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SWR3 Gedanken

Angst ist ein scheußliches Gefühl. Sie kann einen ganz schön vor sich her treiben. Man kann sich jedoch trotz aller Angst darum bemühen, ruhig und besonnen zu bleiben. Das hab ich vor kurzem im ICE erlebt.

Der Zug ist grade aus dem Bahnhof und der Schaffner geht durch, um die Fahrscheine zu kontrollieren. Schräg vor mir spricht ihn ein älteres Ehepaar: „Entschuldigung Herr Schaffner, hier steht ein Rucksack. Aber der Platz ist leer.“  Der Schaffner nickt, aber die wird Frau energischer: „Eben war hier eine Gruppe junger Männer, haben sich ausländisch unterhalten, arabisch glaub ich. Die sind aufgestanden und nach vorne gegangen.“ Die Stimme der Frau zittert jetzt. Junge Männer, arabisch, Rucksack liegenlassen. Auch mein Puls wird schneller.

„Danke für den Hinweis, sagt der Schaffner. „Dann werde ich die jungen Männer da vorne suchen und ihnen sagen, dass ihr Rucksack hier ist. Bis dahin lass ich ihn aber erst mal hier.“ Das Ehepaar nickt. Aber mein Puls rast jetzt.  Ein herrenloser Rucksack im ICE. Wenn da drin eine Bombe hochgeht, war es das gewesen. Da sind wir viel zu nah dran. Mein Brustkorb zieht sich zusammen, ich versuche, tief zu atmen.

Dann, nach einer gefühlten Ewigkeit, kommt ein junger Mann. Dunkle Haare, dunkler Bart. Die Frau hält ihm schon von weitem seinen Rucksack hin. Darauf er: „Entschuldigens, gnädige Frau, hob i vergessn!“

Also doch Ausländer, denke ich. Österreicher. Hat uns einen  ganz schönen Schrecken eingejagt, der Junge. Gott sei Dank ist nichts passiert. Nicht nur, weil der Junge harmlos war. Auch deswegen, weil der Schaffner und wir alle ruhig geblieben sind. Wie heißt es in der Bibel: Gott hat uns nicht einen Geist der Furcht gegeben, sondern einen Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit.

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In der Welt habt ihr Angst, hat Jesus mal gesagt. Angst ist sowas wie ein Lebensbegleiter. Aber man kann lernen, sie besser zu verstehen, die Angst. Und sie dadurch ein Stück weit zu überwinden.

Dazu habe ich ein interessantes Experiment gesehen. Ein Kamerateam filmt mit versteckter Kamera folgende Szene: Zwei Rockertypen fahren im Fahrstuhl einer Tiefgarage. Die beiden sehen ziemlich furchterregend aus: Lederjacke mit Nieten, tätowierte Unterarme, Ring im Ohr, Cowboystiefel. Die beiden sind Schauspieler und haben den Auftrag: immer wenn jemand in den Fahrstuhl will- einen sehr geräumigen Fahrstuhl- dann sollen sie sich bedrohlich aufbauen und sagen: „Hier ist besetzt!“

Das Experiment beginnt. Die Kamera filmt zwei Männer und eine Frau, die den Fahrstuhl benützen wollen. Die Tür geht auf, die beiden Rockertypen kreuzen ihre Arme vor der Brust und sagen: „Hier ist besetzt.“ Die drei checken, dass eigentlich noch viel Platz ist, gehen dann aber einen Schritt zurück, ringen sich ein cooles Lächeln ab und meinen: “Och, kein Problem, wir laufen!“  Und so läuft es dann immer. Bis eine junge Mutter kommt mit ihrem Kind im Buggy und mit Oma und Opa.

Der Opa drückt auf den Knopf, die Fahrstuhltür geht auf und die zwei Typen bauen sich wie gewohnt breitbeinig auf mit: „Hier ist besetzt!“ Einen kurzen Moment sind die drei irritiert, dann nickt der Opa den zweien zu, schiebt den Kinderwagen rein und meint: “Passt schon“.

Als die drei mit ihrem Kind aussteigen, will das Kamerateam natürlich wissen, warum sie keine Angst vor den Typen gehabt haben. Da sagt der Opa. „Na, die Typen kennen wir doch. Die kommen immer mal bei uns in der Kneipe vorbei. Deshalb weiß ich, die eben, die waren in Ordnung.“

Mir sagt das Experiment: Man kann Angst überwinden. Aber dazu ist es gut, nicht davonzulaufen, sondern gerade die, die einem Angst machen, ein bisschen besser kennenzulernen.

 

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Es gibt Beziehungen, die halten alles aus. Ärger und Streit oder jahrelanges Schweigen. Auch wenn die Beziehung manchmal nur am seidenen Faden hängt, der Faden reißt  nicht ab.

Als ich noch ein Kind war, habe ich das mit dem Faden geübt. Mit meiner Schwester. Damals mussten wir immer mal in den Keller. Abends, wenn es draußen dunkel war. Sprudel oder ein Glas Gurken fürs Abendessen holen. Und weil das so gruselig war im Keller, haben wir uns das mit dem Faden ausgedacht. Eine bleibt oben an der Kellertreppe stehen und hält die Fadenrolle, die andere nimmt das Fadenende, und rollt den Faden ab, während sie in den Keller geht. Vorbei an der dusteren Kartoffelkiste, vorbei an der Wasserpumpe, die plötzlich anspringt und dabei laut stöhnt.

„Lass den Faden nicht reißen, wenn du um die Ecke gehst!“ hat meine Schwester  oft gerufen. war! Unser Code war: Einmal am Faden ziehen- alles ok. Zweimal ziehen: Hilfe, Hilfe! Bitte sofort kommen.

Das hab ich mir gemerkt. Fürs Leben. Für die Beziehungen, die mir wichtig waren. Einmal am Faden ziehen- eine SMS, ein Gruß- alles ok. Zweimal am Faden ziehen: Bitte komm sofort! Das hat in vielen Situationen geholfen.

Und so mach ich das auch mit meiner Beziehung zu Gott. Die hängt auch manchmal am seidenen Faden. Weil ich das, was in der Welt passiert, oft nicht mit Gott zusammenkriege. Aber immer wenn ich morgens mit Angst im Bauch aufgewacht bin, immer wenn ich zweimal am Faden gezogen habe im Sinn von: „Hilfe, Hilfe, bitte komm sofort!“ Immer dann sind seltsame Dinge passiert. Da hat mich jemand getröstet, ohne es zu wissen. Oder mir ist ein Satz in den Schoß gefallen wie: „Siehe, ich bin bei dir, wohin du auch gehst.“ Es ist oft nur ein seidener Faden. Aber er hält und er wirkt Wunder.

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Es ist schon viele Jahre her, aber ich sehe ihn noch heute vor mir, meinen alten Kinderarzt. Wie er mein Kind untersucht, Brille vorne auf der Nase, ernster Blick. „Und? Meint er. Haben Sie Kontakt zu ihrem Kind?“ Ich verstehe nicht ganz, fühle mich aber mächtig unter Druck. „Also seit mein Kind krank ist, steh ich nachts jede Stunde am Bett. Koche tags sein Lieblingsessen, wasche durchgeschwitzte Bettwäsche und sage alle Termine ab und…“ Er legt seine Hand auf meinen Arm und versucht mich zu stoppen. Aber jetzt bin ich in Fahrt. „Ich hab mit ihm Memory gespielt und alle Puzzle, ja was soll ich denn noch alles machen?“- „Nichts sollen Sie machen, sagt er. Nur da sein. Versuchen zu spüren, wie es Ihrem Kind geht. Mehr nicht. Können Sie das?“

Nein, konnte ich nicht. Wie auch, wenn ich ständig herumrödele und versuche, alles richtig zu machen. Aber es geht dem Kinderarzt nicht um richtig und noch mehr davon. Es geht ihm um „da sein“, spüren, was ist. Kontakt eben.

Jesus war ein Meister des Kontaktes. Ständig hat man ihm Leute gebracht, für die er was tun sollte. So viele Lahme und Hautkranke und Blinde. Ein Blinder, erzählt die Bibel, schreit schon von weitem nach ihm. Und tappt in die Richtung, aus der er Jesu Stimme hört. Als der Blinde ihn dann erreicht hat, sagt er: Hilf mir! Aber Jesus tut erst mal- nichts. Er redet ihn an. Sucht den Kontakt. Fragt, was er für ihn tun soll. Im Sinn von: „Ich kann dich sehen, blinder Mann, aber seh ich dich richtig? Sag du es mir.“

Kontakt- das ist das schönste, was zwischen Menschen passieren kann. Es ist das Gefühl: Da sieht mich jemand. Fühlt, wie es mir geht.

Kontakt ist der kürzeste Draht von Mensch zu Mensch. Hat man den gefunden, dann braucht‘s kein aufwendiges Beschäftigungsprogramm. Und bisweilen macht schon der Kontakt ein Menschenkind wieder gesund.

 

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Der barmherzige Samariter. Das ist der Typ, der für Hilfsbereitschaft steht und christliche Nächstenliebe. Weil er einem Mann geholfen hat, der unter die Räuber gefallen ist. Seine Geschichte steht in der Bibel.

Jesus erzählt vom barmherzigen Samariter, weil sie Leute ihn fragen: Nächstenliebe ist ja schön und gut, aber wer ist denn mein Nächster? Wem soll ich helfen? Ich kann ja schließlich nicht allen helfen.

Denen erzählt Jesus die Geschichte vom Samariter. Der kommt mit seinem Esel zufällig an einem Mann vorbei, der schwer verletzt im Straßengraben liegt. Eigentlich hat er es eilig, aber er fackelt nicht lang. Packt den Mann auf seinen Esel und bringt ihn zur nächsten Rettungsstation. Dann geht er weiter.

Das, sagt Jesus, ist Nächstenliebe. Der Samariter war für den Verletzten der Nächste. Obwohl er von seiner Religion und seinem Volk her eher ein Fernster war. Zwischen Samariter und Israelis herrschte nämlich Feindschaft oder mindestens ein gepflegtes Misstrauen. Aber das spielt für ihn keine Rolle. Er wird trotzdem zu einem Nächsten.

Diese Geschichte ist mir wieder eingefallen, als ich die von den drei Syrern gehört habe, die ihren eigenen Landsmann überwältigt und der Polizei ausgeliefert haben. Sie wollten ihm eigentlich ein Nachtlager anbieten, aber als sie erfahren haben, dass sie einen gefährlichen Attentäter bei sich beherbergen, haben sie ihn gefesselt und der Polizei übergeben. Die Solidarität mit ihrem eigenen Landsmann war ihnen nicht so wichtig wie der Wunsch, Leben zu retten. Leben von möglichen Bombenopfern. Vielleicht von uns. So sind sie uns zu Nächsten geworden, zu Samaritern. Als Ausländer und Andersgläubige, sind sie zum Inbegriff christlicher Nächstenliebe geworden, von der Jesus sagt: Geh hin und tue desgleichen.

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Hast du ein besonderes Leben? Ist vielleicht eine steile Frage heute am Montag. Nach einem gechillten Wochenende bin ich erst mal froh, wieder in die Puschen zu kommen. Mit all dem ganzen Kram, der heute auf der to-do-Liste steht. Da kann einem die Frage fast wie Luxus vorkommen. Trotzdem: hast du ein besonderes Leben?

Jesus hat nämlich gemeint, wir sollten ein „besonderes Leben“ haben. Und dass er deswegen überhaupt da war. Damit wir nicht nur Termine und to-do- Listen abhaken, sondern- ja- leben!

Was er damit gemeint haben könnte, habe ich kürzlich in einem Film gesehen. Er beginnt in einer Villa im Grünen. In einer modernen Küche. Raumhohe Fenster mit Blick auf Terrasse und Pool.

Am Tisch sitzt ein Mann, Banker, Anzug Krawatte. Erzählt seiner Frau und der kleinen Tochter, dass sie bald im Geld schwimmen werden. Als Vorstandsmitglied einer Großbank hat er ein Millionengeschäft an Land gezogen.

Aber – es kommt anders. Sein Finanzpartner in Frankreich hat die Zahlen manipuliert. Der Deal platzt, die Bank macht Millionenverluste und er wird gefeuert. Dann kommt der tiefe Fall. Haus weg, Frau und Kind weg, Selbstachtung weg. Er versinkt in Selbstmitleid und im Alkohol.

Irgendwann kocht in ihm der Zorn hoch und er macht sich auf den Weg nach Frankreich. Und findet den Mann, der ihn in den Ruin getrieben hat. Der arbeitet in einer kleinen Taverne. Als die beiden sich am Tisch gegenüber sitzen, fragt der Franzose ihn: Hast du ein besonderes Leben?

Was für eine Frage, wenn man alles verloren hat! Aber der Franzose meint: „Ich hab mir alles leisten können. Aber es war nicht mein Leben. Mein Leben ist das, was ich jetzt mache: Würste. Meine Würste sind genial und die Leute essen sie für ihr Leben gern. Das ist mein Leben, meine Bestimmung. Und du- hast du ein besonderes Leben?
Ich glaube, Jesus würde auch so fragen.

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Gibt es ein Leben jenseits der Arbeit? Mein Kollege, der schon 10 Jahre im Ruhestand ist, meint: „Niemals! Bei uns klingelt der Wecker immer um halb sieben. Und nach dem Frühstück geht’s gleich an den Schreibtisch. Ausschlafen? Das fangen wir erst gar nicht an, sonst verlotterst du ja nur!“´Gibt’s ein Leben jenseits der Arbeit?

Ja schon, meint eine Bekannte. Nach einem Unfall rappelt sie sich in der Reha langsam wieder hoch. Sehr langsam. Und sie meint: „Leben würd ich das allerdings nicht nennen, wenn man so abhängig ist von anderen. Wenn man seinen Unterhalt nicht selber erarbeiten kann- wer ist man dann noch?“

Ja, wer ist man eigentlich- jenseits der Arbeit? Heute ist ein guter Tag für so eine Frage. Christlich gesehen ist der Sonntag ja kein Boxenstop, kein Tag, um den Lebensmotor zu reparieren, damit er morgen wieder funktioniert.

Sonntag ist der erste Tag in der Woche. Sonntag erinnert an den Anfang von allem.
Am Anfang- war keine Prüfung und kein Leistungsnachweis. Am Anfang hat dich jemand in ein warmes Tuch gewickelt und hat gesagt:  „Wie schön, dass du da bist. Du bist mein Kind und was auch kommt, ich bin für dich da.“

Das war am Anfang. Und das sind wir bis heute- Gottes geliebte Kinder. Und jeden Morgen, wenn die Sonne sich wie ein warmes Tuch auf die Erde legt, kann man sie hören, die Stimme aus dem „Jenseits der Arbeit“: Da sagt Gott: Wie schön, dass es dich gibt. Du bist mein geliebtes Kind und ich bin immer für dich da. Und nun mach was draus! Heute auch mal ohne Arbeit.

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