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SWR3 Gedanken

Ob Gott in der Schöpfung nicht doch manche Fehler unterlaufen sind? frag ich mich manchmal.
Ein Beispiel: das Jungfernhäutchen. Das hat Männer dazu gebracht, zu meinen, das Ding müsse einen Sinn haben.
Und so haben Männer in fast allen Kulturen gedacht, eine jungfräuliche Frau, sei was Besonderes - ein kostbarer Besitz.
Heute noch gibt es Kulturen, in denen der Beischlaf mit einer Jungfrau als Allheilmittel für Männer gilt – gegen Impotenz und AIDS zum Beispiel.
Nicht nur sizilianische Mafiabosse, auch deutsche Herren nahmen für sich das Recht der ersten Nacht in Anspruch.
Das Jungfernhäutchen ist nur ein Häutchen, aber es steht für die Absurdität des Denkens, dass Frauen kein Recht haben auf ihre sexuelle Selbstbestimmung.
In Deutschland sind wir in den letzten Jahren diesbezüglich viel weiter gekommen, Gott sei Dank! Oder vielmehr der Frauenbewegung sei Dank!
Aber bis in die 70er Jahre hatte eine Frau ihre ehelichen Pflichten zu erfüllen, will sagen: der Mann hatte das Recht, seine Ehefrau zum Beischlaf zu zwingen und erst in den 90er Jahren wurde das entsprechende Gesetz erlassen, das sexuelle Übergriffe auch in der Ehe verbietet -Aber wie leicht ist es immer noch für einen Mann, so zu tun, als hätte er nichts gemerkt von der Ablehnung der Frauals gehöre Nein-sagen zum Liebesspiel.
Und jetzt also diese massenhaften sexuellen Übergriffe an Silvester in Köln.
Ich will darauf vertrauen, dass ich sicher bin, wenn ich nachts alleine unterwegs bin.
Ich weigere mich Angst zu haben.
Ich halte das für ein unglaublich wertvolles Gut unserer Gesellschaft.
Und ich weiß genau, die allermeisten Männer begegnen Frauen mit Respekt:
Biodeutsche, genauso wie solche mit Migrationshintergrund, Flüchtlinge, Schwarze und Weiße, Junge und Alte.
Die es nicht tun, sollten diesen Respekt lernen, nicht nur wegen der Polizei, sondern wegen der aufrechten selbstbewussten Frauen, die ihnen entgegentreten.
Also nochmal: was hat sich Gott bloß dabei gedacht als sie das Jungfernhäutchen schuf?
Ich glaube, es kann nur ein Witz gewesen sein und eine Lernaufgabe für Männer, denn Frauen sind nicht zu besitzen ob mit oder ohne Jungfernhäutchen.

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Was in Köln passiert ist, zerreißt mich fast. Ich weiß, das geht vielen so.
Es ist eine Katastrophe für alle, die sich seit Monaten und Jahr und Tagum Flüchtlinge bemühen. Und es ist eine Katastrophe für die Flüchtlinge, weil nun das Misstrauen und die Ablehnung noch größer werden.
Es zerreißt mich fast, weil mir Flüchtlinge, genauso am Herzen liegen wie Frauenrechte.
Ich denke an die Frauen, die hier leben und Opfer männlicher Gewalt geworden sind.
Und ich denke an die Frauen unter den Flüchtlingen, die genau wegen dieser Gewalt hierher geflüchtet sind.
Es zerreißt mich, weil ich so viele Flüchtlinge kenne, die voller Angst hierher gekommen sind und hier wiederum bedroht werden und Gewalt erleben.
Ich denke an die Flüchtlinge, die mir erzählten, wie sie in ihrem Camp den entdeckt haben, den sie als IS-Kämpfer erlebt hatten und wieviel Angst sie vor ihm hatten.
Sie haben ihn sofort angezeigt. Aber glaubt man ihnen? Wir haben im vergangenen Jahr das Wunder erlebt, dass die Zivilgesellschaft sich erhebt und für die Flüchtlinge einsteht.
Jetzt hat sich drastisch gezeigt, dass unter den Flüchtlingen auch Verbrecher sind, die Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit mit Füßen treten.
Ich befürchte, dass sie genau wissen, was sie da tun:
Sie versuchen die Gesellschaft zu spalten und junge Leute zu radikalisieren:
Sie bringen die Ängstlichen und die Rechten zu Abwehr und Gewalt und Aggression gegen Migranten und wollen immer mehr jungen Migranten das Gefühl geben, dass sie hier keine Chance haben.
Wie sollen wir umgehen mit dieser Katastrophe? Was lernen wir daraus?
Ich glaube, es gibt keine andere Lösung als die, wachsam, nüchtern und unverdrossen weiter zu arbeiten an der Integration der Vielen, die einfach nur nach einer Chance suchen, wieder ein normales Leben führen zu können.
Wie der 15-jährige Saad Allah, der seit März deutsch lernt. Mathe und Physik und Chemie klappen schon gut in der Schule. Er ist schüchtern und sanft aber beharrlich.
Zahnarzt will er werden. Ich glaube er schafft das!

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Shavgar ist schon seit sechs Jahren in Deutschland, als er herkam war noch Frieden in Syrien. Er hat hier angefangen zu studieren, aber nach einem Jahr wurde alles anders:
Der Krieg in seiner Heimat hat es seinen Eltern unmöglich gemacht, ihn weiter zu finanzieren. Nach und nach wurde die Situation für die Familie immer schwieriger.
Die beiden jüngeren Brüder sind nach dem Abitur geflüchtet.
Sie sind vor der Einberufung in Assads Armee desertiert, die Eltern, die Großmutter, der kleinste Bruder, lebten in einer vom IS bedrohten Region in Nordsyrien.
Shavgar war verzweifelt vor Sorge, ist krank geworden darüber und hat alles getan um seine Familie hierher zu retten.
Nach jahrelangen Bemühungen konnten erst die Brüder und schließlich auch der Rest der Familie nachkommen. Shavgar dachte, jetzt wäre das Schwierigste geschafft.
Aber dann kamen die vielen Flüchtlinge ins Land und so viele die zuvor voll Verständnis waren, wenn sie von der geflüchteten Familie hörten, haben nun Angst, wurden unfreundlich und abweisend.
„Ich kann die Leute ja verstehen, und ihre Angst, aber was können meine Eltern dafür?“ sagt Shavgar.
Da sind die einen die helfen, aber immer mehr Leute werden immer aggressiver gegenüber den Flüchtlingen.
Die Eltern fürchten sich auf die Straße zu gehen. Er sagt: „Sie verstehen ja nicht was die Leute sagen, aber die Blicke verstehen sie sehr wohl.
Und da reicht es, wenn sie sich endlich hinaus trauen und einmal spüren, dass sie hier nicht willkommen sind, das nimmt ihnen den ganzen Mut, sie haben doch eh alles verloren.
Auch ich bin ein anderer geworden. Ich bin viel empfindlicher. Die Blicke treffen auch mich. Früher war ich ein Student und es war nur die normale Ablehnung von Fremden, die ich so erlebt habe. Ich konnte das aushalten, weil ich wusste warum ich hier bin.
Aber jetzt ist meine ganze Familie hier.
Sie sind Flüchtlinge. Ich gehöre zu ihnen und ich kann auch nicht zurück nach Syrien.
Ich war ein Student, jetzt bin ich selbst ein Flüchtling geworden.“

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In Mannheim in der Vesperkirche kommen jeden Tag bis zu 600 Menschen in Not zusammen.
Eine kenne ich schon seit vielen Jahren Sie spart im Januar die Heizung zuhause und kommt zu uns zum Essen.
Dann setzt sie sich gerne in eine warme, ruhige Ecke, wo sie Rätsel lösen kann oder Mathematikaufgaben rechnen. Oder sie plaudert mit Leuten, die sie kennt. Eigentlich war sie schon immer krank.
Bruder und Vater haben sie missbraucht und misshandelt. Die Mutter hat sich nicht um sie gekümmert. Wenn sie nicht in Depressionen versinkt, weil sie sich kaum noch bewegen kann oder voll Furcht ist, weil jede Berührung sie schmerzt, dann ist sie einfach ein Wunder:
Ein heiteres fast kindliches Gemüt:
Neulich, keine Kinder da und die Leute am Tisch für die Kinderbetreuung langweilen sich, da sitzt sie mit zwei anderen Gästen zusammen und amüsiert sich köstlich dabei, mit ihnen ein Kindermemory zu spielen.
„Wie wär’s“, sagt sie, „man könnte doch auch für die Großen einen Spieletisch einrichten, nicht immer nur für die Kinder.“!
Den habt ihr doch schon, sage ich, und freu mich – wie die Kinder.

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Warum ist Gott aus dem Himmel geflohen? So erzählt es die Bibel.
Gott ist aus dem Himmel geflohen auf die Erde in die Armut eines Stalls, damals in Bethlehem.
Wir haben es an Weihnachten gefeiert.
Warum also flieht Gott vom himmlischen Thron in menschliche Armut?
Ein Wirtschaftsflüchtling war Gott wohl eher nicht, wurde auch nicht verfolgt im Himmel oder hätte Gewalt oder Not gelitten.
Wie auch immer: es war ein Wunder, wie immer wenn jemand sich von oben nach unten in Bewegung setzt, wenn jemand seinen sicheren, privilegierten Ort verlässt und mitlebt, in Armut.  
Jeden Tag erleben wir das Wunder dieser Bewegung in der Vesperkirche.
Da kommen jeden Tag mehr als 500 Menschen aus ihrer Not und Bedürftigkeit hin, erhalten Essen und Beratung und finden Gemeinschaft. Und die, die helfen sind ganz unterschiedliche Leute:
Schülerinnen und Schüler, Ärzte, Seniorinnen, der ehemalige Oberbürgermeister und Mitarbeiterinnen verschiedener Firmen.
Viele helfen seit vielen Jahren immer hier mit. Sie bedienen und umsorgen, auch und gerade die, denen ihr Leben ganz entglitten ist, die auf der Straße leben, die sich wegzoomen oder volllaufen lassen.
Inmitten dieser Kirche, die mit Leid und Not bis oben angefüllt ist, da spüren wir:
Gott schenkt Wunder, und macht glücklich.
So wie mit Herrn K., der hat jahrelang auf der Straße gelebt, letztes Jahr hat er durch die Vesperkirche eine Wohnstelle gefunden im Haus Bethanien, dort hat er aufgehört zu trinken und jetzt sucht er nur noch eine eigene Wohnung.
Da steht er vor uns und strahlt und das Leuchten in seinen Augen breitet sich aus und schon wieder steht der Himmel offen.
Gott flüchtet aus dem sicheren Himmel auf die Erde.
Er erhebt die Schwachen und Flüchtlinge aus ihrem Elend. und flieht mitten hinein in die Finsternis. Gottes offener Himmel ist ein warmer zärtlicher Mantel, der macht aus unserer Kirche eine Zuflucht. Deswegen ist Gott geflüchtet. Das glaube, ja darauf vertraue ich!

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„Sagen Sie, ist die Kirche diesen Winter nicht geöffnet?“ Der Mann deutet mit dem Kopf rüber zu unsrer Kirche und in seinen Worten schwingt Angst mit.
„Keine Sorge, sage ich, morgen machen wir auf, wie immer am 6. Januar“.
„Ach, dann sind das nur Außenarbeiten, die Baustelle da drüben, dann ist ja gut, ich dachte schon…“,
Der Mann sammelt seine Sachen ein und schnallt sie auf sein Fahrrad.
Mag schon sein, er ist einer von denen die hierher nach Mannheim kommen, weil sie wissen: es ist Vesperkirche.
Vesperkirche heißt:
da bekommt jeder so viel zu essen bis er oder sie satt wird und Kuchen und noch einen Vesperbeutel für den Abend. Und ein offenes Ohr finden die, denen sonst kaum einer zuhört.
Manche kommen nur über die Brücke von Ludwigshafen, manch einer vielleicht sogar von weiter her.

Mag schon sein, dass Leute, nur in unser Land kommen, weil sie hoffen, dass sie hier mehr Chancen haben, als in ihrem Zuhause wo Gewalt ist und Armut und bittere Not.
Mag schon sein, dass noch immer Menschen hoffen und ahnen, dass ihr Leben anderswo besser sein könnte und versuchen sich, ihr Leben und ihre Kinder zu retten.
Dass die Hoffnung Zuflucht suchen lässt, mag schon sein.
Ist das böse? So viele empören sich, dass andere ihrer Hoffnung folgen und sich auf den Weg machen. Warum? Würden wir nicht auch alles tun,unser Leben und unsere Familien zu retten?
Mag sogar sein, dass manche gerettet werden durch die Flüchtenden, wie durch die Hilfesuchenden in der Vesperkirche.
Manche werden gerettet, weil sie helfen, und so wieder Sinn finden in ihrem Leben und neu hoffen auf Nähe und Gemeinschaft und Barmherzigkeit.
Ich finde, das mag alles sein.

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Es ist Januar und in der CityKirche Konkordien in Mannheim ist wieder Vesperkirche – wie in vielen Kirchen in vielen Städten in Deutschland.
Jeden Tag kommen bis zu 600 Menschen in unsere Kirche in der Hoffnung auf ein gutes Essen im Vertrauen auf ein gutes Gespräch. Sie suchen Geborgenheit und Verständnis und Begegnungen über die Grenzen ihrer eigenen Welt hinaus.
Eine ältere Dame, die schon seit vielen Jahren zu uns kommt, sagt zu mir: „ich finde dieses Jahr sehen die Leute, die hierher kommen, aus als wenn sie es noch nötiger hätten als sonst.
Sehen Sie, wie sie die Köpfe hängen lassen.“
Ehrlich gesagt kommt es mir so vor, als wenn es ihr in diesem Jahr, schlechter gehen würde als sonst.
Aber sie hat recht. Es sind auf keinen Fall weniger Leute als letztes Jahr.
Umso wunderbarer, dass auch in diesem Jahr wieder so viele Menschen mitarbeiten in der Vesperkirche.
Obwohl doch so viele jetzt auch wegen der Flüchtlinge helfen. Wieso sie das wohl machen, fragt eine junge Kollegin, die ganz erstaunt ist über die Begeisterung hier mitzuhelfen.
Warum zum Beispiel jedes Jahr zur Eröffnung die Feinschmeckerchuchis kochen?
Diesmal gibt’s Königsberger Klopse mit Kapernsoße. Sehr lecker!
„Das können wir uns nicht nehmen lassen,“ sagt einer der Köche. „Solche Begeisterung wie hier,
So viel Freude und Dankbarkeit für einen vollen Teller mit leckerem Essen, das erleben wir so sonst nie!“
Ich sehe, wie die Augen leuchten, wenn der Teller voll ist, und Gott selber grinst und streichelt sich den Bauch vor Genuss.

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