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SWR3 Gedanken

Rauchern wird es auch immer schwerer gemacht. Die Bilder auf den Packungen sind so furchtbar, dass es inzwischen Zigarettenschachtelhemdchen gibt. Mit denen muss man diese grausamen Bilder und Texte auf den Packungen nicht mehr sehen.

Statistisch betrachtet ist natürlich die Chance, an Lungenkrebs zu sterben erheblich größer, wenn man raucht. Und trotzdem will man nicht gewarnt werden. Und ist nicht jeder für sich selber verantwortlich?  Und ist so eine Warnung nicht vor allem eine Bevormundung? Das denken viele. Weshalb es die Warnungen in der Bibel auch nicht einfach haben. 

Da gibt es zum Beispiel eine Geschichte, in der Jesus von einer Gruppe von 10 jungen Frauen erzählt. Die gehen in der Nacht zu einem Fest. Für den Weg haben sie Lampen und dazu noch zusätzliches Lampenöl mitgenommen. Die anderen haben nur die Lampen ohne zusätzliches Öl mitgenommen. Und als sie am Ziel warten mussten, ging den einen das Öl aus und die anderen hatten eben noch ihren Vorrat. Die einen konnten dann das Fest feiern und die anderen standen blöd vor der Tür rum. Tja, Pech gehabt. Wer sich im Leben nicht auf Notsituationen vorbereitet, die sehr wahrscheinlich eintreten werden, der hat eben verloren!  Warum erzählt Jesus das als Warnung? Könnte er das nicht freundlicher sagen?

Als Vater jedenfalls warne und ermahne ich meine Kinder auch ständig und versuche, ihnen klar zu machen, was alles passieren könnte. Auch wenn sie das nicht hören und sehen wollen. Nicht, weil ich sie bevormunden, sondern weil ich sie vor Schlimmem bewahren will. Deshalb warne ich sie. Allerdings habe ich mir vorgenommen: Auch wenn Sie meine Warnungen in den Wind schlagen, bleiben sie meine Kinder und ich will ihnen dabei auch helfen, die Folgen zu tragen, so gut es eben geht.

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Anton ist für mich ein Vorbild. Er ist ein großer, kräftiger Mann mit kurzen Haaren. Gern hätte er wieder lange Haare, aber die mussten runter wegen einer OP. Anton läuft viel, weil er sonst leider nichts zu tun hat. Wegen einer Gehirnoperation als Jugendlicher lebt er seit Jahren mit einer Behinderung. Von Anfang an hat er es nicht leicht gehabt-, Er musste sich mehrmals wieder ins Leben zurückkämpfen wobei ihn seine Eltern kaum unterstützt haben.

Vor einem Jahr stand ich mit seiner Lebenspartnerin an seinem Krankenbett und wir wussten nicht, ob er das alles überlebt. Maschinen haben ihn am Leben erhalten. Überall Pump- und Piepsgeräusche. Dann mitten in der Erholungsphase: noch ein Schlaganfall. Seitdem schmeckt ihm Schokolade nicht mehr. Und er musste wieder viele Bewegungen lernen, weil eine Seite gelähmt war.

Anton hat es schwerer als andere. Aber er kämpft. Nachdem er ein viertel Jahr in der Klinik war, hat er drei Monate später das goldene Sportabzeichen gemacht! Alle haben gedacht, das geht gar nicht. Und ich war auch völlig baff.

Anton ist nicht glücklich über seine Situation. Er würde gerne Arbeit finden, dauerhaft. Auch seine Lebensgefährtin. Das macht mich ratlos und traurig und manchmal auch wütend, aber immer wenn es mir nicht so gut geht, denke ich an Anton. Und er macht mir Mut. Deshalb ist er ein Vorbild für mich und ich finde ihn einfach klasse.

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Unsere westliche Religionsfreiheit hat ein Datum: Heute vor 160 Jahren hat nämlich König Friedrich Wilhelm IV. von Preußen ein sogenanntes Toleranzedikt erlassen. Seitdem ist es erlaubt, aus der Kirche auszutreten. Also jedenfalls fast. Man konnte damals aus einer Kirche austreten und in eine andere – neue – eintreten. Keiner Kirche oder religiösen Vereinigung anzugehören, dazu hat es noch ein paar Jahre gebraucht.

Aber das heute vor 160 Jahren war ein erster Schritt und der Grundstein unserer heutigen Religionsfreiheit. Und die lautet: Jeder darf und soll aus Kirchen oder Religionen aus- oder eintreten, so wie er oder sie das vor seinem Gewissen verantwortet. Und der Staat muss dafür sorgen, dass diese persönliche Entscheidung respektiert wird.

Dabei war Friedrich Wilhelm IV. die Kirche überhaupt nicht egal. Er war sogar ein frommer Mann. Er machte sich viele Gedanken über die Kirche und die neuen Formen von Religiosität, die sich damals entwickelten. Und er machte sich Gedanken darüber, wie er in seinem Preußenreich den inneren Frieden garantieren könnte. Grade weil er fromm war, war ihm klar: In der Religion darf es keinen Zwang geben.

Das war zu seiner Zeit sehr fortschrittlich gedacht. Auch wenn es dann noch eine ganze Weile gedauert hat, bis die Religionsfreiheit vollkommen durchgesetzt wurde und jeder in Sachen Glaube und Religion entscheiden konnte wie er wollte, ohne im Dorf blöd angeguckt  zu werden.

Ist doch erstaunlich, dass dieses Freiheitsrecht mit einem frommen, christlichen König angefangen hat. Ich finde, da hat er Jesus richtig verstanden. Er wollte auch, dass wir das in unserem Herzen und vor unserem Gewissen ausmachen. Ob wir in einer Kirche sind oder nicht.

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Rüdiger redet und redet. Das Wetter? Schlecht und drückt ihm auf die Stimmung. Die Baustellen auf der Straße? Ein Horror morgens. Die Lehrer? Ach, die können doch nichts und fördern sein Kind nicht genug. Und jetzt auch noch der amerikanische Präsident. Schlimm, schlimm.

Ich kann mich gegen die schwarze Wolke kaum wehren, die Rüdiger ausbreitet, als wir gemeinsam unter meinem Regenschirm laufen. Alles ist so grau und nass. Die Welt ist schlecht und die Hölle sind immer die Anderen.

Nach einer halben Stunde Zuhören und Nicken gehe ich weiter und der Regen prasselt auf meinen Regenschirm wie eine kleine Massage. Das rhythmische Trommeln macht mich wieder ein bisschen lockerer und langsam holpert sich Rüdigers Redeschwall unterm Schirm raus. Aber ein paar düstere Worte bleiben hängen.

Der Regen trommelt weiter und ein Wort – ein kleiner Satz - tropft, mir vom Schirm: „Mehr als alles andere behüte dein Herz, denn von ihm geht das Leben aus.“  Den Satz werde ich demnächst einem Täufling bei einer Taufe sagen. Behüte dein Herz. Ja, denke ich, aber behüte auch deine Ohren! Lass da nicht nur schlechte Laune rein, sondern auch das Prasseln des Regens und gute Worte, die beflügeln und beleben. Rüdiger habe ich fast vergessen. Ich schüttle mich, behüte mein Herz und höre dem Regen zu.

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Vor kurzem bin ich umgezogen. Seitdem muss ich wieder überall bei Adam und Eva anfangen. Wie will ich die Wäsche im neuen Schrank sortieren? Wohin sollen die Schuhe? Abends halten meine Frau und ich Bilder mal an die eine Wand und mal an die andere um rauszukriegen, wo die jeweils gut hinpassen. Und neue Wege zum Bäcker und zur Apotheke muss ich lernen. Eben bei Adam und Eva anfangen.

Wer allerdings bei Adam und Eva anfängt, der kennt vielleicht auch ihre Geschichte. Adam und Eva leben glücklich im Paradies, bis Eva dem Adam eine Frucht anbietet. Die sollen sie aber nicht essen, hat Gott gesagt. Die beiden essen trotzdem und da stellt Gott sie zur Rede. Die Schlage hat sie dazu verführt, sagt Eva dann. Das Ende vom Lied ist jedenfalls: auf einmal stehen Adam und Eva nackt da! Das waren sie zwar schon die ganze Zeit, aber jetzt sehen sie es zum ersten Mal und schämen sich. Sie versuchen sich mit Blättern und Gräsern zu bedecken, aber sie schämen sich trotzdem. Weil ihnen klar wird, wie nackt sie eigentlich sind.

Und so geht es mir auch, wenn ich ständig bei Adam und Eva neu anfange. Ich merke: So viel ist das gar nicht, was ich so bei mir habe. Alles was ich habe sind so ein paar ausgeliehene und abgerupfte Ideen und Fähigkeiten, mit denen ich mich durchs Leben hangle.

Aber vielleicht ist das auch ganz normal. Dass wir im Grunde genommen nicht viel haben, womit wir uns absichern und schützen können. Dass wir eigentlich nackt sind. Weil Gott uns so geschaffen hat. Nicht mit einem Panzer um uns rum und mit ewiger Lebenszeit. Wie Adam und Eva eben. Ist aber auch nicht schlimm. Bilder kann ich umhängen, wenn sie an der falschen Stelle sind. Und wenn ich den Bäcker nicht finde, frag ich halt nochmal nach. 

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Was ist das Wichtigste für dich am Christsein? Das habe ich Ali gefragt. Er ist seit einem Jahr bei uns in der Gemeinde. Eigentlich kommt er aus dem Iran. Und Ali weiß, was für ihn das Wichtigste ist und sagt: Vergebung. Das ist für mich Christsein. Gott hat vergeben. Und dann soll ich das auch tun...

Und dann wird Ali ganz still und sagt: Aber ich kann nicht jedem vergeben - ich habe schlimme Sachen erlebt im Iran und auf der Flucht und da kann ich gar nicht vergeben. Markus - kann ich jetzt kein Christ mehr sein? Ali wirkt geknickt, als er das sagt.

Ich bin überrascht und auch gerührt. Ali hat Recht. Wenn Gott vergibt, dann sollen wir das auch tun. Und wenn wir aus welchen Gründen auch immer das nicht können, dann könnte man sich schon fragen: Bin ich noch Christ, wenn ich nicht vergeben kann?

Ich finde, Ali hat wirklich den Kern getroffen. Denn: Ich glaube daran, dass niemand auf seine Schuld festgelegt werden soll. Niemand soll an seiner Schuld zerbrechen. Und wir sollen auch nicht geknickt durchs Leben gehen, wenn wir schuldig geworden sind, sondern neu anfangen dürfen. Und das sollen wir einander auch gönnen.

Für mich ist das so, habe ich Ali dann gesagt: Ich glaube, dass Gott uns Zeit lässt mit dem Vergeben. Und ich glaube, Gott vergibt uns auch, wenn wir das mit dem Vergeben nicht so gut hinbekommen. Ist ja auch wirklich nicht so einfach. Und manchmal schafft man das nur als Wunsch. Und nicht wirklich. Aber das ist ja vielleicht auch schon ganz schön viel.

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„Bloß keine modernen Lieder!“ Sagt Frau Müller. Wir reden grade über die Feier ihrer Goldenen Hochzeit. „Nein;“ beschwichtige ich sie, wird es nicht geben, Frau Müller.“ Eigentlich hätte sie mich nicht ermahnen müssen. Aber sie hat eben ein bisschen Angst, sie kennt mich als ihren neuen Pfarrer noch nicht und weiß nicht, was der so alles macht. Und vor allem will sie mitsingen. Und sie will, dass ich sie und ihre Situation wahrnehme und sie respektiere.

Kann ich aber auch verstehen – die Jüngeren vergessen schon mal, dass die Alten ihren eigenen Geschmack haben und dass der auch sein Recht hat. Schließlich haben die Alten früher auch was geleistet und geschafft und tun das im Alter zum großen Teil immer noch. Ohne die Alten, ohne Oma und Opa würde machen Familie überhaupt nicht funktionieren.
Und ohne die weisen Worte der Alten würden die Jungen so manchen Fehler im Leben machen.

Als ich wieder nach Hause gehe vom Gespräch mit Frau Müller, treffe ich Herrn Hinderer, auch er einer von den Alten. Er sagt: „Ich wäre ja gerne dabei gewesen, als Sie bei uns im Gottesdienst vorgestellt worden sind, aber da war ich krank. Ich hab aber gehört, dass es sehr voll gewesen ist, sehr schön. Aber ich sag ihnen eins: Gewöhnen Sie sich nicht daran, dass so viele in die Kirche kommen. Hier kommen einfach wenig Leute sonntags in die Kirche! Ich sag das nur, damit Sie nicht denken, das liegt an ihnen!“

Wow, denke ich, was für ein fürsorglicher Mann. Und wie einfühlsam. Für mich sind seine Worte bis heute ein wahrer Segen. Und ich bin dankbar dafür, dass es so alte Herren wie ihn gibt. Und da singe ich dann auch gerne die alten Lieder mit. 

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