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SWR3 Gedanken

Die Wemmicks sind ein kleines Volk von Holzpuppen und leben in einem kleinen Städtchen. Jeder Wemmick ist anders. Aber alle sind  von demselben Holzschnitzer namens Eli  gemacht. Jeden Tag tun die Wemmicks dasselbe: Sie stecken sich einander Aufkleber an. Die Begabten und Schönen bekommen immer goldene Sternchen.  Die aber, deren Holz rau ist und die nur wenig können, bekommen hässliche graue Punkte. So wie Punchinello. Der hat viele, viele graue Punkte.

Eines Tages trifft Punchinello ein Wemmick-Mädchen, das ganz anders ist als alle anderen. Sie hat keine Sternchen oder Punkte. Sie ist einfach nur aus Holz. Das liegt nicht daran, dass die anderen ihr keine Aufkleber anstecken wollen. Die Aufkleber halten einfach nicht.

So will ich auch sein, denkt Punchinello. Also fragt er das Wemmick-Mädchen ohne Aufkleber, wie sie das geschafft hat. „Das ist ganz einfach“, sagt sie. „Ich besuche jeden Tag Eli, den Holzschnitzer und sitze bei ihm in der Werkstatt.“  Daraufhin beschließt Punchinello, Eli zu besuchen.

Oben, in der großen Werkstatt angekommen, sagt Punchinello zu Eli: „Ich bin gekommen, weil ich jemanden getroffen habe, der keine Aufkleber hat. Warum kleben die Aufkleber nicht an dem Mädchen?“ Der Holzpuppenschnitzer sagt: „Weil sie beschlossen hat, dass es wichtiger ist, was ich denke als das, was die anderen denken. Die Aufkleber haften nur, wenn  du es zulässt. Je mehr du meiner Liebe vertraust, desto weniger bedeuten dir die Aufkleber der anderen. Und dass ich Dich liebe, siehst Du daran, dass ich Dich und nur Dich gemacht habe. Und ich finde Dich richtig gut!“

Punchinello spürt, dass Eli es ganz ernst meint.  Und als ihm das bewusst wird,  fällt ein Aufkleber auf den Boden.

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Ich bin auf der Suche nach einem Geschenk für meine Freundin. Sie hat bald Geburtstag und ist ein wichtiger Mensch für mich. Gar nicht so einfach. Es soll etwas Besonderes sein, etwas, was nicht nur rumsteht, nicht zu teuer, aber auch nicht zu billig. Und weil ich keine Zeit habe in die Stadt zu fahren, suche ich im Internet. Dabei stoße ich auf das:

Zeit in Dosen! Das gibt es jetzt als individuelle Geschenkidee. Damit wirbt zumindest  der Versandhändler im Internet. In der Blechdose, die ich kaufen kann, steckt ein Gutschein. Darauf steht: Weil du mir so wichtig bist, möchte ich dir etwas ganz besonderes schenken: Einen kleinen Teil meiner Lebenszeit! Rechts auf dem Gutschein kann ich auf leere Zeilen  schreiben, wann und wem ich dieses Geschenk machen möchte. Ein schönes Geschenk- denke ich. Ich muss nur die Dose bestellen, den Gutschein darin ausfüllen und ihn wieder in die Dose stecken – fertig. Aber anstatt auf den Bestellbutton zu klicken verlasse ich die Internetseite wieder.

Zeit verschenken – gute Idee, aber das kostet ganz schön viel- finde ich. Vor allem, wenn sie knapp ist. Wenn ich Zeit verschenke, will ich mir  genau überlegen, wie ich das am Besten mache. Ideen habe ich viele – aber genau die Zeit, die ist mein Problem. Schließlich will ich ja, dass meine Freundin den Gutschein auch bald einlösen kann, es also keine  leeren Zeilen bleiben. Und ich fände es schade, wenn er dann doch in einer Schublade verschwindet und vergessen wird.

Um es kurz zu machen: Die Zeit in Dosen habe ich meiner Freundin nicht geschenkt. Ich habe was gebastelt: Eine Aufklappbox mit Worten und Wünschen von mir für sie.

Ein Wunsch davon hat sich erfüllt: Wir haben Zeit miteinander verbracht – ohne dass ich ihr einen Gutschein dafür ausgestellt habe. Es hat auch so funktioniert. Durch die Idee im Netz ist mir aber klar geworden, dass Zeit ein ganz schön kostbares Geschenk ist.

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Rede und Antwort stehen ist gar nicht so leicht. Das ist mir erst vor kurzem wieder klar geworden. Ich hab mich mit einer Freundin und ihren Freunden getroffen. Und irgendwann haben wir über Glaube und Kirche gesprochen. Mich haben sie dann gefragt, was ich denn so mache. Und als ich erzählt habe, dass ich Theologie studiert habe und bei der Kirche arbeite, ist es richtig heftig zur Sache gegangen. Am liebsten hätte ich mich aus dem Staub gemacht.

So richtig Rede und Antwort stehen, das muss ich in meinem Job eher selten. Meistens habe ich da mit Leuten zu tun, die so wie ich auch verwurzelt sind im Glauben. Da fällt es mir leicht, über meinen Glauben zu sprechen.

Ganz anders war es in diesem Freundeskreis. Auf manche Fragen hab ich einfach keine Antwort gehabt. Zum Beispiel, warum in der katholischen Kirche Frauen nicht Priester werden dürfen. Dann noch der Vorwurf, dass die Kirche  nur um sich selbst kreist und  nur Geld machen will. Bei aller Kritik hat es mich aber erstaunt, wie interessiert die anderen mich über meinen Glauben und die Kirche ausgefragt und zugehört haben. Und es war spannend zu hören, wie sie darüber denken.

Ich glaube, darauf kommt es an: Rede und Antwort stehen heißt nicht, dass ich andere von meiner Sicht überzeuge. Wenn ich versuche, allen meine religiöse Erfahrung aufzudrängen, dann schreckt das eher ab. Rede und Antwort stehen heißt für mich, davon zu erzählen, warum und was ich glaube – trotz mancher Zweifel. Und von denen kann ich dann ja auch erzählen. Außerdem gehört es auch dazu, sich hinterfragen zu lassen.  Das hab ich an diesem Abend verstanden.

Rede und Antwort stehen gefällt mir besser, als mich bequem irgendwo einzurichten oder mich einfach aus dem Staub zu machen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=21588

„Heilig“ – das ist so ein typisches kirchliches Wort. Ich finde das gar nicht so leicht zu verstehen. Ich hab gelesen, dass das Wort „heilig“ unter anderem „für Gott“ bedeuten kann.

Doch seitdem meine Freundin Stephi mir erzählt hat, was sie erlebt hat, wird das Wort „heilig“ mir immer klarer.

Stephi war nachts in Karlsruhe unterwegs. Da ist ihr ein junges Flüchtlingspaar müde und hilfesuchend in der Bahn aufgefallen. Ohne groß zu zögern hat sie gefragt, ob sie helfen kann und hat ihnen den Weg zur Aufnahmestelle erklärt, damit sie einen Platz zum Schlafen haben. Sie ist sogar mit ihnen hin gefahren.

Für mich ich das wirkliche Nächstenliebe. Stephi hat die Not gesehen und hat geteilt was sie hatte– mitten in ihrem Alltag. Kein Geld oder Dinge, sondern Zeit, Zuwendung und Aufmerksamkeit – so wie Jesus. Und der hat mal gesagt: „Was ihr einem Geringerem meiner Schwestern und Brüdern getan habt, dass habt ihr mir getan!“ Wenn ich diese biblischen Worte ernst nehme, dann hat Stephi etwas „für Gott“ getan. Und genau das bedeutet das Wort „heilig“ für mich.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=21587

Wenn ich auf die Autobahn auffahre, bin ich immer ein bisschen nervös.

Ich beobachte die Autos, die vorbeifahren, gleiche mein Tempo an, blinke und schaue ein letztes Mal, ob auch wirklich frei ist. Dann ziehe ich rüber. Geschafft – denke ich erleichtert.

Einige Minuten lang spüre ich noch die Anspannung.  Meine Hände greifen fest das Lenkrad und ich bleibe erstmal auf der rechten Spur, um mich an die Autobahn, den Verkehr  und das Tempo zu gewöhnen.

Noch vor einiger Zeit konnte ich mir überhaupt nicht vorstellen, alleine auf die Autobahn zu fahren. Mir fehlte einfach die Fahrpraxis.  Das hat sich inzwischen geändert und ich bin froh, dass ich mittlerweile nicht nur noch auf der rechten Spur klebe, sondern auch mal locker und flexibel die Fahrbahn wechseln kann – eben je nach Situation und Verkehrslage. 

Mein Selbstvertrauen auf der Autobahn ist gewachsen, weil ich gelernt habe, mich selbst und andere besser einzuschätzen. Wenn ich auf die Autobahn auffahre, wenn ich überhole, die Spur wechsel oder wenn der Verkehr stockt. Situationen, die für mich als Fahranfängerin neu und ungewiss waren. Einfach ist das am Anfang nicht gewesen. Im Gegenteil: Es war aufregend und hat Mut gekostet. Aber ich musste einfach immer wieder Autobahn fahren und das hat mich erfahrener gemacht. 

Vielleicht wächst Selbstvertrauen nur durch Erfahrung. Erst weil ich mich getraut habe, auf die Autobahn zu fahren, habe ich gemerkt: Hey, es geht doch! Ich glaube, gute Selbsteinschätzung hilft,  unbekannte Situationen zu managen. Sie bewahrt mich davor, in Situationen zu geraten, denen ich nicht gewachsen bin– nicht nur auf der Autobahn.

Dazu muss ich mich aber aus meiner Komfortzone bewegen und mich in ungewisse Situationen trauen. Nur so kann ich auf Dauer lernen, mich eben besser einzuschätzen und mir selbst zu vertrauen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=21586

Jesus war mit seinen Freunden unterwegs mit dem Boot in eine einsame Gegend. Es wurde aber nichts mit dem Alleinsein, weil die Leute rausbekommen haben, wo sie hingefahren sind. Und weil sie so begeistert von Jesus waren, sind sie ihm einfach gefolgt. Gegen Abend wurden die Freunde von Jesus ziemlich nervös. Sie wollten die Leute weg schicken, weil es nicht genug zum Essen gab. Nur fünf Brote und zwei Fische. Wie soll das denn gehen für so viele Leute? Aber Jesus war dagegen sei wegzuschicken. Er hat stattdessen das genommen, was da war. Und dann hat er die Brote einfach geteilt. Und wie durch ein Wunder haben alle davon gegessen und sind satt geworden.

Ich bleibe immer wieder an dieser Geschichte hängen, weil ich mich frage, wie mit fünf Broten und zwei Fischen fünftausend Leute satt werden konnten? Egal, wie viele Menschen es damals wirklich gewesen sind, und so absurd die Geschichte auch klingt – ganz unmöglich ist das nicht...

Vor gut drei Jahren habe ich nämlich was Ähnliches erlebt. Ich bin mit Ana und Martina aus Kroatien und Gyori aus Ungarn auf dem französischen Jakobsweg nach Santiago de Compostela unterwegs. An einem Sonntagnachmittag kommen wir in einem kleinen, abgelegenen Dorf an. Wir wollen hier übernachten. Allerdings stellen wir schnell fest: Hier kann man nirgendwo was zu Essen auftreiben. Also legen wir einfach alles zusammen, was wir in unseren Rucksäcken noch finden können: Müsliriegel, Chips, einen Apfel, eine Banane und zerbröselte Kekse. Es  ist nicht gerade das, was man unter einem guten und gesunden Abendessen versteht – aber wir werden satt.

Was ich da beim Pilgern erlebt habe, verbinde ich seither mit der biblischen Geschichte: Wir waren zwar keine fünftausend, aber das Prinzip ist das Gleiche: Wir haben geteilt, was wir hatten: Und es war wunder-bar: wir sind alle satt geworden.

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Mit Enttäuschungen umzugehen finde ich echt schwierig. Das ist auch in der Bibel nicht anders! Dort gibt es nämlich eine Geschichte, die genau davon erzählt.

Jesus ist gerade am Jordan und viele Menschen besuchen ihn dort, um ihn mal zu sehen und zu hören. Zu genau dieser Zeit wird ein Mann schwer krank. Er heißt Lazarus. Seine Schwestern Marta und Maria senden sofort eine Nachricht los, damit Jesus kommt und ihn heilt. Jesus bekommt die Nachricht, bricht aber erst zwei Tage später auf. Der Weg ist weit. Und als er schließlich ankommt, ist es zu spät: Lazarus ist tot.

Marta und Maria machen Jesus schwere Vorwürfe. Sie sind zutiefst enttäuscht von ihm, klagen ihn an und stellen ihn zur Rede. Erst jetzt wird Jesus klar, wie sehr er die beiden Frauen enttäuscht hat. Die Bibel erzählt davon, dass er selbst weint.

Mich berührt diese Geschichte aus der Bibel, weil sie  davon erzählt, was passiert, wenn ich enttäuscht werde, meine Hoffnungen nicht erfüllt werden, nicht das passiert, was ich erwartet habe. Und davon, dass Enttäuschungen zum Leben dazugehören. Denn wenn sogar Jesus Menschen enttäuscht hat, scheint das wohl zum Menschen zu gehören! Von dem habe ich es nämlich am wenigsten erwartet.

Enttäuschungen hab ich selbst schon erlebt. Manche Dinge kamen einfach anders als erwartet. Und manchmal tat das sogar richtig weh. Aber mit der Zeit ist mir folgendes klar geworden:

Enttäuschungen kann ich im Leben nie ganz vermeiden. Das einzige was ich tun kann ist, weniger zu erwarten. Dann ist die Enttäuschung später nicht so groß. Dann kann ich nämlich nur überrascht werden, wenn etwas eingetroffen ist, was ich nicht erwartet habe.
Wer weniger erwartet, kann auch nicht so arg enttäuscht werden – sondern nur überrascht.

So wie die beiden Schwestern Martha und Maria überrascht worden sind: Die Geschichte in der Bibel endet nämlich so, dass Lazarus von Jesus zum Leben auferweckt wird. Und das haben sie nach dessen Tod wirklich nicht erwartet.

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