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SWR3 Gedanken

Franz Rogowski ist Schauspieler. Ein ziemlich guter sogar. Er hat ein paar Filme gedreht: Polizeiruf 110 beispielsweise oder Love Steaks. Und seit letztem Jahr gehört er fest ins Ensemble der Münchner Kammerspiele.

Das besondere an ihm: er hat einen Sprachfehler. Er lispelt. Als ich das zum ersten Mal gehört habe, habe ich nicht geglaubt, dass er wirklich Schauspieler sein kann. Ich meine, er braucht neben seinem Körper ja vor allem seine Stimme für den Job. Und gleich habe ich mich dabei erwischt, ihn und damit viele andere in eine feste Schublade zu stecken.

Gott sei Dank beweist Franz Rogowski, dass es falsch ist so zu denken. Er ist seinen Weg geradewegs gegangen und hat bewiesen, dass er es drauf hat. Er sagt, dass man sich niemals einreden lassen soll, dass man etwas nicht kann. Im Gegenteil: jetzt zeig erst recht, dass du es kannst.

Er erzählt aber auch, dass das Lispeln ihm schon immer mal wieder im Weg gestanden ist, gerade bei der Schauspielerei. Franz Rogowski lässt sich aber nicht entmutigen. Er sagt: „Der Defekt ist es, der uns interessant macht. Und wer keinen hat, der sollte sich ernsthaft Sorgen machen.“

Ich finde Franz Rogowski super. Genau das ist es. Wir Menschen sind nun mal unterschiedlich und haben Gott sei Dank alle unsere Fehler. Der eine hat eine krumme Nase, die andere ist vollkommen chaotisch. Diese Fehler machen uns aus.

So jemand wie Franz Rogowski erinnert mich daran, nicht so streng mit mir zu sein. Und er ermutigt mich, zu mir zu stehen, so wie ich bin.

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Wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz. Ich finde diesen Satz wundervoll. Und wahr.

Er steht in der Bibel. Jesus gibt Tipps für ein gutes Leben. Und da sagt er eben auch diesen Satz: „Wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz.“

Wenn mein Schatz zum Beispiel mein Auto ist, dann hängt auch mein Herz am Schatz, also am Auto. Und das ist das Problem bei solchen materiellen Schätzen: bei Autos, Handtaschen, Schuhen, Häusern und anderen schönen Dingen, die man sich kaufen kann. Werden sie geklaut, zerkratzt, unmodisch oder von der Inflation aufgefressen, dann ist der Schatz weg und das Herz gleich mit. Jesus sagt das so: „Sammelt euch nicht Schätze hier auf der Erde, wo Motte und Wurm sie zerstören und wo Diebe einbrechen und sie stehlen, sondern sammelt euch Schätze im Himmel.“ 

Jesus liefert die Lösung des Problems also gleich mit. Die „Schätze im Himmel“ sind die sichere Bank. Da kann niemand kommen und sie mir wegnehmen. 

„Schätze im Himmel“ - das sind für mich die bleibenden Werte. Zum Beispiel dass ich Freundschaften pflege, dass ich mich weiterbilde, dass ich für Gerechtigkeit einstehe, dass ich hilfsbereit bin.

Dieser Schatz sind für mich auch die Menschen, die ich liebe. Meine Familie, meine Freunde, die Leute, die mir sympathisch sind. Das ist mein Schatz. Wo meine Liebsten sind, da ist auch mein Herz, da sind meine Gedanken.

Wenn ich versuche, für all das einzustehen, dann wird´s hier auf der Erde auch ein bisschen himmlischer.

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In Köln gibt es seit kurzem eine Outdoor-Sprechstunde. Nicht beim Arzt, sondern bei einem Bischof. Weihbischof Ansgar bietet seit April jede Woche diese besondere Zeit an. Er sitzt dazu auf den Stufen vor dem Kölner Dom. Die erste Sprechstunde war richtig gut besucht. Viele Leute haben dieses ungewöhnliche Angebot für ein Gespräch genutzt. Der Bischof sagt, er hat es sehr genossen. Seitdem bietet er diese Outdoor-Sprechstunde jeden Montagabend von halb sechs bis sechs an.

 

Ich finde das eine richtig gute Idee. Ich kenne einige, die viele Fragen haben, sie aber nicht stellen. Weil Sie sich nicht wohlfühlen würden in einem Kirchenbau oder direkt allein mit einem Seelsorger oder einer Seelsorgerin. Für sie ist dieses Angebot genau richtig. Im Freien, mit vielen Menschen rundherum und trotzdem führt man ein Gespräch unter vier Augen.

Ich halte das für den richtigen Ansatz als Vertreter der Kirche da zu sein. Mittendrin. Da wo das Leben tobt. Wahrscheinlich kommt durch so ein Angebot einiges ins Rollen. Ich kann mir gut vorstellen, dass sich hier viele Leute trauen, ihre Ideen offener anzusprechen und auch zu sagen, was sie stört. Das zu wissen, tut der Kirche nur gut.

 

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Wir sind beim Chinesen essen. Mit Kinderwagen und Wickeltasche ist es inzwischen eine größere Sache bis wir alle vier in Ruhe sitzen. Wir gehen also zu unserem Tisch und unser zwölf Wochen alter Sohn Clemens brüllt.

Sofort kommt die Dame, die uns bedient, spricht mit dem Kleinen und bespaßt ihn. Als das alles nichts nutzt, fängt sie an, ihn aus dem Kinderwagen zu schälen. Und spricht dabei Chinesisch mit ihm. Zum Schluss hat sie ihn dann auf dem Arm und Clemens ist ruhig.

Das alles ist rasend schnell gegangen und mein Mann und ich standen daneben und haben dem Schauspiel zugesehen. Gefühlsmäßig irgendwo zwischen überrascht, überrumpelt und glücklich, dass es klappt. 

Ich erzähle das, weil mir diese Situation noch lange nachgegangen ist. Zum einen, weil die Chinesin es mit ihrer offenen und liebenswürdigen Art geschafft hat, dass wir eine echt nette und vor allem entspannte Zeit hatten.

Zum anderen hat mich beschäftigt, dass wir völlig selbstverständlich zugelassen haben, dass sie den Kleinen aus dem Wagen nimmt.

Normalerweise finde ich es übergriffig, wenn jemand, den ich nicht kenne, die Kinder ungefragt anfasst oder sogar aus dem Kinderwagen holt.

Warum hat es uns hier nicht gestört?

Es hat was mit Vertrauen zu tun. Wir haben der Chinesin einfach vertraut. Sie war gleich so liebevoll zupackend. Außerdem hat sie sich ganz auf den Kleinen konzentriert und war total sicher im Umgang mit einem kleinen Baby. Ich hab von Anfang an das Gefühl gehabt, dass Clemens bei ihr gut aufgehoben ist.

Genau deshalb hatte die Situation für mich auch was Göttliches. Ich habe der Chinesin mein Kind in die Hände gelegt. Ich habe ihr blind vertraut. Dieses große Vertrauen, das habe ich auch in Gott.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=22106

 

Das Foto ging um die Welt. Die dunkelhäutige Schwedin Tess Asplund steht mit erhobener Faust drei Nazis in Hemd und Krawatte gegenüber. Das Bild ist bei einem Aufmarsch von Neonazis am 1. Mai in einer schwedischen Kleinstadt entstanden. Tess Asplund engagiert sich schon lange gegen rechts. So protestiert sie immer: mit der ausgestreckten Faust. Sie hat das von Nelson Mandela übernommen und nennt es deshalb: ihre „Mandela-Faust.“

 

Ich finde das stark. Eine kleine schmale Frau, die mutig und entschieden als einzelne einem ganzen Aufmarsch entgegentritt. Es läuft ohne Worte ab und sagt doch so viel. „Mit mir nicht. Ihr könnt hier nicht einfach so auflaufen und eure rechten Parolen raushauen. Ich hab was dagegen.“ Tess Asplund ist klar, dass das gefährlich werden kann. Gerade jetzt, wo das Bild von ihr in den sozialen Netzwerken geteilt worden ist. Aber sie macht weiter und sagt: „Wenn ich nur ein paar Leute dazu gebracht habe, auch zu protestieren, ist das viel wert.“

Noch was beeindruckt mich: dass Bilder so eine Kraft entwickeln. Unheimlich viele Menschen haben das Bild weitergeleitet. Und jeder, der das gemacht hat, hat deutlich Position bezogen. Ich finde das eine super Möglichkeit, meinen Standpunkt klar zu machen.  

Es gibt viele Leute, die sich so mutig und unerschrocken einsetzen, wie die Schwedin. Aber lange nicht alle bekommen so viel öffentliche Aufmerksamkeit, weil vielleicht gerade niemand im passenden Moment fotografiert hat. Aber sie sind sicher da. Gott sei Dank.

        

https://www.kirche-im-swr.de/?m=22105

Ich habe zwei Schwestern. Und obwohl wir erwachsene Frauen sind, raucht es zwischen uns immer wieder ordentlich. Eine kritisiert mich beispielsweise und ich schlage voll zurück. Auge um Auge, Zahn um Zahn.Der Satz steht dafür, sich nichts gefallen zu lassen. Im Konflikt mit gleichen Mitteln heimzuzahlen.

Er stammt aus der Bibel, aus dem Alten Testament.

Viel später kommt Jesus und er sagt was anderes: „Auge um Auge, Zahn um Zahn. Ich sehe das anders. Wenn dich einer auf die Backe schlägt, halt ihm auch die andere hin. Wenn jemand dein Hemd will, gib den Mantel auch gleich mit her.“

Ich finde das hart umzusetzen. Ist das sein Ernst? Wie soll ich das denn machen? Es ist auch verwirrend: Warum hebt er denn das auf, was in der Bibel steht und jahrhundertelang gilt? 

Genau genommen entwickelt Jesus die alte Regel weiter. Im Alten Testaments war es schon neu, jemanden nicht gleich umzubringen, sondern es ihm „nur“ mit gleichen Mitteln heimzuzahlen. Und jetzt kommt Jesus, der absolut gegen Gewalt gewesen ist. Viele Situationen hat er vollkommen umgedreht, weil er sie eben nicht gewalttätig gelöst hat. Er selbst hat es durchgezogen: am Ende seines Lebens hat er sich nicht gegen die grausame Kreuzigung gewehrt. Seine Überzeugung ist völlig klar: wenn Du zurückschlägst, wird nichts besser. Es schaukelt sich alles nur hoch. 

Bei Konflikten mit meinen Schwestern schaffe ich das manchmal: kurz innehalten, geistig einen Schritt zurücktreten und die Situation aus einer anderen Perspektive sehen. Ich habe Ein-Sicht im wahrsten Sinne des Wortes. Ich werde dann freier und kann alles besser einschätzen.

Und dann schaffe ich es wieder nicht. Ich muss oder will mich wehren. Ich verletze meine Schwestern dann bewusst - wenn auch „nur“ mit Worten. 

Es bleibt für mich schwierig, das im Leben umzusetzen. Aber ganz klar: wenn ich Jesus ernst nehme, dann „halte ich auch die andere Backe hin“.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=22104

Jedes Mal, wenn meine Tochter „Mama“ sagt, zerfließt mein Herz. Und obwohl ich es täglich oft höre, überrumpelt es mich jedes Mal. Ganz egal, ob es freudig, sehnsüchtig oder wie ein kleiner Befehl klingt. Ich hätte nie gedacht, dass ich auf dieses Wort so heftig reagiere. Ich hatte vorher ehrlich gesagt eher Angst davor, eine Mama zu sein. Aber wenn Mathilde jetzt Mama ruft, dann geht mir das Herz auf.

Mich beschäftigt das auf zwei Ebenen. Einerseits wird mir bei jedem „Mama“ deutlich bewusst, wie viel Verantwortung ich habe. Ich bin für Mathilde und ihr noch kleines Leben verantwortlich. Ich muss und will natürlich auch dafür sorgen, dass es ihr gut geht. Das absolute Vertrauen, das mir da entgegen fliegt, ist ein großes Geschenk und eine krasse Verantwortung.

Die andere Ebene ist allgemeiner. Mir ist durch unsere Familie klar geworden, wie sehr wir Menschen aufeinander bezogen und angewiesen sind. Ich bin fest davon überzeugt, dass wir totale Beziehungswesen sind. Es ist egal, ob es Partner, Freunde, Familie oder Bekannte sind. Ich kann vieles leichter ertragen, weil ich Leute habe, mit denen ich verbunden bin.

Und da schließt sich für mich der Kreis zu meinem Glauben. Ich glaube, dass Gott mich und alle Menschen geschaffen hat. Deshalb fühle ich mich mit ihm verbunden, aber auch mit allen anderen Menschen. Ich denke, wir sind also von Anfang an aufeinander verwiesen oder eben miteinander verbunden - und Gott ist das Bindeglied.

Diese Verbindung spüre ich jedes Mal ganz stark, wenn Mathilde „Mama“ sagt.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=22103