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SWR3 Gedanken

Eine Erkältung knüppelt mich nieder. Zehn Tage lang schniefe und schnupfe ich, kämpfe mit Fieber, mit Kopf- und Gliederschmerzen. Weit entfernt von meiner sonstigen Leistungsfähigkeit schleppe ich mich durch den Tag und fühle mich fürchterlich schwach. Und das gefällt mir gar nicht. 

Ich mag nicht schwach sein. Oder anders gesagt: Ich mag mich nicht, wenn ich schwach bin. Und vielen anderen geht es genauso. Kein Wunder. Schließlich leben wir in einer Gesellschaft, in der Stärke etwas zählt. Nur die Harten kommen in den Garten, heißt es so schön. Wer mag da schon zu den Schwachen gehören? 

Offensichtlich gibt es das Problem schon länger. Denn in der Bibel sagt Gott: „Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“ Klingt wie eine Art Gegenprogramm zu dem, was ich tagtäglich erlebe. Bei Gott kommen wohl nicht nur die Harten in den Garten, sondern auch und gerade die Zarten, die Schwachen, die Verletzlichen. 

Meine Erkältung legt sich, langsam gewinne ich wieder meine alte Form. Andere sind anders dran. Die sind und bleiben schwach. Bringen einfach nicht die Voraussetzungen mit, um im Spiel der Starken ernsthaft mitzuspielen. Im Garten der Welt werden sie immer zu den Zarten gehören. Was nützt denen Gottes Gegenprogramm? 

Unter Umständen bin ich die Antwort auf diese Frage. Indem ich zunächst einmal meine eigene Schwäche akzeptiere. Und mich dann stark mache für die, die zu schwach sind für eine eigene Stimme. Und spüre, wie ich dabei vielleicht sogar über mich hinauswachsen kann. Und wie meine Stärke zu deren Stärke wird. Bis die Welt ein Garten wird aus Harten und Zarten. Ein lebendiger und blühender Garten.

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Manchmal braucht man dringend einen Menschen zum Reden. Manchmal ist aber gerade keiner da, mit dem man reden kann. Ist nicht nur bei uns so. Ist auch in Japan so. Deshalb hat Takanobu Nishimoto aus Tokio eine Idee. Er vermietet Zuhörer. 

Für umgerechnet neun Euro pro Stunde kann man einen so genannten „Ossan“ buchen, der sich alles anhört, was man auf dem Herzen hat: Liebeskummer, Probleme bei der Arbeit, allgemeine Sinnkrisen. Der Ossan hört zu, kommentiert, ist einfach da. 

Mittlerweile hat Takanobu Nishimoto einen wachsenden Kundenkreis. Offensichtlich sind viele Menschen froh über einen, der ihnen zuhört. Und für neun Euro die Stunde ist das ja auch noch ein ziemliches Schnäppchen. Wäre doch auch eine Geschäftsidee für unsere Breitengrade, oder? 

Tja, eigentlich gibt es das bei uns schon längst. Immer wieder klingeln Menschen an den Türen von Pfarrhäusern, weil dort ein Ossan sitzt, der sich Pfarrer nennt. Der zuhört und wegen des Beichtgeheimnisses auch alles für sich behalten muss. Manche melden sich bei Beratungsstellen, weil dort jemand sitzt, der ihnen weiterhilft. Oder sie rufen bei der Telefonseelsorge an, weil dort Tag und Nacht jemand ein offenes Ohr für ihre Nöte und Sorgen hat. 

Mag sein, dass die Japaner in manchen Dingen weiter sind als wir. Was das Zuhören angeht, sicherlich nicht. Wer hierzulande Ohren braucht, kann jederzeit welche finden. Und noch dazu allesamt zum Nulltarif.

 

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Kein guter Tag. Ab halb acht klingelt das Telefon. Hier eine Veranstaltung, die nicht klappt. Dort ein verärgerter Mensch, der nicht bekommt, was er will. Und dabei schaffe ich das normale Programm schon kaum. Am Nachmittag bin ich maximal genervt und hole meine Tochter Emma von der Schule ab. 

Sie sieht es meinem Gesicht an. Dass ich maximal genervt bin. Was ist los, will sie wissen. Ich erzähle ihr in Auszügen von meinem Tag. Nichts klappt, wie es soll. Und der Tag ist noch nicht zu Ende, sage ich. Mama, sagt meine zehnjährige Tochter, es ist nur Arbeit, nicht das Leben. 

Sie hat recht, denke ich und frage nach ihrem Tag. Sie erzählt von einem Lehrer, der sie immer übersieht, einem Test, den sie vergeigt hat und von den Hausaufgaben, mit denen sie noch lange nicht fertig ist. Eigentlich wollte sie mit ihrer Freundin spielen, aber das wird jetzt wohl nichts. Sie ist den Tränen nahe. 

Emma, sage ich, es ist nur Schule, nicht das Leben. Irritiert sieht sie mich an. Und dann müssen wir beide lachen. Gott sei Dank. Weil es ja auch so ist. Es ist nur Arbeit. Es ist nur Schule. Es ist nicht das Leben. Es gibt Aufgaben und Pflichten, die wir erledigen müssen. Aber nicht um den Preis, dass wir nur noch maximal genervt durch unsere Tage rennen. 

Dazu sind wir nicht geschaffen. Im wahrsten Sinne des Wortes. Ich glaube, dass Gott uns geschaffen hat, damit wir unser Leben leben. Dazu gehören Arbeit und Schule. Und noch vieles andere. Familie und Freundschaft, Freude und Liebe. Leben eben. 

An diesem Tag nehme ich mir eine Stunde für ein gutes Buch, und die Emma geht für eine Stunde zu ihrer Freundin. Soviel Leben muss sein.

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Manche Tage sind wirklich zum Schreien. Verschlafen, den Bus verpasst. Zu spät im Büro, die Kaffeemaschine streikt. Und dann ruft ein Kunde an, der einen großen Auftrag storniert. Da würde man doch am liebsten laut schreien. Vor lauter Frust. 

Wenn Sie dieses Gefühl kennen, dann ist das heute Ihr Tag. Denn heute ist der Internationale Tag der Frustrationsschreie. Erfunden hat diesen Aktionstag das britische Ehepaar Ruth und Tom Roy. Einmal im Jahr sollen wir unseren Frust so richtig in die Welt hinaus plärren. Um uns dann – hoffentlich – ein bisschen besser zu fühlen. 

Bestechende Idee. Aber offen gestanden reicht mir das nicht. Ich kann nicht meinen ganzen Frust aufsparen, um ihn dann einmal im Jahr gezielt loszuwerden. Wenn ich frustriert bin, brauche ich gleich ein Ventil, um mich besser zu fühlen. Und Schreien passt leider nicht immer und überall. 

Deswegen habe ich für mich andere Wege gefunden, um Dampf abzulassen. Manchmal boxe ich in ein Kissen. Hilft ein bisschen. Manchmal renne ich einfach eine halbe Stunde durch den Wald. Hilft auch ein bisschen. Und manchmal bete ich. Ja, richtig. Manchmal bete ich. Und das hilft ziemlich. 

Denn da ist einer, dem ich alles an den göttlichen Kopf werfen kann, was mich ärgert, belastet und fertig macht. Der mir sein göttliches Ohr schenkt, wann immer mir nach Reden und auch nach Schimpfen zumute ist. Der mit seiner göttlichen Gelassenheit meine Seele wieder ruhig macht. 

„Meine Seele ist stille zu Gott, der mir hilft“, heißt es in einem biblischen Psalm. Meinen Frust, meinen Ärger, meine Trauer, meine schlechte Laune: Bei Gott kann ich all das ablassen, was meine Seele unter Druck setzt. Laut oder leise. Nicht nur heute, sondern an jedem Tag des Jahres.

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Amina ist sieben Jahre alt und lebt in Uganda. Morgens hilft sie ihrer Mutter mit den kleinen Geschwistern. Mittags sammelt sie Brennmaterial und kümmert sich um den Gemüsegarten. Ihr Bruder Abdalla macht in dieser Zeit seine Hausaufgaben. Denn er darf zur Schule gehen, Amina nicht. Die wird in wenigen Jahren eh verheiratet sein. 

Amina ist eines von 62 Millionen Mädchen weltweit, die nicht zur Schule gehen. Die Gründe sind vielfältig, haben oft etwas mit Armut oder Vorurteilen zu tun. Mädchen werden als Arbeitskräfte gebraucht oder früh verheiratet. Bildung bei Frauen gilt als überflüssig oder gar gefährlich. Und so wird Amina weiter Unkraut jäten, ohne jemals lesen und schreiben zu lernen. 

Natürlich gelten Bildung und Bildungsgleichheit offiziell als Menschenrecht. Aber in der Realität ist der Weg dahin noch sehr weit. Für Kinder wie Amina gibt es deshalb den Weltmädchentag der Vereinten Nationen, der heute begangen wird, und der aufmerksam machen will auf die vielen Mädchen, die eine Chance verdient haben, ihr Leben selbstbestimmt und frei zu leben. 

Amina hat vermutlich keine Ahnung, dass es diesen Tag gibt und dass Sie gerade im Radio ihre Geschichte hören. Nach diesem Tag wird sie noch immer Unkraut jäten statt lesen zu lernen. 

Aber Gerechtigkeit braucht einen langen Atem. Und je mehr Menschen sich auf diesen Atem einstimmen, desto wahrscheinlicher wird es, dass irgendwann die Aminas dieser Welt nicht mehr Unkraut jäten. Sondern zur Schule gehen und einen Beruf erlernen. 

Stimmen Sie sich ein auf den Atem der Gerechtigkeit. Für Amina und all die anderen Mädchen, die ein Recht haben auf ein gutes Leben.

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Heute ist der Welttag des Hundes. Wer den warum erfunden hat, weiß eigentlich keiner. Trotzdem ein guter Anlass, einmal über den besten Freund des Menschen nachzudenken. In knapp acht Millionen deutschen Haushalten gehört ein Hund zur Familie. Bei uns auch. Unser Hund heißt Hugo. 

Hugo schleicht sich heimlich in unser Bett, hasst aus tiefstem Herzen Paketboten und hinterlässt massenweise weiße Haare auf dunklen Teppichen. Er liebt es, sich in sumpfigen Pfützen zu suhlen, und produziert im nassen Zustand Gerüche, die für menschliche Nasen unerträglich sind. 

Aber immer, wenn ich nach Hause komme, steht Hugo hinter der Tür und begrüßt mich, als wäre ich das Größte, was ihm je passiert ist. Wenn er durchs Feld rennt, sehe ich pure Lebensfreude. Und wenn ich am Schreibtisch sitze, legt er sich still neben mich, weil er einfach bei mir sein will. 

Ob Hunde der beste Freund des Menschen sind, darüber kann man streiten. Freundschaft hat etwas mit Augenhöhe zu tun. Und die habe ich mit Hugo nicht. Aber er stiehlt sich in mein Herz durch Treue, die sich nicht beirren lässt, durch seine Lebensfreude und durch das Gefühl von Verbundenheit, wenn er neben mir liegt. 

In gewisser Weise finde ich all das auch bei Menschen. Und wo das geschieht, nenne ich es Liebe. Unser Hugo ist und bleibt ein Hund. Aber auf seine Weise macht er mich menschlicher und liebevoller. Und ein bisschen von seiner Treue und Lebensfreude und Verbundenheit schadet auch meinen zwischenmenschlichen Beziehungen sicherlich nichts. 

Deshalb werde ich heute unserem Hugo am Welthundetag einmal ausgiebig den Bauch kraulen. Nachdem ich ihn einmal wieder aus unserem Bett geworfen habe.

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Liebe geht bekanntlich durch den Magen. Aber nicht nur die. Gute Nachbarschaft offensichtlich auch. Diese Erfahrung hat Stephanie Quitterer gemacht. Im Stadtteil Prenzlauer Berg in Berlin. Als „Zugezogene“ wollte sie nicht in einer anonymen Großstadt leben, wo keiner keinen kennt. Deshalb hat sie Kuchen über Kuchen gebacken und ist damit monatelang um die Häuser gezogen. Hat einfach bei den Nachbarn geklingelt und darauf gehofft, dass man ihr die Tür öffnet. 

 

Und ihre Kuchentouren hatten Erfolg. Sie war zu Gast bei Berliner Originalen, bei bekifften Jugendlichen, bei Wohlstandsbürgern. Ihre Begegnungen waren manchmal spannend, manchmal skurril und manchmal rührend. Aber sie waren vor allen Dingen nachhaltig. Auch wenn manche Türen zu blieben, sind doch Beziehungen entstanden. So dass der Prenzlauer Berg im großen Berlin für Stephanie Quitterer fast so etwas wie ein Dorf geworden ist. Wo man sich grüßt, kennt, für ein Schwätzchen stehen bleibt. Wo man sich zu Hause fühlen kann. 

 

So wie Stephanie Quitterer geht es vielen Menschen. Nicht nur in Berlin. Es gibt jede Menge Wohnviertel in Deutschland, wo man jahrelang leben kann ohne zu wissen, wie eigentlich der Nachbar schräg gegenüber heißt. Da vereinsamen Menschen, weil nie irgendeiner an der Tür klingelt. Ob mit oder ohne Kuchen. 

 

Deshalb gefällt mir Stephanie Quitterers Aktion. Sie ist zupackend und freundlich. Aber sie ist auch zeitintensiv. Ich werde es nicht schaffen, all meine Nachbarn mit Kuchen zu beglücken. Aber die Berliner Nachbarschaftsaktion macht mir Mut, ein bisschen mehr über den Gartenzaun zu schauen. Denn das weiß schon die Bibel: „Ein guter Nachbar in der Nähe ist besser als ein Bruder in der Ferne.“

 

 


 


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