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SWR3 Gedanken

Der liebe Gott sieht alles! Das ist eine Warnung. Denn auch beim Nasepopeln oder am Hintern kratzen gilt: Gott sieht alles. Allerdings brauchen wir heute Gott dazu gar nicht mehr. Denn das Internet sieht alles. Und es vergisst nicht!

Jüngstes Beispiel: Günther Oettinger! In einer Runde spricht er frei von der Leber, wie er später sagt, unter anderem über Chinesen und ihre Haarfarbe, und ein anwesender Gast zückt das Handy und filmt mit. Der Gast lädt das Video ins Netz und löst damit einen Shitstorm erster Güte bis in die Nachrichtenredaktionen aus.

Das Internet sieht alles. Das ist keine unbestimmte Drohung, die irgendwann mal, womöglich erst nach dem Tod dazu führt, dass man in der Hölle schmort. „Das Internet sieht alles!“ Das ist ganz real. Einmal etwas gesagt und schon ist es verbreitet. Davor kann man sich schon fürchten.

Da finde ich „Der liebe Gott sieht alles“ doch sogar tröstlich. Denn es gibt so viele Dinge, die ich oder auch andere mache, die gut sind und kein Schwein bemerkt das. Vielleicht, weil sie irgendwie selbstverständlich sind oder vielleicht langweilig, auf jeden Fall nicht Klickverdächtig. Wer stellt schon ein Video ins Netz, in dem der Nachbar der alten Damen den wöchentlichen Einkauf bringt. Ist kein Klickhit. Aber Gott sieht es trotzdem. Zum Glück.

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Ein erwachsener Mann steigt auf einen Baum, damit er besser sieht. Zachäus will Jesus sehen. Das ist die Geschichte in der Bibel. Zachäus macht sich lächerlich, auch deshalb, weil er ein reicher und unbeliebter Mann ist. Er sitzt auf einem Baum um diesen Jesus sehen zu können. Verrückt.

Und an den Zachäus musste ich denken, als ich die Geschichte von Laurence Ripple hörte. Der 70-jährige hat nämlich eine Bank überfallen. Auf einem Zettel hat er Geld von dem Bankangestellten gefordert. Als er 3000 Dollar bekommen hat, ergriff Ripple nicht die Flucht, sondern setzte sich und wartete darauf, dass ihn die Polizei festnimmt. Was war passiert? Nach einem Streit mit seiner Frau habe er sich entschlossen sich bei einer Straftat festnehmen zu lassen, denn, so Ripple, "Ich bin lieber im Gefängnis als zu Hause".  Verrückt!

Vielleicht wäre das alles anders gelaufen, wenn das Ehepaar sich ordentlich hätte streiten können, oder wenn Laurence Ripple mutiger gewesen wäre und zu seiner Frau gesagt hätte: So geht es nicht. Aber er wusste offensichtlich nicht wohin. Die Polizei jedenfalls tat ihm den Gefallen. Sie nahm ihn vorerst fest.

Und Jesus sagte zu Zachäus: „Ich muss heute in Deinem Haus essen.“ Verrückt! Manchmal muss man wohl auf einen Baum klettern um einen netten Gast bei sie zu haben. Und manchmal muss man sich einbuchten lassen um frei zu kommen. Verrückt!

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Manchmal liebe ich im Voraus. Wenn mein Sohn sagt, dass er mir etwas zeigen will, was er gebaut hat, kann das noch so seltsam aussehen, ich finde es einfach klasse. Und wenn meine Tochter ein Flötenkonzert hat, dann finde ich das super, egal, wie viele schiefe Töne drin sind.

Was mit den eigenen Kindern total normal ist, kommt manchmal mit Fremden vor. Dann lieben Menschen ausgerechnet denjenigen, der alles verloren hat. Er oder sie wird zum tragischen Helden. So eine geliebte Loserin war Florence Foster Jenkins.

Jenkis galt als die schlechteste Opernsängerin der Welt. Sie ist aber trotzdem mit ihren Liederabenden aufgetreten. Sie war chronisch krank und konnte wohl deshalb weder Melodie noch Rhythmus halten. Einmal trat sie in der Carnegie-Hall in New York auf. Das Konzert war ausverkauft, wohl auch deshalb, weil viele Florence Foster Jenkins so skurril und lächerlich fanden.

Sie war eine Loserin, und trotzdem – oder wahrscheinlich deshalb, kommt heute ein Film über sie in die Kinos. Wir scheinen tragische Helden zu lieben.

Viele haben über sie gelacht, aber es gab auch viele, die sie für ihren Mut und ihre Unbeirrbarkeit bewundert haben. Und es soll einige gegeben haben, die haben sie einfach im Voraus geliebt. Schiefe Töne hin, rumpelnder Rhythmus her.

Dieses Lieben im Voraus entdecke ich bei Jesus auch. Zum Beispiel bei seinen Jünger Petrus. Jesus macht ihn zum Oberjünger und das obwohl er weiß, dass Petrus in der entscheidenden Stunde versagen wird.  Er liebt im Voraus. Damit Petrus in Jesu Liebe hineinfallen kann, wenn er wieder scheitert. Oder keinen Ton trifft. 

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„Ich denke, der Journalist Broder hat alles Wesentliche über diese Frau gesagt. Sie ist dumm, selbstverliebt und leicht größenwahnsinnig!“

Das stand als Kommentar unter einem Beitrag über die Islamlehrerin Lamya Kaddor. Was war passiert? Lamya Kaddor hat ein Buch über die deutsche Gesellschaft geschrieben, in dem sie sagt: Die deutsche Gesellschaft wird sich durch die Flüchtlinge verändert und auch die Deutschen sollen sich dabei verändern. Seit dem das Buch auf dem Markt ist, wird der Autorin mit Mord gedroht und sie bekommt täglich Hassmails. Kaddor hat sich vom Dienst an der Schule beurlauben lassen, weil sie das so belastet hat. Das hat sie wiederum öffentlich gemacht und darauf schrieb also der Kommentator auf Facebook: „Ich denke, der Journalist Broder hat alles Wesentliche über diese Frau gesagt!“

Der Kommentar enthielt keine Morddrohung, aber ich fand, er war besonders billig. Weil er sich gar nicht um die Meinung von Frau Kaddor gekümmert hat, sondern einfach die Meinung einer vermeidlichen Autorität wiedergegeben hat.

Mir als Evangelischen geht das gegen den Strich. Denn als Luther sich für seine Schriften rechtfertigen musst, hat gesagt: Hier stehe ich! Ich stehe hier. Ich habe das alles geschrieben und ich habe keine Autorität, auf die ich mich berufen könnte.

Für Luther war das sogar eine Befreiung nicht mehr einer Autorität gehorchen zu müssen. Er übernahm Verantwortung für sich. Für manchen ist das wohl eine zu große Anstrengung und verweist lieber auf andere Autoritäten. Der und der hat gesagt!

Es wäre viel interessanter gewesen zu hören, was der Kommentator denn nun an sachlicher Kritik vorzuweisen hätte. Denn das würde einen auch weiterbringen in der Frage, wie sich die deutsche Gesellschaft verändern soll oder nicht. Aber so bleibt nur, dass man weiß, wer mal wen wie beleidigt hat. Echt billig!

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Ist Religionsunterricht noch sinnvoll? 69% der Befragten einer Umfrage fanden: Das Fach sollte man abschaffen.

Ich bin ja zugegebenermaßen befangen. Ich gebe Reliunterricht und das auch noch sehr gerne. Ich mag es mit Schülerinnen und Schülern über Gott und die Welt zu reden. Manchmal ist der Reliunterricht auch der einzige Unterricht, in dem wir über Katastrophen oder tagespolitische Dinge reden, die die Schüler beschäftigen. In anderen Fächern ist dazu oft kein Platz.

Aber ich rede nicht nur nett über dies und das. Ich gebe natürlich auch das weiter, was mir der Bildungsplan vorgibt. Und da geht es auch um Fakten. Über die eigene Religion, manchmal auch über andere.

Viele finden allerdings: Es sollte lieber einen neutralen Werteunterricht geben und dieser sich, wenn überhaupt nur am Rande mit Religion beschäftigen. Vor allem sollte eine allgemeine Ethik im Zentrum stehen.

Das finde ich aus zwei Gründen problematisch: Erstens – Es gibt keine allgemeine Ethik. Die Frage, wie ich mich richtig zu verhalten habe, ist gar nicht so einfach und für alle Zeiten zu beantworten. Was in den 50er Jahren richtig war, muss nicht 2016 richtig sein.

Zweitens: Wer den Reliunterricht abschafft, muss auch wissen, was verliert. Nämlich einen Gesprächspartner. Die Kirchen und die Länder haben einen Weg gefunden, miteinander einen Bildungsplan zu erstellen. Der Staat hat mit den Kirchen einen verlässlichen Partner, der sich gerne an die Gesetze der Bundesrepublik hält. Was man bei anderen Religionsgemeinschaften mitunter händeringend sucht, ist hier vorhanden.

Und im Übrigen: Keiner wird zum Reliunterricht gezwungen. Nur die Kinder, die getauft wurden, gelten als Relischüler. Die andern nicht. Aber ob ein Kind getauft wird, haben die Eltern zu verantworten.

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Die Orte in denen das mit dem Christentum angefangen hat, liegen in Israel, im Heiligen Land, wie man manchmal auch sagt. Der evangelische Bischof Bedford-Strohm und der katholische Kardinal Marx haben zusammen eine Reise ins Heilige Land unternommen. Sie sind die jeweils höchsten Repräsentanten für ihre Konfession. Sie haben also gemeinsam die Plätze aufgesucht, an denen Jesus auch war. Sie haben gemeinsam Gottesdienste gefeiert. Und sie haben miteinander den Tempelberg besucht. Auf dem Tempelberg steht heute nicht mehr der jüdische Tempel, sondern die muslimische Al-Aqsa-Moschee. Ein heikler Ort, denn drei Weltreligionen beanspruchen diesen Ort für sich als besonders wichtig.

Die Herren Marx und Bedford-Strohm wurden von den Muslimen, die dort waren gebeten, auf dem Tempelberg ihre Bischofskreuze abzulegen. Das taten sie und gelten seitdem als Umfaller, als Verräter an der eigenen Religion. Die Empörung ist riesig. Aber die beiden rechtfertigen sich: Sie seien gebeten worden und hätten dieser Bitte entsprochen.

Und ich finde, das ist konsequent. Denn gerade das Kreuz ist ja kein Herrschaftssymbol, sondern Zeichen der Ohnmacht. Jesus starb ja am Kreuz. Für mich ist es Zeichen dafür: Wir sind auch weiterhin von Gott geliebt, selbst, wenn wir alles verlieren, was uns so ausmacht. Nicht Symbole machen uns aus, sondern dass wir auch ohne alles etwas sind bei Gott.

Ich finde, der Bischof und der Kardinal haben das richtig gemacht: Ein goldenes Bischofskreuz ist nicht das Wichtigste. Und durch ihre Zurückhaltung haben sie mehr vom christlichen Glauben gezeigt, als mit einem Bischofskreuz, das sie auf dem Tempelberg vor sich hergetragen hätten.  

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Der heutige Sonntag hat in der Evangelischen Kirche zwei Namen Totensonntag und Ewigkeitssonntag.

Heute werden bei uns in der Kirche die Namen derer, die im letzten Jahr verstorben sind, im Gottesdienst verlesen. Die Alten, die damit einverstanden waren, dass sie sterben und die Jungen, die wir viel zu früh verabschieden mussten. Eine Kerze wird für sie im Gottesdienst entzündet. Viele Hinterbliebenen sind da, die versuchen mit dem Tod der anderen zu leben.

Die die da sind, kommen mit ihrer Trauer. Die darf da sein. Auch wenn es schon eine ganze Weile her ist. Keiner muss fröhlich werden in diesem Gottesdienst. Aber wer da ist, hört nicht nur etwas über den Tod, sondern auch davon, dass die Christen über diese Grenze drüber schauen.

Wir müssen nicht nur alle sterben. Wir werden auch alle auferstehen, sagt die Bibel. Und darum heißt der Sonntag auch Ewigkeitssonntag. Wir sind alle aufgehoben in der Ewigkeit bei Gott, wenn wir sterben. Und vielleicht sehen wir uns doch alle mal wieder.

Finde ich schön, diese Vorstellung, aber wenn ich ganz frisch um jemanden trauere, dann finde ich es schwierig, das auch einfach so zu sagen.

Deshalb finde es auch gut, dass dieser Sonntag zwei Namen hat, weil es mir häufig genau so geht, dass ich nicht weiß, was bei mir gerade dran ist: Die Trauer über den Tod von lieben Menschen oder die Hoffnung darüber, dass es ein Leben bei Gott in der Ewigkeit gibt, wir uns wiedersehen und es uns dann doch auch allen gut geht.

Manchmal bin ich einfach nur traurig. Und dann bin ich voller Hoffnung, dass es gut wird! Wo stehe ich heute?

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