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SWR3 Gedanken

Manchmal muss ich einfach raus mit unseren beiden kleinen Töchtern. Raus ins Dorf. Und wenn es nur eine Runde um den Block ist. Die Große darf dann auf kleinen Mauern balancieren und die Kleine schaut, ob es irgendwo Katzen zu sehen gibt. Für Erwachsene können solche Kleinkind-Touren eintönig sein. Dieses Tingeln von Vorgarten zu Vorgarten, es gibt Spannenderes.  

Bei unserer letzten Tour war allerdings richtig was los. Zwei Straßen weiter, in dem kleinen Vorgarten an der Ecke. Ein Mann macht da gerade Fotos als wir kommen. So richtig aufwendig mit Profikamera und Riesen-Objektiv. Der Mann kauert im Gras. Gloria sieht das und fragt gleich lautstark: „Was machst du da?“ „Ich suche kleine Schnecken und Grashüpfer. Die sind so klein, da muss man ganz genau hinschauen.“ Und weil Gloria immer weiter fragt, dürfen wir uns ein paar Fotos auf dem Kameradisplay ansehen. Wir sehen scharf gestochene Nahaufnahmen von winzigen Schnecken mit Schneckenhäuschen, so filigran, dass man durch sie durchschauen kann. Aus verschiedenen Winkeln sind die Mini-Schnecken fotografiert, ein Bild schöner als das andere. Der Mann erklärt uns alles und kommt dabei richtig ins Schwärmen: „Am schönsten ist es, wenn es über Nacht Tau gegeben hat. Die Tautropfen. Das ist eine Schönheit, die kann man mit bloßem Auge gar nicht sehen. Aber am Computer-Bildschirm. Das ist herrlich.“

Der Mann strahlt. Und ich freu mich einfach mit. Weil unsere Kleinkind-Tour dieses Mal richtig aufregend war – dank des Fotografen. Er kann sich für Kleinigkeiten begeistern und Kinder finden die ja eh toll. Aber nicht nur die. Ich bin auch irgendwie angesteckt – von diesem Blick fürs Kleine. Wer so in die Welt schaut, für den kann der langweiligste Spaziergang zur richtigen Expedition werden.

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Es gibt Sätze, die sind wie Ohrwürmer für meinen Kopf. Die hat mir jemand gesagt und dann kriege ich sie nicht mehr raus aus meinen Gedanken - manchmal wochenlang. Solche Sätze merke ich mir, weil sie hundertprozentig für mich passen. Philip hat mir so einen Ohrwurm gesagt. Er ist ein Lehrerkollege.

Es war in der Schule, bei der Generalprobe für das Schulmusical. Philip leitet die Band und ich den Chor. Die Musicalprobe ist für alle ziemlich anstrengend. Ständig klappt etwas nicht, der Chor verpasst den Einsatz oder die Schauspieler auf der Bühne kriegen ihren Text nicht hin. Außerdem bin ich noch von den anderen Lehrern genervt, weil Absprachen mal wieder nicht geklappt haben. Das kriegt Philip mit. Er stellt sich neben mich und macht mir eine Ansage unter vier Augen: „Ruth, wir sind alle unsicher. Mit meiner guten Laune überspiele ich auch nur meine Unsicherheit. Jeder hier lernt.“ Dann macht er eine Pause. Er schaut mich an und sagt: „Auf geht´s.“

Da steh ich jetzt und denke erst mal nach. Philip hat mir gerade ziemlich einen eingeschenkt. So auf die Art, warum ich eigentlich glaube, dass ich die Einzige bin, die sich abstrampelt. Und er hat mir klargemacht, dass jeder mit irgendetwas kämpft, auch wenn er nach außen noch so locker wirkt. Und dass jeder mal Fehler macht.

In dem Moment beginnt die Band zu spielen. Und in meinem Kopf sitzt er jetzt, der Ohrwurm: „Jeder hier ist unsicher. Jeder hier lernt.“ Beim Schulmusical ist das tatsächlich so. Das habe ich dank Philip kapiert. Vermutlich gilt das auch sonst im Leben. Keiner ist der absolute Profi in allem. Und irgendwie beruhigt mich das.

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„Wo Liebe ist, da sind Augen.“ Den Spruch habe ich irgendwo aufgeschnappt. „Wo Liebe ist, da sind Augen.“ Bei der Liebe geht so viel über die Augen. Und zwar von beiden Seiten. Wenn man selbst liebt und wenn man geliebt wird. Beides ist super:

Das fängt beim verliebten Blick an: wenn ich meinen Blick einfach nicht lassen kann von dem, den ich so toll finde. Wenn ich ständig schaue was er macht und jede Kleinigkeit beachte. Das kribbelt ziemlich. Und umgekehrt tut es auch gut. Wenn ich merke, dass mich jemand sieht. Also „wirklich“ sieht und jede Kleinigkeit an mir bemerkt und meistens auch mag.

Bei zwei, die sich länger lieben, kriegt das mit dem Sehen noch eine ganz andere Dimension. Dass der eine dem anderen ansieht, wenn etwas los ist, und ihn auch nach Jahren eben nicht aus den Augen verlieren will. Das alles steckt drin in diesem Satz: „Wo Liebe ist, da sind Augen.“

Und der Satz passt auch zum Feiertag Fronleichnam heute. Katholiken feiern nämlich, dass sie Gott anschauen können. Und zwar in der Hostie, oder anders gesagt im gewandelten Brot. Wer daran glaubt, kann in einem Stück Brot Gott sehen. Natürlich ist das ein bisschen verrückt. So wie manches verrückt ist, wenn man liebt. Bei Menschen und bei Gott.

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Henning Sußebach ist einmal zu Fuß quer durch Deutschland gegangen. Von der Ostsee bis zur Zugspitze. Das Besondere bei ihm: er hat nur Wald- und Feldwege benutzt. Oder er ist querfeldein gelaufen. Große Straßen hat er nur selten betreten. Das war sein Reise-Motto: bloß nicht auf Asphalt. Henning Sußebach hat das gemacht, weil er – wie er sagt: “neben der Spur” sein wollte. Er, der Stadtmensch, ist dorthin, wo er sonst eigentlich nie ist: er ist raus auf´s Land.

Fünfzig Tage war er unterwegs. In der Zeit hat er eine Menge Leute getroffen. Alles Menschen, die er nie kennengelernt hätte, wenn er seine Reiseroute im Auto zurückgelegt hätte: die Gastarbeiter und Landwirte, oder auch einen jungen Schlachter, der seit kurzem arbeitslos ist.

Nach seiner Tour hat Henning Sußebach erklärt: “Ich fand dieses Deutschland wahnsinnig freundlich. Diese ganzen Kategorien, rechts, links, alt, jung, neugierig, skeptisch, die haben in meinen Begegnungen keine Rolle gespielt. Alle wollten wissen, was ich mache.“

Und auf die Frage, warum er seine spezielle Deutschlandtour gemacht hat, antwortet er: „Ich wollte das Unbekannte kennenlernen. So habe ich beschlossen, in die Fläche zu gehen. Ich habe beschlossen meine Füße auf frei gebliebenen Boden zu setzen. Auf die anderen 93 Prozent von Deutschland, die nicht zubetoniert sind. Auf Äcker statt Straßen, in Wälder statt Parkplatzwüsten.“

„Bloß nicht auf Asphalt“ – das hat sich Henning Sußebach für die Reise vorgenommen. Oder anders gesagt: Trau dich, neben der Spur zu laufen. Ein starkes Motto! Egal, ob ich das fünfzig Tage lang voll durchziehe, oder es nur für einen kurzen Moment probiere.

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Wenn mein Bruder aus Berlin zu uns zu Besuch kommt, muss er immer erst mal umschalten. Vom Großstadt-Modus in den etwas langsameren Land-Modus. Das fängt schon am Bahnhof in Offenburg an. Er hat mir erzählt: Wenn er aus dem ICE aussteigt, ist er auf den ersten Metern immer noch viel schneller als die anderen auf dem Bahnsteig. Er hat noch das Berlin-Tempo drauf, die schnellen Schritte des Großstädters. Aber nach ein paar Momenten realisiert er, dass die Offenburger langsamer drauf sind, und passt sich an.

Ich habe etwas entdeckt, das passt zu dem, was mein Bruder am Bahnhof erlebt.

Es gibt Städte, die wollen ganz bewusst langsamer machen. Solche Städte können das Label Citta slow- Stadt erhalten, das gibt´s weltweit. Das Logo ist: eine Schnecke. Auch hier in der Gegend gibt es zwei Citta slow: Waldkirch bei Freiburg und Überlingen am Bodensee. Diese speziell langsamer tickenden Städte haben sich auf ein paar Punkte verpflichtet. Sie fördern Plätze, auf denen man gemütlich ausruhen kann. Sie schützen und erhalten eigene Traditionen und bei der Stadtentwicklung wollen sie nicht auf die Überholspur, sondern „langsam“ machen. Grob gesagt: Nichts überstürzen, sondern erst mal das Regionale, was eh schon da ist, leben lassen.

Offenburg ist zwar keine ausgewiesene Citta Slow, aber dieses Lebensgefühl kenne ich hier auch. Wenn mein Bruder zu Besuch ist, dann gefällt ihm das, dass die Uhren bei uns ein bisschen langsamer ticken. Wenn er sein Tempo etwas runtergefahren hat, dann genießt er das. Er schaut dann erstmal in Ruhe, ob im Elternhaus alles in Ordnung ist. Und später geht er dann noch seinen alten Schulfreund besuchen. Aber ohne Stress.

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Matthias Schweighöfer glaubt an Energie. Daran, dass die uns ständig beeinflusst.

James Blunt glaubt an die Liebe und dass in ihr eine Menge Power steckt. Und Sahra Wagenknecht glaubt an eine gerechte Gesellschaft.

Promis haben auf der Website der ARD Videobotschaften eingestellt. Diese Woche läuft dort eine Themenwoche. Sie hat die Überschrift „Woran glaubst du?“ und es gibt alle möglichen Sendungen dazu. Und eben auch diese Videoclips von Promis im Internet. Ich habe mich durchgeklickt und gemerkt: Die allermeisten Promis glauben erstmal an den Menschen. Sie glauben, dass der Mensch viel hinkriegen kann und dass das Gute in jedem Menschen steckt. Wincent Weiss bringt es auf den Punkt: „Ich glaube, dass der ganze Hass eigentlich gar nicht von uns, also den Menschen, kommt. Die Menschen sind gut.“

Ich überlege mir, ob die Promis deswegen alle so überzeugt vom Guten sind, weil sie alle wahrscheinlich ziemlich viel Gutes erlebt haben. Zumindest hat jeder von ihnen an irgendeinem Punkt im Leben die richtigen Leute getroffen und irgendwie einfach Glück mit den Menschen um sich herum gehabt.

Ich frage mich wie die Videobotschaften ausgesehen hätten, wenn da ganz andere Leute ihr Statement abgegeben hätten. Menschen, die jahrelang vom Partner hintergangen worden sind, Menschen, die vergewaltigt oder erniedrigt worden sind. Können solche Menschen überhaupt noch an etwas glauben? Wenn nicht, könnte ich das gut verstehen.

„Ich persönlich glaube, dass im Menschen beides steckt. Böses und Gutes. Ich sehe meine Aufgabe darin, das Gute in mir aufleben zu lassen und das Böse klein zu halten. Das ist oft ganz schön schwierig, vor allem, wenn mir viel Böses widerfährt. Aber ich glaube auch, dass ich mit dieser Aufgabe nicht allein bin. Gott hilft mir und viele Menschen um mich herum, die sich diese Aufgabe auch gestellt haben.“

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BibisBeautyPalace. Für viele junge Mädchen ist das DER Youtube-Kanal. Bibi postet in ihrem Kanal jede Woche Videos von sich: Bibi vor dem Spiegel beim Schminken oder mit ihrem Freund im Hotelzimmer.

Das Problem bei Bibi, und vielen anderen Youtube-Stars: sie wirkt spontan, in Wirklichkeit sind ihre Videos aber absolut kalkuliert. Online plaudert Bibi locker über Kosmetik oder legt ihren Freund mal eben rein. Tatsächlich ist sie aber einfach eine super Geschäftsfrau. Schließlich geht es bei ihren Youtube-Videos nicht nur um Klickzahlen, sondern vor allem um die Produkte, die Bibi ihren Fans empfiehlt. Es geht also um richtig viel Geld. Ob das die Millionen Follower von Bibi so klar haben, dass Bibi ihnen was vormacht?

Solang es nur ums Schminken und um Mode geht, und solange es nur auf einem Youtube-Kanal läuft, ist das ja noch harmlos. Heftiger ist es, wenn das in „echt“ passiert. Dass mir jemand etwas vorgaukelt und einfach nicht ehrlich ist. Wenn mir jemand zum Beispiel nach dem Mund redet, ich aber weiß, dass er eigentlich eine ganz andere Meinung hat als ich. Mich ärgert so etwas und ich gehe erstmal auf Abstand. Experten raten in solchen Situationen, dass man überlegt, warum sich der andere so verhält. Meistens steckt ein Bedürfnis dahinter, wenn ich getäuscht werden. Vielleicht möchte die Person, die mir nach dem Mund geredet hat, einfach nur meine Aufmerksamkeit haben. Wenn ich mir das überlege, hilft mir das von meinem Ärger runter zu kommen.  

Wenn ich richtig mutig wäre, würde ich auch noch zu der Person hingehen und nachfragen, was eigentlich hinter der Sache steckt. Gott sei Dank geht das bei Menschen, die ich in „echt“ treffe. Ein klarer Vorteil gegenüber Youtube-Stars wie Bibi.

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