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SWR3 Gedanken

Für Engel ist Weihnachten ja der pure Stress. Besonders der Auftritt in der heiligen Nacht in der Nähe von Bethlehem. Da ist alles im Einsatz, was Flügel hat. Fürchtet euch nicht, rufen sie unverdrossen. Weil sie jede Menge Menschen treffen, die sich fürchten. Kein Wunder also, dass die Engel nach Weihnachten müde sind.

„Gott sei Dank ist es wieder vorbei“, sagt einer. Natürlich meint er Weihnachten. Die Hochsaison. Ein paar andere nicken. „Sie haben schon das Lametta im Keller verstaut und die Christbäume auf den Biomüll geschafft“, wirft ein anderer Engel ein, der die Menschen genau beobachtet hat. „Weihnachten ist vorbei, Zeit für Urlaub“, sagt er. Und wieder nicken welche. Nur einer schüttelt den Kopf.

„Weihnachten ist nicht vorbei“, widerspricht er. Ein paar der älteren Engel runzeln die Stirn. Was soll das denn? Weiß doch jedes Kind, dass alles seine Zeit hat. Auch Weihnachten. Müssen diese jungen Engel denn immer solche Quertreiber sein?

„Die Menschen fürchten sich noch immer“, sagt der Quertreiber-Engel. „Es reicht nicht, wenn man ihnen einmal im Jahr die frohe Botschaft bringt. Damit sie es glauben, müssen wir weitermachen. Schließlich sind wir Engel, Boten Gottes. Und das nicht nur zur Weihnachtszeit.“

Es kommt Bewegung in die himmlischen Heerscharen. Der ein oder andere wirft einen Blick auf die Erde. Irgendwie hat er Recht, der Quertreiber-Engel. Da laufen jede Menge Menschen mit sorgenvollen Gesichtern herum, denen offensichtlich das Herz schwer ist. Wird wohl nichts mit Urlaub.

Schließlich schwärmen sie wieder aus, die Engel. Machen sich auf den Weg in die Welt mit ihrer frohen Botschaft: Fürchtet euch nicht, Gott ist euch nah, Friede soll sein. Sind ja auch wirklich nicht nur zu Weihnachten gute Worte. Passen das ganze Jahr. Auch ohne Christbaum und Lametta.

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Vor ungefähr zweitausend Jahren. Circa tausend Kilometer zu Fuß. Kein Pappenstiel für die drei Weisen aus dem Morgenland. Wochenlang sind sie unterwegs, folgen einem Stern, haben keine Ahnung, wohin der Weg sie führt. Wie oft werden sie sich unterwegs gefragt haben, ob das alles einen Sinn hat? Ob sie ans Ziel kommen werden?

Aus der Bibel wissen wir, dass sie es geschafft haben. Zwei Wochen nach der heiligen Nacht kommen sie am Stall von Bethlehem an, finden ein Kind. Ein Kind mit einer Botschaft vom Frieden. Frieden für die Welt.

Vor ziemlich genau elf Tagen. Ungefähr dreitausend Kilometer zu Fuß. Kein Pappenstiel für mehrere hundert Menschen, die am zweiten Weihnachtstag von Berlin aufgebrochen sind nach Aleppo. Monatelang werden sie unterwegs sein. Und sich vermutlich auch immer wieder fragen, ob das alles einen Sinn hat. Ob sie ihr Ziel erreichen werden.

Initiiert wurde der Bürgermarsch von der Berliner Journalistin Anna Alboth. Gemeinsam mit vielen anderen will sie ein Zeichen der Solidarität mit den Menschen im kriegsgeschüttelten Syrien setzen. Ihr Ziel ist klar: ein klares und unübersehbares Zeichen für Frieden zu setzen, das wirklich etwas verändert. Ob sie ihr Ziel erreichen wird?

Interessant, wie sich die Geschichten gleichen. In beiden geht es um Menschen, die aufbrechen, sich auf den Weg machen, ein Ziel erreichen wollen. Interessant auch, dass die einen damals ein Kind gefunden haben, dessen Botschaft viel mit Frieden zu tun hat. Und die anderen heute sind unterwegs, um diese Botschaft weiterzusagen und weiterzutragen. Die vom Frieden. Und allen gemeinsam ist, dass zu ihrem Weg viel Mut gehört. Mut, vor dem ich großen Respekt habe.

Die Weisen aus dem Morgenland sind damals einem Stern gefolgt, der sie an ihr Ziel geführt hat. Mögen alle Wege des Friedens, die Menschen gehen, unter einem guten Stern stehen.

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Mein altes Poesiealbum. Noch aus meiner Schulzeit. Haben Sie auch so eins? Meins ist voll mit Pressbildchen und Lebensweisheiten. Erheitert lese ich, was mir meine Mitschüler damals mit auf den Weg geben wollten. An einem Spruch bleibe ich hängen. „Lache und die Welt lacht mit dir. Weine und du weinst allein.“ Mann, wie lebensklug. Und zugleich: wie falsch.

Lache, und die Welt lacht mit dir. Stimmt. Fröhlichkeit hat etwas Ansteckendes. Sie reißt andere Menschen mit. Frohe Menschen strahlen etwas aus, strahlen Freude auf andere Menschen ab. Lache und die Welt lacht mit dir.

Und wie ist das mit der anderen Seite: Weine, und du weinst allein. Stimmt das auch? Viele verkriechen sich tatsächlich mit ihren Tränen. Bevor einer einen dummen Spruch reißt, weinen sie lieber allein. Andere wollen mit ihrer Traurigkeit ihrer Umgebung nicht die Laune versauen. Wieder andere halten Tränen für Schwäche, und die soll keiner sehen.

Aber das hat seinen Preis. Die Tränen, die ich allein weine, kann keiner trocknen. Und die Traurigkeit, die keiner sieht, kann keiner trösten. Ich denke, Traurigkeit hat auch etwas Ansteckendes. Etwas ansteckend Menschliches. Etwas, das in vielen von uns eines der besten Gefühle zum Vorschein bringt, über das wir Menschen verfügen: das Mitgefühl.

Wir können mit anderen fühlen. Ihre Freude mit-fühlen, ihren Schmerz mit-fühlen. Und wenn wir das tun, wird die Freude mehr und der Schmerz weniger.

Ich stelle mein Poesiealbum zurück ins Regal und denke, dass eben nicht jede Lebensweisheit klug und hilfreich ist. Und wenn schon, dass ist mir diese hier lieber: Geteiltes Leid ist halbes Leid.

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Seit ein paar Wochen spiele ich Trompete. Naja, spielen ist vielleicht nicht das richtige Wort. Ich entlocke dem Instrument quäkende und quietschende Geräusche in gehöriger Lautstärke. Dennoch übe ich unverdrossen und freue mich an jedem Ton, der nach Musik klingt. Denn ich habe einen Traum: Ich will Trompete spielen können.

Diesen Traum habe ich schon verdammt lange. Aber irgendwie nie die Zeit gehabt, ihn in die Tat umzusetzen. Die Zeit habe ich eigentlich immer noch nicht. Aber mittlerweile habe ich begriffen, dass ich sie auch niemals haben werde, wenn ich sie mir nicht nehme. Und irgendwann platzt der Traum, weil gar keine Zeit mehr ist.

Die meisten Menschen, die ich kenne, haben mindestens einen Traum. Ein Instrument spielen, eine Sprache lernen, ein Land bereisen. Oder einfach nur mehr Zeit für die Familie haben. Eigentlich gar keine extravaganten Träume. Ganz normale Dinge, für die im Leben eigentlich Zeit sein sollte. Die aber irgendwie immer auf der Strecke bleiben.

Vor wenigen Tagen hat ein neues Jahr angefangen. Noch dreht sich das Rad der Zeit relativ gemächlich. Aber in Windeseile wird das anders sein. Dann füllt sich der Terminkalender wieder bis zum Anschlag und ein Ereignis jagt das nächste. Eh man es sich versieht, treten die Träume in den Hintergrund, weil der Alltag keine Zeit dafür lässt. Wenn man nicht die Reißleine zieht.

Am Anfang dieses Jahres möchte ich Ihnen Mut machen, die Reißleine zu ziehen. Nehmen Sie sich doch heute einmal fünf Minuten und denken Sie über Ihre Zeit nach. Und über Ihre Träume. Über die Dinge, die in Ihrem Leben eigentlich nicht zu kurz kommen sollen.

Und dann packen Sie’s an. Meine Trompetentöne sind bestimmt kein Quell der Freude für meine Nachbarn. Aber meiner Seele tun sie unglaublich gut. Was tut Ihrer Seele gut?

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Ein neues Herz. Vor fast neunundvierzig Jahren ist dem südafrikanischen Arzt Christian Barnaard die erste Herztransplantation gelungen. Damals eine medizinische Sensation. Der Patient überlebte zwar nur achtzehn Tage. Und dennoch war bewiesen, dass es möglich ist: einem Menschen ein neues Herz zu geben.

Die Bibel behauptet schon seit Tausenden von Jahren, dass das möglich ist. In der Jahreslosung für das Jahr 2017 spricht Gott: „Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch.“

Natürlich hantiert Gott nicht mit Tupfer und Pinzette. Aber vom menschlichen Herzen versteht er mindestens soviel wie Kardiologen. Die stellen fest, wenn ein Herz aus biologischen Gründen schwächelt. Gottes Diagnose geht weiter. Der sieht Herzrhythmusstörungen eigener Art.

Wenn mein Herz holpert und stolpert und einfach nicht weiß, was es fühlen soll. Oder wenn mein Herz gar nichts fühlt, obwohl es etwas fühlen will. Wenn mein Herz klein und eng und hart ist, so dass ich noch nicht einmal mich selbst lieben kann. Dann sieht Gott das. Und bietet seine Hilfe an. Mir und meinem Herzen.

Und wie funktioniert das? Im Prinzip ähnlich wie beim Kardiologen. Der kann auch nichts machen, wenn ich nicht zu ihm komme. Und bei Gott ist das auch so. Wenn mein Herz sich falsch anfühlt, dann kann ich zu ihm kommen, ihn um Hilfe bitten.

Dann sucht er mit seiner Liebe einen Zugang zu meinem Herzen. Und mit seinem Geist lässt er mich durchatmen, aufatmen. Mein Herz kommt wieder in den Rhythmus, fühlt sich besser an, fühlt sich an wie neu. Und das nicht nur achtzehn Tage lang, sondern immer wieder. Ein Leben lang.

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Sie waren ganz schön stressig, die Feiertag. Und dann noch der Jahreswechsel. Komplett aus dem Rhythmus. Heute wieder zur Arbeit. Aber leider total müde. Was wäre ein Nickerchen schön.

Weise Menschen in den Vereinigten Staaten haben das Problem erkannt. Und deshalb den heutigen Tag zum „Feiertag des Schlafens“ erklärt. Wie so oft weiß kein Mensch, wer ihn erfunden hat. Aber jetzt gibt es ihn. Und was nützt uns das?

Heute vielleicht nichts. Vermutlich wird kaum ein bundesdeutscher Arbeitgeber Betten richten und Kuschelkissen austeilen, damit die Mitarbeiter ein wenig schlummern können.

Aber das Jahr hat noch weitere dreihundertdreiundsechzig Tage. Und ich weiß schon jetzt, dass ich viel zu viele Abende zu spät ins Bett gehen werde und mich morgens mühselig aus dem Bett quäle.

Deswegen nehme ich diesen Tag heute als guten Hinweis nicht nur für einen Tag, sondern für alle Tage. Der Mensch braucht Ruhe, er braucht seinen Schlaf. Ohne Schlaf gibt es keine Erholung für Körper und Seele. Ohne Schlaf sind wir gar nicht lebensfähig.

Und es kommt noch besser: „Den Seinen gibt’s der Herr im Schlaf“, heißt es in der Bibel. Im Schlaf passieren also wichtige Dinge, die ich verpasse, wenn ich den Schlaf verpasse. Interessante Träume, Verarbeitung von Erlebnissen, wichtige Erkenntnisse zum Beispiel. Mag sein, dass Gott nie schläft, aber dass wir es tun, ist ihm offensichtlich wichtig.

In diesem Sinne: Bleiben Sie wach und wachsam in diesem Jahr! Und damit Ihnen das gelingt: Horchen Sie aufmerksam an Ihrer Matratze und schlafen Sie gut! Aber bitte erst nach Feierabend!

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Ich fege auf der Straße die Reste von Böllern und Raketen weg, räume leere Sektflaschen in den Keller. Nach und nach verschwinden die Überbleibsel der Silvesternacht, alles ist weggeräumt

Ich setze mich in meinen Sessel, komme zur Ruhe. Zeit zum Nachdenken. Nachdenken über ein neues Jahr. Noch hänge ich mit meinen Gedanken im alten Jahr. Offensichtlich doch nicht alles weggeräumt. Geht auch gar nicht.

Mit jedem Jahr, das ich älter werde, trage ich mehr Geschichte und Geschichten mit mir durchs Leben. Und ich selbst bleibe ja auch irgendwie dieselbe und werde nicht schlagartig anders, nur weil sich eine Jahreszahl ändert.

Und doch spüre ich das leise Kribbeln wie an jedem Jahreswechsel. Dreihundertfünfundsechzig neue Tage. Was die Zukunft wohl im Repertoire haben wird? Für mich, für andere, für die Welt? Worüber werden wir uns freuen, worüber weinen?  Und so sitze ich da und wäre gerne ein bisschen zukunftsschlau. Damit das Kribbeln nachlässt.

Irgendwann stehe ich auf aus meinem Sessel, gehe in die Küche. Auf dem Weg komme ich an einem Kalender vorbei. Für den heutigen Tag ist dort ein Gedicht von Simone Weil abgedruckt. Ich lese: „Warum also sollte ich mir Sorgen machen? Es ist nicht meine Angelegenheit, an mich zu denken. Meine Angelegenheit ist es, an Gott zu denken. Es ist Gottes Sache, an mich zu denken.“

In der Bibel steht das so: „Alle eure Sorge werft auf Gott, denn er sorgt für euch.“ Er hat es im alten Jahr getan, er wird es im neuen Jahr tun. Daran halte ich mich fest. Ich atme durch, das Kribbeln lässt nach.

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