Alle Beiträge

Die Texte unserer Radiosendungen in den Programmen des SWR können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
Klicken Sie unten die gewünschte Sendung an.


SWR3 Gedanken

In meiner Gegend gibt es eine Sauna mit Schwimmteich und herrlichen Aufgüssen. Ich liebe Aufgüsse und bin immer rechtzeitig da, um noch einen Platz zu bekommen. Einmal, der Raum war fast voll, huscht ein Mann rein, guckt zu den oberen Reihen und setzt sich dann unten hin. „Komm doch zu uns hoch!“ ruft ein Mann. „Nee, ist bisschen zu eng.“ – „Nu  komm schon, sagt eine Frau, ich mach dir Platz.“ Dann rutscht sie zur Seite, der Mann steigt nach oben und lässt sich freudestrahlend nieder. Zwischen zwei Frauen. Dann lehnen sich alle entspannt zurück und der Bademeister beginnt mit dem Aufguss. Das Wasser verdampft zischend auf den heißen Steinen und alle atmen tief ein. Herrlich! Denke ich. Das haben wir uns über Generationen hart erkämpft.

Männer und Frauen. Nebeneinander. Mit den gleichen Rechten. Theoretisch, vor dem Gesetz und hier in der Sauna. Das macht unsere Gesellschaft aus, unser christliches Abendland.

Man muss nur nach Afrika gehen, nach Saudi Arabien. Da werden Frauen wie zu Jesu Zeiten noch gesteinigt. Wenn sie nackt neben einem fremden Mann sitzen. So wie ich in der Sauna. Dass Jesus mit der Steinigung von Frauen Schluss gemacht hat, war eigentlich ein Wunder. Und dass er auf das Wort seiner Freundinnen gehört hat. Maria, Martha und wie sie alle heißen.

Und jetzt bin ich gespannt, wie wir das schaffen mit den Menschen, die das nicht gewohnt sind. Wo die Frauen noch hinterm Herd und unter dem Schleier zu verschwinden haben. Wegen der Ehre und so.

Ich möchte auf dieses entspannte Miteinander in der Sauna nicht verzichten. Und auch nicht auf die anderen Errungenschaften. Ich wünsche mir, dass wir unsere Freiheitsrechte ernst nehmen und verteidigen. Ich wünsche mir, dass die Männer hier das ihren Geschlechtsgenossen sagen: Wir können das. Neben nackten Frauen sitzen. Und Respekt vor ihnen haben. Wir können das und ihr könnt das auch.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=21608

Vor kurzem wurde ich auf die chinesische Botschaft gebeten. Ich brauchte ein Touristenvisum für Peking. Ich sollte ich mich persönlich dazu erklären, was ich als Pfarrerin, die ich bin, in Peking wolle.

Und so stellte  mir ein Botschaftsbeamter, ein freundlicher Chinese Mitte vierzig in bestem Deutsch eine Stunde lang Fragen:
Wo haben Sie Pfarrerin gelernt? - 
Ich habe studiert. Theologie. –
Ah. Bibelschule!  -
Nein, keine Bibelschule. Universität mit Abschlussexamen. Wie in anderen Studienfächern. –
Hm. Und wo arbeiten Sie jetzt als Pfarrerin? –
Ich arbeite im Rundfunk, im SWR. -  
Oh, das ist öffentlich- rechtlich! Das geht? Sie machen Theologie im Radio? -
Nein, ich erzähle vom christlichen Glauben.
Bei uns in China ist Glaube Privatsache. Das machen wir zu Hause. Öffentlich, da glauben wir an unsere Partei. – 

Bei uns darf auch jeder glauben, was er will. Trotzdem reden wir in der Öffentlichkeit drüber. Weil davon ja abhängt, wie wir zusammenleben. Ob wir uns um die Schwachen in der Gesellschaft kümmern oder nur um die eigene Familie.
Ob wir uns für Fremde und Flüchtlinge zuständig fühlen, oder nur für die eigenen Landsleute. –

Der Beamte schaut mich nachdenklich an. Ich setze nach.-
Arbeiten Sie hier in der Botschaft nicht auch, weil Sie an etwas glauben? – Nein, nein, ich arbeite vor allem, um meine Familie zu ernähren. Wir alle arbeiten um unsere Familien zu ernähren, Sie etwa nicht? - 
Aber er will keine Antwort, er will das Thema wechseln. -
Wer bestimmt eigentlich, was Sie im Radio sagen? - 
Ich muss das vor Gott und meinem Gewissen entscheiden. Und vor meinem Kollegen, der ist sehr kritisch. Aber was ich aus seiner Kritik mache, ist meine Entscheidung. –
Der Mann schaut mich lächelnd eine Weile an.
Dann sagt er: Sie kriegen Ihr Visum.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=21607

Und wo liegt Ihre Hemmschwelle? Wenn jemand Sie so richtig heftig angeht? Vor kurzem haben Männer eine mir liebe Kollegin heftig angegriffen per mail. „Als naives Pastörchen, als strunzdumme Tussi, als eine, der man es nur mal richtig besorgen muss.“ Das alles mit Klarnamen,  anscheinend ohne Hemmschwelle. Man kennt das ja schon. Da habe ich sie wieder gespürt: meine Gefühle von Hass.  Wenn Männer sich so ausmehren, da werd ich zum Tier. Da fühle ich Hass und das fühlt sich sogar richtig an. Weil solche Typen das ja verdient haben.

Aber zum Glück gibt’s in mir Hemmschwellen. Ich weiß: auch wenn es sich richtig anfühlt, von innen- es ist nicht richtig. Deshalb muss ich meine Hemmschwellen stark machen. Weil ich weiß: Hass ist eine ansteckende Krankheit. Wenn ich mich  anstecke lässt, geb ich  weiter, was mir angetan worden ist. Nur mit anderem Vorzeichen, mit anderer Begründung. Muss man ja mal sagen dürfen. Darf man aber nicht.

Ich glaube: man braucht Menschen, die einen bremsen, die sich in den Weg stellen. Oder in den Arm nehmen. Einer davon ist für mich der Apostel Paulus. Der hat mal geschrieben: Lass ich nicht vom Bösen überwinden, lass dich nicht vom Hass überwältigen. Überwältige du das Böse. Überwinde es mit Gutem. Ja, mit Gutem!

Das geht, indem man zum Beispiel das Böse ins Leere laufen lässt. Ein großes Onlineportal zum Beispiel sperrt bei Flüchtlingsthemen inzwischen die Kommentarfunktion. Da haben Hassmails keine Chance. Meine Kollegin liest die Mails nicht mehr. Sie packt sie in einen Ordner und übergibt sie Freunden und die leiten sie dann wenn nötig an die Polizei weiter.

Das Böse mit Gutem überwinden – ich glaub, das kann man nicht allein. Ich jedenfalls brauche dazu Freunde. Jesus ist für mich so ein Freund. Als Menschen sich in ihrem Hass an ihm ausgetobt haben, da konnte er beten: Vater, vergibt ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=21606

Wie kann ein Mensch nur so hassen? Das frag ich mich oft, wenn ich von Selbstmordattentätern höre. Warum haben die kein Mitgefühl? Warum kommen die nicht zur Vernunft?

Judas war auch so einer. Judas, der Mann, der Jesus ans Messer geliefert hat. Oder besser gesagt: ans Kreuz. Dabei war Judas ein Jünger Jesu, sein Schüler.

Judas war einer der Freiheitskämpfer aus dem Norden Israels, ein Zelot. Er hat Jesus bewundert für sein Charisma. Er konnte Menschen heilen und Hoffnung geben. Und das wollte Judas auch: den Menschen Hoffnung geben.
Die römischen Besatzer haben so hohe Steuern erhoben, dass die Kleinbauern ihren Acker verkaufen mussten. Viele haben sich als Tagelöhner durchgeschlagen und sind weiter in die Armut gerutscht. Sie begegnen uns in der Bibel als die vielen Blinden und Lahmen, denen Jesus auf Schritt und Tritt begegnet ist.

Judas wollte diese Zustände ändern. Wir sind das Volk, Römer raus, Israel den Juden. Das wollten die Zeloten. Und Judas hat gehofft, Jesus würde ihn anführen, den Aufstand gegen die Römer.

Aber Jesus hat nicht das Feuer des Hasses geschürt. Nur das Feuer der Nächstenliebe.  Du sollst Gott lieben und deinen Nächsten wie dich selbst. Den Nächsten, nicht nur dem eigenen Volk. Jeden, sogar den Feind.  Jesus hat viele Herzen erreicht, sogar die der römischen Soldaten. Aber das ausbeuterische System, das hat Jesus damit nicht verändern.

Und genau dafür hat Judas ihn irgendwann  gehasst. Liebe deine Feinde, deine Ausbeuter? Die dir dein Land wegnehmen? Das ist für Judas unerträglich dumm und naiv. Deshalb verrät er Jesus an die römischen Soldaten. In der Nacht. Mit einem Kuss. Mehr Verachtung geht kaum. Und Jesus? Er schaut ihn an. Und fragt ihn: Mein Freund, warum bist du gekommen? (Mt.26,50)

https://www.kirche-im-swr.de/?m=21605

Meine Cousine ist eine wahre Lebenskünstlerin und ich bewundere sie. Immer ist sie fröhlich. Warum bist du immer so gut drauf? Hab ich sie mal gefragt. Weil es mir gut geht. Besonders seit der Geschichte mit den 100€. 100€?

Armut ist weiblich und alleinerziehend, sagt man immer. Bei ihr trifft das zu. Ihren Sohn, den sie noch während des Studiums bekommen hat, hat sie allein großgezogen. Die Beziehung zu seinem Vater, ein sanfter, zu sanfter Mann aus der Karibik, hat nicht lange gehalten. Und weil ihr Sohn so kaffeebraun war wie sein Vater, war sie im Dorf eine Schande. Also ist sie in die Stadt gezogen. Dort hat sie viele Jobs angenommen. Und oft nicht gewusst, wie sie über die Runden kommen soll.

„Du glaubst es nicht, sagt sie zu mir, aber immer hat mir jemand geholfen. Und besonders ein Mann. Der hat mir 100€ zugesteckt und gesagt: ich will das Geld nicht wiederhaben. Aber du musst mir was versprechen. Wenn es dir wieder besser geht, dann schenke die 100 € jemandem, der sie genauso braucht wie du jetzt.“ Und genau das habe sie gemacht. Mehrmals. Immer mit der Ansage: Ich will das Geld nicht wiederhaben. Aber wenn‘s dir besser geht, gib es weiter an einen, der‘s braucht.

So einfach. So genial. Du kriegst was und darfst dich einfach nur freuen. Du musst dich nicht revanchieren. Du kriegst einen guten Tipp, die Einladung zum Kaffee, ein offenes Ohr. Und Schluss. Du machst dich nur sensibel für die, die auch was brauchen. Und wenn du es hast, gibst du es weiter. Ein Netzwerk der Beschenkten. Und du gehörst dazu. Oder mit den Worten des Apostels Paulus:

Umsonst habt ihr es empfangen, umsonst gebt es weiter.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=21604

Angst überwinden- das geht. Sogar meine Tante hat das geschafft. Sie hat immer viel Angst gehabt. Besonders vor Gewitter. Bei jedem Donnerschlag hat sie sich fast zu Tode erschrocken. Zieht die Stecker raus, Hände weg vom Wasserhahn und Rollläden runter! Hat sie gerufen. Und wir als Kinder haben dann immer mit ihr gezittert bis das Gewitter vorbei war. Später haben wir drüber gelacht. „Tantchen, du musst keine Angst haben, Donner ist nicht gefährlich, nur laut. Und gegen Blitze haben wir Blitzableiter!“ Aber die Angst von Tantchen war resistent gegen Aufklärung.

Viel später, ich war schon erwachsen, habe ich meine Tante gefragt, an was sie denkt, wenn Gewitter ist. Bomben! Platzte es aus ihr heraus. Ich im Keller. Oben explodiert es und der Boden unter den Füßen kocht.

Ab diesem Gespräch war die Tante anders. Sie ist zwar immer noch zusammengezuckt, wenn es gedonnert hat, aber die Rollläden sind oben geblieben. Gewitter war von da an eben nur- Gewitter.

Manchmal habe ich den Eindruck, diese Angst vor Flüchtlingen – die spielt auch in einem anderen Film. Als wären die Flüchtlinge eine fremde Armee, die unser Land besetzen und unsere Freiheitsrechte abschaffen will. Aber was sind sie wirklich? Donner sind keine Bombenangriffe. Und Flüchtlinge- was sind sie? Es wird der Angst wahrscheinlich nicht helfen, wenn wir sagen: die sind alle ganz nett.  Aber es könnte helfen, den inneren Film zu verstehen, der da abläuft. Und es könnte helfen, sich Realitätssinn zu verschaffen. Auf die Fremden zuzugehen, sie persönlich kennenlernen.  Was wollen sie? Das braucht Mut. Und Vertrauen.

Fürchtet euch nicht, steht deshalb  oft in der Bibel. Fürchtet euch nicht. Ich bin mit euch, wo immer ihr hingeht.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=21603

Demokratie macht Mühe. Demokratie nervt. Mit unseren Kindern war das früher schon so. Dieses ewige Debattieren: Wohin fahren wir in Urlaub? Wer ist für den Abwasch zuständig? Und was machen wir mit dem, der mal wieder nicht gesaugt hat?

Ich gestehe, ich hatte öfters Lust, das ganze per Machtwort abzuwürgen. Es war nervig, Argumente bessere Argumente zu liefern, um die Kinder zu überzeugen. Und manchmal war ich einfach gekränkt, weil ich mir mehr Harmonie gewünscht habe. Wie in der Werbung. Alle sitzen fröhlich am Frühstückstisch und finden Mama und Papa einfach nur toll. Nein, Demokratie ist anders. Da wird gerangelt und gestritten, da muss man einander aushalten in seiner Verschiedenheit und einen Kompromiss finden. Und vor allem: man muss das Gerangel lieben lernen. Weil es aus Kindern freie, selbstbewusste Menschen macht.

Heute geht es um unsere Demokratie. Heute wird in ganz SWR3- Land gewählt. Wir wählen nicht nur Parteien, wir wählen Demokratie. Oder eben nicht. Auf meinem Wahlzettel stehen allein drei Parteien, die wichtige demokratische Werte einschränken wollen, nämlich Gleichberechtigung von Mann und Frau, Freiheit der Kunst oder freie Religionsausübung. Schlechte Politiker werden nicht nur von schlechten Demokraten gewählt. Schlechte Politiker werden vor allem von denen gewählt, die nicht wählen gehen.

Dabei ist es doch gerade unsere Demokratie, es sind unsere Freiheitsrechte, die uns als Land so besonders machen. Unser Rechtssystem ist einmalig auf der Welt, viele Länder, sogar solche wie der Iran, wollen davon lernen. Die christlichen Kirchen im Ländle bitten Sie deshalb, heute wählen zu gehen. Weil schlechte Politiker von denen gewählt werden, die nicht wählen gehen. Ja, Demokratie macht Mühe. Demokratie nervt. Aber es ist das Beste, was wir haben.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=21602