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SWR3 Gedanken

Was machen Sie, wenn Sie Glück haben? Aber so richtig Glück. Mehr Glück als Verstand?
Vor kurzem ging mir das so. Es war Samstag. Ich stecke Wäsche in die Waschmaschine und fahre zum Baumarkt. Wieder zu Hause zurück höre ich, wie es im Keller rumpelt. Genauer gesagt: in der Waschmaschine. Normalerweise rumpelt meine Wäsche nicht. Also stoppe ich den Waschgang und ziehe den Rumpler aus der Trommel: mein neues I-phone. Es flimmert wie ein Herz vor dem Stillstand.

Beim Föhnen und frottieren merke ich: meine Tasche ist weg. Mit Geldbeutel, Führerschein, Personalausweis, Bankkarten, Mitgliedsausweisen, alles. Ich also zurück zum Baumarkt. An der Kasse: Nichts. Zwischen den Regalen. Nichts. Vielleicht kauft jemand schon auf meine Kosten hier ein! Vielleicht muss ich Urlaub nehmen, um alle Ausweise neu beantragen zu können!

Irgendwann lande ich bei der Frau am Infopoint. Die lässt mich minutiös meine Tasche beschreiben und reicht sie mir dann über die Theke. Mit allem drin. Als ich der Frau zitternd einen Geldschein reichen will, meint sie nur: „Beruhigen Sie sich, junge Frau, gehen Sie nach Hause. Alles gut!“

Zu Hause sacke ich auf einen Stuhl, hole tief Luft und denke: Das kann doch alles gar nicht wahr sein! So viel Glück gehabt! Mein Herz hüpft meine Seele sprudelt über vor Dankbarkeit. Und wohin jetzt damit? Mit meiner Dankbarkeit?

Die ist nämlich so groß, dass sie eigentlich nur im Himmel Platz hat. Danke Gott! Sage ich. Natürlich ist so eine Sache kein Beweis dafür, dass es Gott gibt. Und wenn es ihn gäbe, hätte er sicher in der Welt wichtiger Dinge zu tun, als meine Handtasche zurückzuholen. Trotzdem bin ich dankbar. Und ein Psalm verleiht meinem Gefühl Sprache. „Lobe den Herrn, meine Seele- und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.“

Übrigens- auch mein I-phone war am nächsten Tag wieder startklar. Kitschig aber wahr. Werde ich nie vergessen.

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Hier stehe ich, ich kann nicht anders, Gott helfe mir. Amen. Das sind wohl die berühmtesten Worte von Martin Luther. Gesprochen vor Kaiser und Papst auf dem Reichstag zu Worms. Seitdem steht er da- in Bronze und Stein und in Plastik. In Kirchen und auf Marktplätzen. Der standhafte Luther.

Dass er hierzulande noch einen Stand hat, haben wir in diesem Jahr gesehen und gefeiert. Mit Ausstellungen, Theaterstücken, Diskussionsforen, mit einem Luthermusical, einem Tanztheater und vielem anderen mehr. Am kommenden Dienstag geht das Reformationsjahr zu Ende und wir 500 Jahre Reformation.

Viele fragen jetzt: und- was hat uns das gebracht? Außer einem nationalen Feiertag mit nationalen Festakten und Gottesdiensten?

Ich glaube, es hat uns Martin Luther ein bisschen näher gebracht. Dem Mann mit der Standfestigkeit, die so viel in Bewegung gebracht hat. Mit diesem „hier stehe ich…“ hat sich Luther ja zum Staatsfeind Nummer 1 gemacht. Weil er ein überaus einträgliches Geschäftsmodell vermasselt hat. Eines, das es bis heute noch gibt.

Das Geschäftsmodell geht so: Mach den Leuten Angst. Rede ihnen ein, dass nur du ihre Angst nehmen kannst. Und dann verkaufe deine Idee. Du kannst ihnen auch sagen, dass sie hässlich sind und dass nur du sie wieder schön machen kannst. Du kannst ihnen sagen, dass sie Hab und Gut verlieren, wenn sie dir nicht folgen. Rede ihnen ein, dass du Gott bist. Der einzige, der ihnen helfen kann.

Gegen dieses Geschäftsmodell ist Luther aufgestanden. Und hat die Freiheit eines Christenmenschen ausgerufen. Wir sollen nicht so sein, wie Andere uns gerne hätten. Wir sollen so sein, wie Gott im Himmel uns gemeint und wofür er uns geschaffen hat. Und Gott wird uns durch unsere Ängste hindurch in die Freiheit der Kinder Gottes führen.

Dafür steht Martin Luther. Steht überall im Land auf unseren Marktplätzen. Zurecht.

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Seit ich Großmutter bin, zeige ich allen die Bilder meiner Enkel. Ob die wollen oder nicht. Und wehe, jemand findet sie nicht süß! Als ich wieder mal bei einer geselligen Runde Enkelbilder herumreiche, fragt mich ein junger russischer Musiker: Was ist der Unterschied zwischen einem Terroristen und einer Großmutter? Der Unterschied zwischen einem Terroristen und einer Großmutter? Komische Frage. Er grinst und sagt: „Der Unterschied ist: Mit einem Terroristen kann man verhandeln!“

Alle lachen und ich denke: gar nicht so verkehrt. Wenn es um das Wohl meiner Enkel geht, ist mit mir nicht zu verhandeln. Natürlich weil ich sie liebe. Und weil sie die Zukunft sind. Vielleicht auch deshalb, weil ich durch sie so viele Wunder erlebe. Wenn sie zum ersten Mal einen Käfer krabbeln sehen, wenn sie die ersten Schritte alleine tun. Wie ihre Menschenseele erwacht. So zart, so verletzlich. Als Mutter war ich oft so angespannt, dass ich das gar nicht so deutlich sehen konnte. Schlicht auch deshalb, weil mir vor Müdigkeit oft die Augen zugefallen sind.

Aber jetzt – als Großmutter sehe ich es viel deutlicher. Was Kinder wirklich brauchen. Es ist gar nicht so viel. Sie brauchen nur, dass wir sie wahrnehmen. Dass wir ihnen nährende Geschichten und Lieder mitgeben und ihnen eine intakte Natur hinterlassen. Das sehen übrigens viele Großeltern so.

Deshalb gibt es die Internetplattform „Fuer- unsere- enkel.org“. Da tun sich Großeltern zusammen mit ihren Beziehungen, Ressourcen und Kontakten. Und starten gemeinsame Aktionen gegen den Klimawandel und für eine ökologische, nachhaltige Wirtschaft. Eine Graswurzelbewegung von Leuten, mit denen nicht zu verhandeln ist. Weil es um die Zukunft ihrer Enkel geht.

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„Einischkeit und Rescht und Freiheit …“  ich höre sie immer noch singen, die beiden jungen Musiker. Es war beim diesjährigen Tag der Deutschen Einheit in Mainz. Wir saßen nebeneinander beim Festakt und haben der Rede des Bundespräsidenten gelauscht. Dann stehen alle auf und singen die deutsche Nationalhymne. Und während ich mir noch überlege, wie ich das grade finde, höre ich die beiden neben mir laut mitsingen- mit deutlich hessischem Akzent: „Einischkeit und Rescht und Freiheit für das deutsche Vaterland…“

Ganz fröhlich und unverkrampft singen sie das. Dabei sind sie gar keine Deutschen. Sie sind Israelis. Aufgewachsen in Jerusalem. Ihre Eltern sind nach Israel ausgewandert, weil die Generation der Großeltern fast alle umgekommen sind in Auschwitz, Birkenau und all den anderen furchtbaren Lagern.

Und jetzt singen sie die jungen Israeli die deutsche Nationalhymne. Warum? Hab ich sie gefragt. „Weil der Bundespräsident uns versteht.“ Haben sie gesagt. „Wir haben zwei Heimaten. Eine in Israel. Und eine hier, im Rhein-Maingebiet. Wir lieben die jüdische Kultur und Tradition unserer Eltern. Und wir lieben die rheinhessische Lebensart. Wir bewundern eure Gewissenhaftigkeit und Lebensfreude. Und ja- wir würden auch gern in Deutschland leben.“

Mich hat das sehr berührt und ich empfinde es als ein großes Geschenk. Das Vertrauen, das die beiden jungen Israeli uns Deutschen entgegenbringen. Dass sie einen Schlussstrich unter die Vergangenheit ziehen und mit uns etwas Neues aufbauen wollen. Mit Einigkeit und Recht und Freiheit.

Die gilt ja nicht nur für uns, die wir einen deutschen Pass haben. Sondern für alle, die mit uns in diesem Land leben und arbeiten. Ich hoffe sehr, dass wir ihr Vertrauen nie wieder enttäuschen.

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Der liebe Gott ist ein alter Mann mit Rauschebart und wohnt im Himmel. Das Gerücht hält sich leider hartnäckig. Aber es stimmt nicht.
Gott hat keinen Rauschebart, Gott hat eine Glatze. Und er wohnt auch nicht im Himmel, sondern in Atlanta. Als ich ihn gesehen habe, war ich tief berührt. Wie er ein Baby in den Armen hält. Es hin und herwiegt, über den Kopf streichelt und dazu singt. Was will ein alter Mann, sichtlich über die 70 mit einem Baby? Habe ich mich gefragt.

Aber- er will gar nichts. Ist einfach da. Hält das Kind in den Armen, streichelt es und singt so zärtlich, wie seine alte, verknarzte Männerstimme das vermag: „You are my sunshine, my only sunshine.“ Zweimal die Woche macht er das. Seit 12 Jahren. Besucht Babies, die ihre ersten Lebenswochen oder sogar –Monate im Krankenhaus verbringen müssen. Ohne Mutter und Vater. Weil die zu weit weg wohnen, weil sie zu arm sind, um täglich bei ihrem Kind im Krankenhaus sein zu können.

Gestreichelt und gehalten werden- für Babies in den ersten Lebenswochen ist das überlebenswichtig. Deshalb ist er da. David Deutchmann, der Baby Buddy, der professionelle Snuggler- also „Baby Kuschler“. Unter seinen Händen hören die Babies auf zu schreien, entspannen sich, schlafen besser, nehmen an Gewicht zu. Die Krankenschwestern messen das nach und bestätigen es.

„Warum machst du das bloß?“ wird er oft von seinen Freunden gefragt. Die ihre alten Tage lieber in ihrer Rentnergemütlichkeit verbringen. Denen sagt David Deutchmann: „Ihr habt keine Ahnung, wie groß das ist, was ich erlebe! Manchmal pinkeln mich die Babies an, manchmal spucken sie Milch über meinen Pullover. Aber es ist der beste Job, den ich je hatte.“
Ja, ich glaube, der liebe Gott ist ein alter Mann mit Glatze. Und er singt: „You are my sunshine, my only sunshine.“

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Husten, Schnupfen, Fiebergrippe- jetzt im Herbst kann man sich wieder mit allerhand Krankheiten anstecken. Und nicht nur damit. Auch schlechte Laune, schlechte Manieren und unflätige Sprache sind hochgradig ansteckend. Am besten, man macht einen großen Bogen darum.

Man kann sich aber nicht nur mit Krankheiten anstecken. Auch Gesundheit ist ansteckend. Ja, die gibt’s nämlich auch! Und viele tragen sie in sich. Leute, die einem am zB. am Morgen mit einem Lächeln begrüßen. Sehr ansteckend, das Lächeln. Oder die, die einem die Tür aufhalten, einen Platz im Bus freimachen. Oder den Kinderwagen die Treppe runtertragen. Sehr schwierig, da noch muffelig zu bleiben. Und ganz schlimm: Leute, die lauthals lachen. Im Bus, im Büro. Schier unmöglich, sich vom Gelächter nicht anstecken zu lassen.

Aber es geht noch krasser. Im Herbst 1989 zB. , als in Leipzig tausende auf die Straße gegangen sind und demonstriert haben, als russische Panzer schon in Stellung waren, als die Welt den Atem angehalten hat. Da hat die Polizei Demonstranten zusammengeknüppelt und weggekarrt. Aber die Gewalt war nicht ansteckend.  

Warum? Weil alle gerufen haben: Keine Gewalt! Keine Gewalt! Der Politiker Rainer Eppelmann war damals mittendrin und er hat zu mir gesagt: „Keine Jewalt! Det war wie ne ansteckende Jesundheit!“ 

So eine Gesundheit wünsche ich mir öfter. Keiner hat sie für sich allein. Man hat sie gemeinsam. Wird von ihr ergriffen und inspiriert. Die Bibel nennt es den „Heiligen Geist“. Ein Spirit, der gesund macht.

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Unglücklich verliebt! So nennt man das wohl, wenn man jemanden liebt. Und der oder die liebt einen nicht zurück. Als ich mal unglücklich verliebt war, sagte meine Freundin: „Vergiss den Kerl, der ist deine Liebe einfach nicht wert!“ Das hat mir geholfen. Erstmal. Aber weh hat es trotzdem getan. Und ich hab mich schon auch gefragt, was ich wohl an mir habe. Fehlt mir was? Bin ich’s nicht wert? Nun, ich hab es überstanden.

Und heute denke ich: es gehört zum Größten, wenn man lieben kann. Auch dann, wenn man nicht zurückgeliebt wird. Eltern können das. Wenn ihre Kinder stachelig werden und sie unmöglich und einfach nur peinlich finden. Manche Eheleute können das. Auch dann, wenn ihr Partner vor lauter Stress und Arbeit gar nicht mehr weiß, wie sich Liebe anfühlt. Alte Menschen können das. Wenn ihr langjähriger Weggefährte langsam ins Vergessen versinkt. Und sie ihn trotzdem noch lieben. Weiterlieben. Für zwei lieben. Nicht weil sie müssen. Weil sie es wollen.

Man muss nicht unglücklich sein, wenn man auch dann noch liebt, wenn man nicht zurückgeliebt wird. Für mich ist es die größte Liebe, die ich kenne. Von Gott heißt es, dass er die Menschen liebt, auch wenn er nicht zurückgeliebt wird. Gott liebt für zwei. Liebt bedingungslos. Und natürlich tut das auch weh.
Ich glaube aber, dass solche Liebe die Welt heller macht.  Wer sie in sich trägt, leuchtet auch. Wie ein Wesen von einem anderen Stern.

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