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SWR3 Gedanken

„Die Blätter fallen, fallen wie von weit als welkten in den Himmeln ferne Gärten…“

Ich liebe diese Zeilen von Rainer-Maria Rilke. Gerade jetzt in diesen grusegrauen Novembertagen, wo alle sich verkrümmeln. Teetasse, Kuscheldecke. Nur nicht raus müssen in die Herbststürme, den fiesen kalten Regen.

Aber gerade jetzt bewegt mich ein Gang über den Friedhof besonders. Schon früh flackern die Kerzenlichter auf den Grabsteinen. Blätter liegen im Gras und auf den Gräbern wie eine Decke. Verweht, welk, aber oft noch bunt.

Morgen ist Ewigkeitssonntag. In vielen Kirchen werden die Namen der Verstorbenen des vergangenen Jahres verlesen. Es kommen Leute zusammen, die jemand verloren haben, die trauern und nach Trost suchen, gemeinsam oder jeder ganz für sich.

Rilke findet dafür Worte und sagt:

„Wir alle fallen.
Diese Hand da fällt.
Und sieh dir andere an.
Es ist in allen.

Und doch ist Einer,
welcher dieses Fallen unendlich sanft
in seinen Händen hält.“

https://www.kirche-im-swr.de/?m=25378

Vor kurzem ging durch die Presse: ‚Jüdische Gemeinde in Mannheim redet nicht mehr Muslimen.‘
Gemeint war eine Entscheidung, die die Gemeindeversammlung getroffen hatte, keine offiziellen Einladungen von DITIB, dem größten Dachverband der Muslime in Deutschland, mehr anzunehmen oder auszusprechen. Weil in einer DITIB – Gemeinde antisemitische Äußerungen laut wurden.

Und sofort: Erste Seite! – Reden nicht mehr miteinander!! Dabei  hatte die jüdische Gemeinde  gleich erklärt, dass es ihr überhaupt nicht darum gehe,  in Mannheim den Kontakt abzubrechen, und dass es hier seit Jahren sehr gute Beziehungen gebe und daran auch festgehalten werden soll, aber sie erklärten auch, sie könnten diesen Antisemitismus nicht hinnehmen.

Der Vorstand der Jüdischen Gemeinde hat sich dann getroffen mit den Verantwortlichen der DITIB Gemeinde und auch mit Leuten vom DITIB-Vorstand aus Köln. Sie haben lange miteinander geredet.

Wie man das macht, wenn es in einer Beziehung Probleme gibt. Weil: Streit darf sein, wichtig ist, sich trotzdem zu begegnen! Auch wenn es in den letzten Monaten mit all den Auseinandersetzungen zwischen der Bundesregierung und der türkischen Regierung und den Konflikten in der türkischen community bei uns immer leichter wird, in Streit zu geraten und schwieriger aneinander festzuhalten.

Herausgekommen bei dem Gespräch ist eine Erklärung:

„Optimistisch und mit Vertrauen auf nachhaltige, freundschaftliche Beziehungen, gehen wir heute aus dem Gespräch. Wir haben beschlossen, im intensiven Dialog und gemeinsam wachsam im Engagement gegen Antisemitismus und Islamophobie zu bleiben und zu wirken.“

so weit die Erklärung. Ich finde, Vertrauen ist wohl das wichtigste: Vertrauen, dass auch und gerade, wenn es zu Konflikten kommt, es möglich ist, miteinander im Gespräch zu bleiben. Und etwas zu klären.
‚Jüdische Gemeinde redet mit Muslimen!‘ Das gehört für mich auf die erste Seite!

 

https://www.kirche-im-swr.de/?m=25377

Die Kollegen aus der Obdachlosentagesstätte melden sich:
„Gibt es irgendwo Unterhosen?“ Wir gucken amüsiert. Alle paar Wochen treffen wir uns: Leute, die in Mannheim  mit denen zu tun haben, die wohnsitzlos sind oder von Obdachlosigkeit bedroht. Streetworker, Leute von der Bahnhofsmission, Drogenberatung, Übernachtungsstätten. Pfarrerinnen, Sozialarbeiter und Sozialarbeiterinnen und Verwaltungsleute.

Ein harter Job: Die Leute, die auf der Straße leben, sind oft in einem sehr schlechten Zustand und es werden immer mehr. Also: „gibt es irgendwo Unterhosen?“ haken die Kollegen von der Obdachlosentagesstätte nochmal nach.

„Was denn für Unterhosen?“ „Wir hatten eine Spende. Die Leute haben gefragt, was wir besonders nötig brauchen. Da haben wir gesagt ‘Herren-Unterhosen’. Da haben die Spender das Gesicht verzogen und gefragt, ob es nicht auch etwas anderes sein könnte. Keiner will Unterhosen spenden.“
„Na ja, die will man vielleicht auch nicht gebraucht haben,“ wirft einer ein. „Wieso, die können doch auch Neue spenden.

Unsere Jungs haben einfach gar keine, es ist doch egal ob alt oder neu! Auch gebrauchte sind viel besser als nix!!“
Ich sage: „Vielleicht können wir einen Aufruf machen, dass Leute neue Unterhosen kaufen und die spenden. Am besten gleich auch noch solche für den Winter. Lange warme, für die kalten Nächte jetzt!“

„Wenn du das schaffst, die Leute zu überzeugen, dass sie Unterhosen spenden, dann…“
„Mal sehen: Das tägliche Brot und der Herrenschlüpfer, das versteht doch jeder…“Herrenschlüpfer für Obdachlose! Das hört sich so unerheblich an. Aber für die, die jetzt wieder frieren in den Nächten.

Für die, die schon lange nicht mehr wissen wo sie hingehören, die niemand haben, der zu ihnen gehört und niemand, der auf sie aufpasst, niemand der zuhört und niemand, der sie jemals in den Arm nimmt. Herrenschlüpfer – die sind für die da draußen, die Gestrandeten, Aussortierten, Verlorenen wie das tägliche Brot.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=25376

Ich weiß nicht wie es ihnen geht, aber ich habe keine Lust mit Maschinen zu reden. Ich weiß es dauert viel länger bis ich etwas eingetippt habe, als wenn ich einfach Sprachbefehle geben würde, damit mein Handy mich den gesuchten Weg lotst, oder eine Einkaufsliste aufnimmt. Wahrscheinlich bin ich antiquiert.

Aber es beunruhigt mich, mir vorzustellen, wie schnell es gehen kann, dass so vieles, was heute Menschen tun von künstlicher Intelligenz erledigt werden kann. Und noch viel mehr beunruhigt mich, was das für unsere Arbeitswelt bedeuten wird. Untersuchungen sagen 2030 wird es in manchen Bereichen 80% weniger Arbeitsplätze geben:

Zumindest die ganze Verwaltung in Versicherungen, die Beratung bei Banken. All das wird dann von Maschinen erledigt. Computergesteuerte Bahnen und Autos, Produktionsstätten, Operationen, Versorgungszentren – sogenannte KIs erledigen fast alles. Aber was passiert, wenn nur noch in solchen Jobs, bei denen es um die Versorgung von Menschen geht, wirklich Menschen nötig sind: In der Pflege Alter und Kranker und im Umgang mit Kindern.

Wenn künstliche Intelligenz von künstlicher Intelligenz lernt und wir immer die Dümmeren sind?
Wofür leben wir dann?
Was machen wir mit unserer Zeit?
Und wovon leben wir?
Was passiert mit all denen, die dann nichts mehr verdienen können?

Eine totale Alternative zu unserem bisherigen Lebensmodell von Arbeit und Einkommen wäre das bedingungslose Grundeinkommen:
Wenn Menschen nicht mehr arbeiten müssen. Und zugegeben nicht jede Arbeit ist kreativ und erfüllend – entsteht eine große Freiheit. Wozu wollen wir die nutzen? Gelingt es dafür zu sorgen, dass alle trotzdem genug haben: Wohnung und Essen und Bildung und dass dann erst recht alle etwas Sinnvolles tun?
Heute ist Buß- und Bettag, ein guter Tag um mit anderen Menschen darüber zu reden und nachzudenken!

https://www.kirche-im-swr.de/?m=25375

Ich geh mit meiner Nichte die Straße entlang. Der Bakhlavaladen lockt uns duftend herein. Ich nehme mal nur eins von den verführerischen Teilchen, sie zwei. „Einpacken?“ „Nein - Zum gleich essen!“ Auf einem Pappplättchen hübsch sortiert Pistazie, Walnuss.

Wir treten auf die belebte Straße, schieben uns genüsslich ein Teilchen in den Mund, sofort explodiert schmelzende Süße am Gaumen. Hmmm, wir grinsen uns an. Da schiebt sich eine bettelnde Hand zwischen uns. Eine Frau, schmal, viel zu dünn gekleidet für die Kälte. Ich geh vorbei.

Das Nichtenkind sieht mich an, vorwurfsvoll auch überrascht, wendet sich um, drei Schritte und verschenkt ihr zweites Teilchen. Sie strahlt, wie die Frau am Straßenrand. „Sankt Martin“ sag ich, „ist diese Woche“, weil sie mal wieder macht, was ich immer predige.

„Jaja ich weiß, der den Mantel mit dem Bettler teilt“ grinst sie. Das Strahlen weicht ihr nicht aus dem Gesicht. Das kommt nicht vom Bakhlava, ein selbstvergessener Glanz vom Glück der anderen…

https://www.kirche-im-swr.de/?m=25374

„Jamaica will sozialen Wohnungsbau fördern“ lese ich und denke:
Wird auch höchste Zeit! Aber wer weiß: Wie lange es dauert, bis das ankommt bei den Leuten, die derzeit suchen?

Die alleinstehende Mutter mit den zwei jugendlichen Kindern Wohnraum für 7,50 € den Quadratmeter steht ihr zu und 75 qm. Denn von ihrem kleinen Gehalt kann sie die Familie nicht alleine durchbringen. Oder der Student der mit dem Rentner in einer Schlange steht für das kleine günstige Einzimmerapartment. Immer wieder werden wir hier in der Kirche gefragt, ob wir nicht jemand der wohnsitzlos ist irgendwie helfen können!

In den 70ern und 80ern des letzten Jahrhunderts gab es viel sozialen Wohnungsbau. Da konnten Immobilienbesitzer staatliche Zuschüsse bekommen, wenn sie Häuser so sanierten, dass sie für Leute mit niedrigen Einkommen in Ordnung waren. Ließen neue Heizungen und Bäder installieren, Wasserleitungen neu machen, Wärmedämmung, doppeltverglaste Fenster. Nicht aufwendig, das wichtigste eben.

Staatliche Förderung gab es, wenn sich diese Hausbesitzer für 30 Jahre Mietpreisbindung festlegten, so dass diese Häuser bis in den Anfang der 2000er als günstiger Wohnraum vielen zur Verfügung standen. Aber die 30 Jahre sind nun für fast alle dieser Häuser vorbei. Deswegen werden in unseren Städten derzeit so viele Häuser saniert – luxussaniert.

Und es ist wieder hip, in den Städten zu wohnen. Da wo gestern noch eine vielköpfige Familie günstig wohnen konnte, ziehen jetzt Gutverdiener ein.
Das Gesicht der Städte verändert sich. Scheinbar zum Guten. Gentrifizierung nennt man das. Die Schattenseite ist, dass es immer mehr Leute gibt, die einfach keinen Wohnraum finden und die Städte sortieren sich immer stärker auseinander:

Die Reichen ins Zentrum – die Armen an den Stadtrand!
Das tut einer Gesellschaft nicht gut. Wenn die Armen aus dem Blick geraten.  Dann können andere leicht behaupten: Armut gibt es gar nicht und es wird noch weniger getan dafür, dass wieder alle einen Platz in der Mitte finden! Also bitte: sozialer Wohnungsbau in durchmischten Stadtteilen. Jetzt!

https://www.kirche-im-swr.de/?m=25373

Die meisten haben von Luther ja nun endlich und wirklich genug. Aber gerade habe ich noch was gelesen, das hat zumindest mich überrascht und auch gefreut. Reggie Williams, ein amerikanischer Freund, Afroamerikaner, hat zum Reformationsjubiläum eine Untersuchung gepostet:

Und da steht, dass die Reformation nicht nur ein europäisches Phänomen ist. Und zwar hatte Luther direkten Kontakt zur Kirche in Äthiopien, nach Afrika also, über einen Diakon: Michael.
Der wurde von den Reformern rund um Luther sehr geschätzt. Sie waren davon beeindruckt, dass in der Äthiopischen Kirche von Anfang an mehrere der reformatorischen selbstverständlich gültig waren:

Die Bibel war in die Landessprache übersetzt, damit jeder sie lesen und Gottes Wort selbst verstehen kann. Das Abendmahl wurde allen Gläubigen mit Wein und Brot gereicht. Und die Priester durften heiraten.

Und das, was Luther so gestört hat an der römischen Kirche, gab es dort nicht:
Den Ablass, also die Vorstellung, sich das Heil mit Geld kaufen zu können, die Ehe als Sakrament und die Vorrangstellung des Papstes in Rom.

Luther sah in der Äthiopischen Kirche die älteste Kirche außerhalb des Judentums und ging davon aus, dass hier das erste christliche Königreich existiert habe. Für Luther war deutlich, dass nicht nur in Europa, sondern eben auch in Afrika ein im Glauben brennendes Christentum lebendig war.

Er bewunderte die Treue der äthiopischen Kirche zu den Ursprüngen des Glaubens und sah sich durch sie bestärkt darin, dass seine Ideen biblische und historische Grundlagen hatten.

Also: die Welt lernt nicht erst durch Europa den Glauben an Gott und Jesus den Christus. Es macht Sinn, immer wieder über Grenzen hinauszusehen, um sich inspirieren zu lassen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=25372