Alle Beiträge

Die Texte unserer Radiosendungen in den Programmen des SWR können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
Klicken Sie unten die gewünschte Sendung an.


SWR3 Gedanken

Frieden in Israel? Für mich derzeit fast nicht vorstellbar. Das, was in diesem Sommer auf dem Tempelberg in Jerusalem passiert ist, lässt dieses Wort `Frieden´ für mich noch weiter weg rücken.

Umso erstaunter und begeisterter bin ich von diesem Projekt. In Jerusalem gibt es den Jerusalem Youth Chorus. Ein Chor, in dem Jugendliche aus Jerusalem gemeinsam singen. Eigentlich nichts Besonderes. Aber es sind Christen, Muslime und Juden, die sich jede Woche treffen, um gemeinsam Musik zu machen.

Micah Hendler hat den Jerusalem Youth Chorus gegründet. Der Chor ist sein persönlicher Beitrag zum Frieden. Micah ist selbst Jude und hat in den USA an vielen Friedenscamps zwischen Palästinensern und Israelis teilgenommen. Er ist überzeugt davon, dass sich die Menschen überhaupt nicht kennen. Deshalb entstehen völlig falsche Vorstellungen über den jeweils anderen. So wird der Teufelskreis von Konflikten und Kriegen nie durchbrochen. Micahs Leidenschaft ist die Musik, das Singen und so bringt er jugendliche Christen, Muslime und Juden aus Ost- und Westjerusalem zusammen.

Die jungen Leute sind begeistert. Wenn sie auch am Anfang immer sehr skeptisch sind. Vor allem ihr Umfeld, ihre Familien reagieren komisch auf den Chor oder sind klar dagegen.

Um Ängste und Vorurteile abzubauen, gibt es neben dem Singen Diskussionsrunden.

Das Wichtigste aber bleibt die Musik. Wenn die Jugendlichen gemeinsam singen, geht es nicht darum, welche Religion sie haben, woher sie kommen oder welche Sprache sie sprechen. Ihre gemeinsame Sprache heißt Musik.

Dass der Friedens-Ansatz des besonderen Chores voll aufgeht, bringt die 18-jährige Zoey auf den Punkt: „Ungelogen: In diesem Chor habe ich die besten Freunde meines Lebens kennengelernt.“

https://www.kirche-im-swr.de/?m=24919

Auf Klartext-trauer.de lese ich das hier: „Omi, ich vermiss dich so sehr. Warum musstet du uns so früh verlassen, ich wollte noch so viel mit dir erleben.“

Klartext! ist ein Projekt für Jugendliche die trauern. Es ist entstanden, weil viele Jugendliche nicht wissen, wohin mit ihrer Trauer wenn z.B. die Schwester, der Bruder, oder ein Elternteil gestorben ist. Alle um sie rum sind selbst so betroffen, dass die jungen Leute nicht wissen, wohin. Genau dafür ist Klartext! da. Anonym und kostenlos können sie am Telefon, im Chat oder per Email alles sagen oder schreiben, was sie belastet.
Die Trauer wird deshalb nicht weniger. Aber die Jugendlichen merken, dass sie nicht alleine sind. Dass es andere gibt, die auch tieftraurig sind und die Verstorbenen nicht vergessen. Es ist ganz egal, wann sich jemand bei Klartext! meldet. Wie dieser Eintrag in der Gedenkecke auf der Homepage zeigt: „Lieber Papa, nach nun fast 5 Jahren ohne dich, wird die Trauer einfach nicht weniger. Du hast für uns Jahre lang gegen den Krebs gekämpft, doch am Schluss war er stärker wie wir alle. Ich vermisse dich sehr und von Tag zu Tag wird es schwieriger. Du fehlst hier einfach! Wir werden dich niemals vergessen! Du lebst in unseren Herzen weiter.“

Bei Klartext! darf das alles sein. Und es sind ausgebildete Leute da, die zuhören und - wenn die Jugendlichen es wollen - Hilfe und Tipps geben, das Leben auch mit der Trauer zu leben.

 

[Mehr Infos auf www.klartext-trauer.de.]

https://www.kirche-im-swr.de/?m=24918

Fotoalbum weiter machen, putzen, Emails checken - das ist nicht meine To-do-Liste.
Das ist meine neue Entdeckung: Fotoalbum weiter machen, putzen, Emails checken - das steht auf meiner Let-it-be-Liste, also auf meiner Lass-es-sein-Liste.

Der Zeitforscher Jonas Geißler hat diese Listen ins Spiel gebracht. Er sagt, dass es für Menschen wichtig ist, viel mehr Sachen nicht zu machen. Zeit zu verschwenden. Und dadurch ein entspannteres Verhältnis zur eigenen Zeit zu bekommen.

Mich spricht das voll an. Ich bin genau diejenige, die tausend Sachen im Kopf hat, die noch erledigt werden müssen. Und dafür habe ich nicht nur eine To-do-Liste, sondern mindestens drei. Eine im Handy, eine auf dem Küchentisch und eine im Kalender. Am Ende bin ich nur gestresst. Weil ich sehe, was ich alles nicht geschafft habe.

Jetzt führe ich also eine Let-it-be-Liste. Das ist zwar im Moment noch eine Liste mehr, aber es lohnt sich für mich. Ich gucke mir meine To-do-Listen an und streiche, was ich heute nicht mache. Das kommt dann auf die Let-it-be-Liste.
Manchmal fällt mir auch zwischendurch ein, was ich noch machen müsste. Wenn ich im nächsten Moment denke: „Vielleicht auch nicht.“, dann kommt es auf die Let-it-be-Liste. Und ich mache das dann wirklich nicht.
Zu entscheiden, was rausfliegt, ist ganz schön schwierig. Aber ich versuche konsequent zu sein.

Meine neue Liste gefällt mir sehr. Sie entspannt mich. Ich habe tatsächlich mehr Zeit. Das Gefühl hatte ich schon lange nicht mehr. Ich hab es mir auch gar nicht erlaubt.
Ich verschwende jetzt endlich mal wieder Zeit. Und freue mich jeden Tag darüber.  

https://www.kirche-im-swr.de/?m=24917

Meine Tochter Mathilde ist auf einem Kindergeburtstag eingeladen. Ich habe die Eltern vorher gefragt, worüber sich das Mädchen freuen würde. Die Antwort: „Ach, wir haben da so eine Wunschbox im Spielwarenladen in der Stadt. Da findet ihr bestimmt was.“

Ich hab von so einer Wunschbox noch nie was gehört und gehe also los um ein kleines Geburtstagsgeschenk zu besorgen. Und dann bin ich einigermaßen verwundert. In diese Box packen Geburtstagskinder alles aus dem Laden, was sie gerne hätten. Dann können alle, die was schenken wollen in das Geschäft gehen und aus der Box was aussuchen. Das ist wie der Hochzeitstisch bei Brautpaaren.

Geworben wird für diese Idee mit solchen Sätzen wie: „Du feierst bald eine große Geburtstagsparty und Deine Gäste sollen die richtigen Geschenke mitbringen über die du dich besonders freuen wirst?“

Die richtigen Geschenke und besonders freuen. Genau das finde ich an diesen Wunschboxen schwierig.

Die Kinder können ja nur enttäuscht sein, wenn jemand nichts aus der Box schenkt. Und es fällt ihnen wahrscheinlich viel schwerer wertzuschätzen, wenn jemand sich viele Gedanken macht und was Eigenes schenkt. Außerdem ist der Überraschungseffekt völlig weg.

Für mich passt das überhaupt nicht zum Sinn des Schenkens: ich will dem anderen eine Freude machen. Und ich überlege mir genau, wem ich was schenke. Es soll ja zu ihr oder zu ihm passen. Dabei ist es ganz egal, ob es groß oder klein, teuer oder günstig, selbstgemacht oder gekauft ist. Es soll persönlich sein.

Mathilde und ich haben deshalb nichts aus der Wunschbox geschenkt. Wir wissen, dass ihre Freundin Tiere liebt. Sie hat ein Buch mit allen möglichen Tierarten bekommen. Mathilde hat das auch. Und es gefällt Ihr besonders. Ihrer Freundin - Gott sei Dank - auch.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=24916

Wir sind mit den Kindern im Zug unterwegs und unser anderthalbjähriger Sohn Clemens ist auf Achse und krempelt den ganzen Waggon um. Hoch, runter, über die Sitze, ans Fenster und wieder zurück.

Mittenrein in seinen Tatendrang dann diese Stimme: „Heißt du Clemens? Das ist aber schön. Wo bist du denn?“ Die Dame sitzt direkt im Sitz vor Clemens. Sie dreht sich um und streckt ihre Hand hin. Erst jetzt sehen wir an ihren Augen, dass sie blind ist. Die Dame spricht ganz ruhig und freundlich weiter mit dem Kleinen. Wir sind still und halten uns raus, selbst gespannt, was jetzt passiert. Clemens ist nämlich normalerweise in solchen Momenten eher schüchtern. Und mit Leuten, die er nicht kennt, wird er nicht so schnell warm.

Aber jetzt schaut er die Dame an, lächelt und legt ganz sachte seine kleine Hand in die der Frau. Mir ist, als müsste die Zeit still stehen. Ein toller Moment.

Diesen Moment lang sind die beiden verbunden - dann muss es auch schon weitergehen und Clemens entdeckt einen LED-Streifen unter dem Sitz.

Das war wirklich besonders für mich. Kinder sind einfach klasse. Clemens scheint irgendwie gespürt zu haben, dass die Dame seine Hand braucht, um ihn zu sehen. Und er hat nicht erst abgewogen, was sie wohl will, wer sie ist und was sie macht. Nein, Kinder entscheiden aus dem Bauch.

Dieses Gespür für Menschen, das Kinder so selbstverständlich haben, das wünsche ich mir auch. Dann könnte es viel mehr solcher Augenblicke geben: ganz vertrauensvoll und echt.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=24915

Christian ist Elektriker und hat einen eigenen Betrieb. Seit ein paar Wochen macht Tarik aus Afghanistan ein Praktikum bei ihm in der Firma.

Jetzt gerade ist Tarik mit seinem Kollegen Marc bei einem Kunden im Haus und verkabelt den Neubau. Christians Handy bimmelt - eine WhatsApp vom Hausbesitzer. „Sieh zu, dass der Flüchtling aus meinem Haus kommt.“

Wie bitte? Christian kann es erst mal gar nicht glauben. Wirklich, da steht: „Sieh zu, dass der Flüchtling aus meinem Haus kommt.“

Christian ruft sofort bei den Jungs an. Er sagt nicht viel, nur: „Raus da. Und nicht erst fertig arbeiten, einfach abhauen jetzt.“

Christian ärgert sich maßlos. Er erfährt später, dass die Frau des Kunden schon als Marc und Tarik zur Tür reingekommen sind, komisch reagiert hat. „Marc, du bist dafür verantwortlich, wenn hier nachher was fehlt.“ Dann hat sie also ihrem Mann Bescheid gesagt und der hat sich bei Christian gemeldet. Per WhatsApp. Er hatte nicht mal den Mumm anzurufen. Schnell so eine Nachricht zu tippen, ist einfacher.

Es will mir einfach nicht in den Kopf, wie man so denken kann. Es zählt überhaupt nicht, wer Tarik ist, dass er Mensch ist. Dass er arbeitet und mit seinem Kollegen einen guten Job macht. Was für diese Leute zählt ist, dass er anders aussieht, anders spricht und nicht von hier kommt. So einer kommt mir nicht ins Haus.

Ich bin ehrlich entsetzt. Und ich bin so froh über jeden Menschen wie Christian. Der Leuten eine Chance gibt und sich freut, wenn er neue Mitarbeiter hat. Der „herzlich Willkommen“ nicht nur sagt, sondern auch lebt.

Und der sich von Kunden nicht diktieren lässt, wer bei ihm einen guten Job macht. Dieser Kunde jedenfalls kann sich einen anderen Elektriker suchen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=24914

Sommerurlaub in Südtirol. Ein herrlich sonniger Tag im romantischen Dorf Völs am Schlern. Ich laufe über den Friedhof.

Egal wo ich hingucke, überall die schönen und üppig verzierten schmiedeeisernen Kreuze mit Bildern der Verstorbenen. Mittendrin dann aber was ganz anderes. Auf dem Grab einer jungen Frau steht ein ganz schlichtes geradliniges Kreuz. Erst als ich davor stehe, sehe ich, dass die Vorderseite verspiegelt ist. Da stehe ich also und sehe mich im Kreuz selbst.

Ich bin total fasziniert von diesem Kreuz. Es erinnert mich daran, dass ich irgendwann sterben werde. Ob ich will oder nicht, der Tod kommt auf jeden Fall am Ende meines Lebens.

Auf der anderen Seite ist dieses verspiegelte Kreuz für mich ein Zeichen von Hoffnung. Denn ich glaube daran, dass es nach dem Tod weitergeht. Ich habe keine Ahnung wie, aber ich bin sicher, dass es gut weitergeht. Und dass Gott dabei eine Rolle spielt.

Dass ich mich in diesem Kreuz auf dem Friedhof selbst sehe, heißt für mich auch, dass ich es bin, die weiterlebt. Auch hier weiß ich natürlich nicht, in welcher Form. Aber dass es mich weiter gibt, das glaube ich.

Und noch was kommt dazu: das verspiegelte Kreuz hat mir mal wieder deutlich gesagt, dass ich keine Ahnung habe, wann es vorbei ist. Ich will mein Leben genießen. Am besten jede Sekunde.

Ich hab mich in diesem Kreuz selbst gesehen. Das war ein wichtiger Blick für mich. Ich bin es nämlich, die lebt, stirbt und dann auch weiterlebt.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=24913