Alle Beiträge

Die Texte unserer Radiosendungen in den Programmen des SWR können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
Klicken Sie unten die gewünschte Sendung an.


SWR3 Gedanken

Die Tasse hat einmal seinem Großvater gehört. Grau mit blauen Sprenkeln und mit einer kleinen Kuhle am Henkel, in die der Daumen hineinpasst. Er liebt diese Tasse, aber jetzt ist der Henkel abgebrochen. Oder die großen Essteller mit dem Rosenmuster. Eigentlich zu groß. Zu Etepetete. Aber ein Geschenk der Lieblingstante zur Hochzeit. Und deshalb gibt es an Weihnachten darauf immer die Gans mit Maronen gefüllt. Aber jetzt ist ein Teller runtergefallen und in zwei Teile zerbrochen.

Geschirr begleitet uns durchs Leben. Und manchmal verbinden sich mit Tellern und Tassen Geschichten. Gehen sie zu Bruch, dann geht auch ein Stück Erinnerung in die Brüche. Deshalb werden in Japan zerbrochene Schüsseln und Tassen häufig wieder geflickt. Die Japaner haben dafür eine besondere Technik entwickelt. Sie kleben die Bruchstellen mit Gold zusammen. Kintsugi nennt sich die Technik. Und mit dem Gold werden die Bruchstellen und Sprünge im Porzellan nicht vertuscht, sie werden sichtbar gemacht. Golden!

Die Japaner finden nämlich: Wenn etwas eine Geschichte hat, dann gewinnt es dadurch gerade an Schönheit. Und durch das Gold trägt die Bruchstelle, das Fehlerhafte und Kaputte, noch mehr zur Schönheit bei. Ein goldener Sprung in der Schüssel – der macht die Schüssel erst richtig schön. Und ich finde, das sollte eigentlich nicht nur für Geschirr gelten.
Und das tut es auch! Der Apostel Paulus jedenfalls meint: Viele Leute leuchten und strahlen deshalb so, weil sie so viel in ihrem Leben erlebt haben, auch Brüche und Verletzungen. Und sie leuchten, weil sie über all diesen Brüchen und Sprüngen nur umso gütiger und weiser und schöner geworden sind.  

https://www.kirche-im-swr.de/?m=23830

Projektwoche in der Schule. Eine Woche bereiten die Lehrer mit vielen Ideen und Mühe einen etwas anderen Unterricht vor. In diesem Jahr lautet das Motto: „Zeitreise“. Meine Tochter war schon Wochen vorher aufgeregt. Es geht zu den Wikingern. Und zu den Römern. Wie haben die gelebt? Wie haben sie gelernt? Eine Gruppe ist dazu in ein altes Klassenzimmer gereist und hat auf kleine Tafeln geschrieben, statt in Hefte! Und natürlich ging es auch in die Zukunft. Wie sieht es da wohl aus? Sind da alle Roboter? Können wir dann fliegen? Am Ende zeigen die Schüler den Eltern, was sie alles erlebt und gemacht haben. Diesmal der große Knaller:

Eine selbstgebastelte Zeitmaschine, mit der Kinder, Lehrer und wir Eltern dann durch die Zeit gereist sind. Meine Tochter war begeistert: „Mama, so eine Zeitmaschine, das wäre toll. Dann könnten wir jederzeit dahin reisen, wo es uns gut geht. Oder wo es was Spannendes zu sehen gibt. Und wo wir ganz viel Neues lernen!“
Die Begeisterung meiner Tochter hat mich angesteckt. Eine Zeitmaschine, das wär’s! In Gedanken bin ich losgereist in die Zukunft. In eine Zeit, in der es keine Kriege mehr gibt. In der niemand mehr fliehen muss. Und alle Menschen genug zu essen haben. Und wir voneinander viel Neues lernen können.

Ist das die Zukunft? Fragte ich mich. Auf jeden Fall eine Zeit, nach der ich mich sehne und auf die ich hoffe. Und Sie vielleicht auch. Wir wissen nicht, was morgen sein wird. Aber vielleicht sollten wir öfters eine Reise in die Welt unserer Hoffnung und Sehnsucht machen. Vielleicht sind unsere Träume nur die Antwort auf einen Ruf. Auf ein altes Wort aus der Bibel: Da sagt Gott zu den Menschen: „Ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, Gedanken des Friedens. Auf dass ihr Zukunft und Hoffnung habt.“

https://www.kirche-im-swr.de/?m=23829

Eine Mauer hat jüngst in Hamburg Schlagzeilen gemacht. Eigentlich war es nur ein kleines Mäuerchen. Etwa kniehoch. Auf dem Vorplatz des Hamburger Hauptbahnhofes. Ideal, um sich drauf zu setzen und sich auszuruhen. Das haben dann auch prompt welche gemacht, nämlich Obdachlose. Was den Stadtoberen allerdings nicht gefallen hat. Deshalb haben sie kurzerhand einen Zaun auf das Mäuerchen montiert und vorbei war es mit dem hinsetzen und ausruhen.

Einige Hamburger wollten das aber nicht hinnehmen. Sie wollten aus dem blöden Zaun was Gutes machen. Deshalb haben sie Beutel und Tüten an den Zaun gehängt. Gefüllt mit allem, was Obdachlose so brauchen können: Brot, Schals und Mützen, Decken, Rasierzeug und Futter für die Hunde, mit denen viele von ihnen unterwegs sind.
Diese Idee hat sich herumgesprochen und mittlerweile kommen die Hamburger regelmäßig vor oder nach der Arbeit am Zaun vorbei und hängen einen neuen Beutel dran. An manchen Tagen wechseln bis zu 60 Beutel den Besitzer. Einen Namen hat der Zaun auch schon. Er heißt jetzt: Hamburger Gabenzaun.

Ja, man kann Mauern überwinden. Die auf der Straße, zwischen Ländern und die in unseren Köpfen. Man kann sie überwinden, wenn man einfach nur kreativ, frech und mutig ist. Dietrich Bonhoeffer, der Widerstandskämpfer im Dritten Reich hat mal gesagt: Gott kann aus allem, auch dem Bösen, etwas Gutes machen. Aber dazu braucht er Menschen, die das Gute wahr werden lassen. So wie in Hamburg. Und übrigens demnächst auch in Kassel, Dortmund oder Darmstadt. Dort sind nämlich schon die nächsten Gabenzäune geplant.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=23828

Haben Sie schon mal eine Grenze überschritten? Landesgrenzen, Grenzen des Anstandes, Grenzen im Kopf? Gar nicht so einfach. Weil man sich auf fremdes Terrain begibt, weil man andere vielleicht brüskiert, weil man nicht weiß, ob es am Ende gut ausgeht. Um Grenzen zu überschreiten, braucht es viel Mut und Selbstvertrauen.

Caspar Olevian war so ein Grenzüberschreiter. Er ist in meiner Heimatstadt Trier geboren, im 16. Jahrhundert, 10 Jahre bevor Martin Luther starb. Sein Vater ist Bäcker. Die Mutter stammt aus einer alten Metzgerdynastie. Aber Olevian übernimmt nicht den väterlichen Betrieb, sondern studiert Jura in Frankreich – damals sehr ungewöhnlich. Und er bekennt sich zur reformatorischen Bewegung und wird evangelisch.
Und nicht nur das, er wechselt von Jura zur Theologie und wird Pfarrer. Damals kochen die Kämpfe zwischen Katholiken und Protestanten gerade hoch. Olevian muss deswegen öfters den Ort wechseln, um nicht gefangen genommen zu werden, um weiter arbeiten zu können.

Er geht nach Heidelberg und wird Theologieprofessor. Zieht weiter nach Berleburg, und schließlich nach Herborn. Dort gründet er eine Schule, an der noch heute die zukünftigen Pfarrer der evangelischen Kirche in Hessen und Nassau ausgebildet werden. Heute vor 430 Jahren ist er an den Folgen eines Unfalls gestorben.

Wenn in Trier von der Reformation die Rede ist, dann denken alle zuerst an diesen Mann: Caspar Olevian. Der Grenzüberschreiter. Immer auf der Suche nach Wahrheit. Aber auch mit Respekt vor der Wahrheit der Anderen. Ich glaube, solche Leute brauchen wir heute auch. Auch um Menschen anderer Kulturen zu verstehen und sich mit ihnen zu versöhnen. Echte Grenzüberschreiter eben. So wie Caspar Olevian aus Trier.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=23827

Kennen Sie ihn, diesen einen Moment? Dieser besondere Augenblick, jetzt im Frühling? Vor kurzem habe ich ihn erlebt. Ich habe nur kurz das Fenster geöffnet, um frische Luft reinzulassen. Habe aufgeräumt, Geschirr gespült, Papiere geordnet. Und dabei ganz vergessen, dass das Fenster offen war. Und als ich es gemerkt habe, war ich irritiert. Dass es gar nicht kalt war im Wohnzimmer. Und dass es auf einmal wunderbar gerochen hat. Nach Regen und nasser Erde, nach milder Luft, ein erster Duft von Grün... Das hat mich ganz kribbelig gemacht. Dieser eine Moment. Der Frühlingsmoment! Wunderbar!

Denn dieser Moment hat mir gesagt: Egal wie finster, dunkel, grau, kalt und ungemütlich es war. Das geht vorbei. Die Sonne kommt wieder. Es wird wieder hell und warm und freundlich draußen. Und auch in mir. Manchmal ohne, dass ich das richtig merke.

„Schaut nach vorne, denn ich will etwas Neues schaffen! Es ist schon da, habt ihr es nicht gemerkt?“ so formuliert das ein Prophet in der Bibel. Ein Prophet ist kein Wahrsager. Aber er hat einen geschärften Blick für das, was ist. Und er hört das Gras wachsen. Vielleicht, weil er auf Kleinigkeiten achtet, und sie zu schätzen weiß. Vielleicht, weil er einen Blick hat für das große Ganze.

Und ein Prophet möchte, dass wir es wagen zu vertrauen. Uns treibt nämlich kein blindes Schicksal vor sich her. Es wacht ein gütiger Gott über uns und schenkt uns immer wieder einen neuen Frühling. Und das können wir jetzt wieder spüren, fühlen und riechen. In diesen Frühlingsmomenten. Aus scheinbar totem Geäst, aus dunkler Erde wächst etwas Neues. Habt Ihr es schon gemerkt?

https://www.kirche-im-swr.de/?m=23826

Eines der Lieblingsworte meiner Tochter ist „Sofort!“ – Sooofort mit einem dreifachen Ausrufezeichen. Bei vielem kann es ihr gar nicht schnell genug gehen. Weil sie sich so sehr auf etwas freut und darüber so aufgeregt ist. Zum Beispiel, wenn sie sich mit ihrer besten Freundin treffen will. Oder sich auf das erste Eis des Jahres freut. Dann soll das sooofort passieren. Klar, dieses „Sofort“ kann für Mütter und Väter ganz schön anstrengend sein. Aber ich mag es trotzdem. Ist es doch so voller Lebensfreude.

Wenn das „Sofort“ aber nur genervt und ungeduldig rüberkommt. Gar noch als Befehl, dann kann es mir eigentlich gestohlen bleiben. „Sofort! Ohne Verzug. Sollte gestern schon gemacht sein!“- solche Ansagen fördern bei mir eher einen inneren Boykott.

Sieben Wochen ohne Sofort- so heißt die diesjährige Fastenaktion der evangelischen Kirche. Sieben Wochen lang sollen wir alles, was mit einem „Sofort“ daher kommt, nochmal prüfen. Ist das wirklich dringend? Oder kommt es nur dringend daher? Ist es wichtig? Oder tut es nur so? „Sieben Wochen ohne Sofort“ meint:

Mach erst mal langsam. Atme erst mal tief durch. Und dann überlege: Muss das wirklich sofort sein? Oder hat es auch Zeit? Manches muss nicht so heiß gegessen werden, wie es gekocht wird. Manches kommt dringend und wichtig daher, ist es aber nicht.
Alles hat seine Zeit, heißt es schon in der Bibel. Und so soll es sein: Zeit für das ganz Dringende. Aber eben auch Zeit für kindliche Lebensfreude. Und stürmische Vorfreude. Das wünsche ich Ihnen. Und am liebsten: Sooofort!!!

https://www.kirche-im-swr.de/?m=23825

Wie haben die das nur geschafft? Sie haben sich schon als Schüler kennen gelernt. Verliebt, verlobt, verheiratet, zwei Kinder. Und dann – irgendwo zwischen dem zweiten Kind und dem Sommerurlaub an der Atlantikküste haben sie angefangen, sich zu verlieren. Die Ehe wurde zur Katastrophe. Die Trennung unvermeidlich. Mit Mitte 50. Und heute? Es grenzt an ein Wunder, aber sie sind wieder zusammen. Wie haben die das nur gemacht?

Zuhören. Hat sie gesagt. „Er hat mir endlich wieder richtig zugehört! Er hat mich gefragt, warum ich mich so gekränkt gefühlt habe.“ Und er hat gesagt: „Ansehen hat geholfen. Sie hat mich auf einmal so liebevoll angesehen. So wie ich bin. Mit meinen Fehlern und Schrulligkeiten.“ So sind sie wieder zusammengekommen. Und ihre Erinnerungen konnten heilen.

Mit den christlichen Konfessionen ist das ganz ähnlich. 500 Jahre haben sie sich gegenseitig bekämpft, haben sogar gegeneinander Kriege geführt. 30 Jahre lang. Evangelisch und katholisch- das war lange Zeit ein Grund, sich zu meiden. Aber an diesem Wochenende feiern sie miteinander Gottesdienste. Unter dem Motto „Healing of memories“ – „Erinnerung heilen“. Und auch bei ihnen geht es genau darum: Zuhören und genau hinsehen. Um einander besser zu verstehen. Sie bitten Gott und einander um Vergebung für alles Leid und allen Schmerz, den sie einander angetan haben.

„Wir sind keine vollkommen neuen Menschen. Wir sind immer noch, wer wir nun mal sind. Aber wir haben gelernt besser umzugehen mit dem, was uns voneinander trennt.“ So könnten das auch die Kirchen zu einander sagen. Und es ist ja auch so: Wir leben jeden Tag davon, dass Gott und die Welt uns eine neue Chance geben. Warum sollten wir nicht auch Anderen eine neue Chance geben und versuchen, uns zu versöhnen? Das wünsche ich mir jedenfalls – nicht nur für unsere Kirchen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=23824