 120 Geschichten, die das Leben verändern“ – herausgegeben von Katharina Lamprecht… 2016 Reinhardt – Verlag, München.

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Ach!“ – wie oft schon habe ich morgens die Bettdecke mit diesem Stoßseufzer zurückgeschlagen und mich aus den Kissen gekämpft. Ach! Dieser Seufzer ist ein archaisches Wörtchen – ein Urwort, das aus der Tiefe der Seele kommt und das wir alle kennen.Wenn wir unter einer Belastung stöhnen, wenn wir leiden oder mitleiden: „Ach je, ach du Armer!“ Wenn wir klagen oder uns ärgern, „Ach hätt’ ich doch..., ach wär’ ich doch...“ Aber auch wenn wir staunen: „Ach, das hätt’ ich nicht gedacht, ach wie schön!“  
Dieses Ach ist eines der menschlichsten Worte, die es gibt. Ein Ausruf, der gut tut. Weil ich mit ihm seufzen, stöhnen und klagen kann. Ein hörbarer Ausdruck meines Innenlebens. Für Dinge, die zwar nicht sichtbar sind, aber fühlbar. Und die so stark sind, dass sie weit über das hinausgehen, was beschreibbar ist und nur noch Klang und Atem sind. 
Oft ist das „ach“ das einzige, was ich bei einem Gebet spreche. Leise vor mich hin oder in mich hinein. Wenn ich müde bin oder mir die Worte fehlen. Wenn ich mich freue, mich ärgere, enttäuscht oder fassungslos bin: Ach! Dieses „ach“ ist meine kürzeste Botschaft an Gott. Aber dafür umso intensiver. Und irgendwie bin ich mir sicher, dass gerade sie auch bei Gott ankommt.

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