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SWR3 Gedanken

„Wenn ihr euch nicht an Regeln halten könnt, dann werde ich mal andere Saiten aufziehen.“ Meine Kollegin ist Lehrerin und genau das habe sie ihrer Klasse angedroht, sagt sie. Die Schüler haben das wohl nicht zu Unrecht als Drohung verstanden. Dabei hat das, was sie ihnen gesagt hat, eigentlich gar nichts mit Drohgebärden zu tun. Wer ein Streichinstrument spielt weiß, dass ein Saitenwechsel mitunter ein echter Segen sein kann. Wenn ich unzufrieden mit dem Klang meiner Geige bin, muss ich was verändern.  Dann kann es helfen, einfach mal eine andere Sorte Saiten auszuprobieren. Es passt einfach nicht jede Saite zu jeder Geige. Auf die richtige Kombination kommt es an. Mal andere Saiten aufzuziehen kann also wirklich kleine Wunder wirken.

Und das passt eigentlich ganz gut zur Situation meiner Kollegin und ihrer Schulklasse. Meine Schüler kann ich mir so wenig aussuchen wie meine Kollegen und Mitarbeiter. Wenn es dann nicht rund läuft, kann ich natürlich Stress schieben oder den Druck erhöhen. Besonders gut tut das aber keinem. Viel besser ist, wenn ich es schaffe die Bedingungen zum Guten zu verändern. Im Idealfall also gemeinsam zu überlegen, wie es gelingen kann mit der Klassengemeinschaft, den Regeln und der Lust am Lernen. Und das gilt nicht nur in der Schule, sondern überall, wo miteinander gelebt und gearbeitet wird. Und was die anderen Saiten auf meiner Geige angeht: Wenn ich Glück habe erklingen plötzlich schöne Obertöne, die ich so vorher gar nicht wahrgenommen habe. Also, ruhig mal andere Saiten aufziehen.

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Es ist eine kleine Schrecksekunde. Wir warten auf eine Bekannte aus Afrika. Doch die Passkontrolle am Flughafen verzögert sich. Ob Sie ein Einladungsschreiben aus Deutschland vorweisen könne, fragt sie der Beamte. Natürlich hat sie dieses Schreiben von uns bekommen, doch sie findet es nicht in ihrer Handtasche. Nach gefühlt endlosem Suchen kramt sie es doch hervor. Jetzt endlich darf sie rein, nach Deutschland. 

Ohne eine Einladung hätte unsere afrikanische Bekannte überhaupt kein Visum bekommen. Wir mussten erklären, dass wir für ihren Aufenthalt aufkommen. Das ist gängige Praxis in Europa. Aus Sicht der europäischen Staaten macht sie auch Sinn. Schließlich möchte man keine Besucher hier haben, die sich Europa am Ende nicht leisten können. Dennoch hinterlässt der kleine Zwischenfall bei mir einen seltsamen Beigeschmack. Als Deutscher darf ich ohne Visum und Einladung in 157 Länder dieser Erde reisen. Einfach so, wenn ich Zeit und Lust dazu habe. Für einen Menschen, der aus einem afrikanischen Staat wie dem Kongo kommt, bleiben die meisten Grenzen jedoch erstmal zu. Ohne ausdrückliche persönliche Einladung geht gar nichts. Wie gesagt, all das ist verständlich und nachvollziehbar. Und doch, überall willkommen bin ich in dieser Welt eben nur, wenn ich wohlhabend bin. Das jedenfalls macht mir die kleine Schrecksekunde am Flughafen wieder unmissverständlich deutlich.

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„Hey, weg da, ich will raus.“ Aggressiv und ungehobelt pöbelt mich ein Mann an. Sicher, ich versperre die Parkbucht, in der er mit seinem Auto steht. Aber ich kann selber weder vor noch zurückfahren. Die schmale Straße ist gerade komplett verstopft. „Jetzt machen sie mal halblang“, blaffe ich zurück und merke, wie Wut in mir hochkriecht. Sieht der Kerl denn nicht, dass hier gerade gar nichts mehr geht. Wutschnaubend kommt er ein paar Schritte auf mich zu. Es bleibt beim bloßen Wortgefecht, immerhin. Trotzdem, in solchen Momenten erschrecke ich immer mal wieder, wie schnell die Emotionen hochkochen. Auch bei mir. Dabei wäre es so einfach gewesen, das Problem höflich zu lösen: „Entschuldigen Sie, ich muss dringend weg. Könnten Sie nicht versuchen, ein wenig zur Seite zu fahren.“ Gut möglich, dass ich es sogar versucht hätte. Wir hätten uns freundlich zugenickt und beide einen positiven Kick in den Tag mitgenommen. So bleibt bei mir nur die Wut über diesen pöbelnden Zeitgenossen. Und bei ihm vielleicht der Ärger über den Blödmann, der ihm den Weg versperrt hat. Einfach öfter mal respektvoll miteinander umgehen, sich in die Situation des Anderen hineinversetzen. Zumindest ein bisschen. Das macht das Leben zwar nicht einfacher, aber definitiv besser.

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„Fasse dich kurz“. Als Student vor vielen Jahren hatte ich diesen Satz oft vor Augen. Als Telefonieren noch teuer und ein Handy noch Science-Fiction war prangte er an der Tür des gelben Telefonhäuschens hinter unserem Wohnheim. „Fasse dich kurz“, das sollte wohl heißen: Andere wollen auch mal. Heute gefällt mir dieser Satz aus einem ganz anderen Grund: Dank WhatsApp, Facebook oder Twitter leben wir heute vor allem in grenzenloser Geschwätzigkeit. Jeder darf so oft er will und keiner muss mehr warten, bis der Andere fertig ist. Darum wird auch jede noch so nichtige Lappalie gleich mit der ganzen Welt geteilt. Dabei lässt sich ganz besonders Wichtiges im Leben oft ganz besonders kurz sagen. Als Gott die Welt erschaffen hat, hat er darüber keine großen Worte verloren. „Es werde Licht“ heißt es da, kurz und knackig. Und Jesus, der einen Lahmen gesund macht, sagt ihm nur: „Steh auf und geh“. Er muss sich seiner Sache jedenfalls verdammt sicher gewesen sein. Vielleicht mache ich wirklich umso mehr Worte, je unsicherer ich mir selber bin. Ich jedenfalls werde viel kürzer und prägnanter, wenn ich zutiefst von etwas überzeugt bin. Wenn ich mit meiner ganzen Person dahinterstehe. Ganz besonders dann, wenn es um Menschen in meinem Leben geht. „Verzeih mir bitte“ oder „Ich vergebe dir“. Und natürlich „Ich liebe dich“. Für die vielleicht wichtigsten Sätze im Leben braucht es nur drei Worte. Mehr nicht.

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„Wenn jemand schwul ist und guten Willen hat, wer bin ich, über ihn zu urteilen?“ Der Satz von Papst Franziskus, gesagt in einem Interview vor drei Jahren, war eine Sensation. Viele hofften damals, dass meine Kirche nun endlich ein unverkrampfteres Verhältnis zu Schwulen und Lesben findet. Bislang wurden sie enttäuscht, leider. Dennoch, dieser Satz des Papstes ist in der Welt. Er kam mir wieder in den Sinn, als ich vor einigen Tagen vom Massaker in Florida hörte. 49 Tote in einer Bar für Schwule und Lesben. Ermordet aus blankem Hass auf Menschen, die ein bisschen anders sind und anders leben. „Wer bin ich, über diese Menschen zu urteilen?“

Heute ist Christopher-Street-Day. Aus den vergangenen Jahren ist er vor allem als schräges, knallbuntes Partyspektakel in Erinnerung. Sein Ursprung allerdings ist bitterernst. Heute vor 47 Jahren rebellierten Homosexuelle in der New Yorker Christopher Street gegen Diskriminierung und brutale Polizeigewalt. Fünf Tage lang dauerten die Straßenschlachten mit der Polizei. Für unzählige Schwule und Lesben eine Initialzündung für ein neues Selbstbewusstsein. Traurig eigentlich, dass die Erinnerung daran bis heute Not tut. Weil der Hass auf Menschen, die anders sind und leben einfach nicht auszurotten ist. Und weil noch immer nicht jeder so leben kann wie es zu ihm passt – sofern er die Grundrechte der anderen achtet. Oder um es mit den Worten des Papstes zu sagen: Wie auch immer jemand leben will. Wenn er guten Willen hat, wer bin ich denn, über ihn zu urteilen?

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Joseph ist froh. Er hat es geschafft. Ein Studienplatz in Deutschland und ein Stipendium, das ihm den Aufenthalt finanziert. Daheim in Ostafrika, erzählt er mir, gibt es viele wie ihn. Junge Leute mit einem großen Traum: Weg, sobald es geht. Weg aus ihren Heimatländern. Weg aus korrupten Strukturen und aus Perspektivlosigkeit. Denn gute Jobs gibt es viel zu wenige bei ihnen. Auch für Leute wie Joseph nicht, die gebildet sind und qualifiziert. Auch wenn es voran geht in vielen Ländern Afrikas. Joseph und vielen anderen dauert das alles viel zu lange.

Von afrikanischen Flüchtlingen ist im Moment öfter die Rede. Auch in meinem Kopf blitzen dann sofort die gängigen Fernsehbilder auf: Abgemagerte, zerlumpte Menschen in vollgestopften Schlauchbooten. In höchster Seenot von Soldaten aus dem Mittelmeer gefischt. Joseph gehört nicht dazu. Er ist legal hier, besitzt ein gültiges Visum. Doch genau genommen ist auch er ein Flüchtling. Weil er, wie all die vielen Anderen, seinen Glauben verloren hat. Den Glauben an eine Zukunft in seinem Land. Wie die meisten Menschen liebt er seine Heimat, seine Familie und die Freunde, die er dort hat. Doch wie umgehen mit einer Heimat, die zwar Vergangenheit bietet, aber keine erstrebenswerte Zukunft? Eine Antwort darauf hat er noch nicht. Wenn er fertig ist, wird er hierbleiben, einen Job suchen, Geld verdienen. Erst mal. Und er wird weiter hoffen, seinen Glauben doch noch wiederzufinden. Den Glauben an eine Zukunft daheim.

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Redeverbote. Tabuthemen. Vermeintliche Wahrheiten, über die man in Deutschland nicht offen sprechen darf. Was wurde nicht alles behauptet in den letzten Monaten. Was für ein Quatsch. Richtig ist, dass über alles und jeden geredet wird. Auch dann, wenn man besser einfach mal die Klappe halten sollte. Vielleicht bin ich darum so dankbar, wenn ich in Talkshows und Interviews einen seltenen, kleinen Satz höre: „Ich weiß es nicht.“ Sicher, befriedigend ist das nicht, wenn ich von einem Politiker oder sonst einem wichtigen Menschen eine Antwort haben will. Aber es ist zumindest ehrlich. Je wichtiger eine Person aber ist, so scheint mir, umso schwerer fällt dieser Satz. Wer in einer Führungsposition öffentlich zugibt, nicht weiter zu wissen, muss ein starkes Selbstbewusstsein haben. Warum eigentlich? Natürlich sollten Entscheidungsträger wissen, worüber sie entscheiden. Doch viele Probleme sind heute so komplex, dass es darauf keine kurzen, knackigen Antworten in Talkshowlänge mehr geben kann.

„Ich weiß es nicht“. Das könnte ja eine Einladung sein, sich nochmal intensiv Gedanken zu machen, am besten gemeinsam. Um dann irgendwann zu einer Entscheidung zu kommen, die viele mittragen können. Mir jedenfalls ist das lieber als die starke Pose, die oft nur die Angst vor Bedeutungsverlust kaschiert. Allwissend und Allmächtig. Das sind Eigenschaften, die wir eher Gott zuschreiben. Und da sollten sie auch bleiben.

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