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SWR3 Gedanken

Ich mag es harmonisch. Wenn Einigkeit herrscht, alles glatt und reibungsfrei läuft. So gehen selbst stundenlange Konferenzen flüssig und schnell über die Bühne. Genau darum war ich erstmal sprachlos, als ein Teilnehmer am Ende einer langen Konferenz meinte: „Wir haben uns zu wenig gezofft.“ Ein ruhiger, ausgeglichener Mensch, alles andere als ein Streithansel. Aber die Harmonie hat ihn gestört.

Sein Einwurf ist mir noch länger nachgegangen. So schön es mit der Harmonie ist, vielleicht kann man sich manchmal wirklich zu wenig streiten. Vor allem dann, wenn es um Menschen geht, so, wie in unserer Konferenz. Um die Entscheidung, wer von ihnen besonders gefördert wird und wer nicht. Wenn dann Entscheidungen nach Aktenlage getroffen werden, wie es heißt. Wenn Sabine, Christian oder Antonia eben nur in Formularen und schriftlichen Beurteilungen dabei sind. Am Ende entscheidet dann die Aktenlage über Hopp oder Top, Niederlage oder Erfolg und damit manchmal auch über Zukunftschancen. Ich bin mir trotzdem sicher, dass wir gewissenhaft geprüft und entschieden haben. Und doch. Bei diesem oder jener hätten wir gewiss auch länger streiten können, vielleicht auch sollen.

Genau darum beneide ich auch jene nicht, die gerade über hunderttausende Asylanträge entscheiden müssen. Unter Zeitdruck und nach Aktenlage geht es um Bleiben oder Gehen, um Hoffen oder Verzweifeln. Ich bin sicher, alle machen das gewissenhaft und werden sich doch manchmal fragen: Hätte ich in diesem Fall vielleicht mehr streiten müssen? Mit mir selbst oder auch mit anderen?

 

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Fast 20 Kilogramm. So schwer ist das Holzkreuz, das sie im Ort meiner Kindheit zu jeder vollen Stunde aus der Stadt hinaus über einen bewaldeten Hügel tragen. Vom Gründonnerstagabend bis zum Karsamstagmorgen. Stunde für Stunde, Tag und Nacht. Seit über 300 Jahren schon geht das so in diesen drei Tagen vor Ostern. Skurrile Tradition? Christliche Folklore? Vielleicht. Doch es sind ausschließlich Freiwillige, die das machen. Etliche kommen aus dem Ort, aber auch Fremde von anderswo sind darunter. Ihre Gesichter sind verhüllt. Die Kreuzträger bleiben also unbekannt und meist auch die Gründe, warum sie das tun. Nur wenig ist darüber zu erfahren.

Heute am Karfreitag erinnern sich Christen überall auf der Welt, wie Jesus am Kreuz hingerichtet wurde. Für manche, die dort das Kreuz tragen, mag es also eine besondere Art des Mitfeierns sein. Doch mancher Kreuzträger hat auch einen Schicksalsschlag hinter sich. Hat schmerzvoll erleben müssen, wie der eigene Lebensentwurf  durchkreuzt wurde, von einer Stunde auf die andere. Wie es plötzlich einfach nicht mehr weiterging, durch Krankheit, Unfall, einen plötzlichen Tod. „Wer mir folgen will, der nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach“, heißt ein Satz in der Bibel. Diese Menschen nehmen das Kreuz, das sich in ihren Lebensweg gestellt hat, noch einmal auf. Symbolisch, 20 Kilogramm, ganz konkret. Sie schleppen es allein, doch sie bleiben nicht allein, denn hunderte folgen ihnen. Gehen mit ihnen den Weg über den Berg. Es ist die christliche Hoffnung des Karfreitags. Welches Kreuz auch immer du mit dir herumschleppst, du bist damit nicht allein.

 

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Ernst kniet der alte Mann vor der jungen Frau. Sie streckt ihm ihren Fuß entgegen, den er ihr hingebungsvoll wäscht. Eine scheinbar bizarre Szene. Doch bevor das Kino im Kopf nun zu sehr anspringt: Der 78-Jährige ist Papst Franziskus, der in einem römischen Gefängnis zwölf Strafgefangenen die Füße wäscht. Vor fast genau einem Jahr hat er das gemacht. Das seltsame Ritual gehört in manchen christlichen Kirchen zum heutigen Tag, zum Gründonnerstag. An diesem Tag nämlich soll Jesus zum letzten Mal mit seinen Freunden zusammen gegessen und getrunken haben. Doch bevor sie zu Tisch gingen hat er ihnen allen die Füße gewaschen. Das war damals nicht ungewöhnlich. Nach einem Gang in offenen Sandalen über staubige Straßen fast eine Selbstverständlichkeit. Allerdings, es war der Job der Bediensteten und Sklaven, niemals der des Hausherrn. Das macht diese Szene so ungewöhnlich. Nun mag in Zeiten von asphaltierten Straßen ein solches Ritual ziemlich seltsam wirken, besonders in einer Kirche. Doch Papst Franziskus ging es nicht um das bizarre Nachspielen einer biblischen Geschichte. Sich selber zurücknehmen, sich klein machen, um sich so Menschen zuzuwenden, die es gerade besonders brauchen. Darum geht es eigentlich in diesem Ritual, darum ging es auch dem Papst. Die Gefangenen in jenem römischen Gefängnis haben das jedenfalls sofort verstanden. Die junge Frau, der sich der alte Papst da so liebevoll zuwendet, konnte ihre Tränen in diesem Moment nicht zurückhalten.

 

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Es ist wieder geschehen. Wieder Tote und Verletzte, unschuldige Menschen, die auf dem Weg zur Arbeit waren oder einfach verreisen wollten. Sie sind Opfer des Hasses und der Lebensverachtung einiger weniger geworden. Vieles spricht dafür, dass es islamistische Fanatiker waren, die da gemordet haben. Wieder einmal. Wofür eigentlich?

Nicht nur ich frage mich, was im Kopf dieser Leute vor sich geht. Sie berufen sich bei ihren Taten auf ihre Religion. Doch genau diese Religion, die ihnen angeblich so teuer ist, treten sie vor aller Welt in den Dreck. Und mit ihr den Gott, für den sie vorgeben zu morden. Zum Leidwesen übrigens von Millionen friedliebender Muslime weltweit. Der französische Journalist Antoine Leiris ist selber Opfer dieser Fanatiker geworden. Bei den Anschlägen von Paris im letzten Jahr hat er seine Frau verloren. In einem offenen Brief hat er sich damals an die Mörder gewandt. Er schreibt: „Ich weiß nicht, wer ihr seid und ich will es nicht wissen, ihr seid tote Seelen. Wenn dieser Gott, für den ihr blind tötet, uns nach seinem Bild geschaffen hat, dann muss jede Kugel, die meine Frau getroffen hat, eine Wunde in sein Herz gerissen haben.“

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Dass er arm ist, sieht man dem alten Mann nicht sofort an. Ich muss schon genauer hinschauen. Die Schuhe alt und verschlissen, die Hose schon länger nicht mehr gewaschen, denke ich. Ich sitze im Zug, ein Buch in der Hand. Es sind nur wenige Fahrgäste im Zug. Der alte Mann geht durch die Wagen, öffnet jeden Müllbehälter und schaut hinein. Aus der Stadt oder vom Bahnsteig kenne ich das Bild ja schon. Im Zug sind sie mir noch nicht begegnet, die Schatzsucher, die im achtlos weggeworfenen Müll nach Wertvollem wühlen. Sie werden immer mehr, scheint mir.

Ich verspüre den Reflex, ihm etwas zu geben. Ein paar Münzen vielleicht. Geld, das ich locker entbehren könnte und mache es dann doch nicht. Es kommt mir erniedrigend vor. Und ich verspüre noch etwas anderes. Scham. Ich schäme mich, einem alten Mann dabei zuschauen zu müssen, wie er im Müll der Anderen nach Schätzen sucht. Ich schäme mich für mein reiches Land, das es immer weniger hinbekommt, seinen immensen Reichtum auch nur halbwegs gerecht zu verteilen. Und ich schäme mich für mich selbst. Dass ich es nicht fertig bringe, dagegen ein Zeichen zu setzen. Als ich aussteige sehe ich ihn zusammengekauert auf einem Platz sitzen, sein Gesicht in die Hände vergraben. Es war offenbar kein guter Tag für ihn.

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„Dumm ist der, der Dummes tut.“ Ein Schlüsselsatz aus dem Film Forrest Gump. Der gleichnamige Titelheld ist leider nicht unbedingt der Hellste. Von seiner Mutter hat er aber etwas Wichtiges mitbekommen.  Ein festes Wertegerüst und ein paar Lebensweisheiten. Und eine davon heißt eben: Dumm ist der, der Dummes tut.

Leider geschieht gerade unglaublich viel Dummes um uns herum, so kommt es mir vor. Da werden Leute aufgehetzt und zu noch schlimmeren Dummheiten angestachelt. Häuser werden angezündet, Fremde angepöbelt und bedroht. Und statt zu reden brüllt man sich gegenseitig nieder. Beschimpft sich als Volksverräter, Hohlkopf oder Pack, je nachdem, wo man gerade steht. Vieles davon machen Menschen, die oft alles andere als dumm sind. Die intelligent sind und gebildet und dennoch unsäglich Dummes tun. Unser Problem, so scheint es mir manchmal, ist oft kein Mangel an Intelligenz oder Bildung, sondern an Moral. Doch damit bin ich wieder beim Filmheld Forrest Gump. Der hatte ja als Kind ein paar feste moralische Grundsätze mitbekommen. Und darum ist für ihn einfach glasklar, was geht und was nicht. Was man als Mensch tut und was eben nicht. Ohne Wenn und Aber. Diese Klarheit wünschte ich mir im Moment auch öfter angesichts all der Dummheiten, die geschehen. Dazu muss man weder besonders intelligent noch besonders gebildet sein.

 

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Vom vergötterten Idol zur verlachten Loserin, über die man dumme Witze reißt. Der Dokumentarfilm „Amy“, der das tragische Leben der großartigen Sängerin Amy Winehouse erzählt, ist so eine Geschichte. Ein Film, der weh tut. Weil er ganz nah rangeht, nicht wegschaut. Weil er zeigt, wie es oft gar nicht mehr um Amy, den hochbegabten, verletzlichen Menschen geht, sondern um den umjubelten Star. Wie aus der gefeierten Sängerin eine Projektionsfläche wird für die Wünsche und Erwartungen anderer. Der Journalisten, Musikmanager und Fans. Wie sie diese Erwartungen perfekt erfüllt, ihr dabei das eigene Leben aber immer mehr entgleitet.

Vom Hosianna zum Kreuzigt sie ist es manchmal ein verdammt kurzer Weg und treffen kann es jeden. Denn selbst an mich richten sich ja Erwartungen. Von meinem Arbeitgeber, meinen Kollegen. Von Hörern, Lesern, Freunden, meiner Familie. Manches kann ich nicht erfüllen, anderes will ich vielleicht auch nicht. Aber jede Erwartung, die ich enttäusche, jeden Wunsch, den ich nicht erfülle, bringt Frust. Kratzt an der Hoffnung, die ein anderer in mich gesetzt hat. Und je enthusiastischer das Lob, je größer die Erwartung, desto tiefer der mögliche Sturz. Im schlimmsten Fall verliere ich mich selbst, gefangen in Ansprüchen und Erwartungen. Amy Winehouse hat sich verloren. An einem Morgen im Juli 2011 findet man sie tot in ihrer Wohnung. Sie wurde 27.

 

 

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