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SWR3 Gedanken

"Wir schätzen die Menschen, die frisch und offen ihre Meinung sagen. Vorausgesetzt, sie meinen dasselbe wie wir", hat Mark Twain einmal gesagt. Und es stimmt schon: Meinung kann ganz schön unbequem sein. Für den, der sie sagt, und für den, der sie hört. Es ist heute jedoch wichtiger denn je, seine Meinung zu sagen. Aufzustehen und laut und deutlich Position zu beziehen.

Jesus war so jemand. Er hat seine Meinung gesagt. Gegen herrschende Ansichten. Gegen geltende Vorschriften. Gegen amtierende Regierungen. Laut und deutlich im Angesicht derer, die nicht seiner Meinung waren.

Was (nicht nur) damals lebensgefährlich war, ist heute Gesetz. Zumindest in unserem Land. Meinungsfreiheit steht in unserem Grundgesetz. Und in den geltenden Menschenrechten schützt Artikel 19 das Recht jedes Menschen auf freie Meinungsäußerung. Ein hohes Gut und längst nicht selbstverständlich.

Meinung ist manchmal allerdings ein zweischneidiges Schwert. Meinung wird getragen durch Herz und Gefühl. Das macht sie gleichermaßen wertvoll wie auch gefährlich. Denn Meinung muss informiert sein, braucht immer auch Tatsachen und Fakten. Und nicht bloß Gefühle.

Meinungsfreiheit hat nämlich ihre Grenzen. Die Androhung oder Verherrlichung von Gewalt, Rassismus, oder das Verletzten der Ehre eines jeden Menschen - all das hat nichts, aber auch gar nichts mit Meinungsfreiheit zu tun.

Deshalb sage ich meine Meinung. Frei und offen und aus ganzem Herzen. Ich sage ein klares Ja zu jedem der zu uns kommt und Hilfe sucht. Und ich sage ein klares Nein zu jeder Form von Gewalt.

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Dieser Sommer hat es in sich. Ausnahmezustand - das Wort ist in letzter Zeit viel zu oft gefallen. Nach dem Amoklauf in München bei uns, nach den Anschlägen in Nizza und nach dem Putsch in der Türkei: Ausnahmezustand.

Wenn alte Ordnungen nicht mehr Sicherheit bieten, dann muss Sicherheit neu gedacht werden. Denn dann haben wir ihn, den Ausnahmezustand. Ob wir wollen, oder nicht.
Und wir müssen uns fragen: Wie gehen wir damit um?
Angst zu haben, sich hilflos und ohnmächtig zu fühlen, das ist im Ausnahmezustand normal und menschlich. Entscheidend ist, dass wir nicht darin stecken bleiben. Und dass das möglich ist, daran glaube ich.

„Menschlichkeit ist unserer stärkste Waffe.“ Meinen viele. Diese Menschlichkeit hat sich zum Beispiel in München gezeigt, wo viele ihre Türen geöffnet haben – für die, die Schutz gesucht haben in dieser Nacht. Und Menschlichkeit passiert dort, wo Menschen sich weiterhin unbeirrt für Flüchtlinge einsetzen. Aber Menschlichkeit braucht auch Mut und ein festes Herz. Und manchmal erreicht der Ausnahmezustand auch die mutigsten Herzen.

In der Bibel gibt es viele Erfahrungen mit dem, was wir „Ausnahmezustand“ nennen. Vor über 2000 Jahren hat der Prophet Jesaja deshalb sinngemäß gesagt: „Selbst wenn die Berge weichen und Hügel umfallen, Gott wird weiterhin da sein für euch. Seine Güte und sein Frieden werden euch begleiten, was immer auch geschieht."

Mir hilft das in Zeiten des Ausnahmezustands. Es tut mir gut. Und ich vertraue darauf, dass Gott da ist, auch wenn ich seine Nähe nicht spüren kann. Das hilft mir, bei dem zu bleiben, wovon ich überzeugt bin. Dass Menschlichkeit unsere stärkste Waffe ist. Überall auf der Welt. Ohne Ausnahme.

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Wenn wir mit den Kindern nach Holland fahren, müssen wir immer Halt machen an einer der alten Windmühlen Alkmaars. Seit mehr als hundert Jahren gibt es die zum Teil schon. Mit gewaltigen Flügeln, die fast bis zum Boden reichen. Sie fangen den Wind ein und wandeln ihn in Energie um, erklären wir den Kindern dann. Und die malt dann zum Beispiel das Korn zu Mehl. Damit kann der Bäcker das leckere Brot machen, das wir essen. Vor diesen Windmühlen kommen wir aus dem Staunen nicht mehr heraus.

"Wenn der Wind des Wandels weht", heißt es in einem chinesischen Sprichwort, "bauen die einen Schutzmauern, und die anderen bauen Windmühlen".

Schutzmauern oder Windmühlen? Wenn der Wind sich zu einem beängstigen Sturm auswächst, dann sind Schutzmauern natürlich eine gute Sache. Und viele meinen, der Wind des Wandels, den wir grade erleben, der wäre Anlass genug, Schutzmauern zu bauen. Nicht nur in unseren Gemütern, sondern ganz real. Auch die Bibel kennt solche Zeiten des Wandels. Aber sie fordert die Menschen auf, diesen Wandel anzunehmen. Weil er oft eben nicht aufzuhalten ist. Und für sie ist der Sturm auch ein Zeichen dafür, dass Gott mitten in unser Leben hinein wirkt, manchmal eben auch mit Macht und Kraft.

Um es im Bild der Windmühle zu sagen:

Ich wünsche mir, dass wir den Wind in gute Energie umsetzen können:
Dass wir auf Menschen zugehen, die uns Angst machen, um sie kennenzulernen.
Dass alle Kinder die gleichen Chancen bekommen, etwas aus ihrem Leben zu machen.
Dass wir gemeinsam anpacken, damit es allen Menschen in unserem Land besser geht.
Und dass wir eines Tages sagen können: Wenn der Wind des Wandels weht, bauen wir Windmühlen. Überall.

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Heutzutage sind ja solche Begriffe wie Optimierung, Effizienz und Perfektion ganz wichtig. Meinen zumindest einige Leute. Und versuchen, mir Ratgeber und Anweisungen aller Art dazu aufzudrängen. Und jetzt habe ich einen Begriff gelesen, der hat mir schier die Schuhe ausgezogen: Lebensoptimierung. Ich soll also mein Leben optimieren. Klar, Maschinen lassen sich optimieren, oder Arbeitsabläufe, aber... Und da läuft mir schon beim Gedanken ein Schauer über den Rücken. Leben optimieren? Wie um Himmels willen soll das gehen?

Ich dachte immer "Leben ist das, was passiert, während du Pläne machst." Und ist es nicht so? Leben ist das, was einfach passiert. Was du eben nicht planen und organisieren kannst. Ich hatte zwar geplant, schwanger zu werden. Aber als das Kind da ist, ist es viel mehr, als ich dachte. Es ist eine einzige wunderbare Überraschung. Jeden Tag neu. Ich wollte mal Pfarrerin werden, aber jetzt, wo ich Pfarrerin bin, fühlt sich das ganz anders an als ich dachte. Der Beruf ist wie eine einzige Wundertüte. So ist das Leben nun mal. In all seiner Schönheit, wie auch in all seiner Traurigkeit und Ungerechtigkeit. Leben ist das was passiert, während du Pläne machst. Und das ist manchmal alles andere als optimal.

Meine Tochter liebt ein Lied von Rolf Zuckowski. Da heißt es: "Heute möcht ich mal mit dir den höchsten Berg erklimmen, nur so, einfach nur so. Nicht weil es Geld bringt, nicht weil es nützt, nicht damit andere es bewundern, nein einfach nur so!" Kein Ziel verfolgen. Nicht den Gewinn steigern wollen. Nicht auf Perfektion hoffen. Einfach nur was tun - um der Sache willen. Weil es schön ist. Weil es gut tut. Weil ich es grade so will.
Leben optimieren heißt: Es zu leben. Ganz bewusst und manchmal auch einfach nur so.

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„Was ist ein Keks unter einem Baum?“ Meine Nichte, 5 Jahre alt, strahlt mich an. Ihr Mund ist schokoladeneisverschmiert und ihre Augen blitzen. Sie gluckst und kichert und dann platzt es auch schon aus ihr heraus: „Ein Keks unter einem Baum - das ist ein schattiges Plätzchen!“ Wir prusten miteinander los. Meine Nichte ist einfach unwiderstehlich in ihrer Lebensfreude. Im Witzeerzählen ist sie schon ganz groß, die Kleine. Sie schafft es immer wieder, mich zum Lachen zu bringen.

Der Kabarettist Hanns Dieter Hüsch war auch so einer. Auf seine Art Kind geblieben - und voller Lebensfreude. „Ich bin vergnügt, erlöst, befreit“ hat er mal getextet. „Gott nahm in seine Hände meine Zeit.“

Die Zeit von Hüsch, die war allerdings alles andere als rosig. Bis er 14 Jahre alt war, litt er unter einer schweren Fehlbildung seiner Füße, musste mehrfach operiert werden, konnte schlecht laufen geschweige denn spielen und toben. In dieser Zeit, so hat er mal gesagt, hat er sich „sehr schnell alleine“ gefühlt. Aber das war nicht alles. Mehrmals hat er finanzielle Existenzkrisen überstanden, eine Krebserkrankung und den frühen Tod seiner ersten Frau.

Und trotzdem war er „vergnügt, erlöst, befreit“, konnte lauthals lachen über das Leben und unbeschwert sein wie ein Kind. Wie meine Nichte mit ihrem Keks unter dem Baum - Sie wissen schon, das schattige Plätzchen. Das war schon erstaunlich, wie mich das aus meinen Grübelgedanken rausgerissen hat. Lachen befreit. Hanns Dieter Hüsch hat gewusst: es gibt mehr als Geldsorgen, Krankheit und Verlust. Und das war für ihn "Gottvertrauen": „Was macht, dass ich so unbeschwert und mich kein Trübsinn hält?" Hat er gefragt. Seine und meine Antwort? Weil mich mein Gott das Lachen lehrt - wohl über alle Welt.“

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„Dieser Planet (Erde) braucht dringend Friedensstifter, Heiler, Erneuerer, Geschichtenerzähler und Liebende aller Art“, so hat es der Dalai Lama auf den Punkt gebracht. Er spricht nicht von Ost und Westblock, nicht vom reichen Norden und armen Süden. Er spricht von der Erde als dem einen Planeten. Und dass wir uns zusammentun müssen, egal in welcher Religion und Kultur wir zu Hause sind. Zusammentun, um unseren Planeten zu retten.

So wie die Crew von Star Trek. Diese Crew könnte unterschiedlicher nicht sein: Mr. Spock, der Vulkanier mit den spitzen Ohren, ein hochintelligentes Vernunftwesen durch und durch, stets logisch und besonnen. Dem gegenüber steht Dr. McCoy, oder auch "Pille" genannt, der leitende Schiffsarzt. Er ist vor allem Gefühl. Oder Lieutenant Uhura, eine der wenigen Frauen im Team, zuständig für die Kommunikation, fürs gegenseitige Verstehen. Oder Scotty, das technische Genie. Er kann alles reparieren, was kaputt geht an Bord der Enterprise. Und nicht zu Letzt Captain Kirk, leidenschaftlich und manchmal waghalsig führt er die Mannschaft an, wobei er nie das Ziel aus den Augen verliert. Gerade auch weil sie so verschieden sind, sind sie Helden. Und sorgen gemeinsam im Namen der "Vereinten Föderation" für eine "friedliche Koexistenz" aller Menschen, gleich welcher Herkunft.

Für mich ist das eine Vision auch für unser Leben. Nicht als Film, sondern ganz real. In dieser Vision hat jeder und jede von uns eine besondere Aufgabe. Denn dieser Planet Erde, er „braucht dringend Friedensstifter, Heiler, Erneuerer, Geschichtenerzähler und Liebende aller Art“.

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Der Blick über das Meer. Die nackten Füße im Sand. Der Wind zerzaust die Haare. Der Geschmack von Meersalz auf den Lippen. Das ist der Moment, das Herz wird weit. Und der Verstand kommt zur Ruhe.

Für mich ist das der Inbegriff von Urlaub. Der Blick übers Meer, die atemberaubende Aussicht von der Bergkuppe, oder der Blick aus dem Hotelzimmer wenn die Sonne untergeht über der Stadt. Da entsteht eine Weite.
Eine geistige Weite. Und diese Weite wirkt.

Diese geistige Weite, die sollen alle haben, immer. Und nicht nur im Urlaub. Das hat vor fast fünfhundert Jahren der Wittenberger Mönch und Theologieprofessor Martin Luther gemeint. Damals hat das geheißen: Alle sollen lesen und schreiben können. Nicht nur die Reichen. Alle sollen sich selber eine Meinung bilden können. Sollen auch mal fremde Gedanken denken können. Und mit fremden Menschen darüber diskutieren. So entsteht Weite, geistige Weite. Und die wirkt.

Was damals nur idealistische Forderung war, nennen wir heute Bildung. Und ist heute „allgemeine Schulpflicht“. Damit die Welt nicht voller Idioten ist. Idiot - das Wort kommt aus dem Griechischen und meint den, der immer dasselbe denkt und tut. Im Unterschied zu denen, die auch mal anders denken können. Die das Fremde mögen und die Weite suchen.

Die sind heute wichtiger denn je, glaube ich. Denn wir haben ja nur diese „Eine Welt“. Und die müssen wir miteinander teilen und sie gemeinsam gestalten. Würde Martin Luther heute leben, ich glaube, er würde es lieben, am Meer zu sitzen, nackte Füße im Sand und den Blick zum Horizont. Fasziniert von der Weite und Schönheit der Welt. Sie kann unser Herz weit und friedvoll machen. Denn Weite wirkt.

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