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SWR3 Gedanken

Es gibt eine ganz fiese Turnübung an den Ringen. Da brauchst du einfach nur Kraft. Sie heißt „Kreuzhang“ und ist auch als „Christus“ bekannt. Ein Trainer hat mal darüber gesagt: „Man könnte angesichts des Schweregrads fast katholisch werden, aber keine Angst: die Übung ist auch für Atheisten geeignet.“

Die Übung geht so: Man stützt sich mit den Armen auf die frei baumelnden Ringe – schon das ist nur was für Spezialisten. Dann spreizt man die Arme seitlich ab, möglichst rechtwinklig, bis man dahängt wie Jesus am Kreuz. Deshalb auch der Name „Kreuzhang“.

Als Seelsorger bin ich oft bei Menschen, die gerade wie im „Kreuzhang“ dahängen. Menschen, die unheimlich viel Kraft brauchen, um weiterleben zu können: trauernde Menschen, kranke Menschen, Menschen in schwierigen Situationen. Von denen höre ich immer wieder den Satz: „Ich bin so froh, dass ich meinen Glauben habe.“

Einige schätzen die Gemeinschaft der Glaubenden, mit der sie verbunden sind. Die Gewissheit, dass es viele andere gibt, die das gleiche glauben, und die auch füreinander beten.

Für andere ist die Hoffnung ganz wichtig, dass es nach dem Tod noch etwas gibt, dass es weitergeht. Und dass das dann auch etwas mit dem Leben hier und jetzt zu tun haben wird. Das ich zum Beispiel liebe Menschen wiedersehen werde.

Es heißt ja: „Glauben versetzt Berge“. Das heißt nicht, dass wenn ich nur genug daran glaube, dass ich den Kreuzhang dann schon irgendwie schaffen werde. Aber es könnte heißen: wenn ich mit den konventionellen Mitteln am Ende bin, dann kann der Glaube neue Kraft geben und vielleicht weiterhelfen.

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Es gibt eine neue App, die heißt „Andere Orte“. Dort lassen sich auf einer interaktiven Landkarte Orte finden, die etwas Besonderes sind. Sie sind jeweils mit kleinen farbigen Markern gekennzeichnet.

Mit lila sind Aussichts-Orte markiert. Mary hat den Hausberg von Furtwangen, den „Brend“ eingetragen und fragt sich: „Zieht es mich auf den Brend, weil ich mich nach Weite sehne? Oder weil ich das Gefühl habe, manchmal die Übersicht zu verlieren? Da oben geht´s mir jedenfalls gut. Die schier endlose Weite macht mein Herz frei.“

Hellblau sind Zufluchts-Orte gekennzeichnet. Elisabeth hat den Weihwasserbrunnen im Stift Neuburg bei Heidelberg eingetragen. Sie schreibt dazu: „Wann immer ich eine Auszeit vom Lernstress oder privaten Streitereien brauche, dann komme ich hierher und finde Ruhe. Hier kann ich mich auf das Wesentliche fokussieren. Stille, die nur vom leisen Plätschern des Weihwasserbrunnens durchbrochen wird.“

Orte, die Orientierung oder Einsicht bieten, sind orange. Ulrike hat eine Terrasse oberhalb von Stuttgart markiert und schreibt: „Unter mir wuselt die Stadt – und hinter jedem Menschen steckt eine Lebensgeschichte. Für einen Moment bin ich Beobachterin des Geschehens aus der Distanz. An diesem Ort freue ich mich, Teil des großen Ganzen zu sein.“

Und wie sieht meine innere Landkarte aus? An welchem Ort erlebe ich Freiheit? Wo fühle ich mich geborgen? Wo kann ich am besten zur Ruhe kommen oder ins Staunen? Wo hole ich mir Kraft oder wo kann ich gut über mich nachdenken? Schön, wenn es solche Orte gibt. Und wenn nicht, vielleicht kann ich mir ein bisschen Inspiration holen. Auf AndereOrte.de

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Ich bin mit meinem Sohn im Kinderturnen gewesen. Und da hab ich wieder das Kind im Manne entdeckt. Vor allem das Trampolin hat es mir angetan. Was da für Sprünge möglich sind – Wahnsinn! Erst als ich ein paar böse Kinderblicke im Rücken gespürt habe, bin ich nach vorne abgeflogen, mitten auf die  Weichmatte.

Das Trampolin steht für mich für pure Lebensfreude. Denn Freude möchte einfach immer nach oben. Deshalb werfen wir die Arme in die Luft, egal ob in der Achterbahn oder beim Tor der Lieblingsmannschaft. Freude zieht nach oben. Das sieht man sogar an den Mundwinkeln.

Für mich ist Freude etwas Himmlisches. Und wenn ich mich so richtig freue, dann ist das, wie wenn ich durchs Schlüsselloch ins Himmelreich spicken darf. Ich stelle mir vor, dass dort pure Freude ist.

Aber hier auf der Erde regiert ja bekanntlich die Schwerkraft. Die erdet uns immer wieder, manchmal mehr als uns lieb ist. Jeder Freudensprung ist eben auch wieder mit dem Fallen, mit dem Aufkommen verbunden. Und das ist nicht nur beim Trampolin so. Nach jedem Urlaub wartet zu Hause der Berg von Wäsche und der Berg Arbeit. Und nach jeder Party muss aufgeräumt werden.

Ein kleiner Trost: Wenn es die Schwerkraft nicht gäbe, dann wäre auch das Trampolin witzlos. Das Auf und Ab macht es ja gerade aus. Erst die Schwerkraft überlisten, und dann sich der Schwerkraft hingeben. Aber ohne die vielen Aufs wären die Abs nicht zu ertragen. Oder anders gesagt: Ich kann viele miese Momente im Leben verkraften, wenn ich mich ab und zu richtig freuen darf.

Und deshalb genieße ich sie besonders: Die schönen Momente im Leben, wenn ich ganz oben bin – wenn auch nur für kurze Zeit.

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Mensch, war ich auf einmal verunsichert! Ich war mit dem Motorrad unterwegs und habe gemerkt, dass der Tacho spinnt. Er hat dauernd total seltsame Geschwindigkeiten angezeigt. Naja, es gibt wichtigere Dinge als eine korrekte Geschwindigkeit, habe ich mir eingeredet. Aber da hat das Gedankenkarussell schon angefangen sich zu drehen: Was nun wenn andere Instrumente auch nicht funktionieren? Die Tankanzeige zum Beispiel? Vielleicht bin ich schon mit dem letzten Tropfen unterwegs? Oder die Uhrzeit – bin ich überhaupt noch pünktlich?

„Ein Gedankenkarussell kann nur aufhören, wenn du es stoppst.“ Das hat mir mal eine Ordensschwester gesagt, und das ist mir dann wieder eingefallen. Ich hab´s gestoppt, indem ich mich darauf besonnen habe, was ich selbst wahrnehmen kann. Worauf ich mich verlassen kann. Die Geschwindigkeit zum Beispiel  kann ein Biker auch am Sound erkennen. Und dann habe ich kurz überlegt, wann ich das letzte Mal tanken war. Ja, müsste noch was drin sein. Bald war mir klar, dass wirklich nur der Tacho falsch läuft.

Bei dieser Fahrt ist mir eines aufgegangen: Ab und zu ist es gut mich zu vergewissern, wie ich gerade unterwegs bin – nicht nur beim Motorradfahren. Ist mein Lebenstempo ok, oder geht gerade alles viel zu schnell? Gibt es genügend Pausen zum Durchschnaufen: Urlaub oder freie Wochenenden? Habe ich noch genug Energie für die nächste Etappe? Wenn nein, wo hol ich sie mir? Und auf wen und was kann ich mich noch wirklich verlassen? Hoffentlich auf meine eigenen Erfahrungen, auf meinen gesunden Menschenverstand.
Tja, auf was man nicht alles kommen kann – nur weil mal der Tacho spinnt…

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Wer Lust hat, mit mir eine Runde wie der Heilige Dominikus zu beten, der sollte jetzt ein bisschen Platz um sich herum schaffen, aber auch in sich drin. Inzwischen sage ich kurz, um was es geht.

Heute ist der Gedenktag des Heiligen Dominikus, weil er heute vor fast 850 Jahren Geburtstag hatte. Dominikus hat viel gebetet. Und weil´s beim Beten manchmal etwas verkopft zugeht, hat Dominikus den Körper mit eingesetzt. Schon im Jahr 1280 ist ein Buch mit kleinen Bildchen erschienen, das heißt „Wie Dominikus mit dem Körper gebetet hat“.

Also, los geht´s: Das erste Bildchen zeigt Dominikus, wie er sich tief verneigt. Also gerade stehen und dann den Oberkörper weit nach unten beugen. Wenn ich so gekrümmt da stehe, und es zwickt im Kreuz und im Bauch, da spüre ich auf einmal die Sehnsucht mich einfach fallen zu lassen. Vielleicht ist das sogar die Sehnsucht meines Lebens: mich einfach fallen lassen, allen Druck von mir nehmen. Und sicher sein, dass mich jemand auffängt, dass es ein starker Arm schon irgendwie regeln wird.

Auf dem nächsten Bildchen liegt Dominikus flach ausgestreckt auf dem Boden. Das können Sie jetzt auch machen. Von der vorigen Übung her sind sie sowieso schon fast unten. Immer wenn ich das mache, könnte ich fast ein bisschen wegdösen, wenn es da unten nicht so hart wäre. Mir gehen die durch den Kopf, die immer so schlafen müssen. Die, die ganz unten sind, auf denen herum getrampelt wird. Ich weiß, dass ich kaum was daran ändern kann, aber beten kann ich für sie.

Die letzte Gebetshaltung für heute Morgen ist die unauffälligste. Sie heißt „vor Gott sitzen und schweigen“. Körperlich kein Problem, aber für den Geist äußerst knifflig: ruhig werden und an rein gar nichts denken. Probieren Sie´s aus. Und sie werden sich wundern, was sie dann alles hören werden!

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Jesus hat gerade sein Jünger-Team zusammengestellt und die ersten paar Wunder hinter sich. Ein aufsteigender Stern am Promihimmel von Galiläa. Die Menschen möchten ihn einfach sehen und hören. Und er sorgt überall für volle Hütten.

Auch heute predigt er wieder in einem Privathaus. Die Menschen drängen sich bis vor die Tür auf die Straße. Schlechte Karten für den gelähmten Elias – da kommt er nicht rein. Aber es war eh nicht seine Idee, hierher zu kommen. Seine vier besten Kumpels wollten es so. Und die lassen auch nicht locker. Sie tragen Elias auf einer Trage und steuern jetzt den Hinterhof an. Von dort führt ein Treppchen rauf auf die Dachterrasse. Oh Mann, die Zielstrebigkeit der vier macht Elias fast ein bisschen Angst. Jetzt fangen sie auch noch an, das Dach abzudecken und die Decke durchzuschlagen.

Von unten schauen sie schon böse, aber ein bisschen gespannt sind sie auch: was das wohl wird? Und plötzlich wird durch das Loch in der Decke eine Trage an vier Seilen runtergelassen. Das ist doch der gelähmte Elias, der da drauf liegt. Er landet ziemlich direkt vor Jesus´ Füßen. Jesus ist tief beeindruckt vom Glauben der vier Freunde da oben. Schließlich sagt er zu Elias: „Steh auf, nimm deine Trage und geh nach Hause!“

Das ist eine Geschichte darüber, worauf ich im Leben bauen kann, auf was ich mich verlassen kann: Meine Familie oder meinen Glauben oder meine Freunde. Für Elias ist klar wer ihn trägt: Das sind seine vier Freunde. Sie gehen mit ihm durch dick und dünn und sogar durch eine Decke.

Und dann braucht es wohl was Neues. Dann hilft ihm Jesus weiter. Der verordnet Elias, dass er sein Schicksal – also seine Trage – ab sofort selbst in die Hand nehmen muss. Und tatsächlich: gestärkt durch seine Freunde und Jesus steht Elias auf, nimmt seine Trage und marschiert durch die fassungslose Menge davon.

 

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Einen besonderen Moment erkennt man heute daran, dass alle sofort ihr Smartphone zücken. Egal ob bei Rockkonzerten, oder wenn der Kindergarten ein Märchen aufführt. Ich bin in solchen Situationen hin- und hergerissen. Den Moment mit einem Foto festhalten, oder lieber mit allen Sinnen?

Genau vor diesem Problem steht auch Petrus. Jesus hat ihn auf einen Berg mitgenommen. Und jetzt sieht Petrus, wie Jesus auf einmal zu leuchten beginnt wie die Sonne. Dann erscheinen neben Jesus auch noch zwei längst verstorbene Top-Promis: Mose und der Prophet Elija. Ein richtig großer Moment! Hätte Petrus ein Smartphone dabei, würde er bestimmt draufhalten. Hat er aber nicht. Und deshalb sagt er: „Moment Jesus, ich werde euch drei Hütten bauen. Für jeden eine.“ Hütten bauen ist das Fotografieren der Antike: versuchen, einen Moment festzuhalten. Aber Hütten bauen dauert länger, und so kommt Petrus gar nicht mehr dazu. Schon ruft eine Stimme aus dem Off: „Das ist mein geliebter Sohn!“. Und dann ist der Spuk auch schon vorbei.

Das ist die Geschichte zum heutigen Fest „Verklärung des Herrn“. Sie soll zeigen, dass Jesus glänzt wie der Himmel und wie die Berühmtheiten neben ihm, dass er wirklich göttlich ist. Aber das lässt sich nicht festhalten und beweisen. Und das hat Petrus zu spüren bekommen.

Ich kenne solche speziellen Momente auch. Alle Versuche, sie auf einem Foto festzuhalten, scheitern regelmäßig. Wie viel schlechte Mond- oder Wolkenfotos habe ich schon gemacht, obwohl es mich live fast umgehauen hat. Wie nichtssagend ist das Bild mit den Kumpels im Klettergarten – dabei war es so cool.

Ich finde, die besten Momente sind einfach nicht zum Festhalten oder fürs Fotoalbum gemacht. Sondern man muss sie live erleben und ungefiltert aufsaugen.

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