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SWR3 Gedanken

Ich halte mit dem Auto vor einem Laden. Ich will nur schnell was einkaufen. Die Straße ist eng. Ob ich hier halten darf, weiß ich nicht genau. Ich frage die Verkäuferin. Und die meint: Das ist schon okay. Im Laden schaue ich ständig nach draußen. Ich bin irgendwie besorgt und nicht richtig bei der Sache. Und dann ist es auch schon passiert:  Eine Frau hat mit ihrem Auto meins gestreift. Sie kommt in den Laden und sagt Bescheid.  

Wir gehen nach draußen, um nach dem Schaden zu sehen. Es ist nur ein kleiner Kratzer am Spiegel. Aber, es ärgert mich schon. Wir tauschen die Nummern aus und ich bin froh, dass die Frau nicht einfach weggefahren ist.

Soweit so gut. Doch es dauert nicht lange, da bricht die Frage auf: wer von uns beiden ist denn jetzt schuld am Unfall? Und wer kommt für den Kratzer auf? Keiner will sich die Schuld eingestehen. Habe ich falsch geparkt, im Halteverbot? Oder hat die Frau den Abstand nicht eingehalten? Die Lage verschärft sich. Keiner will einlenken. Tage vergehen.

Ich habe lange überlegt, was ich tun soll. Ich habe versucht, mich in die Frau hineinzuversetzen und mich gefragt: Um was geht es hier überhaupt, worüber wir uns streiten? Ist mein großer Ärger überhaupt angemessen für einen so kleinen Kratzer?

Letztlich habe ich mich dafür entschieden, den Kratzer nicht ausbessern zu lassen. Ich habe der Frau gesagt, dass es für mich so in Ordnung ist und wir die Sache auf sich beruhen lassen können. Sie hat sich sehr darüber gefreut und wir haben beide unsere „Fehler“ eingeräumt.

Ich bin erleichtert gewesen und habe mal wieder gelernt: Wenn alle Beteiligten bereit sind, ihre Fehler einzusehen und für ihr Verhalten Verantwortung zu übernehmen, entspannt sich so manch festgefahrene Situation. Und dann gibt es auch eine Lösung, die für alle in Ordnung ist.

 

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So richtig in den Bergen war ich noch nie. Bis ich Johannes kennen gelernt habe. Er ist ein erfahrener Bergsteiger und nimmt mich regelmäßig auf Touren mit. Im August war es wieder soweit.

Wir sind in den französischen Alpen unterwegs.

Eines Nachmittags kommen wir nach einem anstrengenden Aufstieg endlich an der Hütte an. Sie liegt auf knapp 2000 Metern Höhe. Wir treffen eine andere Wandergruppe und trauen unseren Augen nicht: einige von ihnen sitzen im Rollstuhl! Rollstuhlfahrer in den Bergen! Verrückt.

Diese Rollstühle sehen ein bisschen aus wie Schubkarren und haben nur ein Rad. Über dem Rad ist ein gefederter Sitz angebracht. Vorne und hinten sitzen jeweils zwei Stangen zum Festhalten, lenken, schieben oder ziehen. Und man kann sie auch absetzen – eben wie einen Schubkarren. Doch wie genau man mit diesen Gefährten hunderte von Höhenmetern zurücklegen kann, das können wir uns nicht vorstellen.

Wir sind neugierig und fragen nach: „An manchen Stellen ist es ziemlich anstrengend“, erklärt uns einer aus der Gruppe. „Immer drei bilden ein Team. Einer zieht vorne und übernimmt das Kommando. Der andere schiebt und stützt von hinten. Und natürlich der Rollstuhlfahrer selbst, der das Gleichgewicht beeinflusst und je nach Handicap mithelfen kann.“

Am nächsten Morgen kann ich das ganze Mal in Aktion erleben. Die Gruppe ist schon vor uns aufgebrochen. Im Regen. Als wir sie einholen, scherzen sie mit uns, weil wir schneller sind. Die Stimmung ist super –  trotz schlechtem Wetter. Wir überholen die Karawane und ich drehe mich beim Weitergehen noch ein paarmal um, bis sie nicht mehr zu sehen sind.

Rollstühle für Bergtouren finde ich klasse. Und dass die Idee technisch funktioniert, finde ich irre. Das tut sie vor allem darum, weil es Leute gibt, die sich mehrere Tage oder Wochen im Jahr Zeit nehmen, um gemeinsam mit Menschen im Rollstuhl eine Bergtour zu machen.

 

 

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In dieser Geschichte habe ich mich selbst erkannt:

Ein Mann will ein Bild aufhängen. Er hat aber keinen Hammer. Der Nachbar aber. Also beschließt der Mann, rüber zu gehen zum Nachbarn und sich den Hammer auszuleihen. Doch plötzlich kommen ihm Zweifel: „Was ist, wenn der Nachbar mir den Hammer gar nicht leihen will? Gestern ist er schon nur so an mir vorbeigehuscht. Vielleicht hat er ja was gegen mich. Aber was? Ich war doch immer freundlich.“ Seine Gedanken spinnen sich weiter: „Der bildet sich was ein! Ich würde ihm meinen Hammer verleihen. Wie kann er mir nur diesen Gefallen abschlagen? Und dann bildet er sich noch ein, ich bin auf ihn angewiesen. Jetzt reichts!“ Wild entschlossen reißt der Mann die Tür auf, stampft vor die Tür seines Nachbarn und klingelt. Als der öffnet, schreit ihn der Mann an: „Behalten sie ihren blöden Hammer!“  Der Nachbar steht völlig verdattert da und schaut zu, wie der Mann wütend in seine Wohnung zurück stapft.

Die Geschichte ist ein Beispiel dafür, wie ich mir und meinem eigenen Glück manchmal im Weg stehe. Indem ich mir nämlich etwas einbilde, was in Wirklichkeit gar nicht so ist.  

Aus diesem Grund habe ich ein Gegen-Experiment gestartet. Bevor ich anfange nachzugrübeln, spreche ich die Leute jetzt ganz schnell direkt an. Neulich zum Beispiel eine Kollegin. Plötzlich hat sie mich morgens nicht mehr gegrüßt. Bevor ich jetzt rumüberlegt habe, was sie wohl haben könnte und ob es an mir liegt, habe ich sie angesprochen. Rausgekommen ist, dass sie gerade Stress hat und es überhaupt nichts mit mir zu tun hat. Ich mache das jetzt immer so.  

Anstatt mir selbst das Leben mit meinen Fragen und Gedanken schwer zu machen, ist durch mein tägliches Experiment mein Leben viel leichter geworden.  

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Die Gräber auf den Friedhöfen sind mit besonderer Liebe geschmückt und gepflegt. Besonders viele Leute besuchen heute den Friedhof, um sich an ihre Lieben zu erinnern.

Heute ist Allerseelen. Die katholische Kirche gedenkt an diesem Tag aller Verstorbenen.

Auch Wolfgang setzt sich heute wieder ans Grab seiner verstorbenen Frau. Ihr Name ist Rosa. Er will bei ihr sein. Sie war seine große Liebe. Die beiden haben sich erst spät kennengelernt, und die Zeit zusammen ist nicht allzu lang gewesen. Seit vier Jahren geht das so - täglich. Bei Sonne oder Eiseskälte sitzt er hier.  Auch heute.

Wolfgang kommt aber auch hierher, um Friedhofs-Bekanntschaften zu machen und sich zu unterhalten. Die Leute, die hierher kommen, grüßen ihn, plaudern und erzählen: Die Kerze ist ja schon wieder ausgegangen und die Blumen müssen mal wieder gegossen werden und der Sohn ist endlich wieder aus dem Urlaub zurückgekommen. Wolfgang wartet ab. Er sagt: „Man weiß ja nie, was sein wird, alles ist möglich.“ Vielleicht trifft er ja hier auf dem Friedhof eines Tages jemanden, mit dem er nicht nur kurz reden kann. Vielleicht sogar eine Frau für den Rest seines Lebens. Ausgerechnet dort, wo seine alte Liebe ruht. 

Durch den täglichen Besuch auf dem Friedhof geht Wolfgang ganz selbstverständlich mit dem Thema Tod und Sterben um. Der Tod von Rosa hat ihre Beziehung beendet. Rosa wird immer Teil von ihm  sein. Er hofft, ihr einmal wieder zu begegnen. Aber Wolfgang weiß auch: Sein Leben hier geht weiter. Die Zeit, die er noch hat, möchte er voll ausschöpfen. Er ist jetzt bereit, sein Herz für eine neue Liebe zu öffnen. Und wer weiß, welchen/-m Menschen er heute, an Allerseelen,  auf dem Friedhof begegnet.

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Das kleine Mädchen will einfach nicht weg von ihrem Arm. Aber Martina muss weiter. Schweren Herzens gibt sie die Kleine zurück in die Hände der Mutter. Die kennt das schon. Das ist immer so, wenn Martina sich verabschiedet. „Ich komme doch übermorgen wieder!“ tröstet  Martina das Mädchen und streicht ihr zum Abschied sanft übers Haar. 

Martina engagiert sich ehrenamtlich in der Flüchtlingsarbeit. Sie besucht Familien, die aus ihrer Heimat fliehen mussten. Sie lernt mit ihnen Deutsch, spielt mit den Kindern und hilft überall da, wo Unterstützung nötig ist. Zum Beispiel, wenn es mal Streit gibt. Manchmal kommt sie auch einfach nur um zuzuhören und sich zu unterhalten. Die Großen und Kleinen haben sie richtig lieb gewonnen und freuen sich, wenn Martina vorbeikommt.

Heute ist Allerheiligen. Für mich ein Tag für alle, die sich so einbringen wie Martina. Ursprünglich ist es der Gedenktag aller Heiligen der katholischen Kirche. Und das sind so einige.

Da gibt es die heilige Elisabeth von Thüringen, die Arme und Kranke versorgt hat, den heiligen Vinzenz von Paul, der Kinderheime und Suppenküchen gegründet hat. Oder die heilige Johanna von Orleans, die aus dem Glauben heraus für ihr Land kämpfen wollte. Jeder Heilige hat seine ganz eigene Geschichte. Manche liest sich wie ein Krimi.

Für viele Christen sind sie im Laufe der Jahrhunderte zu Vorbildern geworden. Weil sie einen so starken Glauben gehabt haben, der durch nichts erschüttert werden konnte. Weil sie sich selbstlos um arme, kranke, ausgegrenzte Leute gekümmert haben und für sie eingetreten sind.

Das gilt auch für Martina. Sie gehört für mich zu den Heiligen unserer Tage – auch wenn sie offiziell nicht heiliggesprochen ist.  Heute, an „Allerheiligen“ denke ich besonders an sie. 

 

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Heute ist Reformationstag. Fast 500 Jahre ist es her. Da hat der junge Mönch Martin Luther gegen alles protestiert, was damals in der Kirche schief gelaufen ist. Zum Beispiel gegen den Ablasshandel. Christen konnten sich mit Geld von ihren Sünden freikaufen. Nichts mehr mit bereuen und beichten.

Das ist Luther gegen den Strich gegangen. Der Legende nach hat er seine provokanten Thesen an die Kirchentür in Wittenberg genagelt. Zu der Zeit ziemlich mutig. Leider hat seine Aktion nicht dazu geführt, dass sich die Gegner ausgesöhnt haben. Im Gegenteil: die beiden Lager  haben sich zerstritten und aus einer Kirche sind zwei geworden.

Ob der Tag heute darum Anlass zum Feiern oder zum Nachdenken ist – daran scheiden sich die Geister. Eines aber ist sicher: Martin Luther hat niemals vorgehabt, die Kirche zu spalten, als er seine Forderungen veröffentlicht hat.  Er wollte erreichen, dass die Christen sich auf ihren Ursprung besinnen: Auf den Glauben an Gott und an Jesus.

Was vor 500 Jahren passiert ist, prägt den Reformationstag bis heute. Für viele heißt es immer noch sich von der jeweils anderen Konfession abzugrenzen und den eigenen Standpunkt klar zu machen.

Im nächsten Jahr aber – da wird ein anderes Zeichen gesetzt! Denn 2017 ist das erste Reformationsjubiläum, das katholische und evangelische Christen zusammen feiern werden. Ein großes ökumenisches Projekt.

Evangelische Christen laden katholische ein, 2017 ein gemeinsames Christusfest zu feiern. Nach 500 Jahren. Versöhnen, sich besinnen auf den einen gemeinsamen Anfang – darum soll es gehen.

Ich finde dieses Vorhaben großartig. Denn so verschieden wir evangelischen und katholischen Christen auch sind, haben wir doch eines gemeinsam: Den Glauben an Gott, an Jesus und an seine Botschaft, das unser Leben gut und erfüllt sein soll. Wenn das kein Grund zum Feiern ist.

 

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Meine erste Bergtour in 3000 Metern Höhe werde ich so schnell nicht vergessen.

Früh morgens brechen wir auf. Nach einer halben Stunde kommen wir am Gletscher an. Das heißt: Klettergurt anziehen und eine Seilschaft bilden. Sie soll uns sichern, dass keiner abstürzt. Also binden sich alle in gleich großen Abständen in das Sicherungsseil ein.

Nach drei Stunden haben wir das Eisfeld überquert, binden uns los und besteigen den Berg. Oben angekommen zieht schlechtes Wetter auf und wir beschließen so schnell wie möglich abzusteigen. Unten müssen wir nochmal den Gletscher überqueren. Also wieder eine Seilschaft bilden.

Und dann verlassen mich die Kräfte. Aber ich will unbedingt durchhalten. Als mein Freund Johannes merkt, dass es mir nicht gut geht, gibt er mir einen Riegel und was zu trinken. 10 Minuten Pause. Ich schnaufe aus. Die anderen reden mir gut zu: „Wenn es dir hilft: Für mich ist es echt auch hart.“, „Lass alles stehen, wir nehmen deinen Rucksack!“, „ Ja kein falscher Stolz!“

So unangenehm es mir ist, ich tue was die anderen sagen.  „Wir sind doch eine Seilschaft!“, meint Elmar. Ich fühle mich ein bisschen so,  als hätte ich versagt. Die werden mich nie wieder mitnehmen.

Ich bin so froh, als wir endlich an der Hütte ankommen. Was für eine Tour.

Was Elmar gemeint hat als er gesagt hat: „Wir sind doch eine Seilschaft“, ist mir erst im Nachhinein klar geworden: Eine Seilschaft ist eine Bergsteigertruppe. Und die steht bedingungslos füreinander ein: Zusammen auf den Berg rauf und wieder runter, auf den Schwächsten achten und sich gegenseitig stützen. In unserer Seilschaft haben alle auf mich gewartet, mir gut zugeredet, mir Sachen abgenommen, obwohl wir es eilig hatten.

Ich bin froh, dass es solche Seilschaften gibt. Sie helfen mir, schwere, anstrengende Zeiten durchzustehen. Und sie geben mir Kraft wenn meine eigene am Ende ist – auf dem Gletscher oder anderswo.

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