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SWR3 Gedanken

Ich sammle gern Wörter. Ausgefallene, überraschende Wörter. In denen mehr steckt, als man vielleicht vermutet. Und wenn ich so ein besonderes Wort gefunden habe, wird für mich das „Wort der Woche“ draus. Mein Wort dieser Woche lautet: Unwucht. Unwucht, das kennt man eher von Autoreifen. Wenn die Achsen nicht richtig austariert sind. Was im Zweifelsfall zu erhöhtem Verschleiß der Profile führt.

Vor kurzem hat mich jemand gefragt: Haben wir es hier mit einer Unwucht zu tun? Ich musste erst einmal lachen. Weil wir nicht in einer Kfz-Werkstatt waren. Sondern eine Freundin und ich gemütlich bei einem Kaffee zusammen saßen.

Haben wir es hier mit einer Unwucht zu tun? Meine Freundin wollte wissen: Läuft alles rund – oder eher nicht? Oder besteht zwischen uns die Gefahr, dass wir uns unnötig aneinander verschleißen? Und so ist das Wort „Unwucht“ zu meinem Wort der Woche geworden. Ein hilfreiches Wort, um zu klären, ob im alltäglichen Miteinander alles rund läuft. Sind meine Achsen ordentlich ausgerichtet, oder bremse ich mich ständig selber aus? Arbeiten wir Hand in Hand oder machen wir uns gegenseitig nur zusätzlich Arbeit? Verschleißen wir uns in Reibereien, die nichts voranbringen?

„Lasst uns aufeinander achten und uns zur Liebe und zu guten Taten anspornen.“, heißt es auch in der Bibel. Ich finde: wer sich Gedanken über Verschleiß und Reibereien macht, der tut genau das. Und das ist, im Gegenteil, doch eine echte Wucht, oder?

Lasst uns aufeinander achten und uns zur Liebe und zu guten Taten anspornen. Hebr. 10,24

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Eigentlich mag ich es nicht, wenn mich jemand anschreit. Aber Bosse darf das. Bosse hat einen Song geschrieben und da heißt es:
„Du schreist Hurra in mein Gesicht. Hurra Hurra und dann kommt Licht. In all mein Schwarz, dein grellstes Blinken. Dein Hurra gegen das Versinken. “
Ich liebe dieses Lied. Ich liebe es, wenn Bosse mir sein Hurra ins Gesicht schreit.... so grade heraus, ohne Schnörkel.

Sein Lied ist für mich ein echter Ohrwurm, ein gute-Laune-Ohrwurm. „Dein Hurra in mein Gesicht. Und alle Zweifel, alle Faxen werden lächerlich. Du gegen mein Verlorengehn'. Deine Lässigkeit lässt mein 'Kaputt' alt aussehen. Mein Selbstmitleid kaust du wie Dessert und kippst drei Gläser Kummer hinterher.“
So ein bisschen norddeutsche Ruhrpottlyrik, lässig und verdammt gut.

Mir hilft das. Wenn ich mir mal wieder so richtig leid tue. Und wenn ich an allem zweifle, was mir eigentlich lieb und teuer ist.Wunderbar, wenn mir dann Bosse sein Hurra ins Gesicht schreit.

Das wirkt so ähnlich bei mir wie ein Satz aus der Bibel: „Gott hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen, dass sie dich auf den Händen tragen und du deinen Fuß nicht an einen Stein stoßest.“

Ob das nun Bosse ist oder ein anderer Engel: Gott schickt immer wieder jemanden, der mich begleitet. Und mich davor bewahrt zu fallen. Und mich zur Not auch mal anschreit: „Hurra, Hurra in mein Gesicht. Und alle Zweifel, alle Faxen werden lächerlich.“

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Meine neueste Entdeckung ist Celeste Barber. Kennen Sie die? Celeste Barber ist eine australische Komikerin, die man vor allem auf Instagram sehen kann. Dort stellt sie Fotos berühmter Stars und Models ein: Und dann stellt sie die Posen dieser Stars nach: Ein gertenschlankes, bekanntes Model zum Beispiel, super geschminkt in einem perfekt sitzenden, engen Kleid, wie sie ihren Kopf unter die Armlehne eines imposanten, barocken Stuhls klemmt und dabei noch total gut und entspannt gleichzeitig aussieht.

Daneben ein Bild von Celeste, in gleicher Pose, aber angezogen wir du und ich und mit einem der verdrehten Körperhaltung angemessenen, nämlich eher nicht entspannten Gesichtsausdruck. Ich jedenfalls muss da immer schallend lachen.

Durch Celeste Barber wird mir sofort klar: Diese Hochglanz-Bilder sind die reine Inszenierung. Das echte Leben sieht anders aus. Und vor allem: es ist viel, viel lustiger. Mir hilft das immer, wenn mir mein Leben neben solchen perfekt inszenierten Schönheiten mal wieder hässlich oder langweilig vorkommt. Dann sagt mir Celeste Barber: Entspann dich! Diese Superfrau gibt’s ja so gar nicht.
Sie ist nur eine Inszenierung. Die Wirklichkeit sieht anders aus- viel bunter und - auf eine Art viel schöner.

„Ich danke dir, Gott, dass ich wunderbar gemacht bin.“ Sagt ein Mensch in der Bibel. Ich bin Gott dankbar dafür, wie ich gemacht bin. Auch wenn ich das vielleicht nicht immer so deutlich sehen kann. Aber ich muss nicht erst in Form gebracht oder verrenkt werden. Vor Gott bin ich ein Star, so wie ich bin. Von Anfang an. Und Sie sind es auch.

Psalm 139, 14 Ich danke dir, dass ich wunderbar gemacht bin.

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Immer wieder finde ich merkwürdige Sachen, so unterwegs und auf der Straße. Zum Beispiel einen altmodischen, roten Kleiderbügel mit goldenen Messingknöpfen dran. Der hing vor kurzem am Zaun neben unserem Haus. Einige Tage lang. Ich habe nur drauf gewartet, dass jemand das passende Hemd dranhängt. Vielleicht mit Spitzen besetzt.

Oder ein rosa Toilettensitz. Der stand an einem Mäuerchen auf dem Weg zur Schule meiner Tochter. Wir haben sehr gelacht. Und uns gefragt: Wie kommen diese Dinge bloß dahin? Nahezu geheimnisvoll finde ich die Sache mit den Spielkarten. Immer wieder finde ich einzelne Spielkarten auf dem Weg. Mal eine, höchsten zwei.
Ich muss gestehen, ich schaue immer nach, welche Karten das sind. Und freue mich über ein Ass oder einen Herzbuben.

Ich mag diese skurrilen Fundstücke. Diese Dinge, mit denen ich nie gerechnet hätte. Vielleicht haben andere sie achtlos auf die Straße geworfen. Mich machen sie achtsam. Sie verführen mich dazu mit offenen Augen durch die Welt zu gehen. Genau hinzuschauen.
„Glück entsteht oft durch Aufmerksamkeit in kleinen Dingen“, hat der Dichter und Maler Wilhelm Busch einmal gesagt.

Die Bibel kennt sogar den „Tag der kleinen Dinge“ (Sacharja 4,10) und ermuntert dazu, ihn zu nutzen. Denn oft sind es eben diese kleinen Dingen, - die einfach nur so da sind, ohne besonderen Zweck und manchmal auf den ersten Blick irritierend - die aber dennoch von der ungeahnten Schönheit und Fülle der Welt erzählen. Kleine Dinge, die überraschen, für gute Laune sorgen und vielleicht sogar glücklich machen. Und wer weiß, vielleicht wartet da draußen auch ein solches Fundstück auf Sie.

Denn wer verachtet den Tag kleiner Dinge?» (Sacharja 4,10)

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Meine Tochter kommt aus der Schule und hat richtig miese Laune. Was ist denn los? Will ich wissen. Ach, Streit in der Klasse, sagt sie. Irgendeiner hat gemotzt, nicht wichtig, aber doof. Ich versuche sie zu trösten „Streit gehört nun mal dazu!“ Meine Tochter runzelt die Stirn. „Stimmt schon, Mama. Aber was ich gar nicht mag, sind Wehtuworte.“ –„ Was für Worte meinst du?“- „ Na, Wehtuworte!“ Und weil ich immer noch ein verwirrtes Gesicht mache, erklärt sie es mir. „Damit muss man aufpassen! Wehtuworte, das sind so Worte, die einen verletzen. Und das Gemeine dran ist: die sagt man mit Absicht, nur um einem anderen Kind so richtig weh zu tun.“  

Ich war baff. Aber meine Tochter mit ihren sieben Jahren Lebenserfahrung ist noch nicht fertig. „Wenn jemand so etwas sagt, dann kann man einfach nur sauer zu sein und weglaufen. Aber besser ist, sagt sie - und schaut mir in die Augen: besser ist, man fragt nach. Denn manchmal rutschen einem solche Worte auch einfach raus.“
Aha. So also. Besser kann man es eigentlich nicht sagen, finde ich.

Die Bibel bringt das so auf den Punkt: „Die Worte mancher Leute sind wie Messerstiche; die Worte weiser Menschen bringen Heilung.“Dahinter steckt die Erfahrung: Worte haben Macht.
Sie können verletzen. Wie Messerstiche. Sie können verdammt wehtun. Und sie können dafür sorgen, dass Andere davonlaufen.

Und ich muss gestehen, das ist manchmal eine verlockende Vorstellung. Empört wegzulaufen und sich vielleicht irgendwo anders zu beschweren und auszuheulen.
Aber meine Tochter hat schon recht: Besser ist, man bleibt. Und stellt sich. Den Wehtuworten. Und fragt nach. Beleidigt sein hilft nicht.
Und wer weiß? Vielleicht entsteht so aus den Wehtuworten am Ende doch noch etwas Heilsames.

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Gehen oder bleiben? Die Kollegin schaut auffordernd in die Runde. Es ist Montagmorgen, draußen scheint die Sonne, aber wir sitzen drinnen. Bei einer Besprechung im stickigen, dunklen Büro. Beim Blick auf die Tagesordnung ist uns klar: Das dauert heute länger.

Die Kollegin wirft einen kurzen Blick nach draußen und fragt: Was meint ihr? Wollt ihr gehen oder bleiben? Manche sind echt verwirrt, andere erstaunt oder peinlich berührt, manche rutschen hin und her.

Gehen oder bleiben? Überlegt haben wir schon. Zu verlockend war die Sonne. Geblieben sind wir dann aber doch alle. Zu wichtig war uns das, was wir besprechen wollten.
Trotzdem: die Frage hat uns den Tag über beschäftigt. Und seitdem geht sie mir nicht mehr aus dem Kopf.

Gehen oder bleiben? Hab ich die Wahl? Naja: Wie an diesem Montag morgen gibt es Momente, in denen „einfach gehen“ nicht geht.
Aber ich merke, dass es auch Situationen gibt, die mich einfach nur nerven und die mir Energie rauben. Und trotzdem geh ich nicht weg. Warum eigentlich?

Weil ich es so will. Weil es meine Entscheidung ist. Oder weil ich meine, keine Wahl zu haben. In einem Gebet der Bibel heißt es: „Du Gott stellst meine Füße auf weiten Raum.“  Dass erinnert mich daran, dass ich nicht bleiben muss. Wenn es Zeit ist zu gehen, dann darf ich auch gehen. Dann stellt Gott meine Füße auf weiten Raum. Und dann sollte ich die Gelegenheit auch nutzen. Ich kann mich für die Sonne entscheiden. Vielleicht sogar öfter als ich vermute.

Gehen oder bleiben? Mir hilft es, mir immer wieder mal diese Frage zu stellen. Gehen oder bleiben? Wie würden Sie heute entscheiden?

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Bei uns gibt es eine wunderbare Abkürzung. Ein kleiner Weg, der sich mitten zwischen Häusern und Gärten hindurchschlängelt. Für den kleinen, geschwungenen Pfad braucht man nur drei Minuten und spart sich einen wesentlichen längeren Umweg um mehrere Straßenecken. Als ich den Weg zuletzt gegangen bin, begegnete ich zwei Männern. Der eine jung, der andere alt, vielleicht Großvater und Enkel, dachte ich. Die beiden waren auffällig langsam unterwegs. Der Ältere kam nur schwer voran, mühsam setzte er einen Fuß vor den anderen. An seiner Seite: Der Junge. Einen Arm um die Schultern des Älteren gelegt, stützte und hielt er ihn. Schritt für Schritt und mit einer schier unendlichen Geduld. Für den kleinen Weg brauchten die beiden mindestens zwanzig Minuten.

Als ich an den beiden vorbei war, hat mich das Bild noch lange beschäftigt. Beeindruckend, was für eine Kraft und Geduld der junge Mann gehabt hat. Wie er den Alten stützt und jeden noch so mühsamen Schritt mitgeht. Und was für eine Geduld und Kraft hatte der Ältere. Der trotz offensichtlicher Mühe und Qual unbeirrt seine Füße voreinander setzt und seinen Weg geht.

Ein Segenswort, das ich schon öfters gesprochen habe im Gottesdienst, bekommt für mich auf einmal Hand und Fuß: „Gott segne deinen Weg, die sicheren und die tastenden Schritte, die einsamen und die begleiteten, die großen und die kleinen“, heißt es da.

Wir wissen nicht welche Wege wir gehen und wie wir sie gehen werden. Aber wir können darauf vertrauen: Gott will diese Schritte mit uns gehen. Egal, was kommt und wohin es uns führt. Und ich glaube daran, dass Gott uns in der Not jemanden an die Seite schickt. So jemanden wie den Jungen, der seinen Großvater begleitet. Auf verschlungenen Pfaden. Geduldig und gerne.

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