Alle Beiträge

Die Texte unserer Radiosendungen in den Programmen des SWR können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
Klicken Sie unten die gewünschte Sendung an.


SWR3 Gedanken

Es gibt ein altes Lied von Carlos Santana, an das muss ich jetzt im Advent oft denken. „Put your lights on“. Da singt Everlast zur Musik von Santana: ‚Liebe Sünder und Liebende, liebe Mörder und Kinder zündet ein Licht an, euer Licht.‘

Ganz vorsichtig setzt die Gitarre ein, dann der Gesang, und langsam werden Text und Musik immer drängender. Die Töne und Klänge greifen nach mir und schütteln mich an der Schulter: "Put your lights on!"

Ich höre darin Worte aus der Bibel, wo es heißt: Ihr habt doch ein Licht. Ihr trag es doch in euch. Gott hat doch einen hellen Schein in eure Herzen gegeben- lasst es nun hervorleuchten. (2. Kor 4)

Ich sehne mich nach Licht. Gerade jetzt in diesen Tagen, wenn die Sonne immer früher untergeht. Sobald die Sonne scheint, will ich raus. das Licht in mich aufnehmen, gegen die Winterdepression, aber vor allem gegen die Angst, die Grübelgedanken und die Alp-Träume.

Carlos Santana nennt sie ‚Monster‘: Den miesen Chef, der dich abschätzig behandelt, weil du nicht fertig wirst mit deiner Arbeit.

Die Angst, dass du keine Arbeit mehr findest oder weil die Frau, die du liebst, krank ist. Bis dann tatsächlich ein Engel auftritt. Dieser Engel, legt dir die Hand auf die Stirn. Sagt nur, du hast nichts zu fürchten, er kennt die Dunkelheit tief in der Seele, aber es gibt für dich noch Ziele, Aufgaben und Pläne.

Deswegen "let your light shine", ihr Sünder, ihr Kinder, Mörder und Liebende. Ihr alle: zündet ein Licht an, euer Licht.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=23259

Manche Leute verbinden mit Weihnachten ziemlich viel Aufregung. Für Pfarrerinnen und Pfarrer bedeutet das: Die Kirchen werden richtig voll! Ich liebe das, auch wenn es stressig werden kann.

Bei uns gibt es an Heiligabend eine Christvesper am Nachmittag und eine Christmette um Mitternacht. Und dazwischen gibt es eine offene Weihnachtsfeier.
Da kommen hunderte von Leuten zu uns in die Kirche: Arme und Einsame, Traurige und Wütende, Obdachlose und Prostituierte, Fröhliche und Frierende.

Eine wilde Mischung kommt da zusammen und ein fast genauso wilder Trupp von Helfenden, bedient mit Plätzchen und Braten und Kaffee bis tief in die Nacht und verteilt Geschenketüten.

Und jetzt muss man sich vorstellen: Am Ende des ersten Gottesdienstes, nach dem „O du fröhliche“ geht die Tür auf. Die einen mit ihren Kindern an der Hand, wollen nach Hause zur Bescherung. Und die anderen wollen rein. Der Braten duftet bis raus auf die Straße. Und sie freuen sich drauf wie aufs Christkind persönlich.

Einer von den Männern, kommt rein und erklärt mir: Jesus hätte das anders gemacht, erstmal Essen für die Armen dann Beten. Und ich sag noch: aber die Kinder können doch nicht so spät...

Und schon entsteht ein heilloses Gedränge und Kuddelmuddel beim Tische rücken und Braten aufschneiden.
Am Ende sind dann alle total erschöpft und gehen nach Hause, besoffen vor Glück im Herzen.

Oder sie gehen zurück auf die Straße. Manche bleiben solange in der Kirche, wie sie eben dürfen und schlafen dann im späten Gottesdienst ein.

Bei der Christmette um Mitternacht riecht die Kirche noch immer nach Braten und Plätzchen und den vielen Leuten. Und irgendwann am Ende singen wir: Stille Nacht!

Mir gefällt unser Wildes Weihnachten hier -und ich glaube: in der Originalgeschichte im Stall und  an der Krippe war‘s bestimmt nicht schöner!

https://www.kirche-im-swr.de/?m=23258

„Fürchte dich nicht“, sagt der Engel zu Maria, als sie ihr Kind gebären soll und nicht weiß wie ihr geschieht. „Fürchte dich nicht“, sagt der Engel zu Josef. Der soll ein Vater werden, aber will sich eigentlich verdrücken. Weil er nicht weiß, was er damit zu tun hat. Fürchte dich nicht!

Ich wünsche mir, dass das viel mehr und viel lauter in unsere adventliche Stimmung hineinklingt. Weil so viele Angst haben. Und weil viele diese Angst sogar noch anheizen. Indem sie behaupten, es würde irgendwann eine Katastrophe passieren, wenn Menschen zu uns kommen, die vor Krieg in ihrem Land flüchten.

Mich erschreckt, wie viele Entscheidungen getroffen werden aus Angst. Ohne zu prüfen, ob die Angst begründet ist. Ob das denn stimmt, was behauptet wird. Ich würde mir wünschen, dass Menschen entscheiden, nachdem sie alles mit ihrem Verstand überprüft haben. Einen Faktencheck gemacht haben.

Und dann, auch wenn Unsicherheiten bleiben, entscheiden mit Mut, mit Hoffnung und mit Visionen von einer besseren Welt.
‚Yes we can‘ haben die Amerikaner gerufen und viele Deutsche haben gesagt:
‚Wir schaffen das‘ und haben hunderttausende Ehrenamtliche mobilisiert.

Natürlich geht das nicht immer so einfach. Und gerade die Betroffenen spüren oft wie vieles noch hakt. Wer so redet und handelt, muss sich vielleicht sagen lassen, er oder sie sei naiv.

Der Engel aber sagt: Fürchtet euch nicht! Rechnet damit, dass Gott euch begleitet auf eurem Weg und euch hilft, es zu schaffen.

Als Maria ein Kind bekommen und Josef Vater werden sollte, da wussten beide nicht, wie sie das schaffen sollen. Aber sie sind losgelaufen, zusammen haben sie ihr Kind gerettet. Weil sie dem Engel geglaubt haben, als er sich ihnen in den Weg gestellt und gesagt hat:
Fürchtet euch nicht!

https://www.kirche-im-swr.de/?m=23257

Wovon träumen Sie manchmal? Von einem Lottogewinn? Einer Weltreise? Oder von einer gerechteren Welt? In der alle miteinander ihren Wohlstand teilen oder jeder so viel bekommt wie er braucht? Warum nicht mal große Träume haben?

Ich bin davon überzeugt: Die Qualität einer Gesellschaft ist daran zu erkennen, wie es den Schwächsten in ihr geht: Den Alten, den Kranken, Menschen mit Einschränkungen benachteiligten Kindern und Jugendlichen. Wir sehen genau: Armut macht krank und einsam.

Ich träume davon, dass es bei uns weniger und irgendwann keine Armut mehr gibt. Deswegen bin ich so entsetzt, wie viele Anhänger von Donald Trump davon träumen, Amerika soll wieder groß sein. Sie wollen es haben wie früher, als die weißen Männer das Sagen hatten im Land. Als sie noch nicht fürchten mussten von wichtigen Positionen in der Gesellschaft verdrängt zu werden. Von Frauen, von Schwulen und Lesben, Schwarzen, Latinos und Asiaten. Sie beschwören einen Traum von früher als nicht alle Menschen als gleich wertig angesehen wurden.

In Europa träumen manche auch davon, dass es wieder so sein soll wie es mal war. Als es kaum Menschen anderer Religionen und Kulturen bei uns gab und die Männer das Sagen hatten und die Frauen ihnen den Rücken dafür frei gehalten haben.

Ich bin heilfroh, dass der Advent uns andere Träume träumen lässt. Nicht nur träumen. Sondern hoffen und eintreten dafür, dass sich wirklich etwas verändert: Es ist schon Wirklichkeit da und dort.

Als Christin glaube ich daran, dass Gott kommt und alle zu ihrem Recht kommen, egal, welche Hautfarbe sie haben und welcher Religion sie angehören. Dass sie miteinander leben können, auch wenn sie ganz verschieden sind. Und manchmal und da und dort ist schon Wirklichkeit.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=23256

Nikolaus ist heute. Vielleicht haben Sie heute Morgen auch lecker Süßigkeiten, Mandarinen und Nüsse in Ihrem Stiefel gefunden. Und der Wunschzettel, krakelig geschrieben oder liebevoll verziert ist irgendwo verschwunden.

Aber das ist erst der Anfang. Da kommt noch was Größeres! Der Tag heute geht zurück auf einen Mann, der in Myra, im antiken Lykien Bischof war. Und zwar einer, der für seine Großzügigkeit bekannt war.

Einmal zum Beispiel, da soll er gehört haben, wie drei Schwestern weinend zuhause sitzen und darüber sprechen, dass der Vater sie in die Sklaverei verkaufen will. Nicht aus Bosheit, sondern aus Armut. Damals schon hat das für Mädchen nichts anderes bedeutet, als dass sie zum Sex gezwungen werden.

Nikolaus soll in dieser Nacht Geld durch das Fenster der Familie geworfen haben oder im Schornstein in die dort aufgehängten Strümpfe. Wie auch immer: Die Mädchen wurden gerettet und nicht verkauft.

Wie schön, wenn heute irgendwo auf der Welt ein Mädchen, und wäre es nur eines der Millionen, die noch immer in Sklaverei leben und zum Sex gezwungen werden. Wie schön wäre es wenn dieses Mädchen heute in Erinnerung an den Heiligen Nikolaus gerettet würde!

Bei uns in Mannheim gibt es dafür Amalie, ein Zentrum für Prostituierte. Hier finden sie Schutz, medizinische Begleitung und Unterstützung beim Ausstieg. Aber vor allem finden sie hier Menschen, die ihnen zuhören und sich ihrer Scham annehmen. Irgendwie Nachfolger des Heiligen Nikolaus –   Retter aus Armut, Not und Zwangsprostitution. Nikolaus, Freund der Kinder.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=23255

Advent heißt warten, Geduld üben. Die Kinder tun das mit den Adventskalendern. Wobei, ich habe meinen mit den kleinen Schokofiguren oft schon am dritten oder vierten Tag leergefuttert. Und dann sorgfältig die Türchen wieder zu-gepuzzelt, damit meine Mutter es nicht sieht. Manchmal hat auch einer meiner Brüder bei meinem Adventskalender genascht oder ich bei ihrem.

Heute hoffe ich, ehrlich gesagt, oft auf sowas wie eine spontane Ausdehnung der Zeit bis zum Heiligen Abend.
Bis alle Plätzchen gebacken sind, die Wohnung geschmückt, die Predigten geschrieben, die passende Weihnachtsgeschichte gefunden.
Und dann auch noch der große Weihnachtsbaum in der Kirche geschmückt, und alle Geschenke verpackt sind, da könnte es von mir aus ruhig Ostern werden.

Aber so ist das eben mit der Heiligen Nacht und mit dem Wunder der Geburt vom Jesuskind: Das will irgendwie ersungen und erbacken werden. Bis das Wunder in die Herzen einzieht, bis der Himmel sich der Erde öffnet und Gott kommt.

Bis dahin will ich versuchen, im Dunkeln Kerzen anzuzünden, und den Obdachlosen eine Suppe vorbeibringen.
Singen und erzählen und zusammen sitzen und Märchen lesen und Sterne basteln und Weihnachtskugeln mit Glitzer bemalen.

Und dann irgendwie plötzlich, jedes Jahr ist es so weit, es ist Weihnachten. Und die Herzen sind weit und offen, für den der kommt und uns befreit auch aus dem Adventsendspurt und Gott tropft Ewigkeit in die Zeit.
Wie Honig in den Tee. Und dann singen die Engel.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=23254

Ich wohne mitten in der Stadt. Also kann ich nicht im eigenen oder in Nachbars Garten einen Kirschzweig schneiden und in die Wärme holen. Der Kirschzweig erinnert an Barbara und heute ist ihr Tag. Ihre Geschichte macht Mut, zu sich zu selbst stehen, zu dem was eine denkt und glaubt.

Barbara lebte im 3. Jahrhundert. Sie war die Tochter eines reichen Kaufmanns. Wunderschön war sie. Und klug. Deshalb hat ihr Vater sie eingesperrt und von der Welt abgeschirmt.
Aber sie hatte heimlich Kontakt zu einem christlichen Philosophen. Der sandte ihr einen Priester, verkleidet als Arzt. Dieser Priester hat sie unterrichtet und schließlich getauft.

Viele Legenden ranken um Barbara. Eine finde ich witzig: Barbara flieht vor ihrem Vater, vor der drohenden Hinrichtung, sie bittet einen Hirten um Hilfe, er soll sie verbergen. Aber er verrät sie. Zur Strafe verwandelt Gott ihn in einen Mistkäfer, andere sagen in einen Stein und seine Schafe in Heuschrecken.

Am Ende wird Barbara doch verhaftet, soll hingerichtet werden, weil sie nichts sein will als eine Christin. Damals ein aufrührerischer Akt gegen den Staat, aber eben auch gegen ihren Vater!

Und dann passiert das Besondere: Auf dem Weg ins Gefängnis verfängt sich ein trockener Zweig in ihrem Kleid. Sie teilt das Wasser, das man ihr gibt mit diesem kleinen dürren Zweig. Er erblüht an dem Tag, als sie hingerichtet wird. An einem 4. Dezember.

Zu diesem Zweig soll sie gesagt haben: „Du schienst tot, aber bist aufgeblüht zu schönem Leben. So wird auch es auch mit meinem Tod sein. Ich werde aufblühen zu einem neuen, ewigen Leben.

Deswegen hole ich mir gerne vom Markt einen Kirschzweig in die Wohnung. Er erzählt mir von der Hoffnung. Ja, es ist möglich: Gott schenkt neues Leben. Was tot scheint, blüht auf. Wunderschön, zart und stark wie eine Kirschblüte.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=23253