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SWR3 Gedanken

Morgen ist Geburtstag. Und wenn es für diesen Geburtstag einen Kuchen gäbe, dann bräuchte der über zweitausend Kerzen. Denn morgen feiert die christliche Kirche Geburtstag. Wie jedes Jahr an Pfingsten.

Vor über zweitausend Jahren waren eine Menge Menschen in Jerusalem beisammen. Und irgendwo in dieser turbulenten Stadt saßen die Freunde Jesu beisammen und wussten nicht so recht, wie es weitergehen soll.

Und auf einmal blies ein frischer Wind durch die Stadt. Der wirbelte viele Köpfe und Herzen durcheinander. Menschen, die einander völlig fremd waren, verstanden sich plötzlich. Und die Freunde Jesu wuchsen an diesem Tag über sich hinaus. Und wussten auf einmal, wie es weitergehen soll.

Erzählen sollten sie von dem, was sie erlebt hatten. Mit jenem Rabbi aus Nazareth, der so viel von den Menschen verstand. Der die Liebe für wichtiger hielt als alles andere. Und der allen Ernstes der Meinung war, dass Frieden möglich ist.

Davon sollten sie erzählen. Und das taten sie auch. Und andere taten es ihnen nach. Und erzählten und erzählten und erzählten. Bis heute. Und das hat dazu geführt, dass noch immer im Leben von über zwei Milliarden Menschen auf dieser Welt der Rabbi aus Nazareth eine Rolle spielt.

Jenes Ereignis vor über zweitausend Jahren in Jerusalem ist also so etwas wie die Geburtsstunde der christlichen Kirchen. Und bis heute will Gottes frischer Wind, Gottes guter Geist dafür sorgen, dass Menschen einander verstehen, einander nahe kommen und begreifen, dass es nichts Wichtigeres gibt als die Liebe.

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In den Vereinigten Staaten feiert man heute den Tag des Apfelkuchens. Seit Jahrhunderten steht der „Apple Pie“ in der nordamerikanischen Esskultur für Heimat und Geborgenheit. Im Bundesstaat New Mexico gibt es zu Ehren des Apfelkuchens sogar eine kleine Gemeinde namens „Pie Town“. Jenseits des großen Teichs ist der Apfelkuchen also eine richtig große Sache.

Aber bei uns doch eigentlich auch. Apfelkuchen. Allein bei dem Wort läuft mir das Wasser im Mund zusammen. Köstlicher Geruch, der beim Backen durchs Haus zieht. Menschen, die gemeinsam fröhlich den Kuchen vertilgen bis auf den letzten Krümel. Auch bei uns hat der Apfelkuchen den Geruch von Heimat und Geborgenheit, den Geschmack von Leichtigkeit und Lebensfreude. Auch bei uns ist der Apfelkuchen eine richtig große Sache.

Zugegeben: Heimat und Geborgenheit braucht mehr als Apfelkuchen. Ein Kuchen allein reißt es nicht heraus. Aber er ist ein guter Anfang. Für all das, was Menschen brauchen, um nun eben Heimat und Geborgenheit zu erleben. Eine Mahlzeit, die man gemeinsam verzehrt. Eine Arbeit, die man gemeinsam tut. Eine Freizeit, die man gemeinsam verbringt.

Sie ahnen es: Der beste Apfelkuchen ist tatsächlich der, den ich nicht alleine esse, sondern mit anderen zusammen. Und die Pointe eines „Apfelkuchen-Tages“ ist nicht der Apfelkuchen, sondern das sind die Menschen, die sich an ihm freuen und ihn miteinander genießen.

Deswegen wünsche ich Ihnen heute mit Kuchen oder ohne Kuchen Momente von Heimat und Geborgenheit, von Leichtigkeit und Lebensfreude. Ich wünsche Ihnen Menschen, denen Sie gerne begegnen und mit denen Sie das teilen können, was Ihnen wichtig ist. Denn solche Momente sind die eigentlich große Sache. In Nordamerika, in Europa und überall auf der Welt.

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Ganz normale Menschen. Männer, Frauen, Kinder. Lehrer, Kaufleute, Köche. Aber für den Fotografen Nils Laengner sind es Heilige. Steht ja schon in der Bibel: Jeder Mensch ist auf seine Weise einzigartig, hat eine eigene Würde, ist Gottes Ebenbild. In jedem von uns steckt also etwas Heiliges. Und Niels Laengner kann das sehen. Und will es durch seine Fotoaktion sichtbar machen

Deswegen hat er vierundvierzig Menschen fotografiert. Vor einem goldenen Kreis auf schwarzem Hintergrund. Wie eine Art Heiligenschein leuchtet es um die Köpfe dieser Menschen. Die ganz unterschiedliche Gesichter machen: Fröhlich, würdevoll, unsicher, verschmitzt.

Niels Laengner weiß, wer diese Menschen sind. Aber der Betrachter erfährt es nicht. Bewusst wurde auf Texttafeln verzichtet, die Gesichter sollen für sich sprechen. Die Gesichter sind die Botschaft dieser Ausstellung. Und die lautet: Um heilig zu sein, reicht es zunächst einmal, ein Mensch zu sein. Natürlich habe ich als Mensch dann auch meine Geschichte. Und natürlich kann die alles andere als heil oder heilig sein.

Und so ist es kein Wunder, dass auch die Porträtierten in Niels Laengners Ausstellung so ihre Bedenken hatten. Die sahen deutlich ihre Fehler und Schwächen. Aber Menschen haben Fehler und Schwächen. Sie sind unvollkommene Heilige. Aber sie sind und bleiben einzigartige Kinder Gottes. Und damit nun eben ein bisschen heilig.

Schauen Sie also heute Morgen einmal in den Spiegel und sehen Sie hinter die Falten und Krähenfüße. Auch in Ihrem Gesicht findet sich ein Hauch von Heiligkeit. Ganz im Sinne eines biblischen Psalms, wo es heißt: Ich danke dir, Gott, dass ich wunderbar gemacht bin.

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Ich bin auf eine Feier eingeladen. Außer dem Gastgeber kenne ich keinen Menschen. Dafür kennen sich alle anderen. Es ist ein mühsamer Abend. Niemand ist unhöflich oder unfreundlich, aber irgendwie werde ich auch mit niemandem warm. Es geht um Themen, bei denen ich mich nicht auskenne, und um Leute, die mir nichts sagen. Irgendwann gehe ich und bin froh, dass zu Hause Menschen auf mich warten, bei denen ich mich nicht so fremd fühle.

Salih ist Syrer. Seit einigen Monaten lebt er in unserer Stadt. Eines Tages kommt er in den Gottesdienst, sitzt im hinteren Drittel, am Ausgang gebe ich ihm die Hand. Er lächelt und geht. Und ich denke in diesem Moment an jene Feier und an meine Fremdheit. Wie es sich anfühlt, wenn man keinen Menschen kennt und auch niemand wirklich Interesse zeigt. Ich gehe Salih nach und frage ihn, ob er am nächsten Sonntag wiederkommt. Und das tut er.

Mittlerweile kommt er regelmäßig. Und längst wird er herzlich begrüßt, viele kennen seine Geschichte. Die Geschichte einer Flucht, einer verlorenen Heimat. Er zeigt das Foto von seiner Schwester, die noch in Syrien ist und gerade ein Baby bekommen hat. Er erzählt von seinem Alltag in Deutschland, wo er sich oft noch immer so fremd fühlt. Und einer klopft ihm auf die Schulter, als wolle er sagen: Aber bei uns doch nicht.

Tausende von Menschen sind derzeit fremd in unserem Land. Sie brauchen Nahrung, Wohnung und Arbeit. Aber das allein reicht nicht. Salih und alle anderen brauchen Menschen, die sich für sie interessieren und ihnen helfen, sich hier zu Hause zu fühlen. Denn dann erst werden aus Fremden wirklich Freunde.

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Erich Kästner. Unvergessen seine Geschichten für Kinder, wie "Pünktchen und Anton" oder "Das fliegende Klassenzimmer". Aber längst vergessen, wenn es nach dem Willen der braunen Machthaber gegangen wäre, die an jenem 10. Mai 1933 in Berlin auch seine Bücher in die Flammen warfen. Und der war selbst dabei und erzählt:

 „Vierundzwanzig deutsche Schriftsteller, die symbolisch für immer ausgetilgt werden sollten, rief Goebbels triumphierend bei Namen. Ich war der einzige der Vierundzwanzig, der persönlich erschienen war, um dieser theatralischen Frechheit beizuwohnen.“ Zitat Ende. Die Bücherverbrennung von 1933 war mehr als eine theatralische Frechheit. Es war der gemeine Versuch, Macht über die Gedanken zu haben und der Meinungsfreiheit den Garaus zu machen. Es war ein erster Schritt in den Abgrund. „Wo man Bücher verbrennt, verbrennt man am Ende auch Menschen“, ahnte schon 1820 der deutsche Dichter Heinrich Heine. Gut hundert Jahre später war das bittere Wahrheit. 

Bücher stehen für die Freiheit des Geistes und der Meinung. Und noch immer werden in dieser Welt Menschen wegen ihrer Bücher bedroht oder landen wegen ihrer Meinung im Gefängnis. Und noch immer ist das mehr als eine theatralische Frechheit. Es ist und bleibt der Anfang vom Ende aller Freiheit.

Ich möchte in einer Welt leben, in der die Gedanken frei sein dürfen, und in einer Gesellschaft, die mit verschiedenen Meinungen umgehen kann. Die Würde des Menschen setzt eine Grenze. Aber trotzdem oder gerade deshalb darf die Freiheit des Geistes nicht auf dem Scheiterhaufen landen.

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Meine Waschmaschine frisst Socken. Ihre vielleicht auch. Deshalb besitze ich eine stattliche Anzahl von Einzelsocken. Ich sammle sie in einem Korb, voller Hoffnung, dass irgendwann die zweite Socke wieder auftaucht. Was sie vermutlich niemals tut. Verloren ist verloren.

Heute ist der Tag der verlorenen Socke. Seit 1998 gibt es diesen weltweiten Gedenktag. Und erfunden haben ihn die beiden Britinnen Cosy Sox und Fanny Day. Die tragen heute bewusst vereinsamte Einzelsocken. Und viele andere tun das mittlerweile auch. Lustige Idee.

In der Bibel gibt es übrigens auch verlorene – nein, nicht Socken, sondern Schafe. Da erzählt Jesus eine Geschichte von einem Hirten, der sein verlorenes Schaf so lange sucht, bis er es endlich findet. So einer ist Gott, will Jesus sagen. Einer, der die Suche niemals aufgibt. Ob das für Socken gilt, weiß ich nicht, aber für Menschen ganz bestimmt.

Denn auch die können sich verloren fühlen. Streit mit der Freundin, Lehrstelle futsch, Prüfung in den Sand gesetzt, traurige Trennung. Es gibt tausend Gründe, warum sich Menschen wie eine arme Socke fühlen, die keiner mehr haben will. Verloren ist verloren.

Eben nicht. Wer so fühlt, dem sagt die Bibel: Du bist Gott wichtig und wertvoll. Wenn die Welt sich nicht für dich interessiert, gibt er dich nicht auf. Wenn du dich so richtig verloren fühlst, macht er sich auf die Socken, um dich zu suchen. Und ist erst zufrieden, wenn er dich gefunden hat. Verloren ist eben nicht verloren.

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Operation Mondscheinsonate. Unter diesem Codenamen fliegt die deutsche Luftwaffe am 14. November 1940 einen verheerenden Bombenangriff. Innerhalb weniger Stunden liegt die englische Industriestadt Coventry fast vollständig in Trümmern. Und mit ihr die jahrhundertalte Kathedrale.

Bei den Aufräumarbeiten fallen Dompropst Richard Howard die großen Zimmermannsnägel in den Blick. Einst Baumaterial für ein Gotteshaus, das für Frieden und Freiheit steht. Jetzt Kriegsmüll. Zeichen für Gewalt und Zerstörung.

Aber Richard Howard hat eine Idee. Die Zimmermannsnägel werden zu Zeichen der Versöhnung. Aus den Nägeln gestaltet er Kreuze. Nagelkreuze. Das erste hängt im Neubau der Kathedrale von Coventry. Über einhundertsechzig weitere hängen mittlerweile in anderen Kirchen. Weltweit. Auch in unserem Land.

Von Berlin bis München, von Kiel bis Mannheim erinnern die Zimmermannsnägel aus Coventry an jenen Krieg, der Front gemacht hat gegen Gott und die Menschen. Und in ihrer Form als Kreuz erinnern sie an Jesus Christus, den Sohn eines Zimmermanns. Der mit seinem Leben an einer Welt gebaut hat, die für Frieden und Freiheit steht. Und der sein Leben gab für die Menschlichkeit. Und gegen Gewalt und Zerstörung. Nicht nur in Coventry. Und Berlin. Und München. Sondern überall, wo Leben auf dem Spiel steht.

Heute ist der achte Mai. Vor einundsiebzig Jahren endete der zweite Weltkrieg. Aber bis heute flüchten Menschen vor Bomben wie jüngst im syrischen Aleppo. Mit den Nagelkreuzen aus Coventry setze ich auf Menschen wie Richard Howard. Die mitten in der Zerstörung Zeichen des Friedens sehen. Und dann auf ihre Weise Zeichen setzen für die Menschlichkeit.

 

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