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SWR3 Gedanken

Was bringt einen Menschen dazu stehend auf einem Brett den Atlantik zu überqueren?! Der 42 Jahr alte Chris Bertish aus Südafrika hat das gemacht. In 93 Tagen, von Dezember bis März, hat er rund 2 Millionen Mal sein Paddel ins Wasser getaucht, nach hinten gezogen und wieder rausgeholt. Auf dem Wasser stehend von Agadir in Marokko bis Antigua, eine kleine Insel in der Karibik. Ist in einen Sturm mit 6 Meter hohen Wellen geraten und fast gegen Felsen vor den Kanaren geschmettert worden. Hat einen weißen Hai mit aufgeklapptem Maul auf sich zuschwimmen und kurz vor seinem Board abtauchen sehen. Maximal eineinhalb Stunden am Stück konnte er schlafen. In der schulterbreiten Box, die als Schlafstätte auf das Brett gebaut war und gegen die andauernd die Wellen geklatscht haben. Hat sich von Proteinriegeln, Dörrfleisch und entsalztem Wasser ernährt, dabei 15 Kilo abgenommen und 5 Minuten nachdem er wieder an Land war verzückt in einen Cheeseburger gebissen. Jetzt hat er den Weltrekord, ist er der erste Mensch, der den Atlantik als Stehpaddler überquert hat. Er hätte dabei sterben können. Denn er hatte kein Begleitboot dabei. Auf die Frage, warum er es trotzdem gemacht habe, hat er geantwortet: „ Ich bin mit zwei älteren Brüdern aufgewachsen, die oft gesagt haben‚ dass ich dies oder jenes nicht können. Der Spruch ‚Du schaffst das nicht‘ motiviert mich wohl bis heute.“ Wow, da begibt sich jemand in eine derart gefährliche Extremsituation und gibt als Motivation dafür demütigende Kindheitserfahrungen an. Faszinierend und erschreckend. Erschreckend wie sehr Geschwister einen Menschen kränken können. Und faszinierend was ein Mensch daraus machen kann.

 

Quelle: Der Spiegel 14/2017

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Ich fand das total toll: Renate Künast, die Grünen-Politikerin wurde auf Facebook ganz böse beschimpft. Und was macht Renate Künast? Sie besorgt sich die Adressen dieser Leute. Aber nicht die Facebook-Adressen, sondern die wirklichen, wo diese Leute wohnen, und – besucht sie, bei ihnen zu Hause. Klingelt, fragt ob sie diesen Facebook Eintrag gemacht haben und auch warum sie denn so böse über sie geschrieben haben.   Die Reaktionen der Leute waren sensationell. Der eine sagt, och, das war doch nicht so gemeint, und der andere ruft ins Haus hinein: “Erna, du glaubst es nicht wer hier ist, die Frau Künast, ja, die Grünen Politikerin aus Berlin!“ und lädt sie zum Kaffee ins Haus ein.

Warum erzähl ich das? Weil ich es unglaublich stark und mutig von Frau Künast finde, so persönlich auf die Menschen zu zugehen. Weil es zeigt, welch ein Unterschied es ist, persönlich mit einem Menschen zu kommunizieren, statt aus der anonymen Distanz. Und schließlich weil Frau Künast, vermutlich ohne es zu wissen, eine urchristliche Verhaltensweise an den Tag gelegt hat: Als verbal Geschlagene nicht zurück zu schlagen, sondern friedlich, freundlich und direkt ihr Gesicht zu zeigen. Ihr Face statt nur Facebook. Die Reaktionen der Besuchten haben gezeigt, wie nötig sie die persönliche Begegnung haben und wie überraschend diese Begegnung sein kann.

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„Du musst loslassen!“, wie oft habe ich das schon gehört: Loslassen. Kinder, wenn sie erwachsen werden, Wünsche, die unerfüllbar sind oder Arbeit, die einen auffrisst. Dieses Loslassen ist so leicht gesagt, aber auch so schwer getan. Wie also loslassen lernen? Ich glaube loslassen geht nur wenn drei Fähigkeiten zusammenkommen. Es einsehen können, dass ich loslassen muss. Mich öffnen können. Und es aushalten, dass ich etwas nicht bekommen oder behalten kann. Ein Experiment mit Affen macht das anschaulich. Dabei geht es um folgende Alternative: etwas festhalten und gefangen werden oder loslassen und frei sein. Und zwar so: Um die Affen anzulocken wird eine Kokosnuss an eine Palme gebunden. In diese Kokosnuss wird ein Loch gemacht, gerade so groß, dass eine schmale Affenhand  durchpasst. Durch dieses Loch wird nun eine Banane geschoben. Der Fänger versteckt sich, der Affe kommt vom Baum und will sich die Banane holen. Steckt seine Hand in die Kokosnuss, fühlt die Banane, packt sie und will sie herausholen. Aber das geht nicht, denn durch das Loch passt nur eine schmale ausgestreckte Affenhand. Kommt nun der Fänger muss sich der Affe schnell entscheiden: die Banane festhalten und gefangen werden oder sie loslassen und abhauen. Die meisten Affen werden gefangen, weil sie eben nicht loslassen. Und da sind sie, die drei Fähigkeiten: der Affe müsste sich von der leckeren Banane trennen, sie loslassen, um nicht gefangen zu sein. Er müsste seine Hand öffnen und sie ganz schmal machen, um sie wieder durch das Loch zu bekommen. Und er bräuchte die Einsicht, dass seine Freiheit viel mehr wert ist als eine leckere  Banane. Eine Einsicht hat er natürlich nicht. Und das ist es ja auch was uns Menschen unter anderem von den Affen unterscheidet: die Einsicht in Notwendigkeiten. Wie auch die Einsicht darin was für uns diese Banane sein könnte. Und wie wir sie loslassen können…

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Eine kleine Randnotiz in meiner Tageszeitung: “Rache für Mobbing. Das Motiv für den Amoklauf in München mit 10 Toten war den Ermittlern zufolge Mobbing. Der Amokschütze David S. sei über Jahre hinaus von Mitschülern gemobbt worden.“ Diese Meldung ist 8 Monate nach der Gewalttat in München in meiner Zeitung erschienen. Klein und unter ferner liefen. Aber eigentlich müsste sie doch auch groß und auf der Titelseite stehen. Wie all die verschreckten, verstörten und bestürzten Überschriften direkt nach einem sogenannten Amoklauf. Aber nein, das scheint tatsächlich ein Mediengesetz zu sein: bad news are good news, schlechte Nachrichten sind gute Nachrichten. Weil sie mehr Aufmerksamkeit ziehen als die guten. So scheint der Mensch zu sein und die Medien eben auch. Aber Mobbing ist ja auch keine gute Nachricht und die Tatsache, dass das Mobbing mal wieder Ursache für ein Blutbad war müsste der Öffentlichkeit doch mindestens so laut, so oft und so auffällig vor Augen gehalten werden wie der Amoklauf selbst. Damit dieser scheinbare Automatismus, den wir regelmäßig zu beklagen haben, gestoppt wird. Erfurt, Winnenden, München. Immer gehört Mobbing zu den Hauptmotiven bei Amokläufen von jungen Menschen. Muss wirklich alle paar Jahre ein junger Mensch andere junge Menschen töten? Müssten wir nicht die tödliche Gefahr, die im Mobbing steckt so laut, so klar und so regelmäßig an den Pranger stellen, wie die Amokläufe selbst? Denn wie sagt eine jüdische Lebensweisheit: „Jemanden öffentlich beschämen ist wie Blut vergießen.“

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Es ist frühmorgens, ich bin mal wieder spät dran, will aus dem Haus stürzen, schnell noch die Schuhe anziehen und komm in einen Schuh nicht rein, weil der Schnürsenkel einen Knoten hat! Dann nehm ich, weil‘s ja schnell gehen muss, ein anderes Paar. Und da steht er nun: der Schuh mit dem Knoten im Bändel. Und wartet darauf, dass er gelöst wird. Bestenfalls am Abend. Denn Knoten können nur gelöst werden mit Ruhe, mit Liebe und mit Geduld. Das mit den Knoten lässt sich auch übertragen auf die Verknotungen in unserem sonstigen Leben. Wie bei den Knoten in Schnürsenkeln, Fäden oder Halskettchen braucht es auch bei den Knoten in menschlichen Beziehungen Ruhe, Liebe und Geduld um sie zu lösen. Zuerst einmal muss das Feste gelockert werden. Ich muss schauen wo ich ansetzen kann, wie die Verstrickungswege verlaufen und wo ich sie lockern kann. Was hat zum Beispiel zu einem Streit geführt, was ist fest oder hart geworden? Und wie kann das Harte wieder weicher werden und das Feste wieder lockerer? Meistens muss ich den Knoten von allen Seiten anschauen. Und behutsam an verschiedenen Seiten zupfen oder ziehen, um zu sehen wo sich was bewegen lassen könnte. Das ist die kniffligste Phase. Da braucht es Geduld, manchmal Kraft, vor allem aber Fingerspitzengefühl. Doch wenn sich dann irgendwann etwas bewegt, dann ist das der wichtigste und schönste Moment beim Knotenlösen. Bei Schnürsenkeln und erst recht bei Menschen. Denn von da an geht’s leichter. Weil sich mit der ersten Lockerung Möglichkeiten für weitere Lockerungen ergeben. Weil sie Luft dazwischen bringt, Raum schafft, durch die die Schnur, der Faden oder die Kette vorsichtig zurückgezogen werden kann. Zurück in den ursprünglichen, gelösten Zustand. In dem Schnürsenkel wieder gebunden werden können und Verletzungen heilen.

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Das kann ich einfach nicht: Brot wegwerfen. Wahrscheinlich weil noch die Erfahrung meiner Großmutter in mir steckt, die zu Kriegszeiten auch hungern musste. Von ihr habe ich wohl auch meine Liebe zum Brot, besonders zu altem Brot.

In Deutschland werden pro Jahr 500.000 Tonnen Brot weggeworfen. Das sind immer so abstrakte Zahlen. Was sind denn 500.000 Tonnen Brot? Nehmen wir an, ein Laib Brot wiegt ein Kilo, ist 10 cm hoch und 50 cm lang. Aufeinander gestapelt gäben 500.000 Tonnen Brot einen Berg höher als das Matterhorn. Man stelle sich vor: Ein Berg aus weggeworfenem Brot über 4000 Meter hoch. Aneinandergelegt  könnte man mit den weggeworfenen Broten 3 mal den Erdball umrunden. Aber das sind auch so unfassbare Bilder. Darum mal von dieser Seite: auf jeden Bundesbürger gerechnet, schmeißt Jeder rund 6 Laib Brot pro Jahr weg. Das ist schon konkreter. Und sehr viel, viel zu viel. Ich komme jetzt sicher nicht mit dem Hunger in der Welt – der ist anders zu bekämpfen. Aber was mir bei dem Gedanken an das viele weggeschmissene Brot weh tut, ist wie mit unserer Schöpfung umgegangen wird. Und wie mit der Arbeit all der Menschen, die daran beteiligt sind, dass wir täglich unser Brot haben. Die Bauern, die Bäcker und die Verkäuferinnen. Was also tun anstatt nur lamentieren? Mir bewusst machen, dass es nicht selbstverständlich ist, dass ich jeden Tag Brot auf dem Tisch habe. Dran denken wie viele Menschen mit wieviel Arbeit daran beteiligt sind, dass ich mein täglich Brot habe. Nicht zu viel Brot kaufen und es auch so aufbewahren, dass es nicht bald schimmelt. Und man es noch essen kann, wenn es so schön knusprig alt ist. Denn wie sagt der Volksmund: „Trocken Brot macht Wangen rot.“

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„Sonntags geschlossen!“ – diese Worte schossen mir durch den Kopf und gingen mir ziemlich schnell auch über die Lippen. In einer Sitzung, bei der wir überlegt hatten, wie wir es hinbekommen auch am Sonntag auf die Kommentare auf unserer Homepage zu reagieren. Und da kamen mir eben diese zwei – derzeit wohl unzeitgemäßen Worte - in den Sinn: Sonntags geschlossen!. Unzeitgemäß, weil es in unserer Zeit immer mehr erwartet wird, dass immer alles geöffnet, erreichbar und verfügbar ist. Das Internet ruht nie, 24 Stunden am Tag ist man erreichbar und kann online jederzeit einkaufen. In vielen Fabriken laufen die Maschinen rund um die Uhr und die meisten Supermärkte haben bis abends 9 Uhr geöffnet. Und das ist ja nicht nur von Übel. Unsere Wirtschaft läuft wohl nur so rund und ich bin auch froh, wenn ich nach Feierabend noch schnell was einkaufen kann. Das Problem ist aber, dass sich diese Erwartungshaltung des „immer, überall und sofort“ in Bereiche schleicht, in denen sie nichts zu suchen hat. Und dadurch die Menschen nicht mehr zur Ruhe kommen lässt. Es gibt Dinge, die nicht jederzeit verfügbar oder sofort erledigt sein müssen. Damit meine ich natürlich nicht all die wichtigen Tätigkeiten im Gesundheitswesen, im Verkehr oder in den Medien. Klar, aber Einkaufen, Service-Leistungen oder frisches Brot muss ich am Sonntag nicht haben. Einkaufen kann ich an anderen Tagen der Woche, auf Hörerkommentare kann ich auch noch am Montag antworten und Brot kann ich mir am Sonntag selbst im Ofen aufbacken. Ich denke unsere ganze Gesellschaft gewinnt, wenn es bei Dingen, die nicht lebensnotwendig sind, heißt: Sonntags geschlossen. Weil wir dann offen sein können für Dinge, die uns an Leib und Seele gut tun: Ruhe, Muße und Freiheit.

 

 

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