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SWR3 Gedanken

Mach‘ Schluss mit der Gleichgültigkeit –
erringe den Frieden:
Unter dieser Überschrift hat Papst Franziskus zu Neujahr
eine Friedensbotschaft in die Welt geschickt.
Alle Menschen guten Willens sollen sich angesprochen fühlen.

Und zwar zunächst auch mit Lob oder jedenfalls mit Anerkennung.
Ja – da war schon viel Gutes dabei im vergangenen Jahr.
Dass die Mächtigen der Welt sich darauf verständigt haben,
den Anstieg der Erd-Temperatur zu stoppen,
und zwar noch ein bisschen schneller als lange gefordert:
Das ist mindestens ein Zeichen, das Hoffnung machen kann.

Andererseits: Kriege und terroristische Aktionen…,
Entführungen, ethnisch und religiös motivierte Verfolgungen
und Machtmissbrauch haben das vergangene Jahr charakterisiert;
fast könne man es einen „dritten Weltkrieg in Abschnitten“ nennen.
Da ist Franziskus realistisch und konkret.
Doch einige Ereignisse des gerade verbrachten Jahres
regen ihn an, sagt er, wenn er für das neue Jahr wieder dazu auffordert:
verliert nicht die Hoffnung auf die Fähigkeit des Menschen,
mit Gottes Gnade das Böse zu überwinden.
Die Menschheit zeige sich weiter fähig zu solidarischem Handeln
jenseits von Apathie und Gleichgültigkeit.

Die Gleichgültigkeit habe sich inzwischen globalisiert, meint der Papst,
und hat viele Hinweise auf das große allgemeine „Egal“.
Gleichgültigkeit gibt es im privaten Bereich;
egal scheint allzu vielen Menschen aber auch
das gemeinsame Haus der Schöpfung
und zwischen Staaten und Nationen weltweit viel zu wenig Sorge füreinander.

Mitgefühl und aktive globalisierte Barmherzigkeit beschreibt er als Gegengift.
Und weist darauf hin, wie viele Familien ihre Kinder
auch „gegen den Strom“ zu Solidarität und Geschwisterlichkeit erziehen!
Wie viele Familien öffnen den Flüchtlingen und Migranten
ihre Herzen und ihre Häuser!
Familien, Pfarreien, Klöster haben auf Franziskus‘ Aufruf reagiert,
und eine Flüchtlingsfamilie aufgenommen.

Globalisiert diese Barmherzigkeit – das wäre ein guter Weg zum Frieden… 

https://www.kirche-im-swr.de/?m=21185

Ob das Gute wirklich überwiegt, entscheidet jeder für sich; aber es braucht eine Chance – gerade für‘s nächste Jahr…

Heute blicken viele zurück auf das Jahr, das heute Abend vergehen wird.
Das ist mehr als nur so traditionell dahingesagt.
Zurückblicken auf das, was gut war in den letzten zweiundfünfzig Wochen;
noch mal in Erinnerungen schwelgen, den herben Geruch des Meeres
oder die Kühle eines Morgens in den Bergen schnuppern,
noch mal daran denken, wo ich richtig gut drauf war,
vielleicht sogar einen kleinen Erfolg hatte.
Die Freude noch mal spüren, als mir jemand einfach nur gesagt hat:
Gut, dass du da bist – oder
Schön, dass ich mit dir zusammenarbeiten darf:
Solche kleinen oder auch großen Sachen eben,
die den Alltag oder den Urlaub schön gemacht haben.

Schon deswegen, weil sie ja sozusagen im Wettbewerb stehen
mit den eher dunkleren Momenten; die sind auch dagewesen.
Die Schrecksekunde, als ich gerade noch den Fußgänger gesehen hatte,
der mir fast vor’s Auto gerannt wäre.
Der jüngste Sohn von Freunden, der völlig abgedriftet ist.
Die wirklich bösen Worte zwischen Mann und Frau,
die sie haben stehen lassen,
statt sie vor dem Zubettgehen
noch auszuräumen oder sich zu vertragen…

Zurückblicken – das kann auch schon mal schmerzlich sein.
Aber das muss ich aushalten – und ich kann es,
weil eigentlich doch das Gute überwiegt,
das, wofür ich dankbar bin und was mich gestärkt hat.
Dankbar den Menschen; und dankbar dem Gott,
der sie mir zur Seite stellt
und bei dem ich mich so gut aufgehoben fühle.

Das Gute – weltweit hat es in diesem Jahr oft und oft ausgesehen,
als würde es komplett unter die Räder kommen.
Die Hoffnung nicht verlieren,
rät Papst Franziskus in seiner Friedensbotschaft zum Neuen Jahr;
weil: selbst noch so kleine positive Ereignisse zeigen uns
die Fähigkeit der Menschheit zu solidarischem Handeln.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=21184

Mein Bruder und ich hatten uns wegen irgendeinem Tinneff geprügelt;
es war ein bisschen Nasenblut geflossen.
Abends lädt unser Vater uns wortlos ein, wir marschieren eine halbe Stunde
in den tiefdunklen Wald hinein, er setzt uns ein Stück weit vom Weg
auf einen Baumstumpf und schlägt vor,
dass wir jetzt mal überlegen oder miteinander besprechen können,
was das war – und wie es nie wieder vorkommen sollte.
Er geht mal hundert Meter weg…
Wir haben geredet – und geprügelt hatten wir uns jedenfalls zum letzten Mal.
Jedenfalls hat Vater uns damals ein Stück Gewaltfreiheit lernen lassen.

Die ist mir eingefallen, als der deutsche Bundestag
seinen „Tornados nach Syrien“-Beschluss gefasst hatte.
Auch in unserer Kirche hat das eine heftige Diskussion ausgelöst.
Sogar die Friedenskommission Justitia et pax
fand den Militär-Einsatz gegen die IS „gut nachvollziehbar“.

Ich bin immer noch unsicher, was ich selbst dazu meine und sage.
Irgendwie scheint unser alter Pazifismus nicht mehr zu funktionieren.
Ja, es ist immer besser, zu reden und zu verhandeln
als zu schießen und zu bombardieren.
Aber überall da, wo "IS" inzwischen herrscht – vor allem
in den Köpfen und Herzen von leider immer mehr Menschen –
da scheint es ja nicht mehr möglich zu sein, zu reden und zu verhandeln.
"IS" verweigert das Gespräch
und macht diese Verweigerung zum Teil seiner Werbebotschaft.
Was kann man da noch tun, als ihnen (leider mit Gewalt) Einhalt zu gebieten?

Ich bin jedenfalls ziemlich ratlos mit meiner pazifistischen Haltung.
kann nur hoffen, dass die Welt endlich für ein Ende der Gewalt sorgen wird
und den Menschen da in Syrien und Irak neue Lebensperspektiven eröffnet.

Ja – es bleibt entsetzlich.
Ja, es widerspricht allem, was ich über Reden statt Gewalt gelernt habe –
aber wenn das alles doch offensichtlich nicht funktioniert…!?
Ich bete jedenfalls, dass Gott dem Leiden der Menschen ein Ende setzt,
die Herzen erweicht und Wege zum Frieden weist.
Das alles in Gottes barmherzige Hände zu übergeben
bedeutet  ja mehr, als meine ratlosen Hände in den Schoß zu legen!

https://www.kirche-im-swr.de/?m=21183

Feuerwerk ja – aber nur leise? War wohl nicht witzig gemeint; aber es geht auch radikaler…

Ob das ein ganz ernst gemeinter Vorschlag war:
Damit Menschen, die zu uns nach Deutschland geflüchtet sind,
weniger erschreckt werden,
sollten die Leute doch bitte eher leisere Raketen
und Feuerwerks-Böller einsetzen in der Silvesternacht!?

Schon wahr: Sehr viele Menschen sind auf der Flucht vor Gewalt und Krieg,
und viele von ihnen, besonders die Kinder,
sind in ihrer Seele schwer verletzt;
und das könnte wahrscheinlich wieder aufbrechen und weh tun,
wenn’s gegen Mitternacht zu krachen anfängt
in diesem friedlichen Land.

Aber „leisere Kracher“ – ist das die Alternative?
Andere Stimmen sind schon älter als die mit dem Rücksichtnahme-Feuerwerk;
sie machen andere Vorschläge:
„Beten statt Böller“, sagen ein paar christliche Gruppen.
Und treffen sich gegen Mitternacht in immer mehr Kirchen
oder im erweiterten Familienkreis,
lesen zum Beispiel den Anfang der Bibel mit der Schöpfungsgeschichte
und bitten Gott um seinen Segen für ein gutes Jahr.

„Brot statt Böller“ schlagen unter anderen auch kirchliche Hilfswerke vor.
Gute 130 Millionen Euro könnten vielen Menschen
zu einem besseren Leben helfen,
statt in ein paar Stunden bunt und laut verbrannt zu werden.
Ja – hundertdreißig Millionen, schätzen Handel und Industrie,
werden sie ab heute umsetzen. Was wäre das für eine Kollekte!!!

In Irland z.B. –
ist die ganze private Knallerei und Blitzerei  verboten.
Geht auch, wenn zum Beispiel ein paar Wunderkerzen abbrennen,
draußen auf der grünen Wiese; vielleicht sogar die Maxi-Wunderkerzen.
Und wir können Gott danken für das Vergangene
und ihm das Jahr 2016 und die ganze Welt und uns selbst ans Herz legen.
Und wenn neben all dem Krach
die Kirchenglocken  ins neue Jahr läuten
heißt es natürlich auch bei uns: Prosit Neujahr!

https://www.kirche-im-swr.de/?m=21182

Menschen sind auf der Flucht – schon immer; wer ihnen die Tür weist, lädt auch den Flüchtling Jesus gleich wieder aus – so kurz nach Weihnachten…

Dies ist die Zeit von Menschen auf der Flucht -
heute, in ganz Europa und im Nahen und Mittleren Osten
und in Afrika – die Nachrichten sind voll davon.

Aber das ist schon seit über zweitausend Jahren immer wieder mal so.
Die Kirchen erinnern paar Tage nach Weihnachten wieder daran.
Daran, wie es der Familie Zimmermann Josef aus Nazaret ergangen ist, damals:
Sowieso schon in einer fremden Stadt hatten sie ihren Sohn zur Welt gebracht,
im Notquartier, bestenfalls einem besseren Stall.
Und dann verbreitet sich die Nachricht,
dass da gerade ein durchgeknallter Kleinmachthaber
mit dem Titel König sich bedroht fühlt
und mal eben alle Neugeborenen Jungs totschlagen lässt.

Herodes – politisch wirklich ein eher kleines Licht;
bedeutsam eigentlich nur, weil er mit der Besatzungsmacht kollaborierte.
Aber die ließen ihn machen – und wenn er seine Macht bedroht sah,
sollte er doch dreinschlagen.

Laut Bibel hat da ein Engel den frischgebackenen Vater
nachts aus dem Schlaf gerissen. Steh auf, nimm das Kind und seine Mutter
und flieht nach Ägypten – der König trachtet euch nach dem Leben.

Jesus verbringt seine ersten Tage und Jahre auf der Flucht –
kann man da noch ernsthaft fragen,
auf welcher Seite Christenmenschen heute zu stehen haben?
Man kann – die Tage bekam ich eine Mail,
in der jemand seinen Austritt aus der katholischen Kirche bekanntgab.
Begründung: Die Kirchen, speziell die katholische Kirche
sei Schuld an der Flüchtlingswelle – so nannte der das.

Schuld an der Welle! Einfach weil christliche Stimmen darauf hinweisen,
dass Menschen auf der Flucht menschlich behandelt gehören,
aufgenommen versorgt integriert – einfach weil sie Menschen sind.
Weil christliche Hände helfen, wo es nur geht – wo soll da Schuld sein?

Es ist einfach so herum richtig:
Menschen, die heute auf der Flucht sind wie Jesus und seine Leute damals:
In ihnen treffen wir ihn selbst – sollte niemand ihm die Tür weisen!

https://www.kirche-im-swr.de/?m=21181

Dieser Sonntag zwischen den Jahren steht auch für die Kirche
irgendwie dazwischen:
Zwischen dem Jesus-Kind in der Krippe im Stall in Betlehem
und dem Prediger, der dann später ziemlich revolutionär auftreten wird.
Heute, am Fest der Heiligen Familie, gibt es eine Jugend-Geschichte.

Heilige Familie: Jesus Maria Josef; Zimmermannsleute in Nazaret,
oben im ländlichen Galiläa im Land Israel.
Aber keine Spur von Familien-Idylle, irgendwie.
In den katholischen Kirchen lesen sie heute die Geschichte,
wie Jesus sich von der Familie emanzipiert oder sogar distanziert
– mit zwölf Jahren, bemerkenswert früh auch in unseren frühreifen Zeiten.

Die Geschichte geht so:
Familie pilgert zum Osterfest nach Jerusalem;
ja, waren fromme Leute.
Sie bleiben eine Woche da, gehen in den Tempel,
treffen Bekannte – was man so tut auf der Wallfahrt.
Und dann geht’s wieder heim. Die Erwachsenen mit anderen zusammen –
und
 der Sohnemann wird schon bei seinen Freunden sein. Aber denkste.
Abends fehlt er, die Eltern sind aufgelöst, suchen überall,
eilen nach Jerusalem zurück.
Und finden ihn am dritten Tag, in der Tempelschule.

Da sitzt er mit den Professoren und Religionslehrern zusammen
und hat sie in intensive Gespräche verwickelt.
Alle staunen, wie er zuhört, kluge Fragen stellt und Antworten gibt,
die eine große Weisheit an den Tag legen.
Ob das religiöse Establishment wohl schon gemerkt hat,
was ihnen da für eine Konkurrenz heranwächst?

Die Eltern lassen die Frage gar nicht erst aufkommen.
Machen ihm Vorwürfe, wie er sie so in Angst versetzen konnte…
Kein Stress – ich musste doch im Haus meines Vaters sein – im Tempel.
Eine kühne Antwort – und wie gesagt: alles andere als Familien-Idylle.

Aber es war erst mal nur ein kleiner Ausbruch – noch am gleichen Tag
geht er mit ihnen heim; die Spannung wird die Familie begleitet haben,
die nächsten fünfzehn zwanzig Jahre – ganz normale Leute eben!

https://www.kirche-im-swr.de/?m=21180