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SWR3 Gedanken

Zornig und mit Tränen der Verzweiflung schaut mich mein Patenkind an. Aber ich verstehe es einfach nicht. Ein zweijähriges Mädchen, das versucht mir irgendwas zu sagen, was ich einfach nicht verstehe. Es lernt das Sprechen eben noch und kann sich oft noch nicht klar ausdrücken.

Endlich kapiere ich doch, was es will und Erleichterung legt sich auf ihr Kindergesicht. Es kann einen aber auch zur Verzweiflung treiben, wenn der andere einfach nicht versteht, was man meint. Allerdings finde ich, dass das nicht nur ein Kinderproblem ist. Also ich bin ja weit älter als zwei Jahre, aber ich lerne immer noch zu sprechen. Vermutlich bis zum Ende meines Lebens. Denn immer noch kommt es vor, dass ich mit einem Menschen spreche und er nicht versteht was ich sagen will. Ein typisches Miss-Verständnis, weil ich mich unklar oder unpassend ausdrücke. Teils auch hier, in den Radiosendungen. Es ist mir schon passiert, dass ich erschrocken bin über Hörermails, bei denen mir klar wurde, dass was ganz anderes verstanden wurde, als ich eigentlich gemeint habe. Das tut mir dann leid und ich versuche, mich  anders und verständlicher auszudrücken.

Auch bei Alltagsgesprächen können solche Missverständnisseleicht nerven. Aber ich lerne daraus. Ich lerne, dass ich manchmal besser hinhören muss. Dass es sich lohnt, bei Unklarheiten genauer nachzufragen. Dass ich auch anderen Menschen zugestehe, zu lernen sich verständlicher auszudrücken. Und dass die Momente, in denen zwei Menschen sich auf Anhieb verstehen, etwas ganz Besonderes sind.

Das Verständnis für einen anderen Menschen geht weit über die richtige Wortwahl hinaus. Aber es fängt damit an. Verstehen Sie, was ich meine? Falls nicht, verzeihen Sie mir. Ich lerne noch zu sprechen. Vermutlich bis zum Ende meines Lebens.

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Ich gehe durch einen Park und schaue mir dort ausgestellte Kunst an. Besonders fasziniert mich ein Werk: Ein großer roter Würfel ist in einer Baumkrone aufgehängt. Ich kann meinen Blick nicht mehr davon abwenden. Dabei muss ich zugeben, dass ich nicht wirklich verstehe, was an dem Würfel besonders sein soll. Vielmehr fasziniert mich die Art, wie sich der Baum mit ihm verschlungen hat. Die Äste sind mittlerweile durch den Würfel gewachsen und umschließen teilweise seine Kanten. Es sieht so aus, als gehöre der Würfel ganz selbstverständlich zu dem Baum dazu. Obwohl er sichtbar anders ist und erst dazugefügt wurde, als der Baum schon lange gewachsen war, wirkt es, als sei der Würfel ein ganz normaler Teil des Baumes. Wie sich der Würfel in den Baum integriert und der Baum den Würfel annimmt, das ist für mich die wahre Kunst. Es wirkt fast wie ein Symbol für unsere Gesellschaft auf mich.

Wenn wir es in unserer Gesellschaft so gut schaffen würden, Fremdes und Neues zu integrieren wie dieser Baum, dann hätten wir viele Probleme weniger. Die Angst vor dem Fremden, dasewige Diskutieren über Integration, das inakzeptable Verhalten einzelner Flüchtlinge, das alles zeigt doch, wie schwierig es ist, in einer bestehenden Gesellschaft fremdeMenschen, Verhaltensweisen oder Denkweisen zu integrieren. Wie hat denn der Baum das geschafft?

Zwei Dingefallen mir auf: Einmal die Zeit. Es ist deutlich zu sehen, dass es wohl ziemlich lange gedauert hat, bis der Würfel und der Baum so harmonisch miteinander verwachsen sind. Und zum anderen Kompromisse: Die Äste sind mit dem Würfel anders gewachsen als ursprünglich geplant. Haben sich um ihn geschlungen, aber auch zwischendurch. Und auch der Würfel hat mit dem Wachsen der Äste seine Form verändert. Sich der Form der Äste angepasst, auch wenn er dadurch seine ursprüngliche Struktur verändern musste. Das ist ebenso schwierig wie schön. Und ich denke mir: Wenn wir sowas in unserer Gesellschaft schaffen würden – das wäre ein wunderbares Kunststück.

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Ich hab sie täglich vor mir sitzen: Kinder unter Druck.  Und bin mir bewusst, dass ich diesen Druck mit verursache. Denn ich zwinge ihnen grammatikalische Fachbegriffe auf, Rechtschreibregeln, Wissenswertes über Literatur und Religion. Es ist schließlich meine Aufgabe als Lehrerin, den Kindern was beizubringen. Und es ist ihre Aufgabe als Schüler, zu lernen. Dass das eine gewisse Art von Druck bedeutet ist normal. Und ich glaub, das wär auch auszuhalten. Wenn`s nur die Schule wär. Ist es aber nicht. Die Kinder werden auch von Eltern, Freunden, ja sogar durch sich selbst unter Druck gesetzt. Und das ist für manche dann einfach zu viel. Den Überdruck lassen manche ab, indem sie rumschreien oder schlagen. Das sind Extremfälle, und zugleich Alarmzeichen. Weil die Kinder sich nicht mehr anders zu helfen wissen. Sie leiden unter diesem Druck so sehr, dass sie irgendwann ausrasten. Andere ziehen sich komplett zurück und werden traurig. Das ist beides schlimm.

Das Problem ist allerdings, dass man auch nicht aus lauter Vorsicht jeglichen Druck für Kinder vermeiden kann. Damit tut man ihnen auch nichts Gutes. Spätestens als Erwachsene werden sie mit Druck konfrontiert. Und wenn sie bis dahin nicht gelernt haben, damit klarzukommen, dann wird es erst recht schwierig.

Ich glaube, es ist ganz wichtig, den Kindern beizubringen, wie sie mit Druck umgehen können. Überdruck durch ein Ventil abzulassen ist an sich ja ein guter Weg. Allerdings müssen die Kinder lernen, dass dieses Ventil nicht ein Gewaltausbruch sein darf, sondern vielleicht ein Auspowern im Sport. Bis zu einem gewissen Grad müssen Kinder lernen, Druck einfach auszuhalten. Aber auch, ihre eigenen Belastungsgrenzen zu erkennen und sich notfalls auch dem Druck zu entziehen.  Solche Strategien müssen Kinder einfach üben. Auch wir Erwachsenen können da noch viel üben. Druck bewusst rausnehmen. Belastungsgrenzen erkennen und nicht überschreiten. Und bevor wir den Druck auf die Kinder übertragen, vielleicht mal einfach selbst Druck ablassen. Wir sind ja erwachsen. Wir haben`s ja gelernt. Oder?

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„Damals, als wir fliehen waren, hatte ich auch so einen Zopf, “ sagt das kleine Mädchen. Mir läuft es eiskalt den Rücken herunter. Ich spiele gerade mit Kindern aus Syrien. Sie leben jetzt schon eine Weile in Deutschland und wir können uns ganz normal unterhalten. Nach Kartenspielen und Mensch-Ärger-dich nicht sind wir dazu übergegangen, uns gegenseitig Frisuren zu machen. Und während ich einem Mädchen einen langen Zopf ins Haar flechte, sagt ein vierjähriges Mädchen plötzlich diesen Satz: Damals, als wir fliehen waren, da hatte ich auch so einen Zopf. Mir krampft sich das Herz zusammen. Wer vermag zu erahnen, was in dieser Kinderseele vor sich geht. Im Krieg geboren, in ständiger Gefahr aufgewachsen und schließlich auf der Flucht. Ich habe Angst. Angst davor, dass die Kleine nun von ihrem Leben erzählt. Angst davor, was sie erlebt hat und fühlt. Angst, dass ich mit dem was sie erzählt völlig überfordert bin. Und ich schäme mich. Dafür, dass ich Angst habe, auch nur zu hören, was sie bewegt. Ich bin erwachsen, sie ist ein Kind und sie kann es sich nicht aussuchen. Sie muss damit umgehen.

 

Ich schaue sie an und warte einfach. Innerlich auf Vieles gefasst. Aber auf das, was sie dann tut nicht. Sie zupft ein paar Blumen aus dem Gras und steckt sie in den Zopf des anderen Mädchens. Dann nimmt sie meine Hand und strahlt: „Jetzt ist es ein sehr schöner Zopf!“. Anschließend setzt sie sich einfach hin und beginnt, ihrer Puppe auch Blumen ins Haar zu stecken. Ein Bild vollkommenen Friedens. Ihre Erlebnisse spricht sie nicht mehr an. Aber ich weiß, wenn sie es irgendwann tut, werde ich ihr zuhören. Egal, was es ist.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Langsam laufe ich den Waldweg entlang und lasse meinen Blick über die buntbeblätterten Bäume schweifen. Da entdecke ich zwischen den ganzen altangestammten Bäumen plötzlich neue Bäumchen. Ein Schild weist darauf hin, dass es sich um die Baumart Douglasie handelt. Hä? Ist das nicht eine Baumart aus Nordamerika? Was macht die denn in unserem deutschen Wald? Ich recherchiere ein bisschen und finde heraus: Auch Bäume immigrieren. Natürlich nicht von selbst, aber in deutschen Wäldern werden Bäume aus anderen Ländern und Kontinenten gepflanzt. Mittlerweile gibt es schon fast dreieinhalb Prozent Migrantenbäume, Tendenz steigend. Warum? Weil der Klimawandel neue Baumarten offenbar notwendig macht. Die Forstwirtschaft beschäftigt sich wohl gerade mit dieser Herausforderung. Dabei werden die meisten fremden Bäume vom bestehenden Wald ganz selbstverständlich aufgenommen und finden ihren Platz.

Erstaunlicherweise tun wir uns in der Gesellschaft viel schwerer mit der Aufnahme neuer Menschen als der Wald sich mit den Bäumen. Dabei sind es prozentual weniger Menschen als Bäume, die Deutschland aufnimmt. Zum Vergleich: dreieinhalb Prozent des deutschen Waldes bestehen aus immigrierten Bäumen, 1,3 % der Gesellschaft dieses Jahr aus Flüchtlingen. In der Natur wünschen wir uns Artenvielfalt. Warum in der Gesellschaft nicht Menschenvielfalt? Weil die Integration schwierig ist? Bei den Baummigranten läuft allerdings auch nicht immer alles glatt. Die Forstwirtschaft rät dann dazu, das Verhalten und die Auswirkungen neuer Bäume auf den bestehenden Wald zu überprüfen und bei Schwierigkeiten nochmals umzustrukturieren. Ein vernünftiger Rat, wie ich finde. Der bestehende Wald muss schließlich geschützt werden. Aber wenn die Bäume sich in den ursprünglichen Baumbestand einfügen und der Wald die neue Art aufnimmt, dann können heimische und immigrierte Bäume ganz selbstverständlich gemeinsam weiterwachsen. Die Natur passt sich immer wieder an, verändert sich, lernt, mit neuen Bedingungen umzugehen. Vielleicht kann hier die Natur der Gesellschaft jaein Vorbild sein?

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Vor Kurzem wurde Mutter Theresa vom Papst heiliggesprochen.  Als sie 1997 gestorben ist, war ich noch Schülerin. Aber schon zu ihren Lebzeiten hat es mich tief beeindruckt, dass eine Frau freiwillig in einem Armenviertel in Kalkutta lebt. Leidende, kranke und auch sterbende Menschen pflegt, obwohl sie auch ein ganz anderes, viel leichteres und luxuriöseres Leben hätte wählen können. Bis heute hat Mutter Theresa für mich nichts von ihrer Faszination verloren. Allerdings hat sich meine Bewunderung für selbstloses Handeln auch auf andere Menschen erweitert.

Immer wieder erlebe ich Menschen, die bereit sind, sich selbst zurückzunehmen, um anderen zu helfen. Häufig im Stillen, ohne etwas dafür zu erwarten. Ich denke da zum Beispiel an Sterbebegleiter in Hospizen. Sie begleiten Menschen in den letzten Stunden ihres Lebens. Das stelle ich mir sehr schwierig vor, aber auch schön. Und all die Menschen, die in Krankenhäusern arbeiten, bei der Feuerwehr, der Polizei, in Beratungsstellen oder als Flüchtlingshelfer. Wenn ich mir klar mache, wie viele bereit sind, anderen in der Not beizustehen, dann erfüllt mich das mit Dankbarkeit. Und nicht nur bei denen, die sich helfende Berufe ausgewählt haben. Ich finde, immer wenn ein Mensch sich selbst zurück nimmt, um für einen anderen da zu sein, dann geschieht etwas ganz Besonderes. Nicht jeder von Ihnen bekommt immer die Anerkennung, die er verdient. Und natürlich ist nicht jeder von ihnen ein Heiliger.

Aber all diese Menschen machen das Leben lebenswert und die Welt ein ganzes Stück reicher.

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Man oh man ist die blöd. Upps, erwischt. Immer wieder ertappe ich mich dabei, wie ich mich über Menschen ärgere und sie dann als blöd bezeichne. Das will ich aber gar nicht. Denn ich habe mir vorgenommen, niemals einen Menschen für blöd zu halten, sondern lediglich das, was er tut, sagt oder entscheidet.

War nicht meine Idee, sondern die von Jesus. Es war eines seiner Lebensprinzipien, schlechteTaten zwar nicht gut zu heißen, aber trotzdem den Menschen der sie begeht ernst zu nehmen. Und dieses Prinzip hat mich absolut überzeugt. Zum Beispiel bei einem Menschen, der seinen Partner betrügt und damit eine Ehe zerstört. Was er da tut ist erschütterndund verletzend. Und doch ist dieser Mensch vielleicht im Kern ein guter, sonst würde er vermutlich auch nicht von zwei Menschen gleichzeitig geliebt. Die Tat ist schlecht, aber nicht der Mensch.

Einer Ehebrecherin ist auch Jesus begegnet. Überhaupt vielen Menschen, die falsch gehandelt haben: Betrügern, Ausbeutern, Schlägern. All diesen hat er klar gemacht, dass ihr Handeln schlecht ist. Aber er ist nicht ewig auf ihren Fehlern herumgeritten, sondern hatsie trotzdem als Menschen angenommen. Mit all ihren Bedürfnissen und Ängsten, Stärken und eben auch Schwächen. Jesus hat ihnen geholfen, eine neue Richtung im Leben einzuschlagen: Mit guten Taten und Entscheidungen.

Und wenn ich so um mich schaue, begegne auch ich immer wieder Menschen, die schlechte Entscheidungen treffen, Fehler machen. Mir selbst zum Beispiel. Und dann kann ich nur hoffen, dass ich Menschen begegne, die zwar mein Handeln schlecht finden, aber nicht mich als Menschen. Und mir damit eine Chance geben, es das nächste Mal besser zu machen.

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