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SWR3 Gedanken

Zuerst ist es mir komisch vorgekommen. Diese Höflichkeitsfloskeln am Anfang jedes Smalltalks. Bei meinem Kurzurlaub in London bin ich anfangs jedes Mal ein wenig aus der Fassung geraten, wenn mich Leute erst einmal gefragt haben, wie es mir geht, obwohl ich doch nur nach dem Weg fragen wollte.

Dann habe ich beobachtet, dass das dort einfach dazu gehört. Die höfliche Frage, wie es denn gehe. Und nicht nur die Frage gehört dazu, auch die Antwort.

Erst nach einem sehr freundlichen Hin und Her – wie geht es Ihnen heute Morgen? – Danke, sehr gut. Und Ihnen.? – Ausgezeichnet, vielen Dank – kommt man zum eigentlichen Zweck des Dialogs.

Mir ist das erst sehr umständlich vorgekommen. Aber dann habe ich gemerkt, dass solche Dialoge nicht nur sehr höflich verlaufen, sondern meistens sogar ausgesprochen herzlich – auch zwischen völlig Unbekannten.

Kaum eine Auskunft, bei der ich nicht auch noch eine nette persönliche Bemerkung mit auf den Weg bekommen hätte. Kaum eine Antwort ohne freundliches Lächeln.

Jedes Mal habe ich diese Freundlichkeit und das Lächeln innerlich mitgenommen und ein paar Minuten später festgestellt, dass ich selber immer noch am Lächeln war.
Inzwischen finde ich die englischen Floskeln nicht mehr komisch.

Eigentlich sind sie so eine Art Segen light. Smalltalk setzt auf das Gute im Menschen. Die freundlichen Sätze wollen den anderen begleiten.  Und das ist eigentlich der Kern des Segnens: Ich nehme mein gegenüber als Menschen wahr und wünsche ihr, dass sie von Gott begleitet bleibt.

Insofern:
Wie geht es Ihnen heute eigentlich? Ich hoffe, gut! Ich wünsche Ihnen auf jeden Fall einen wirklich guten Tag!

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London, Trafalgar Square -  so viele Menschen, so viele verschiedene Menschen.
Hautfarben in allen Schattierungen, Kleidung und Styles von Stiletto bis Burka und Krawatte bis Pailletten.

Ich lass mich vom Menschenstrom mittreiben, bin eine von so vielen. Dann höre ich Gitarrenmusik. Und bleibe stehen. Und viele andere auch. Ein junger Typ hat sich an eine Straßenecke gestellt, die Gitarre an einen Lautsprecher angeschlossen und singt. Eine Coverversion von einem bekannten Lied. Ich höre ihm zu.

Bin ein Teil des kleinen Publikums.
Wir summen leise mit und wippen im Takt. Gute Stimmung, viele lächeln.Dann stimmt er ein neues Lied an – einen Song mit Halleluja Refrain.

Plötzlich verändert sich etwas in der Haltung des Sängers und in der Stimmung unter uns Zuhörenden. Der Sänger singt als wäre er allein. Allein mit Gott.

Aber wir sind nicht ausgeschlossen. Wir gehören dazu zu diesem Lied. Wir sind nicht mehr Publikum. Wir sind in der Musik.

Ich stehe neben einer jungen Frau mit pinkfarbenen Haaren, hinter uns ein Mann mit Rastalocken, neben mir eine indische Familie, die Mutter im Sari. Zwei Geschäftsleute sind eben stehen geblieben. Eine ältere Frau mit Rollator flüstert ihrem Begleiter etwas ins Ohr. 

Wir hören zu, alle, und ich könnte schwören, dass dieses Lied durch uns hindurch weiterklingt. Für diesen Momen  gehören wir zusammen, so unterschiedlich wir sonst auch leben mögen.

Dieses Lied für Gott nimmt uns alle mit hinein – ohne Unterschied und ohne Rücksicht auf irgendwelche Bekenntnisse.
Als unser Sänger die letzten Töne spielt, wischen sich ein paar Leute Tränen aus den Augen.

Die Gruppe löst sich auf. Aber ich nehme etwas mit. Die Gewissheit, dass in Gott alle zusammen gehören. Halleluja.

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Ungeduldig stehe ich mit meinem Rad in zwischen all den Autos vor der Ampel. Für ein paar Meter weiche ich auf den breiten Fußgänger- und Radweg aus. Beim Einfädeln zurück auf die Straße mache ich einen Fehler: ich schaue mich nicht zu dem nachfolgenden Auto um. Und schon kracht es. Der Fahrer hat mich auch nicht gesehen, und ich bin mit dem Pedal gut hörbar an dessen Kotflügel entlang geschrappt.

Wir halten an. In meinem Kopf jagen sich die Gedanken: hab ich meine Versicherungskarte eingesteckt? Hilft das überhaupt? Schließlich bin eindeutig ich schuld. Wird bestimmt teuer. Was mach ich, wenn der Autofahrer mich niederbrüllt? Soll ich gleich schon mal die Polizei anrufen?

Dann geht die Autotür auf und eine Frau steigt aus. Ich mach mich auf eine Schimpftirade gefasst. Sie kommt auf die andere Seite herüber, schaut nicht mal aus den Augenwinkeln auf ihren Kotflügel, sondern fragt besorgt: „Wie geht es Ihnen? Ist Ihnen was passiert? Haben Sie sich verletzt?“

Ich bin so perplex, dass ich erst mal nur den Kopf schüttle. Dann erkläre ich ihr, dass ich selbstverständlich für den Schaden aufkomme und dass ich unverletzt bin, weil nur das Pedal Autokontakt hatte.

Sie atmet erleichtert auf. Dann schaut sie auf den gut sichtbaren Striemen am Auto. „Ach“, sagt sie, „ das ist nicht schlimm. Kann man bestimmt wegpolieren.“ Sofort fängt sie an mit ihrem Jackenärmel daran zu rubbeln. Der Striemen wird etwas blasser. „Sehen Sie, geht weg. Dann ist ja alles gut“, strahlt sie mich an und hat schon den Zündschlüssel wieder in der Hand.

Ich drücke ihr noch meine Karte in die Hand. Aber sie sagt nur „Hauptsache, Sie sind unverletzt. Alles Gute Ihnen.“ Sie lächelt, steigt ein und fährt winkend los.

Ich schau ihr nach, immer noch ein wenig verwirrt. So fühlt sich das also an, wenn aus Schuld Segen wird.

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Irgendwo hoch in den Anden quält sich Debbie aus dem Schlafsack. Es ist erst der zweite Tag unserer geführten Trekkingtour, aber Debbie geht es richtig schlecht. Nicht nur die Höhe macht ihr zu schaffen. Sie hat ein handfestes Magenproblem.

Unser Führer empfiehlt ihr mit einer ankommenden Gruppe wieder zurück zu gehen. Debbie starrt ihn missmutig an und schüttelt den Kopf. Zu mir gewandt sagt sie auf Englisch: ich kann nicht aufgeben, ich leide unter Fomo.

Fomo – eine Abkürzung für ‘fear of missing out’ – hab ich bisher nur aus der Zeitung gekannt. Jetzt erfahre ich von Debbie wie unerträglich für sie die Vorstellung ist, diesen bekannten Trail nicht zu Ende zu gehen. Sie hat eine ganze Liste von Dingen, die sie bei ihrem Peruaufenthalt noch machen will. Oder besser abhaken will. Denn es geht weniger um das Erlebnis als darum, hinterher sagen oder posten zu können, ‚das habe ich gemacht.‘

Was denn passieren würde, wenn sie doch mal was abbrechen müsste, frage ich.
Dann schlägt Fomo zu. Die Angst, was auszulassen würde ihr Schlafstörungen machen und die nächsten Monate könnte sie dann nur noch darüber nachdenken, wie sie das Versäumte nachholen könnte, sagt Debbie. Sonst fühle sie sich nicht komplett, und außerdem als Versagerin. Grünbleich wie sie ist, macht sie schnell noch ein Selfie und postet es.

Debbies Krankheit Fomo sorgt dafür, dass die ganze Gruppe langsamer vorankommt. Wir teilen uns so ein, dass sie immer jemand von uns an der Seite hat. Am Abend kennen wir Debbie ziemlich gut, und sie uns. Unsere Gruppe aus lauter Unbekannten ist zu einem guten Team geworden. Abends fühlt sich Debbie immer noch krank, aber sie bleibt nach dem Essen in der Runde und mischt sich in die Unterhaltung ein.

Am nächsten Morgen überrascht sie uns grünbleich wie am Vortag mit der Nachricht, dass sie abbrechen werde. Und dein FOMO, frage ich. Debbie lächelt: ich hab was Besseres erlebt. Ihr habt mich ernst genommen und zu mir gehalten.

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Ira ist da!
Na ja, eigentlich ist meine Freundin Katharina da und hat ihre kleine Tochter Ira mitgebracht. Keine 18 Monate ist sie und stapft durch meine Wohnung als wäre sie hier schon immer Zuhause. Sie hat weder vor uns, den Bewohnern, noch vor unseren Meerschweinchen, noch vor den bellenden Hunden im Haus Angst.

Sie hat eigentlich überhaupt keine Angst, nicht mal nachts. Und mir fällt auf, dass ich das auch von anderen Kindern kenne, zumindest wenn sie noch sehr klein sind: Kinder schreien, wenn ihnen etwas fehlt – Essen, Zuwendung oder eine trockene Windel – aber sie haben keine Angst vor Unbekanntem.

Wahrscheinlich entwickeln Menschen solche Ängste erst, wenn sie Schmerzen erfahren oder Verluste, wenn sie sich hilflos und ohnmächtig fühlen. Und je mehr solcher Situationen ein Mensch erfährt, desto ängstlicher wird er.

Eine friedliche Welt, eine Welt ohne Angst gehört deshalb vermutlich zu den ältesten Sehnsüchten der Menschheit.

In der Bibel wird an vielen Stellen eine solche Welt beschrieben. Eine Welt ohne Angst. Lebensbilder jenseits von Ohnmacht und Demütigung. In einer dieser biblischen Vision spielt ein Säugling vergnügt an der Höhle der Kreuzotter und patscht gefahrlos mit seiner Hand nach der Giftschlange.

Mit dieser Szene wollte der biblische Autor zeigen: Gott will Leben als angstfreies und gewaltloses Miteinander aller Geschöpfe.

Das klingt erst einmal unglaublich, vielleicht auch naiv. Aber wenn ich Ira erlebe, spüre ich: Jedes kleine Kind ist eine Ermutigung, an eine angstfreie Welt zu glauben. Eine Ermutigung die Welt selbst mitzugestalten zu einem Ort, wo kein Platz ist für Ängste. Weil Gott mitten in der Welt nährt und pflegt und liebt. Wie eine Mutter, oder ein Vater.
Nein, wie eine Mutter oder Vater ohne Angst.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=22642

Säuberung – im Zusammenhang mit Krankenhaushygiene oder Frühjahrsputz eine wichtige Sache.
Säuberung als politische Maßnahme ist dagegen keine gute Idee. Das musste sogar schon Gott höchstpersönlich einsehen:

Die ersten Kapitel der Bibel erzählen davon, dass Gott ziemlich bald nach der Schöpfung Nase voll von den Menschen hatte. Überall sah Gott, wie Menschen streiten, sich betrügen, ausbeuten, sogar umbrachten. Gott hat deswegen eine groß angelegte Säuberungsaktion beschlossen: Die Menschheit sollte ausradiert werden, bis auf einen kleinen Rest von Noah und seiner Familie. Weil die sich immer gerecht verhalten hatten. Mit denen sollte es nach der Katastrophe einen Neuanfang geben.

Noah bekommt also von Gott den Tipp ein Riesenschiff zu bauen, und das rettet anschließend seiner Familie und ziemlich vielen Tieren das Leben. Denn es regnet vierzig Tage und Nächte .Und alles Leben geht in dieser Flut unter. Bis auf Noahs Familie und die Tiere.

Aber noch etwas geht  in dieser Flut unter: Gottes Zorn. Kaum gehen die Wassermengen zurück, kaum ist Leben auf dem Trockenen wieder möglich, kommt ein Versprechen von Gott. Nie wieder, sagt Gott, will er eine so schreckliche Strafe über die Menschheit bringen. Schließlich wird es auch nach Strafaktionen immer wieder Menschen geben, die sich unsozial verhalten. Gott verspricht, in Zukunft zu seiner Schöpfung zu halten. In jedem Fall.

Gottes Verzicht auf weitere Säuberungsaktionen sind ein Bekenntnis zum Geschöpf Mensch, mit all seinen guten und schlechten Seiten.

Ich finde es human, wenn ein Justizsystem das heutzutage aufnimmt: Wer nachweisbar falsch handelt, wird zwar bestraft. Aber sein Leben wird nicht zerstört. Und nach wer das Strafmaß erfüllt hat, wird wieder integriert. Als Mensch. Säuberungsaktionen sind damit passé. Gott sei Dank.

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Adrian hat Glück gehabt. Zumindest sieht er das so. Er hat eine Krebserkrankung überstanden. Diagnose, Operation, Bestrahlung – das ganze zermürbende Programm.
Weil er nicht mehr jung ist und alleinstehend hat er in dieser Zeit seine Wohnung auflösen müssen. Jetzt lebt er im Betreuten Wohnen.
„Ich hab so viel Glück gehabt“, sagt er trotzdem und macht eine Pause, um dem Amselgesang im Baum zu zuhören.

Ich kenne Adrian schon etliche Jahre. Er hat es nie leicht gehabt. Eine vor Jahren festgestellte chronische Krankheit, eine kräftezehrende Beziehung, mehrere harte Todesfälle im näheren Umfeld und jetzt auch noch der Tumor und der Verlust der Wohnung.

Aber: Adrian lächelt, wenn er über sein Leben nachdenkt und sagt: „Ich hab so viel erlebt. So viel Schönes! Und was ich alles sehen konnte von der Welt. Und wie viele freundliche Menschen ich kennen gelernt habe. Ich bin wirklich der reichste Mann der Welt.“
„Du klingst wie ein Psalm aus der Bibel. Wie ein Dankpsalm“, sage ich.

Er lächelt wieder. „Ich leb halt so gerne“, sagt er und erzählt aus seinem Leben – schöne Erinnerungen und schwierige Phasen. Er ist für beides dankbar. Am Ende unseres Gesprächs sagt er: „Und wenn’s Gott gefällt, halte ich’s auch gut noch ein paar Jahre aus so wie es jetzt ist. Ich bin wirklich dankbar für mein Leben.“

„Mensch, Adrian, du hast Recht: Du bist wirklich der reichste Mann der Welt.“ sag ich zum Abschied. Darauf er: „Oder halt ein Dankpsalm“

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