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SWR3 Gedanken

In wenigen Tagen werde ich meine Arbeitsstelle wechseln und umziehen. Viele Worte haben mich zum Abschied erreicht – mündlich, per WhatsApp, Telefon oder E-Mail. Zum Beispiel die von Andrea. Sie schreibt:

„Nicht, dass keine Wolke Deinen Weg überschatte, (…) nicht, dass Du niemals Schmerz empfinden solltest. Nein, das wünsche ich Dir nicht.“, schreibt sie. „Mein Wunsch für Dich lautet: Dass Du tapfer bist in den Stunden der Prüfung, wenn andere Kreuze auf Deine Schultern legen, (…) Dass jede Gabe, die Gott Dir schenkt, mit Dir wachse, und (…) Dass Du in jeder Stunde der Freude und des Schmerzes die Nähe Gottes spürst. (…)“

Was für ein Segen – hab ich mir gedacht, als ich diese Worte gelesen habe.

„Ich liebe den Text sehr!“, hat Andrea mir verraten und mir erklärt, dass sie mir diese Worte gerne mitgeben möchte, von Frau zu Frau quasi. Sie hat diese Wünsche selbst einmal von einer Freundin geschickt bekommen und sie haben ihr Kraft gegeben in schweren Zeiten.

Ich glaube, genau solche liebevollen Worte und Wünsche sind es, die mich durch schwierige Zeiten tragen können. Ich bin Andrea und den vielen anderen Menschen, die mir geschrieben haben, sehr dankbar. Durch sie alle habe ich Gottes Nähe auch in dieser Zeit des Abschieds gespürt.  

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In Resis Wohnung gibt es immer Neues zu entdecken. So liebevoll hat sie ihr zu Hause eingerichtet. Als ich durch ihre Wohnung streife, entdecke ich ein Buch. „Das kleine Buch der Antworten“ heißt es. „Darf ich da mal rein gucken?“, frag ich Resi und nehme es in die Hand. Resi schaut zur Tür rein. „Klar!“, meint sie und lacht. „Bevor du es auf aufschlägst, musst du dir aber eine Frage überlegen! Eine Ja-Nein-Frage! Dann musst du dich fest auf die Frage konzentrieren und mit den Fingern langsam über die Buchseiten fahren. Wenn der richtige Zeitpunkt da ist, öffne das Buch! – Tada! Schon hast du die Antwort auf deine Frage!“, erklärt sie und verschwindet in die Küche.

Jetzt bin ich ganz allein mit diesem Buch. Ich schließe die Augen und denke scharf nach, über das, was ich wissen will. Ich habs! „Ist die Arbeitsstelle, für die ich mich bewerbe, die richtige?“ Ich streife mit den Fingern übers Buch und schlag es auf. „Mach dir keine Sorgen!“– lese ich. Ich bin sofort begeistert und wiederhole den Vorgang. Diesmal mit einer absurden Frage: „Passt das neue Kleid zu meine hellen Schuhe?“ – „Trau deiner Intuition!“ – heißt es jetzt. Okay – denk ich mir… Eine noch: „Werde ich meinen Vortrag nächste Woche erfolgreich über die Bühne bringen?“ – „lach drüber!“, bekomm ich jetzt zur Antwort.

Resi kommt aus der Küche: „Und?“, will sie wissen. Ich grinse. „Cool, gell, ich hab das Buch vom Flohmarkt und es bringt mich oft zum Lachen! Du kannst alle möglichen Fragen stellen – du kriegst immer eine Antwort!“

Immer eine Antwort kriegen – das find ich super. Ich bin so hin und weg von dem Buch, dass ich die ganze Zugfahrt nach Hause über das Buch und meine Fragen nachdenke. Und ich stelle fest: Antworten auf meine Fragen gibt mir das Buch gar nicht! Zumindest keine konkreten.

Es will mich ermutigen: Meinem Bauchgefühl zu trauen, das Herz sprechen zu lassen, gelassener zu werden und die kleinen und großen Herausforderungen des Lebens anzupacken.


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„Ein Optimist ist ein Mensch, der alles halb so schlimm oder doppelt gut findet.“ „Ein Pessimist ist ein Mensch, der sich über schlechte Erfahrungen freut, weil sie ihm Recht geben.“ Das hat der Schauspieler Heinz Rühmann mal gesagt. Das ist für ihn der Unterschied zwischen Optimisten und Pessimisten. Mich hat der Satz an meine Freunde Hannah und Jan erinnert.

Die beiden wollen zusammen ziehen. Eine Wohnung in der Stadt soll es sein. Gar nicht so einfach, findet Jan. Und er bekommt Recht: Hannah und Jan kassieren eine Wohnungs-Absage nach der anderen. Jan ist wütend: „Ich habs dir doch gesagt, dass es nichts wird!“. Er hat nämlich noch nie auf Anhieb eine Wohnung gefunden und weiß deshalb, wo der Hase langläuft. Hanna sieht die Sache gelassen: „Ach, hat doch bisher immer geklappt!“ Das macht Jan noch wütender, weil Hannah den Ernst der Lage nicht wahrhaben will.

Ob ein Kind später Mal als Optimist oder Pessimist durchs Leben geht, entscheidet oft schon das Elternhaus, sagt eine finnische Studie. Das heißt aber nicht, dass das für immer so bleiben muss. Wenn er will, kann Jan lernen, künftig optimistischer zu denken. Zum Beispiel so: Die Erfahrung, dass er bisher immer eine Wohnung gefunden hat, kann ihn sicher sein lassen, dass es auch diesmal irgendwann klappt.  

Schön, dass er Hannah hat, die ihn immer wieder herausfordert, das Ganze mal anders zu betrachten. Und andersrum ist Jan mit seiner Art für Hannah auch eine echte Hilfe. Dann, wenn es darum geht mit dem Lernen anzufangen, um nicht durch die Prüfung zu rasseln. Jan weiß nämlich, dass es sonst knapp werden kann.

Die Situation von Hannah und Jan zeigt (mir): Egal um welche Situationen im Leben es geht: Es kommt auf die (richtige) Mischung von Optimismus und Pessimismus an. Schön, wenn man Leute an seiner Seite hat, die diese Mischung ausmachen.


 

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Gut gelaunt komme ich zur Arbeit und freu mich riesig, als ich in meinem Fach einen handgeschriebenen Brief entdecke. Als ich ihn öffne bin ich geschockt und muss mich erstmal setzen. Mein erster anonymer Brief.

Ein unbekannter Verfasser äußert seinen Ärger über einen Satz, den ich öffentlich in einer Ansprache gesagt habe. Der Satz ist völlig aus dem Zusammenhang gerissen. Die letzten Zeilen lese ich fast schon wie eine Drohung. Unterschrieben ist der Brief im Plural mit: „Christen (der Gemeinde).“

Nach dem ersten Schock ärgere ich mich. Ich werde richtig wütend. Nicht, weil jemand anderer Meinung ist, sondern weil sich der Verfasser des Briefes versteckt. Kein Absender und dann verbirgt er sich auch noch hinter anderen Leuten, die scheinbar der gleichen Ansicht sein sollen. Ich habe keine Chance zu reagieren, außer dass ich mich ärgere. Der Verfasser weiß, er kann so gut wie alles schreiben. Ich finde das feige.

Ich habe mich gefragt, warum der Verfasser seinen Namen nicht nennt. Dann habe ich Kollegen davon erzählt. Einer hat mir gratuliert: „Glückwunsch, was du sagst, stößt auf Resonanz. Jetzt bist du angekommen in deinem Beruf. Da kannst du stolz drauf sein.“ Eine andere hat gelacht und gesagt: „Schmeiß ihn weg!“

Ich hab den Brief sehr ernst genommen, aber die Ratschläge haben mir geholfen, die Sache nicht zu hoch zu hängen. Wer von mir ernst genommen werden will, darf sich nicht verstecken; schon gar nicht hinter einer anonymen Masse. Der oder die muss sich hinstellen und zu seiner Meinung stehen!

Wenn sowas nochmal vorkommen sollte, werde ich dem Ganzen nicht mehr so viel Aufmerksamkeit widmen. Meine Zeit und Energie schenke ich lieber denen, die sich ernsthaft mit mir und dem was ich sage, auseinandersetzen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=24504

„Hasch gsehn, wie se geschtern rumgrannt isch!“, „Ja, Mann, voll hässlich. Und wie se gschminkt war.“ „Ey, und arbeiten tut die fascht nix. Hockt nur dumm rum!“

Mein Puls steigt auf hundertachtzig, als sich zwei junge Mädels minutenlang auf diesem Niveau den Mund über eine Kollegin zerreißen, bis sie schließlich fertig gestylt aus der Umkleide stöckeln. Völlig geplättet steige ich aufs Laufband und bin fassungslos.

Mir ist klar, dass ich andere auch ständig bewerte und sie schnell mal in Schubladen stecke. Oft unbewusst. Vor kurzem zum Beispiel, als eine Kollegin einen richtig altbackenen Pulli anhatte; oder letztens bei Freunden, als sie erzählt haben, wie viel Geld sie in ihr neues Auto gesteckt haben. Da hab ich auch gedacht: Das würde ich nie machen! Der Unterschied ist nur, dass ich weder über meine Kollegin, noch über meine Freunde deshalb schlecht gedacht oder geredet hab.

Ob meine Kollegin einen Pulli trägt, der mir gefällt oder nicht oder ob Freunde viel Geld für ein Auto ausgeben – eigentlich kann mir das wurscht sein. Darauf kommt es doch nicht an. Ich trag doch auch, was ich will und entscheide selbst darüber, was ich mit meinem Geld mache. Ich will ja auch nicht, dass man mich daran misst oder deshalb über mich lästert.  

Jedem sind andere Dinge wichtig; jeder denkt anders, fühlt und handelt anders; und jeder hat zu einem bestimmten Thema seine eigene Meinung. Das ist auch gut so!

Die Kunst besteht darin, den anderen so zu akzeptieren. Das wünsche ich mir für mich selbst auch.

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Ich liebe es, von der Zukunft zu träumen und mir dafür Dinge vorzunehmen. Stolz erzähle ich meinem Freund Johannes, was ich alles Tolles vorhabe in den nächsten Wochen: „Wenn ich bald frei habe, will ich wieder gesünder kochen, nach neuen Rezepten suchen und zum Sport gehen. Den Keller muss ich noch entrümpeln. Susi wollte ich schon lang wieder eine Karte schreiben und mich mit den Freiburg-Mädels treffen. Wenn erstmal die nächsten Wochen rum sind, dann ….“ Johannes unterbricht mich. Ganz ernst sagt er: „Du bist schon wieder nicht im Hier und Jetzt!“

Der Satz hat gesessen. So sehr, dass er mir die Sprache verschlägt und ich den Faden verloren hab.  Es ist still. Wir schauen uns an.

Johannes lacht. Ich jetzt auch.

Solche „Wenn … dann…“-Sätze kennt er schon von mir. „Machs einfach!“, sagt er dann immer. Aber das ist gar nicht so leicht für mich.  Es ist ja auch bequemer von der Zukunft zu träumen und auf den richtigen Moment zu warten, bis Zeit, Geld, Klarheit oder Sicherheit da sind. Bequemer als einfach loszulegen und anzufangen, dass, was ich mir vorgenommen habe, umzusetzen. Egal ob es um kleine Aufräumprojekte in der Wohnung geht oder um wirklich große Lebensentscheidungen.

Aber es hilft nichts: vom Träumen, warten und nichts tun wird der Keller nicht ordentlich und meine Kondition ohne Sport nicht besser. Gründe oder besser gesagt Ausreden, meine Ziele nicht umzusetzen, finde ich immer.

Johannes hat mir wieder mal klar gemacht: Wenn ich was wirklich will, muss ich aktiv werden, den ersten Schritt tun und alles, was mich zurückhält, beiseiteschieben. Ich muss schlicht und ergreifend  anfangen! Nicht mit allem auf einmal, sondern mit einer Sache. Das mache ich heute. Ich beginne unten im Keller; in einer der vier Ecken. Und auch nicht irgendwann, sondern jetzt.


 

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„Warum mache ich das eigentlich?“ Die Frage stelle ich mir seit Stunden. Ich sitze auf der Bettkante eines acht-Bett-Zimmers. Die Tür geht auf. Gyri, ein junger Mann aus Ungarn stellt sich vor. Beim Abendessen unterhalten wir uns.

Auf einmal wird mir klar, was ich hier mache: Mich wie die andern auf das Abenteuer „Camino“ einlassen. 800 Kilometer zu Fuß. Für gut 30 Tage. Durch Spanien, nach Santiago de Compostela. Nur mit dem Rucksack.

Aus der ersten gemeinsamen Etappe mit Gyri am nächsten Morgen werden 28 weitere. Gyri und ich haben viel Zeit auf dem Weg; über Gott und die Welt zu reden oder einfach mal die Klappe zu halten. Wir singen uns Lieder in unseren Landessprachen vor und schreien einmal so laut wir können. Wir treffen viele nette Leute, die ein Stück mit uns gehen. Sie kommen aus Kroatien, Australien, den USA und Schweden. Wir kochen zusammen und lachen viel, erzählen uns schöne und traurige Geschichten. Tagsüber, beim Laufen, haben wir Zeit, die Landschaft zu genießen, über das Leben nachzusinnen oder einfach auch mal nichts zu denken.

Gyri hat in der Zeit oft gesagt: „Life is like Camino“ - das Leben ist wie dieser Weg hier: Leute kommen und gehen. Mal gibt es Umwege und schlechtes Wetter oder dir tut etwas weh, mal läuft es richtig gut und die Sonne scheint dir ins Gesicht. Es ist halt ein Abenteuer. Aber allein bist du eigentlich nie.

Als wir nach unserer Reise beide wieder einige Wochen zuhause sind – er in Ungarn, ich in Deutschland, schreibt Gyri mir folgendes: „Ich will ehrlich sein. Es ist hart für mich, wieder ins normale Leben zurückzukehren. Aber ich weiß, der eigentliche Weg beginnt jetzt, wo wir in unseren Alltag zurückkehren. Es ist nicht einfach zu vertrauen; vor allem in Gott, das Glück oder die Hilfe von oben. Aber ich finde, wir sollten es versuchen.“

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