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SWR3 Gedanken

Aua! Schon wieder mit dem Fuß gegen einen Karton gestoßen. Seit wir vor zwei Jahren umgezogen sind, stehen die schon im Keller. Eigentlich wollte ich sie längst ausräumen und sortieren. Aber ich drücke mich vor der aufwändigen Aufräumaktion. Leider rächt sich das immer wieder, denn von alleine erledigt sich das nicht und so schiebe ich die Kartons seit Jahren von einer Ecke in die andere und stoße doch immer wieder dran.

So ist es irgendwie mit allen Dingen aus der Vergangenheit, um die ich mich nicht kümmere. Auch in meinem Inneren gibt es eine Art Keller, in dem ich verschiedene Dinge aus meiner Vergangenheit verstaut habe. Erinnerungen, Erfahrungen, Erlebnisse, Gefühle. Manche von denen, die mich belastet haben, habe ich einfach in die hinterste Ecke geschoben und beschlossen, mich irgendwann mal darum zu kümmern. Aber es ist wie mit den realen Kartons: Es erledigt sich nicht von allein und irgendwie stößt man immer wieder dran. So ein unerwarteter Zusammenprall mit einer unverarbeiteten Erfahrung kann ganz schön schmerzhaft sein. Genau genommen sind die meisten dieser verdrängten Dinge sehr schmerzhaft, deshalb habe ich sie ja in der hintersten Ecke verstaut. Aber auch emotionale Belastungen lassen sich nicht auf Dauer in seelischen Kartons verstauen. Irgendwann ist es einfach an der Zeit, aufzuräumen.

Wie bei den realen Kartons auch, muss ich meine seelischen Kartons früher oder später öffnen. Alleine oder notfalls auch mit einem Helfer. Und dann muss ich mich mit den Erfahrungen und Erinnerungen befassen. Mich mit ihnen auseinandersetzen. Nur dann kann ich sie sortieren und dafür sorgen, dass sie ihren richtigen Platz finden. Das ist aufwändig und anstrengend, oft auch schmerzhaft. Aber es ist die einzige Möglichkeit, wieder Ordnung in meinen seelischen Keller zu bringen. Und Ruhe in mein Leben.

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Nie wollte ich eine von den Müttern werden, die überall und ununterbrochen über Schwangerschaft und Kinder reden. Weil ich das unsensibel finde, gegenüber den Frauen, die vielleicht keine Kinder bekommen können oder keine wollen. Aber ich mache gerade eine bemerkenswerte Erfahrung, die mich dann doch über Schwangerschaft reden lässt: Seit ich schwanger bin, lerne ich die Menschen von einer ganz anderen Seite kennen. Denn mein Bauch scheint ein Wunderbauch zu sein. Er bringt Menschen zum Lächeln und Autofahrer zum Anhalten. Und im Bus stehen sogar schwerfällig-coole Teenager auf und bieten mir ihren Platz an. Einfach wunderbar, wie freundlich Menschen sein können.

Sehr besonders sind Blicke junger Mütter. Ein wissendes Lächeln. Eine seltsame, tiefe Verbundenheit mit einer völlig fremden Person. Aber auch kinderlose Frauen, ältere, jüngere und Männer allen Alters verhalten sich rücksichtsvoll und freundlich.

Natürlich nicht alle. Ich musste auch schon bissige Kommentare wegen der Schwangerschaft einstecken. Sprüche wie: „Tja, wenn man zu faul ist zum arbeiten, dann kriegt man halt mal schnell ein Kind!“ Aber das sind Ausnahmen, insgesamt ist die Hilfsbereitschaft und die Freundlichkeit der Menschen  überwältigend.

Und das bringt mich zu einer Frage, die mich seither nicht mehr los lässt: Warum ist das nicht immer so? Ja, ich verstehe schon, dass viele Menschen deshalb freundlich sind, weil sie Respekt vor dem so offensichtlich entstehenden Leben haben und sich mit darüber freuen. Vielleicht auch, weil sie wissen, dass eine Schwangerschaft körperlich belastend ist und in ihrer Freundlichkeit auch Rücksichtnahme steckt. All das ist ganz wunderbar. Aber was wäre, wenn Menschen immer so zueinander wären wie zu Schwangeren? Wie würde die Welt und das Leben dann aussehen? Eigentlich stammt doch jeder Mensch aus einem Wunderbauch. Und bleibt er nicht auch dann ein Wunder, wenn er raus ist aus dem Bauch? 

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„Es tut mir leid, ihr Kind hat Trisomie 21, das Down-Syndrom.“

Wie sie auf diese Auskunft des Arztes reagiert hat, weiß meine Bekannte selbst nicht mehr.

Bei einer Trisomie darf ein Kind auch nach der üblichen Frist noch abgetrieben werden.  Der medizinische Fortschritt bietet uns die Möglichkeit, Leiden zu verringern und Leben zu verlängern, aber auch die Möglichkeit, über das Ende eines Lebens zu entscheiden. Und genau vor diese schwierige Entscheidung sieht sich meine Bekannte gestellt.

Auf der einen Seite steht der sehr nachvollziehbare Wunsch nach Unkompliziertheit, uneingeschränktem Glück und unbeschwertem Leben. Die Angst vor einem Leben außerhalb der Norm, der Norm dessen was in unserer Gesellschaft eben als „normal“ gilt. Die verständliche Sorge um das behinderte Kind und die eigene, lebenslange Angebundenheit. Aus all diesen Gründen treiben auch 9 von 10 Frauen ein Kind mit der Diagnose Trisomie 21 ab.

Auf der anderen Seite steht schlicht die Liebe zu dem Ungeborenen. Und das Bedürfnis es zu schützen. Der Mut, sich nicht nach der Norm zu richten und die Andersartigkeit zu er-leben .

Meine Bekannte entscheidet sich gegen die Abtreibung und für das Kind. Ja, es wird anders aussehen als andere Kinder. Ja, es wird sich geistig niemals voll entwickeln und ein Leben lang auf Hilfe angewiesen sein. Ja, es wird einen Herzfehler haben. Das alles weiß sie schon nach wenigen Untersuchungen. Aber, so sagt sie, es ist ihr Kind. Es hat ein schlagendes Herz, einen Geist und wird fühlen, sehen, hüpfen und lachen können, ein Mensch sein.

Meine Bekannte will sich vorbereiten. Auf die mitleidigen oder vorwurfsvollen Blicke. Auf den Umgang mit der Behinderung. Auf Fragen, warum sie denn das Kind nicht abgetrieben habe.

Sie ist fest dazu entschlossen, ihrem Kind ein glückliches und erfülltes Leben zu ermöglichen.

„Weil Menschen eben nicht der Norm entsprechen, sondern glücklich sein sollen“, sagt sie.

„Weil das Leben eben nicht perfekt sein muss, sondern schön.“

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Eine 99jährige Frau mit einem acht Wochen alten Säugling auf dem Arm. Der Schnappschuss stammt von einem Familienfest. Das älteste und jüngste Familienmitglied, beide trennt fast ein Jahrhundert. Beide verbindet ein Lächeln.

Mich fasziniert dieses Bild. Zwei Menschen, so verschieden und doch so gleich. Die eine, gerade erst geboren, hat noch kaum eine Vergangenheit. Die andere, so traurig es auch ist, hat nicht mehr viel Zukunft, denn wenige Wochen nach der Aufnahme ist die alte Frau verstorben.

Für einen Moment überschneiden sich beide Leben. Wenige Wochen erleben beide auf dieser Welt. Alles davor hat das Baby nicht erlebt. Alles danach wird die alte Frau nicht mehr erleben.

Was ist ein Menschenleben? Nicht mehr als ein kleiner, zufälliger Ausschnitt im Lauf der Zeit? Ist ein Menschenleben wirklich so verschwindend klein und bedeutungslos?

Nein, ganz und gar nicht. Die Dauer eines Lebens mag im Verhältnis zur Weltgeschichte zwar kurz sein, aber ein erfülltes Leben ist niemals klein oder bedeutungslos. Im Gegenteil.

Das Gesicht der alten Frau auf dem Foto ist gezeichnet von Leben. Jede Falte erzählt von einem besonderen Erlebnis. Im Funkeln ihrer Augen sammeln sich tausend schöne Momente. Sie schaut nicht neidisch auf das kleine Wesen in ihrem Arm, sondern liebevoll. Als ob sie sich darüber freut, dass das Baby noch sein ganzes Leben vor sich hat, obwohl sie es selbst schon fast hinter sich hat.

Vielleicht hatte die alte Frau schon eine Ahnung, dass sie bald sterben würde. Denn am Tag des Fotos hat sie gesagt, sie habe keine Angst vor dem Tod. „Weißt“, hat sie gesagt, mit einem liebevollen Blick auf das Baby in ihrem Arm, „Wenn der Herrgott sowas Liebes und Zerbrechliches wie dich aus seinen Armen ins Leben lässt, dann wird er sowas Gebrechliches wie mich schon in seine Arme aufnehmen.“

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„Ich bin einfach zu alt, um wählerisch zu sein.“ Frustriert lässt sich meine Freundin auf mein Sofa plumpsen. Gerade hat sie ein Date mit einem Mann hinter sich, der leider gar nicht ihr Typ war. Nach dem Ende einer langjährigen Beziehung ist sie wieder Single.

„Mit 42 bin ich doch nur zweite Wahl“, klagt sie. „Und mit zwei Kindern sowieso ein Mängelexemplar. Ausschussware. Da darf ich nicht mehr wählerisch sein. Ich nehm jetzt einfach den Nächstbesten, der sich mit mir zufrieden gibt.“

Uff. Das klingt nach enormer Frustration. Es macht mich traurig, meine Freundin so zu hören. „Zweite Wahl“, „Mängelexemplar“, „Ausschussware“. Das sind alles fürchterliche Begriffe, die so ganz und gar nicht zu ihr passen. Sie ist eine wunderbare, sehr aktive und gut aussehende Frau, die Leben und Job als Alleinerziehende mit Bravour meistert. Vor der Energie, die sie aufbringt und den Opfern, die sie bringt, um ihren Kindern und sich ein angenehmes Leben ermöglichen zu können, habe ich den größten Respekt. Der Mann, der mit ihr eine Beziehung eingeht, kann sich glücklich schätzen. Aber meine Meinung hilft gar nichts, wenn sie sich selbst so schlecht fühlt. Ich kann nur eins tun: Sie wieder aufbauen und ermutigen, nach dem richtigen Mann zu suchen.

Zu alt, um wählerisch zu sein? Was für ein Unsinn. Ein Mängelexemplar wegen Kindern? Ich würde Kinder eher als Bonus bezeichnen. Den Nächstbesten nehmen, der sich zufrieden gibt? Nein, nur den Allerbesten, den sie auch verdient.

Obwohl ich ihre Frustration verstehen kann, kann und will ich nicht akzeptieren, dass meine Freundin sich so sieht.

Denn jeder Mensch hat Liebe verdient und nicht nur einen Kompromiss. Jeder Mensch hat das Recht Liebe zu erwarten. Nur muss man halt oft darauf warten. Und meistens kommt die Liebe gerade dann, wenn man sie eben nicht erwartet.

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Eine Todesanzeige, über die ich herzhaft lachen musste:

„Als die Kraft zu Ende ging, war`s kein Sterben,  es war Erlösung. Heute Morgen sind, nach kurzem Leiden, meine guten Vorsätze für 2018 unerwartet früh verstorben. In Liebe und Dankbarkeit nehmen wir Abschied.“

Im ersten Moment musste ich herzhaft lachen. Im zweiten fand ich es einfach nur makaber  und im dritten Moment wurde ich nachdenklich.

Ich kenne das. Jedes Jahresende mach ich eine lange Liste mit Vorsätzen für das neue Jahr, nur um dann Jahr Schritt für Schritt einen nach dem anderen zu brechen und mich zu fragen, warum ich mir immer wieder die Mühe mit der Liste mache.

Psychologen sagen, gute Vorsätze würden das Gefühl vermitteln, das Leben unter Kontrolle zu haben. Und das Gefühl allein genüge, damit es uns gut gehe.[1]

Tatsächlich ist es jedes Jahr wieder ein tolles Gefühl für mich, eine lange Liste all der Dinge zu erstellen, die ich in Zukunft verändern will. Die Liste komplett umzusetzen würde aber bedeuten, ein perfektes, vor allem aber auch sehr kontrolliertes Leben zu führen. Und da zeigt sich schon der Haken: Ich bin nicht perfekt, werde es nicht sein und - will es eigentlich auch nicht sein. Denn mal Hand aufs Herz: Was wären Menschen ohne die kleinen Macken, die sie so liebenswert machen?

Statistisch gesehen wird die Mehrheit der Vorsätze nach 3-4 Wochen gebrochen. Also ziemlich genau in diesen Tagen. Andererseits schaffen es erstaunliche 56% der deutschen Bevölkerung, einen Teil ihrer guten Vorsätze dauerhaft durchzuhalten.[2] Vermutlich sind das diejenigen, die sich auf die wesentlichen Veränderungen konzentrieren und zu ihren kleinen, unabänderlichen Macken einfach stehen.

Unterm Strich nehme ich für mich das mit: Ich will nur Dinge verändern, die wirklich wichtig sind. Und all die anderen Vorsätze? Ach, mögen sie in Frieden ruhen.



[1]            Vgl. https://www.welt.de/regionales/duesseldorf/article112248175/Warum-wir-die-guten-Vorsaetze-nicht-halten.html

[2]             Vgl. http://www.computerbild.de/artikel/cb-News-Sport-Gute-Vorsaetze-Deutschland-einhalten-Neujahr-14661527.html

https://www.kirche-im-swr.de/?m=25785

Zack! Absolute Dunkelheit. Stromausfall. Ausgerechnet jetzt befinde ich mich in der hintersten Ecke unseres Kellers bei den Saftkartons. Langsam taste ich mich vorwärts, stoße mich dabei immer wieder an Dingen, die ich nicht erkennen kann. Hilflos taste ich mich Richtung Tür. Unheimlich. Plötzlich ein Lichtschimmer. Mein Mann kommt mit einer Taschenlampe. Erleichtert erkenne ich, wo ich bin, was um mich herum ist und vor allem wo der richtige Weg zum Ausgang ist.

Dabei fällt mir ein Satz ein, den Jesus mal gesagt hat: „Ihr seid das Licht der Welt“.[1] Mit „Ihr“ meint Jesus dabei seine Freundinnen und Freunde. Bisher habe ich diesen Satz Jesu einfach so hingenommen. Aber jetzt, wo ich am eigenen Leib gespürt hab, wie wichtig das Licht ist, wenn man sich in absoluter Dunkelheit verloren und hilflos fühlt, wird mir plötzlich die tiefe Symbolik dieser Aussage bewusst. Und ich finde dieses Bild stark: Menschen die für andere ein Licht sind.

Dunkelheit im übertragenen Sinn, begegnet uns immer wieder im Leben. Besonders in Verlustsituationen. Bei Trauer, Liebeskummer, Abschied. Aber auch in anderen schweren Lebenssituationen, wenn sich ein Gefühl der Orientierungslosigkeit oder Hilflosigkeit breit macht und man allein keinen Ausweg mehr findet. Auch Depressionen lassen die Welt und das Leben dunkel erscheinen. In all diesen Situationen können Menschen einander ein Licht sein. 

Das kann zum Beispiel bedeuten, dass man die Trauer eines Menschen zulässt und mit ihm aushält, bis dieser wieder die schönen und hellen Seiten des Lebens sehen kann.

Dass man jemanden, der Liebeskummer hat, spüren lässt, dass man eine Ahnung hat, wie es ihm geht, und ihm Mut macht, bis sich sein Gemüt wieder aufhellt.

Oder einem Menschen, der gerade eine Depression hat hilft, sich an dem Gedanken festzuhalten, dass es auch für ihn wieder Licht im Leben gibt, auch wenn er es zur Zeit einfach nicht sehen kann.

 


[1]     Mt 5,14

https://www.kirche-im-swr.de/?m=25784