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SWR3 Gedanken

Ausgerechnet nachmittags um fünf muss ich nochmal los. Da tobt selbst in Freiburg der Feierabendverkehr. Auf dem Fahrrad dröhnt mir diese spezielle Mischung aus Automotoren, Straßenbahnquietschen und Geplapper nochmal lauter in den Ohren. Die nächste Ampel will ich unbedingt bei grün noch schaffen. Aber war nichts – ein Lieferwagen blockiert meine Abbiegespur. Ich bin genervt. Außerdem zerrt der Wind an mir.

An der Straßenbahnhaltestelle links drängeln sich gerade Leute  in die nächste Tram. Sieht auch stressig aus. Ich schau nach rechts. Da steht ein Mann. Mit Winterjacke und Mütze. Er steht der Straße zugewandt und hat die Augen geschlossen. Er rührt sich nicht.

Es dauert ein paar lange Sekunden bis mir klar wird, dass er sein Gesicht in die Sonne hält. Die ist eben grade durch die Wolken gebrochen und wirft ein zauberhaftes Licht über die Stadt. Fasziniert schaue ich dem Mann zu, wie er reglos Sonne tankt. Lärm und Hektik dringen nicht zu ihm durch. Jetzt erst spüre ich, dass es auch gar nicht mehr kalt ist.

Ich mache es dem Unbekannten nach und halte mein Gesicht auch in die Sonne. Was für eine Wohltat. Für Augenblicke spüre ich, dass meine durchgetaktete Zeit von etwas anderem, Größerem umfasst wird.
Die Sonnenstrahlen erzählen von einem anderen Zeitmaß. Sie erzählen von der Kraft, die in der Schöpfung liegt und die sie mir schenkt – ich muss sie nur zulassen. Jetzt hab ich das Grünlicht verpasst. Der Autofahrer hinter mir hupt. Ich drehe mich um und lächle ihn an. Und dann fahre ich.

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Im Supermarkt fällt mir ein kleines Kind auf. Das Mädchen mag knapp zwei sein. Es stapft neugierig neben dem Einkaufswagen der Mutter her. Immer wieder bleibt es stehen und schaut sich die Produkte im Regal genauer an. Manchmal sagt es „Aha“, „Oh!“ oder „guck mal!“.

Irgendwo an der Kühltheke ist die Mutter dann ein paar Schritte voraus. „Mama?!“, ruft die Kleine in erstaunlicher Lautstärke. Ich zucke innerlich zusammen. Bestimmt fängt sie gleich an zu heulen. „Ich bin da“, ruft die Mutter schnell zurück; sie steht nur ein paar Meter weiter. „Und ich bin hier!“, ruft das Kind triumphierend und winkt seiner Mutter selbstbewusst zu.
Ach so, denke ich. Das war gar kein Hilferuf, das war eine Standortdurchgabe! Eigentlich echt vernünftig. Nicht nur zwischen Mutter und Kind.

Manche Verzweiflungsattacke, manche Beziehungskrise würde sich erübrigen, wenn wir öfters sowas wie eine Standortdurchsage machen würden. Wenn wir denen, die uns wichtig sind, immer mal wieder zurufen würden, wo wir gerade stehen.

Mit unserer Meinung, mit unseren Vorlieben, mit unseren Sorgen. Oder vielleicht auch einfach, um zu signalisieren, dass wir noch da sind.Wäre übrigens auch eine gute Strategie Gott gegenüber.
Nicht warten, bis ich mich völlig verlassen fühle und Gott nicht mehr spüre. Sondern einfach mal wieder Kontakt aufnehmen, Gott wissen lassen, wo ich stehe. Notfalls geht das auch mit einem Satz: „Und ich bin hier!“

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Nein, ein Pferd würde sich nicht wohlfühlen in unserer Stadtwohnung. Das war für die Kinder irgendwann klar. Auch den Hund konnte ich ihnen erfolgreich ausreden. Eine Katze war wegen der Allergie einer besten Freundin nicht möglich. Also blieb eigentlich nur noch die Option Meerschweinchen. Ich war trotzdem skeptisch. Ich bin nicht so die Tierflüsterin. Und Meerschweinchen - die sind doch irgendwie langweilig und machen Dreck.

Seit zwei Monaten haben wir jetzt also zwei Meerschweinchen, Coraly und Kasimir. Sie haben sich prima eingelebt in ihrem großen Käfig. Tatsächlich machen sie auch viel Dreck,  aber noch haben das die Kinder im Griff.  Ich muss mich weniger kümmern als befürchtet.

Trotzdem schleiche ich mich immer wieder rüber zu den beiden unter dem Vorwand noch Heu nachzulegen oder so. Aber dann sitze ich einfach vor Coraly und Kasimir. Und schaue ihnen zu in ihrer Meerschweinchenwelt. Die beiden kommunizieren viel miteinander und manchmal streiten sie sich auch um ein Stück Gemüse. Dann spielen sie wieder und jagen sich lustig über die Fläche oder durch die aufgestellten Röhren und Höhlen. Oder sie machen sie sich minutenlang über ihre Stängelchen und Blätter her und sind ganz Knabbern und Kauen.

Schon nach ein paar Minuten Zuschauen, fühle ich mich selber ausgeglichener und irgendwie erfrischt.
Diese kleinen Meerschweinchen leben mir vor, dass zum Leben auch Müßiggang und Austoben gehören, spielen und streiten. Alles hat seinen Platz in ihren kleinen Welt: Streiten, spielen, toben, essen und beschaulich sein.

Ich bin inzwischen überzeugt, dass all dies auch zur großen Welt gehört. Die Schöpfung, dieser einzigartige Lebensraum für Tiere und Menschen bietet Platz für Arbeit, aber auch für streiten, spielen, toben, essen und beschaulich sein.
Und jetzt geh ich noch mal rüber, vielleicht brauchen Kasimir und Coraly noch Futter  …

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„Heiliger Geist – was ist das überhaupt?“ Die Mittvierzigerin aus meiner Gesprächsgruppe über Theologie klingt leicht genervt. „So was wie eine große Kraft“, sagt einer. „Aber trotzdem wirkt sie ganz konkret“, behauptet eine andere.
„Stimmt“, überlegt Elke, die älteste unter uns, „ich würde sagen der Heilige Geist hilft den Menschen, dass sie andere so anschauen können, wie Gott sie gedacht hat, wie sie eigentlich sind.“
Ein paar murmeln Unverständnis, der Satz ist zu kompliziert.

Elke holt Luft und erzählt: „Als ich noch zur Schule ging, habe ich immer wieder gestottert. Es war mir schrecklich peinlich und ich hab‘ schließlich vermieden, mich zu melden. Einer meiner Lehrer hat in der 6. oder 7. Klasse mit uns ein kleines Theaterstück einstudiert. Und die Hauptrolle hat er mir gegeben. Mir! Meine Mutter hat ihn für verrückt erklärt. Das Kind stottert! Wie soll die auf der Bühne stehen und vor allen Leuten reden? Sie wird sich nur blamieren!
„Die kriegt das hin!“ hat er gesagt. Damit war für ihn die Sache erledigt.
Und – was soll ich sagen – ich hab‘s tatsächlich hinbekommen. Ich habe frei geredet auf der Bühne. Und die Aufführungen wurden ein voller Erfolg. Seither stottere ich nicht mehr.“

 „Und wo steckt jetzt da der Heilige Geist?“, fragt einer irritiert, „dass der Lehrer dir das zugetraut hat? Oder du es hinbekommen hast?“
Elke lächelt: „Tja, hoffentlich darin, dass ihr jetzt was mit meinem Erlebnis anfangen könnt. Der Lehrer hat mich jedenfalls so gesehen, wie Gott mich gedacht hat.
Ich wünschte, es gäbe viel mehr Lehrerinnen und Lehrer, Eltern und Leute in den Chefetagen, die diesen Blick haben. Dann würden uns noch viel mehr Geschichten zum Heiligen Geist einfallen.“

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Die Straßenbahn hält an und die Türen öffnen sich. Viele steigen aus. Die Leute draußen warten ungeduldig, bis sie reinkönnen. Ein Mann hat es nicht so eilig. Er nimmt noch einmal einen tiefen Zug von seiner Zigarette. Sie ist nicht einmal halb aufgeraucht. Als er sie gerade wegschmeißen will, um einzusteigen, kommt einer und nimmt sie ihm aus der Hand.

Ein Typ in Handwerkerlatzhose.  „Nicht wegschmeißen, sagt er, ich nehm sie, “ und schon ist er mitsamt der halbgerauchten Zigarette einen Schritt an dem Raucher vorbei. Der bleibt völlig cool und bringt es fertig drei Dinge auf einmal zu tun: Er lächelt, er steigt ein und dreht sich auf der Treppe noch mal zu dem Handwerker um. Er ruft: „He, ich kann dir auch ne ganze geben!“  

Dann nestelt er – immer noch im Einstiegsbereich zwischen den geöffneten Türen - in seiner Jackentasche herum. Er findet die Zigarettenpackung und zieht eine neue Zigarette raus.
Die Türen sind schon am Zuschnappen, als der Handwerker-Typ  sich auch diese Zigarette holt.  Aber er steckt sie nicht in seine Tasche. Er gibt sie der Frau weiter, die neben ihm steht.

Die Straßenbahn fährt ab und der Zigarettenschnorrer geht mit der Frau eilig weiter. Mir fällt ein Satz von Jesus aus der Bergpredigt ein: Wenn dich jemand zwingt, eine Meile mitzugehen, dann geh zwei mit ihm.
In den Gesichtern der Menschen, die auf eine andere Bahn warten, mischt sich Überraschung mit Heiterkeit.  Wir haben alle was gelernt.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=21709

Schon mal Dabka getanzt? Maryam lädt alle ein, den folkloristischen Tanz aus Palästina zu lernen. Vielleicht probiere ich auch mal Emei Kung Fu aus, Ralf hat das Angebot reingestellt. Oder ich könnte mit Achmed und Dunja zum Schlittenfahren auf den Schauinsland. Oder mich bei Susa zum internationalen Frauen-Kochen anmelden. Oder doch lieber Pizzaabend?

Alle diese Angebote gibt es auf www.zusammenessen.de. Tanzen, Feiern, Sport und eben auch Essen, ziemlich viele sogar. Wahrscheinlich, weil Menschen aus unterschiedlichen Ländern über das Essen nach wie vor am leichtesten zusammen finden.

Mich fasziniert diese homepage mit ihren vielen Ideen und ihrer Mehrsprachigkeit. Zusammenessen.de bringt inzwischen nicht nur in Freiburg, sondern auch in Leipzig, Marburg und vielen anderen Orten Menschen zusammen. Solche Menschen, die keine Lust mehr haben auf ‚Angsthaben‘ vor den anderen.

Auf dieser homepage laden Leute zu Events ein, die sie sich selber ausgedacht haben. Und sie laden ganz bewusst mehrsprachig ein, damit möglichst viele Menschen anderer Herkunft teilnehmen. Die meisten Angebote sind Freizeitangebote. Treffen, bei denen sich alle auf Augenhöhe begegnen, und sich jede Person einbringen kann.

Das gefällt mir! Weil das hier anders funktioniert als üblich. Nicht: hier die Helfer, dort die Hilfsbedürftigen. Sondern: Menschen, die momentan in Deutschland leben – aus welchen Gründen auch immer – laden andere dazu ein, mit ihnen Freizeit zu teilen und dabei auf persönlichste Weise die Welt kennen zu lernen, sei das nun in Freiburg- Merzhausen oder Meckenbeuren.

Und so ganz nebenbei macht mich das frei von dem Druck, als Deutsche ohne Fluchterfahrung alles richtig machen zu müssen als eine. Jesus hat mal gesagt: Was ihr einem meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“ Würde er sehen, wie das läuft bei zusammenessen.de, würde er das kürzen und sagen:  „Wenn ihr euch anderen öffnet, öffnet ihr euch mir.“ 
Und jetzt geh ich Dabka tanzen. Oder afghanisch essen. Auf jeden Fall Zusammenessen.de.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=21708

Christus ist auferstanden – auf der ganzen Welt klingt dieser Satz heute Morgen in den Gottesdiensten aller christlichen Konfessionen. Und die Gemeinden antworten auf diesen Ruf „Er ist wahrhaftig auferstanden“!
Ostern feiern – Auferstehung feiern, das hat heute dieselbe Kraft wie zurzeit Jesu. An diese Auferstehung zu glauben – das trägt, tröstet und motiviert mich auch!

Ich kann an die Auferstehung glauben, weil mich die Kraft, die seit 2000 Jahren von diesem Tag ausgeht, überzeugt. Ich kann daran glauben, weil die Geschichte, die mit Jesu Tod und Auferstehung angefangen hat sich gegen alle Widerstände behaupten konnte. Das ging schon mit der Kreuzigung Jesu los: damit war die kleine Schar um ihn aus armen Fischern, Handwerkern und ein paar Frauen eigentlich erledigt.

Wer nach der öffentlichen Folterung und Kreuzigung eines Menschen durch die  damalige Besatzungsmacht der Römer den Namen dieses Verurteilten  noch öffentlich auszusprechen gewagt hat, stand in der Gefahr selber verurteilt zu werden. Die Jünger und Jüngerinnen von Jesus wussten das. Sie haben sich deshalb zurückgezogen und  versteckt. Ihre Hoffnungen auf eine bessere Welt  haben sie begraben.

Aber dann erzählt die Bibel wie sie nach diesem dritten Tag auf einmal völlig angstfrei sind. Wie sie unter die Leute gehen, öffentlich über Jesus reden und erzählen, was er ihnen mitgegeben hat.
Die Kraft dazu haben sie an diesem Ostersonntag vor rund 2000 Jahren gefunden. Da haben sie Jesus als Auferstandenen erlebt und verstanden.
Sie haben verstanden, dass Gottes Liebe zu den Menschen nicht tot zu kriegen ist. Sie haben verstanden, dass  diese Liebe Menschen begleitet und Gewalt, Hass und selbst den Tod überwinden kann.

Seither haben sich viele von der Kraft der Auferstehung anstecken lassen. Bis heute erlebe ich, was möglich ist, wenn Menschen auf diese Kraft vertrauen. Ich denke zum Beispiel an die friedliche Revolution 1989, die mit den Friedensgebeten in Kirchen begann.

Für unsere Zeit heute wünsche ich mir eine neue kraftvolle Bewegung. Ich wünsche mir  viele viele Menschen, die auf die Liebe Gottes vertrauen und Frieden hier und jetzt möglich machen. In den unzähligen Krisengebieten unserer Erde, an den Grenzen und in den Regierungen Europas und natürlich hier bei uns mitten in Deutschland.

Frohe Ostern!

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