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SWR3 Gedanken

„Teller her! – Jeder isst einen Teller! – Mindestens einen!“ Dass hat meine Mutter immer gesagt, wenn sie den großen heißen Eintopf mit den Topflappen auf den Tisch gestellt hat. Immer an Samstagen, wenn es Linseneintopf gab.  Ich hab die Nase gerümpft, weil ich Linsen nicht mag. „Das ist gesund!“, hat meine Mutter gesagt. „Ihr wisst nicht, was gut ist!“

Wir haben sie gegessen, obwohl wir Kinder den Linsen nicht viel abgewinnen konnten. Mittlerweile ist das anders. Seitdem meine Bekannte Maria mir erzählt hat, wie glücklich Linsen machen können: Sie läuft immer mit Linsen in der Hosentasche herum.

Auf die Frage, warum sie Linsen in ihrer Hosentasche hat, hat sie geantwortet, dass sie morgens alle Linsen in die rechte Hosentasche packt. Im Laufe des Tages macht sie bei jedem schönen Erlebnis eine Linse von der rechten in die linke Hosentasche. Abends, bevor sie ins Bett geht, fühlt sie die vielen Linsen in ihrer linken Hosentasche. Dann freut sie sich über all die positiven Ereignisse, die sie heute erlebt hat.

Am Anfang waren es nicht sehr viele. Aber von Tag zu Tag wurden es mehr. Weil sie geübt hat, sich über die kleinen Dinge im Alltag zu freuen: Der Kaffee-Duft aus der Küche am Morgen, das Lachen ihrer Kinder, das nette Gespräch mit einer Nachbarin – immer wandert eine Linse von der rechten in die linke Tasche.

Es müssen ja nicht Linsen sein. Kleine Perlen gehen auch oder am Abend aufschreiben was war. Es geht einfach darum, hat Maria mir erklärt, besser auf die kleinen Glücksmomente zu achten.

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Notiz-App, Einkaufszettel oder Kalender. Wie gut, dass es solche Erinnerungshilfen gibt.
Vor allem für Jahrestage. Die würde ich ohne meinen Kalender vergessen.

Heute gibt es eine Erinnerungshilfe für ganz Deutschland. Heute ist der „Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus“.  

Vor 71 Jahren ist das Konzentrationslager Ausschwitz-Birkenau befreit worden.
In der Zeit des Nationalsozialismus sind Millionen Menschen ums Leben gekommen; Juden, Christen, Sinti und Roma, Menschen mit Behinderung, Homosexuelle, politisch Andersdenkende; Männer und Frauen, die Widerstand geleistet haben – sind ermordet worden. Weil sie anders gefühlt, geglaubt oder gedacht haben.

Dass dieses Verbrechen und die Opfer nicht vergessen werden, dafür ist der Gedenktag eingeführt worden. Der damalige Bundespräsident Herzog hat dazu gesagt:
Die Erinnerung darf nicht enden; sie muss auch künftige Generationen zur Wachsamkeit mahnen.“

Die Worte des Bundespräsidenten sind gut 20 Jahre alt, für mich aber aktueller denn je.
In meiner Umgebung nehme ich wahr, wie Stimmung gegen Minderheiten gemacht wird. Alle werden über einen Kamm geschoren und verurteilt. Richtig übel!

Der Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt, der Mord an einer jungen Frau in Freiburg… Es ist die schreckliche Tat eines Einzelnen/Einzelner. Es ist nicht die Tat einer ganzen Menschengruppe!

Ich wünsche mir so sehr, dass wir Menschen uns respektvoll, tolerant und mitmenschlich begegnen; und dass wir uns nicht zu Unrecht oder einfach so verurteilen. Der Tag heute ist mir wichtig, weil er mich genau daran erinnert!

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Heute ist der „Internationale Tag der Zöllner“. Zachäus hat diesem Beruf keine Ehre gemacht. Er hat vor über 2000 Jahren in Jericho gelebt und er war ziemlich klein. Das wird aber später noch eine Rolle spielen.

Von ihm erzählt die Bibel, dass er den Leuten ihr Geld aus der Tasche zieht. Tagein, Tagaus. Oftmals das Vierfache von dem, was gefordert ist. Deswegen sind die Leute wütend auf ihn und wollen nichts mit ihm zu tun haben.

Als Jesus eines Tages in die Stadt kommt, rennen alle Leute aufgeregt auf die Straßen. Sie wollen diesen Jesus sehen. Schließlich reden alle über ihn. Zachäus will  natürlich auch. Blöd, dass er so klein ist. Er kommt nicht durch.  Also klettert er auf einen Baum, um Jesus sehen zu können.

Und dann passiert das: Jesus läuft auf den Baum zu und fordert Zachäus auf, herunterzukommen: „Heute Abend will ich bei dir zu Gast sein!“

Diese Aktion ist nicht nur ein Schock für Zachäus. Der hat damit gar nicht gerechnet. Auch die Leute sind schockiert: „Wie kann dieser Jesus sich nur mit so einem Gauner abgeben?“

Ich finde das von Jesus ziemlich gut. Weil er etwas getan hat, das wirklich niemand erwartet hat. Erstens: Jesus hat sich selbst zum Essen eingeladen – bei einem Fremden. Zweitens: Jesus hat sich nicht darum geschert, was andere davon halten. Drittens: Jesus hat es geschafft, dass Zachäus sein Leben verändert.

Zachäus verspricht nämlich nach diesem Besuch, die Hälfte seines Geldes den Armen zu geben. Und den Leuten, denen er zu viel abgenommen hat, das Vierfache zurück zu geben.

Manchmal sind es unerwartete Begegnungen zwischen Menschen, die das Leben von einem Augenblick zum anderen umkrempeln können. Die Geschichte jedenfalls finde ich ein schönes Beispiel dafür, dass es gelingen kann.

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„Dauerhafte Zufriedenheit mit sich und dem Leben ist eine Illusion.“ -
Auf den Artikel mit dieser Überschrift bin ich sofort geflogen. Weil er mir das Gefühl gibt, dass es okay ist, auch mal nicht zufrieden zu sein. Das gibt es ja immer mal wieder im Leben: meine Wohnung ist nicht optimal oder ich kann nicht alle Freundschaften so pflegen, wie ich das gerne hätte. Außerdem nimmt mein Job oft zuviel Zeit in Anspruch und ich ärgere mich dann, dass ich zu wenig Zeit für mich habe.

In solchen Momenten fällt mir besonders auf, wie gut es die anderen haben. Traumjob mit super viel Geld, riesengroße Wohnung, Freunde direkt um die Ecke und die Hochzeit steht vor der Tür. Jedenfalls kommt es mir so vor. Das nervt mich. Und dass ich überhaupt vergleiche, nervt mich noch mehr.

Jetzt habe ich in dem Artikel gelesen, dass es gut ist, hin und wieder unzufrieden zu sein.
Wir Menschen sind nämlich so gestrickt, dass wir uns immer weiterentwickeln und neues lernen. Wenn ich mich mit allem zu jeder Zeit zufrieden gebe, habe ich auch keine Lust, etwas in meinem Leben zu verändern, Neues zu entdecken, Neues zu lernen und neue Erfahrungen zu sammeln. Damit ich zufrieden bin, muss ich also auch mal unzufrieden sein. Sozusagen als Motor, der mich antreibt; der mir Lust macht, Dinge, die mich unzufrieden machen, anzupacken:

In meiner kleinen Wohnung muss ich mich beschränken. Das kann ich. Dass ich nicht jede Freundin ständig anrufen kann, lässt mich auch nachsichtig mit anderen sein, wenn sie sich lange nicht melden. Und damit ich in meinem Job erfolgreich bin, muss ich mich durchbeißen.

Unzufriedenheit hat also auch etwas Gutes: voranzukommen im Leben und nicht auf der Stelle zu tappen! Für mich jedenfalls ist sie eine riesengroße Chance.

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Ich halte mit meinen Rad an einer Straßenkreuzung. Da ruft jemand zu mir: „Ey! Guck mal!“
Ich schaue nach rechts. Ein Mann lehnt an einer Hauswand. Dürr, zerfallenes Gesicht. Er trägt Leggins mit Rock. „Schön, gell? Hab ich geschenkt gekriegt!“, sagt er und zeigt auf seine „neuen Klamotten“.  Ich trage auch Leggins und Rock. „Haha, fast so schön wie deiner!“ sagt der Mann und nimmt einen kräftigen Schluck aus seiner Flasche. Dann wird es grün und er brüllt mir hinterher: „Pass auf dich auf!“

Pass auf dich? Das sagt der Richtige…! Was meint er damit?

Meine Mutter sagt es zu mir, wenn wir uns verabschieden. Weil sie mich gerne hat und  nicht möchte, dass mir etwas zustößt. Meistens dann, wenn klar ist, dass wir uns längere Zeit nicht sehen werden. Ich sage es manchmal auch zu Leuten die mir viel bedeuten und die ich länger nicht sehe. Aber der Mann kannte mich ja gar nicht…

Ich sehe ihn innerlich vor mir, in seinem Rock mit der Korn-Flasche in der Hand. Schon ein bisschen fertig mit der Welt. Da fällt es mir wie Schuppen von den Augen: Ich bin ihm nicht egal. Ich soll mir selbst auch nicht egal sein. Ich soll auf mich Acht geben – dort wo ich die Fäden selbst in der Hand halte. Vielleicht gerade, weil er das offensichtlich nicht mehr tut.

Eigentlich könnte mir der Mann und das, was er gesagt hat egal sein. Ist es aber nicht. Ich bin nämlich inzwischen sicher, dass er mich am helllichten Tag mitten auf der Straße gesegnet hat. Jemanden segnen heißt, ihm etwas Gutes zu sagen. „Pass auf dich auf!“ Das war mein Segen für diesen Tag.

                                                     

 

 

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„Wer seine Tätigkeit einschränkt, erlangt Weisheit.“ (Sir 38,25). So lautet ein altes Sprichwort aus der Bibel. „Wer seine Tätigkeit einschränkt, erlangt Weisheit.“ Für mich übersetzt, klingt das so: Wer weniger macht, ist klug. Oder auch: Wer nein sagt, macht es richtig.

Über den Spruch habe ich mich lange geärgert.

Ich kenne Leute, die können das gut: Sich abgrenzen. Nein sagen. Oder sich sogar vor Aufgaben drücken. Das ist für mich alles andere als weise.

Na toll – dann mache ich es wohl falsch! Weil ich es oft nicht schaffe, nein zu sagen. Bin ich deswegen also nicht weise?

Ich habe lange gebraucht um zu kapieren, was der Satz für mich bedeutet: „Wer seine Tätigkeit einschränkt, erlangt Weisheit.“ 

Ich habe festgestellt: Wenn ich ausgeschlafen bin, fällt es mir viel leichter, schwierige Aufgaben anzupacken. Wenn ich mir in der Mittagspause Zeit nehme, um mich mit Kollegen zum Essen zu verabreden, bin ich danach viel motivierter. Und wenn ich eine Aufgabe auf dem Schreibtisch auch mal eine Nacht länger liegen lasse und dafür zum Sport gehe oder mich mit Freunden treffe, läuft es am nächsten Morgen wie von selbst. Wenn ich das schaffe, mache ich alles andere viel lieber und besser.

Den Stift auch mal fallen lassen, wenn es Zeit ist! In den Feierabendmodus wechseln! Abschalten! Ich hab ja schließlich auch ein Recht auf mich. Und wenn ich meiner Arbeit Aufmerksamkeit schenke, muss auch ich mir Aufmerksamkeit schenken. Das bedeutet der Satz für mich: Sei auch für dich da! Das ist für mich dann tatsächlich weise.

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„Keine Schokolade mehr! – Ab morgen!“ Das habe ich mir an Silvester fest vorgenommen. Jedes Jahr tue ich das. Immer mit eisernem Willen. Aber dann ist es: „Nächste Woche, ab nächster Woche dann wieder!“ geworden. Jedes Jahr dasselbe Spiel.

In diesem Jahr wird das anders! Ich weiß es! Ich werde es einfach besser anstellen!
Die Zeit zwischen den Jahren habe ich genutzt, um Bilanz zu ziehen. Das Ergebnis: ich führe mich selbst an der Nase herum. Mein Ziel, ganz auf Schokolade zu verzichten, ist gescheitert. Und trotzdem: Der Vorsatz steht wieder ganz oben mit dabei auf meiner Liste. Ich bin nur etwas bescheidener geworden…

Schokolade nur an Sonntagen und in kleinen Portionen. Ein Zettel mit diesem Satz klebt am Kühlschrank. Er wird mich täglich daran erinnern: Heute keine Schokolade!

Ich weiß genau, es wird Tage geben, wo mir mein Ziel egal ist und ich den Zettel am Schrank ignorieren werde; an denen von der Schokolade, die ich aufmache nichts übrig bleibt. Ich habe mir darum schon vorab überlegt, was ich dann tun werde: am nächsten Tag 1 Stunde Sport.

Meine Freundin macht mit – und wir halten uns auf dem Laufenden. Über das, was klappt und das, was nicht klappt. Das ganze gemeinsam anzugehen, das motiviert uns. Wir sind uns auch einig, dass die Ausnahmeregel, an Sonntagen und in kleinen Portionen, uns erfolgreicher sein lässt und das hat sich von vornherein gut angefühlt.

Bisher klappt es hervorragend mit dem Schokoladenverzicht. Also: klares Ziel setzen, Ziel aufschreiben, Leute suchen, die mitmachen, vom Erfolg träumen und Misserfolge einplanen. Ich bin davon überzeugt, dass mit dieser Kurzformel alle meine Vorsätze zum neuen Jahr den Februar erleben werden.

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