Alle Beiträge

Die Texte unserer Radiosendungen in den Programmen des SWR können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
Klicken Sie unten die gewünschte Sendung an.


SWR3 Gedanken

Oasen in der Wüste – das sind Orte, an denen man Wasser finden kann und Nahrung, kühlen Schatten in sengender Hitze, Schutz und manchmal sogar Rettung in größter Not. Ich liebe Oasen. Für mich sind das aber nicht nur diese Wasserstellen mit Palmen drum herum. Meist weit weg. Ich finde Oasen auch bei mir zu Hause. Wenn ich abends mit einem guten Freund reden kann, am alten, verschrammten Küchentisch, mit einem Glas Wein in der Hand. Oase ist, wenn ich mein Herz ausschütten darf. Oase, das war auch dieser wunderschöne Nachmittag am Meer. Als wir mit den Kindern unbeschwert rumgealbert haben.

Jede Begegnung mit einem lieben Menschen kann zur Oase werden. Oder einfach ein paar ruhige Minuten für mich allein, vielleicht in einer kühlen Kirche, nur Gott und ich im Gespräch. Oasen können aber auch Erinnerungen sein, an etwas, was gelungen ist. An eine wichtige Entscheidung zum Beispiel, die ich treffen musste, obwohl ich mir gar nicht sicher war, was ich tun soll.

Und wenn ich heute merke, diese Entscheidung damals, die war genau richtig – dann ist das auch wie eine Oase. Weil es mir Kraft und Mut gibt, meinen Weg weiterzugehen. Auch dann,  wenn er sich wie eine Wüstenwanderung anfühlt. Oasen kann ich überall finden. Und immer wieder. Mitten im Leben. Wenn ich die Augen offen halte. Auf der Suche nach einem Ort, der mir Schutz bietet. Nach einer Begegnung, die mich stärkt. Nach einem Gespräch, das mich rettet. Und manchmal finden die Oasen auch mich: Denn Gott schickt immer wieder Engel in diese Wüste. Männer, Frauen, Kinder, die wissen, wo die nächste Oase ist - und die helfen, damit man sie auch sicher erreicht.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=24734

Finns Opa ist gestorben. Ganz plötzlich. Oder auch nicht. Opa war schon alt. „184 Jahre!“ sagt Finn und heult laut auf. Naja, 84 Jahre ist eher richtig. Opa ist zwar alt geworden. Aber für Finn ist er viel zu früh gestorben. Keiner konnte so gut Geschichten erzählen und Hoppe Reiter spielen wie er.

Finns Mama weint jetzt auch. Wischt sich verstohlen ihre Tränen weg. Opa ist jetzt im Himmel, beim lieben Gott, erklärt sie Finn. Der macht große Augen. „Kann Opa jetzt fliegen? Oben im Himmel, da muss man doch fliegen können!“

Jetzt ist Finn ganz aufgeregt. Stellt sich vor, wie der Opa im Himmel fliegt. „Ja, vielleicht kann er jetzt fliegen, antwortet seine Mutter, wer weiß?“-„Coool!“ raunt Finn, für einen Moment vergisst er seine Tränen. Aber dann wird er zornig. „Der doofe Gott! Opa ist noch nie geflogen, der weiß doch gar nicht wie das geht!“

Dabei rutscht Finn vom Schoß seiner Mutter und guckt suchend nach oben, in den Himmel. Als könnte sein Opa jeden Moment da runterfallen. Seine Mama zieht Finn wieder zu sich. „Weißt Du, das ist so. Wenn etwas schrecklich neu ist, und man nicht weiß, wie es geht, dann nimmt Gott einen an die Hand. Und hält sie solange fest, bist man sicher ist, dass es geht. Und ich glaube, so macht Gott das jetzt auch mit Opa.“

Finn staunt. Und denkt nach. So hat sein Papa es auch mit ihm gemacht, als er Rollschuhfahren gelernt hat. Genau so. Finn strahlt. „Dann, sagt er, dann halte ich jetzt auch Deine Hand, Mama. Weil Du doch auch noch nicht weißt, wie das jetzt geht – so ganz ohne Opa.“

https://www.kirche-im-swr.de/?m=24733

„Rosige-Vergangenheits-Verzerrung“ -  über dieses Wortmonster bin ich vor kurzem gestolpert. Rosige-Vergangenheits-Verzerrung. So nennen Wissenschaftler das, wenn man die Vergangenheit besser findet als die Gegenwart. „Früher war alles besser“ -  Ach ja, die guten alten Zeiten!

Denen trauern übrigens auch die nach, die den Brexit wollten, einen Donald Trump oder die AfD. Sie wollen es einfach wieder wie früher haben. Wo alles noch nicht so kompliziert war. Und wo einer allen gesagt hat, wo es langgeht...

Die Wissenschaftler aber nennen das „Rosige-Vergangenheits-Verzerrung“. Weil man dabei einfach die schlechten Erfahrungen vergisst. Aus dem Buch der Geschichte werden die dunklen Kapitel einfach rausgerissen. Und der Rest wird rosa verklärt. Rosige-Vergangenheits-Verzerrung. Gibt’s im Politischen und im Privaten.

Aber alles, was geschieht, hat seine Zeit. Und was mich betrifft: Ich mag meine Vergangenheit. Und zwar auch die, die wirklich nicht so rosig war. Erfahrungen, auf die ich gut auch hätte verzichten können. Aber sie gehören nun mal zu meiner Geschichte. Und haben mich geprägt. Mir ist es wichtig, die Erinnerung daran wach zu halten.

Denn sie bewahrt mich davor, Fehler der Vergangenheit zu wiederholen. Und sie erinnert mich an das, was ich gelernt habe. Das würde ich so mancher politischen Partei auch wünschen. Dass sie sich an Fehler der Vergangenheit erinnert. Da war nämlich nicht alles besser. Von der Vergangenheit gibt’s viel zu lernen. Und erst wenn wir das tun, und die dunklen Zeiten auch als solche stehen lassen können, haben wir den Ausblick auf rosige Zeiten in der Zukunft.

 

https://www.kirche-im-swr.de/?m=24732


Völlig versunken sitzt sie da. Die Zungenspitze zwischen den Lippen. Volle Konzentration. Sie baut ein Haus. Aus einem alten Schuhkarton. Buntes Papier wird zur Tapete, ein Stoffrest, hübsch geblümt, zum Teppich. Klopapierrolle und Bierdeckel ergeben buntbemalt einen ganz ordentlichen Tisch. Jetzt nur noch schnell ein Bettchen bauen, dann kann die Puppe einziehen!

Wenn meine Tochter spielt, dann gibt es nichts anderes mehr auf der Welt. Dann kann ich sie rufen, so lange ich will. Dann kann sein was will. Dann muss das erst zu Ende gemacht werden. „Rettet das Spiel!“ meint der Hirnforscher Gerald Hüther.

Und ich finde, er hat recht. Meine Tochter steckt mich immer wieder mit ihren Ideen an. Mit ihr zu spielen ist großartig. Und dafür bin ich ihr dankbar. Auch wenn ich manchmal gar keine Lust zum Spielen habe. Und sie lange drängeln muss, bis sie mich dazu rumkriegt.

Menschen spielen, so lange es sie gibt. Hätten wir nicht gespielt, meint Gerald Hüther, wir wären nicht in der Lage gewesen, all das zu erfinden und zu entdecken, was uns heute so selbstverständlich vorkommt.

Denn spielend probieren wir unserer Talente und Potentiale aus und entwickeln sie weiter. Lässt man uns spielen, dann lernen wir spielend einfach, uns in der Welt zu Recht zu finden. So wie meine Tochter. Erstaunlich, wie fingerfertig sie ist, wenn sie ihr Schuhkarton-Haus baut. Wie sie sich das alles im Kopf vorstellen kann, bevor sie es macht. Wie sie in einer Klopapierrolle und einem Bierdeckel einen Tisch erkennen kann.

Deshalb sagt Gerald Hüther: Rettet das Spiel! Und werdet dabei ruhig wie die Kinder:
Ich kenne Leute, die spielen und basteln und erfinden ihr ganzes Leben was Neues. Sitzen ganz versunken da, Zungenspitze zwischen den Lippen. Und man darf sie auf gar keinen Fall dabei stören. Beim Spielen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=24731

Was haben die Filme „Lawrence von Arabien“, „Ben Hur“, der „Englische Patient“, oder „Stargate“ gemeinsam? Sie spielen alle in der Wüste. Und erzählen von einsamen Helden, von Sehnsucht und Liebesglück, von Verbannung und Heimkehren. Es sind dramatische Geschichten in der Wüste. Eine Wüste ist nämlich die perfekte Kulisse dafür. Unendlich weit. Atemberaubend schön, manchmal voller Einsamkeit und Gefahr. In der Wüste wird man auf sich selbst zurückgeworfen. Und kommt oft anders aus ihr heraus als man einmal in sie hineingegangen ist.

Eine filmreife Geschichte ist auch die vom Propheten Elia. Der hat sich mit dem herrschenden Königshaus angelegt. Als sich der Machtstreit zuspitzt, flieht er in die Wüste Negev. Allein, ausgebrannt. Der einst so siegreiche Kämpfer und anerkannte Prophet, verkriecht sich unter einem Wacholderstrauch. Und beschließt: Es reicht jetzt. Ich will nicht mehr. Die Wüste um ihn herum und die Wüste in ihm werden eins.
Aber dann kommt es anders. Ein Mann taucht auf und kümmert sich um Elia. Bringt ihm Brot und Wasser. Bleibt bei ihm. Bis er wieder Kraft hat - in den Beinen und in der Seele.

So ist das mit den Wüstenerfahrungen: Tod und Rettung liegen dicht nebeneinander. Und manchmal schickt Gott einen Engel, erzählt die biblische Geschichte. Und der gibt seinen Kämpfer vor dem Herrn nicht verloren. Gibt ihm einen neuen Auftrag. Nichts ist mehr, wie es mal war.

Unendlich weit. Atemberaubend schön, manchmal auch voller Einsamkeit und Gefahr. Das Leben ist manchmal wie eine Wüstenwanderung. Und wer mutig vorangeht, dem begegnet bisweilen vielleicht sogar ein Engel... Wie sagte schon Lawrence von Arabien: „Wer in die Wüste geht und wiederkehrt, ist nicht mehr derselbe!"

https://www.kirche-im-swr.de/?m=24730

Was ist Ihr Lieblingsplatz? So jetzt mitten im Sommer? Am Ufer eines Sees, leicht versteckt unter alten Bäumen, deren Äste schön ins Wasser tauchen? Oder auf einem Stein, mitten in einem klaren Fluss, mit bestem Blick auf die Fische und Käfer, die sich im Wasser tummeln? Oder im Garten, auf einem angerosteten, altmodischen Stuhl, ringsum alles Grün. Nichts zu hören außer dem Summen von Bienen und Hummeln. Und Blätter, die im Wind rauschen.

Ich liebe es, im Sommer draußen zu sein. Der Himmel ist mein Zelt, das Gras wärmt mir die nackten Fußsohlen. Das tut so gut. Einfach da sein dürfen. Und genießen.

„In der Natur fühlen wir uns so wohl, weil sie kein Urteil über uns hat“ – hat der Philosoph Friedrich Nietzsche einmal gesagt.

Und ich finde, er hat Recht. Die Natur beurteilt mich nicht. Sie vergleicht mich nicht mit Anderen, nimmt kein Maß, um mir zu vermitteln: du bist zu klein, zu dick, du kannst es nicht. Die Natur hat kein Urteil, sie sagt nicht: Du bist zu langsam – mach schneller! Du siehst unmöglich aus – zieh dich anständig an. Oder: Du verdienst zu wenig – streng dich mehr an.

Die Natur ist jedes Jahr aufs Neue mein schönstes Sommererlebnis. Eben weil sie kein Urteil hat. Und davon versuche ich dann etwas in meinen Alltag hinüber zu retten: Ich versuche, nicht vorschnell über andere zu urteilen. Fair zu sein. Anderen immer erstmal eine Chance zu geben. Und vor allem versuche ich, andere und mich nicht ständig zu vergleichen.

Sondern einfach da zu sein. Und den Augenblick zu genießen – das tut so gut. Wie heißt es in der Bibel: „Und Gott sah alles an, was er gemacht hatte – und siehe, es war alles ohne Unterschied sehr gut.“

https://www.kirche-im-swr.de/?m=24729

Schon früh am Morgen fängt sie an. Schnell das Frühstück für den Vater hinstellen. Das Brot bloß nicht zu hart. Dann wird er ärgerlich. Nach dem Tod der Mutter hat sie die meisten Aufgaben übernommen. Essen kochen. Wäsche waschen. Hof fegen. Wenn der Vater ruft, läuft sie los. Das war schon immer so. Und wird wohl immer so sein. Einmal hat sie geträumt, von dem Jungen auf der anderen Seite der Straße... wie es wäre, ein eigenes Leben zu haben... Aber das steht ihr nicht zu. Nie sagt sie, was sie wirklich denkt. Nie nimmt sie sich, was sie braucht. Wen interessiert das?

Einmal wird sie wütend deswegen. Schmeißt den Krug auf den Boden, dass es scheppert. Aber Wut steht ihr auch nicht zu. Erschrocken zieht sie die Schultern ein, macht sich ganz klein. Macht sich immer ganz klein. Erst ist ihr Hals ganz steif. Irgendwann verkrampften ihre Schultern und ihr Rücken wird krumm. Bis sie sich nicht mehr gerade aufrichten kann.

Die Nachbarjungs zeigen mit dem Finger auf sie, wenn sie vorbeischlurft. Jahrelang schleppt sie sich so durch den Tag. Doch dann, auf dem Markt beim Einkaufen, spricht jemand sie an. Einfach so. Will wissen, wer sie ist. Fragt sie nach ihrem Rücken. Legt vorsichtig die Hand darauf. Und macht sich nicht lustig.

Ermuntert sie zu erzählen. Er will wissen, was sie denkt. Was sie braucht. Und er macht ihr Mut. Mut sich zu wehren. Wütend zu sein, wenn jemand sie übergeht. Wenn sie nicht zu ihren Wünschen steht. Und zu ihren Träumen und Sehnsüchten. Und zum ersten Mal in ihrem Leben fühlt sie: da gibt es Jemanden, der sieht mich. Das war für sie der Anfang einer neuen Geschichte. Und zwar die Geschichte von Jesus und der gekrümmten Frau. So steht sie in der Bibel. Aber wer weiß, vielleicht passiert sie ja auch heute immer wieder...?

https://www.kirche-im-swr.de/?m=24728