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SWR3 Gedanken

Aufpassen!Wir müssen aufpassen was wir wo, wann und in welchem Ton von uns geben. Und wir müssen aufpassen bei all dem, was manche Leute so sagen oder schreiben. Was bringt mich gerade jetzt auf diesen Gedanken? Die Geschichte von der vermeintlichen Vergewaltigung einer 13jährige Russlanddeutschen vor ein paar Wochen. Sie ist noch nicht ganz aus meinem Kopf draußen. Da setzt jemand, aus welchen Gründen auch immer, ein Gerücht ins Internet. Und so schnell wie sich dieses Gerücht  verbreitet, so schnell kochen auch die Emotionen hoch. Zu Wenige fragen kritisch nach und zu viele kommentieren, dramatisieren und echauffieren sich blind. Vorurteile und Hass werden bedient und schaukeln sich durch die Medien hoch bis zur Auseinandersetzung zwischen dem deutschen und dem russischen Außenminister. Hallo?! – ein 13jähriges Mädchen haut für ein paar Stunden von zu Hause ab und daraus wird eine Staatsaffäre? Ein so absurdes wie erschreckendes Beispiel dafür wie unsozial die sozialen Medien sein können. Und ein Beispiel dafür wie wichtig es ist, auf meine geschriebenen und gesprochenen Worte zu achten. Muss ich alles, was mir so einfällt und auffällt von mir geben oder weitergeben? Und vor allem, kann ich all das, was ich so lese und höre auch wirklich glauben? Aufpassen! Denn zu oft stehen hinter Worten, die von allzu Vielen allzu schnell geteilt werden, dumpfe Gefühle , statt Wohlwollen oder gar die Wahrheit…

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„Kränkungen machen krank, was beleidigt, erzeugt Leid“ – das ist mehr als ein gelungenes Wortspiel der Kirchenlehrerin Hildegard von Bingen. Diesen 800 Jahre alten weisen Satz hat vor kurzem ein Psychotherapeut wiederholt. Als er gesagt hat, dass wohl rund 30% aller körperlichen Beschwerden, mit denen die Menschen zu ihrem Hausarzt kommen, auf psychischen Belastungen beruhen. „Kränkungen machen krank, was beleidigt erzeugt Leid“. Wie wahr! Schon zu Beginn des Lebens, wenn wir Menschen körperlich und seelisch nackt wie Vögelchen auf die Welt kommen, dann sind wir extrem verletzlich, an Leib und Seele. Und die Kränkungen, die wir in den ersten Lebensjahren erfahren, belasten das ganze Leben. Sind sie zu stark, werden wir krank an Leib und Seele. Darum ist es auch so extrem wichtig, dass wir die ersten Lebensjahre, besonders die ersten beiden Lebensjahre unserer Kinder schützen. In diesen beiden Jahren werden fast alle psychischen Fähigkeiten grundgelegt. Darum sollten wir unseren Kindern so viel Schutz und seelische Nähe wie möglich geben, damit sie sich auch noch in den Jahren danach gut weiter entwickeln können. Dann können sie auch später all die Beleidigungen und Kränkungen, denen leider kein Mensch entkommt, besser ertragen. Sei es in der Schule, diesem Universum möglicher Kränkungen oder dem Mobbing im Beruf. Wird aber ein Mensch zu oft oder zu lange beleidigt, dann erzeugt das ein Leid, das ihn irgendwann um sich schlagen lässt, ihn krank macht oder beides. Und das wiederum pflanzt sich fort als Leid, das dann die anderen zu spüren bekommen. Das ist im Großen wie im Kleinen so, in der Politik wie im Kindergarten. Kränkungen machen krank und was beleidigt erzeugt Leid. Dieser Satz hilft mir noch mehr als bisher auf die Kränkungen der Menschen zu achten und Beleidigungen unbedingt zu vermeiden.

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Trennung und Scheidung gehören zum Leben, das ist eine so traurige wie schmerzliche Tatsache für alle Beteiligten, besonders für die Kinder. Manchmal verlieren die Eltern die Kinder aus dem Blick bei allem Streit, Wut oder Schmerz. Oder die Eltern leiden darunter, dass auch noch ihre Kinder wegen ihnen leiden müssen. Denn oft verstehen die Kinder nicht warum sich ihre Eltern, die sie lieben nun nicht mehr einander lieben. Für die Kinder ist es dann als ob ihnen der Boden unter den Füßen weggezogen wird. Eltern können ihren Kindern aber helfen, dass sie durch ihre Scheidung keinen seelischen Schaden nehmen. Dazu gehört bestimmte Dinge nicht zu tun. Die wichtigsten möchte ich nennen:

Erstens: Machen Sie Ihre Kinder in keinster Weise verantwortlich für Ihre Trennung oder Scheidung.
Zweitens: Versuchen Sie nie Ihr Kind gegen den eigenen Vater oder die eigene Mutter Partei werden zu lassen. Drittens: Zwingen Sie es nie zwischen Vater und Mutter zu wählen. Mutter und Vater sind Teil Ihres Kindes, Sie würden es zwingen, sich gegen sich selbst zu entscheiden.        Viertens: Beauftragen Sie niemanden Ihrem Kind die Trennung oder Scheidung mitzuteilen.
Fünftens: Übergehen oder ignorieren Sie keine Fragen Ihrer Kinder hinsichtlich Ihrer Trennung oder Scheidung. 
Sechstens: Geben Sie keine langen Erklärungen ab, sondern sprechen Sie knapp, offen und ehrlich über die Schwierigkeiten, die Sie haben. Und vor allem sprechen Sie mit Liebe darüber. Damit Ihr Kind spürt: Selbst wenn Mama und Papa sich nicht mehr lieben. Mich haben beide noch immer lieb.  

 

Quelle: Martin Koschorke „Trennung oder Neubeginn- Konzepte und Methoden der Paarberatung beim Thema Trennung“ („Trennungsberatung“) Aus „Kleine Texte aus dem EZI Nr. 45, August 2004, 10. Auflage, Berlin

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Trennung und Scheidung gehören zum Leben, das ist eine so traurige wie schmerzliche Tatsache, für alle Beteiligten, besonders für die Kinder. Denn oft verstehen die Kinder nicht warum sich ihre Eltern, die sie lieben nun einander nicht mehr lieben. Für die Kinder ist es dann als ob ihnen der Boden unter den Füßen weggezogen wird. Eltern können ihren Kindern aber bei Trennung oder Scheidung helfen, dass sie keinen seelischen Schaden dabei nehmen. Dazu gehören bestimmte Grundregeln. Zum Beispiel: Sprechen sie mit Ihren Kindern! Möglichst gemeinsam, über den Streit, die Trennungsabsichten oder Scheidung. Aber gehen Sie in keine Details. Und versuchen Sie möglichst nicht vor ihnen zu streiten. Sagen sie jedem einzelnen Kind auf den Kopf zu „du bist nicht schuld, das hat nichts mit dir zu tun, dass es uns nicht gut geht.“ Denn Kinder tendieren dazu sich für die Probleme der Eltern verantwortlich zu fühlen. Zwingen Sie Ihre Kinder nie gegen den anderen Elternteil Stellung zu beziehen, Schlechtes über ihn zu sagen oder zu hören. Ermutigen Sie Ihre Kinder, Fragen zu stellen und erlauben Sie Ihnen ihre Wut oder ihre Enttäuschung zu zeigen. Wenn ein Kind keinen Schmerz oder keine Trauer zeigt, denken Sie nicht alles sei in Ordnung. Ermutigen Sie ihr Kind mit Ihnen zu sprechen. Und wen es mit den Eltern nicht möglich ist, dann mit den Großeltern, Verwandten oder Freunden. Das gibt ihnen Sicherheit. Zeigen Sie sich als verlässlicher Partner für ihr Kind. Damit ihr Kind spürt, dass die Welt nicht ganz aus den Fugen gerät, wenn die Eltern Schwierigkeiten haben oder sich trennen müssen. Und vor allem, lassen Sie Ihr Kind spüren, dass Sie es lieben. Dass auch wenn die Liebe zwischen Ihnen als Eltern nicht mehr da ist, die Liebe zu Ihren Kindern aber bleibt. Bei beiden bleibt.

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„Schwamm drüber, vergeben und vergessen“, das sind wichtige Worte nach einem Streit oder wenn einer den anderen verletzt hat. Und sie sind auch Ausdruck eines der zentralen Ideale des christlichen Glaubens: Zu verzeihen. Wer schon mal richtig an Leib oder Seele verletzt worden ist, der weiß wie schwer das ist. Ein zu schnelles „Schwamm drüber“ kann  wirkliches Verzeihen verhindern. Denn wenn eine Verletzung tief gegangen ist, dann muss sie auch in der Tiefe verarbeitet werden. Es gibt alte, bewährte Orientierungsmarken, was zu einem wirklichen Verzeihen gehört. Theologen und Psychologen sprechen immer wieder von 5 Stufen die dazu nötig sind. Ich halte sie für ziemlich gut und will sie darum weiter geben: Also Stufe 1: auf dem Weg zu Verzeihen und Versöhnung: Bereuen und beichten. Das heißt, der der verletzt hat, muss die Verletzung erkennen und auch anerkennen. Dazu gehört Einsicht und Reue, ernsthaftes Bedauern und auch das Bedauern auszusprechen.
Stufe 2: Wiedergutmachung: Der, der verletzt hat, soll es auch spürbar wiedergutmachen wollen und soll das auch zeigen, sich bemühen. Drittens: Neues Verhalten. Beide – der, der verletzt hat, wie auch der, der verletzt wurde - sollen darauf vertrauen können, dass die Verletzung nicht mehr vorkommt. Dann und erst dann kann man verzeihen. Und zwar sich selbst und dem anderen. Ja, auch sich selbst! Weil eine Verletzung, bei dem der verletzt wurde, sehr viel Schmerz und Wut ausgelöst hat, von der er sich und den anderen befreien sollte. Und auf dieser Basis steht dann auch die fünfte und letzte Stufe: Die Versöhnung und der Neubeginn. Bis dorthin ist es ein langer und oft schwerer Weg, der mit „Schwamm drüber“ überhaupt nicht zu gehen ist. Der sich aber lohnt und am Ende wieder Seelenfrieden bringt.

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„Ihr habt sie wohl nicht mehr alle“! Das war mein Gedanke als ich eine Verkehrsmeldung in SWR3 gehört hab: über einen Stau durch Gaffer, die Fotos von einem schweren Autobahnunfall machen. Ihr habt sie ja wirklich nicht mehr alle, Ihr die Ihr diese Fotos macht. Ihr habt all die Eigenschaften nicht mehr, die ein taktvolles, menschliches Zusammenleben ausmachen: Eigenschaften wie Feingefühl, Mitgefühl und Selbstbeherrschung. Ich finde schon die Vorstellung abartig, dass Menschen mit dem Auto an einem Unfall vorbeischleichen, ihr Smartphone zücken und die absurde Brutalität und die blutige Realität eines Autounfalls festhalten wollen. Ich habe auch kein Verständnis dafür, dass es Leute gibt, die das scheinbar tun müssen, weil es irgendwie geil für sie ist endlich mal so nah am Leben zu sein durch den Tod. Weil der Tod ansonsten in die Krankenhäuser und Altenheime verbannt ist. Und weil der Tod aus zweiter Hand, endlos im Fernsehen vorgeführt, wohl nicht mehr reicht. Menschen, die mit ihrem Smartphone Fotos von Autounfällen machen, wollen den echten Tod, wollen richtiges Blut sehen und dann hinterher damit angeben können. Solche Menschen sollten sich nur einmal kurz vorstellen wie sie röchelnd auf dem nassen Asphalt liegen während ihre Liebsten neben ihnen um ihr Leben ringen. Und das letzte, das sie noch sehen ist, wie jemand ein Foto von ihnen macht! Wenn diese Vorstellung den sensationsgeilen Gaffern noch nicht reicht, dann sollen sie ihr Smartphone in die Hand nehmen und kurz mal die Rechtslage checken. Allein ihr Gaffen kann sie bis zu 1000 Euro Bußgeld kosten. Fotos von einem Unfall zu machen ist ein Eingriff in die Persönlichkeitsrechte und kann mit Gefängnis bis zu zwei Jahren bestraft werden. Zu Recht!

 

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„Wo einer kniet, ist ein Engel zugegen“. Ein Satz der Schriftstellerin Claire Goll. Für die einen mag der Satz fromm, unterwürfig und gläubig, oder abergläubisch klingen. Für andere zeitlos zauberhaft. Knien ist eine Demutsgeste. Im besten Fall begibt man sich freiwillig auf den Boden oder auf eine harte Kirchenbank. Wie Willy Brand in Warschau, als er am Ehrenmal des Warschauer Ghettos mit seinem Kniefall die deutsche Schuld öffentlich sichtbar eingestanden hat. Und auf einer Kirchenbank kniet man nicht vor dem Pfarrer nieder oder um sich zu kasteien, sondern aus Ehrfurcht vor Gott. Ja aber warum soll da ein Engel zugegen sein? Engel, die als Boten Gottes gelten, als Zwischenwesen zwischen Himmel und Erde? Vielleicht weil Menschen, die knien, gerade dadurch, dass sie sich im Wortsinne erniedrigen in höhere Sphären gelangen können. In geistig-geistliche Sphären, in diesen Zwischenraum zwischen Himmel und Erde, in dem auch Engel gedacht sind. Vielleicht auch, weil Menschen, die knien meistens gute Gedanken haben. Sie bitten um das Wohl für andere Menschen oder um Verzeihung. Sie beten für sich oder um den Frieden. Oder sie danken Gott für das Gute in ihrem Leben oder dafür, dass etwas gut gegangen ist. Mir gefällt diese Vorstellung, dass genau dabei diese unsichtbaren Flügelwesen anwesend sein sollen. So wie Bienen zum Nektar fliegen und um die Blumen herumsummen.
Der Schriftsteller Peter Handke muss ähnliche Gedanken gehabt haben, als er darüber nachgedacht hat, wie schön es ist, wenn Liebende in ihrer Liebe etwas Drittes bei sich wähnen, sei es ein Engel oder Gott. Handke schrieb: „In der Kathedrale küssten sich zwei, noch fast Kinder, im Knien lange. Lösten sich dann voneinander und beteten.“

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