Alle Beiträge

Die Texte unserer Radiosendungen in den Programmen des SWR können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
Klicken Sie unten die gewünschte Sendung an.


SWR3 Gedanken

In Indien dürfen nicht alle lieben, wen sie lieben wollen:
Stammt ein Paar aus verschiedenen Religionen, verschiedenen Kasten,
machen die Familien nicht mit.
Liebespaare, die sich dem Willen der Familie widersetzen, müssen mit allem rechnen.
Sie werden eingesperrt und zwangsverheiratet mit anderen Partnern.
Und wenn sie sich trotzdem treffen oder heiraten, werden sie mindestens verstoßen.
Nun wurde eine Organisation gegründet. Die nennt sich LOVE COMMANDO.

Da können die Paare anrufen und bekommen Hilfe.
Sie werden versteckt in heimlichen Wohnungen.
Sie bekommen Hilfe um sich ein neues Leben aufzubauen, aber vor allem erleben sie, dass sie lieben dürfen, die Liebe ihres Lebens.
Love Commando ist ein Rettungskommando für die Liebe.
Für mich ist Weihnachten so eine Art himmlisches LOVE COMMANDO.
Weil die Liebe an Weihnachten oft ziemlich verborgen ist unter Familienkrach, zerrissenem Geschenkpapier, und der Erschöpfung von zu viel Gans und Fondue und Marzipan und Grappa.
Aber manchmal bricht das LOVE COMMANDO aus dem Himmel herein.
Wenn zum Beispiel der alte Vater aus dem Heim geholt inmitten der Familie mitfeiert, wenn Geschwister nach Jahren wieder einmal zusammenfinden und sich seit langem wieder richtig zuhören, oder wenn aus Rücksicht auf die Kinder, Eltern einmal nicht gleich in Schuldzuweisungen ausbrechen.
Dann klatscht unser Vater im Himmel in die Hände und wiegt sich in den Hüften und die Engel jubeln Hosianna und Halleluja.
Klar die Erwartungen an das LOVE COMMANDO sind immer ziemlich hoch.
Egal ob in Indien oder unterm Weihnachtsbaum und das mit der Liebe funktioniert nie für immer und allezeit,
ohne dass es zwischendrin Krach und wieder Versöhnung gibt. Aber wer an Weihnachten zwischendrin einmal ganz leise wird, kann sehen und hören wie das himmlische Liebeskommando seinen Jubel anstimmt.
Da tanzen die Engel auf der Wäscheleine, Weihnachtsspatzen zwitschern Lieder und das Kind in der Krippe zwinkert und summt mit.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=21149

Tüten sind bei uns wichtig. Das ganze Jahr über. Weil hier so oft jemand hereingeschneit kommt, der sein ganzes Leben mit sich trägt in ein paar Tüten.
Da sind ein paar Klamotten drin und immer mal auch erstaunliche Schätze.
Ein gerahmtes Bild vom verstorbenen Sohn; ein Mathebuch mit dem einer selbst unterrichtet hat. Damals als er noch Lehrer war. Oder eine duftende Seife. Tüten stellen die Leute ab, die vom Einkauf auf dem Markt vorbeikommen oder sonst aus der Stadt.
Und Tüten sind besonders wichtig an Weihnachten, wenn in der Heiligen Nacht hier fast 300 Leute kommen, die sonst allein zuhause wären oder gar kein zuhause haben.
Da bekommt jeder eine Geschenketüte die liebevoll gepackt ist mit Söckchen und Mützen und Handschuhen Schals und Rasierschaum, Schampoo und Plätzchen und Kerzen.
Eine Frau hat einen besonders schönen bunten Schal darin gefunden und immer wenn sie mich sieht wedelt sie damit und ruft: Den hab ich von Ihnen bekommen!
Tatsächlich hatte ich zehn Tüten in der Hand und sie hatte zufällig diese bekommen.
Und trotzdem: Ich seh sie wedeln von fern.
Sie strahlt mich an mit ihrem verwüsteten Gesicht und lächelt mit wenig Zähnen aber voll Glück.
Sie ist so beschenkt, als wäre das Christkind ihr persönlich auf den Schoß gekrabbelt und hätte sich bei ihr eingekuschelt.
Und ihr Gesicht strahlt so, dass alle Wissenschaftler, die sich fragen, woher sie eigentlich kommt- die Weihnachtsfreude nur sie studieren brauchen, dann hätten sie eine Antwort:
Und die lautet: Die Freude kommt daher, dass eine spürt, dass sie erwählt und gewollt ist und Gott zu ihr kommt, ganz persönlich eben
und sie dann wedeln kann mit ihrem wunderschönen bunten Schal.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=21148

An Heiligabend ist bei uns die Kirche immer voll. Erst wird gebetet und gesungen. Krippenspiel und O du fröhliche, wie in so vielen Kirchen heute Abend.
Aber schon im Gottesdienst kann man mitkriegen, dass hier Leute unterwegs sind. Die anderswo vielleicht nicht so in Weihnachtsgottesdiensten zu finden sind neben den Familien mit den kleinen Kindern und den gut gekleideten Festtagsgästen.
Bei uns sind es die Obdachlosen und die Bedürftigen der Stadt die hierher kommen.
Es sind Arbeitslose, Hoffnungslose, Frauen und Männer, die seit Jahren keine geheizte Wohnung und keinen gefüllten Kühlschrank haben.
In der Heiligen Nacht sind sie bei uns zu Gast.
Die Tische werden gedeckt und es gibt Plätzchen und Kaffee und Braten und Klöße. Jedes Jahr kommen mehr Gäste.
Und es sind auch viele da die helfen.
Manche, die helfen, wären sonst einfach allein zuhause. Andere haben genug von der Enge der Familie. Dieses Jahr hilft Mustafa mit. Er kommt aus dem Irak. Ingenieur ist er, Muslim, jung, witzig und nett. Seit einigen Monaten ist er hier. Sein Asylverfahren kommt nicht richtig in Gang, darüber kann er lange traurige Geschichten erzählen:
Von verzweifeltem Warten und umsonst-Hoffen.
Beschämende Geschichten. In Mannheim hat er Freunde gefunden.
Aber Heilig Abend, da sind wir Deutschen speziell:
Weihnachten ist, wenn alle zuhause sind und die, die kein zuhause haben, sind richtig außen vor. Egal ob von hier oder von fern.
Da geht es fast allen wie Josef und Maria in der Weihnachtsgeschichte. Sie sind auf Herbergssuche.
Mustafa findet, dass es bei uns schön ist.
Er kommt häufig zum Kaffee trinken, wenn Flüchtlinge und andere zusammen sind. Und jetzt eben hilft er an Weihnachten mit:
Schenkt Kaffee aus, bedient die Leute, gibt Essen aus, spült. Ich bin gespannt wie das wird. Und was er sagt- über seine erste deutsche Weihnacht!

https://www.kirche-im-swr.de/?m=21147

Gäbe es die letzte Minute nicht würde nie etwas fertig!
Hat schon Mark Twain gesagt.
Ich weiß nicht wie das bei ihnen ist, aber bei mir ist das so.
Ich könnte zwischen heute und Heilig Abend noch gut und gerne zwei Wochen brauchen.
In der Stadt scheint es mir, als wenn ich damit nicht alleine damit wäre.
Alle rennen Weihnachten entgegen, kein Parkplatz zu finden die Stimmung vielfach gereizt.
Wenige schlendern noch gemütlich und betrachten die Auslagen während andere bepackt mit Päckchen und Tüten auf sie auflaufen, brüllen, weil sie im Weg stehen.
Wenn alle eilige sind, dauert alles immer länger.
Dabei geht es eigentlich nur noch um ein paar Kerzen oder um die Duftkerzen für den Räuchermann. Und ein Geschenk für Tante Gertrud, die sich nun doch noch angemeldet hat. Ich also renne mit.
Versuche zu stoppen damit keine Tüte runterfällt, wenn mir jemand in die Quere kommt, ich bin auch am Rennen, aber etwas in mir schaut dem allen zu und genießt die Aufregung die doch direkt in das Heilige mündet.
Und dann mein Gemüsemann auf dem Markt!
Der schlägt mir immer einen superfrischen Weihnachtsbaum, da muss ich mich dann schon nicht mehr mit Aussuchen beschäftigen, sondern nehme eben den, den er für mich ausgesucht hat, der ist nie perfekt, - „ah die komisch Seit‘, die stelle Sie grad in die Wand“ aber er duftet wunderbar.
Im Gegenzug begegnet er mir mit der Erwartung, dass ich noch Zeit habe zu plaudern.
Nimmt während er eigentlich mich bedienen sollte noch drei andere Leute dran, Eier für die Dame, Rote Beete und Schwarzwurzel für den Herrn.
Mir entlockt er derweil Einschätzungen über den Klimawandel, erklärt mir wie er das als Bauer sieht, natürlich über die Flüchtlinge und Frau Merkel da sind wir uns heute mal einig.
Wir finden das gut, dass sie immer wieder sagt: „Wir schaffen das.“
Plaudernd bringt er mich ganz raus aus meinem ultimativen Weihnachtsrun.
Den Baum auf der Schulter zieh ich nachhause und pfeife: Tochter Zion.
Zwei bleiben stehen, drehen sich um und grinsen

https://www.kirche-im-swr.de/?m=21146

Den gibt es jetzt bei uns in Mannheim für Flüchtlinge.
In den großen Baracken, die früher die amerikanischen GIs bewohnten leben nun tausende von ihnen.
Und damit es mindestens an den Feiertagen anders sein kann als an den anderen schwierigen Tagen.
Wir haben rumdiskutiert und Briefe geschrieben und haben es geschafft:
Da wird ein Raum eingerichtet zum Beten!
Gottesdienste von und für Christen, Freitagsgebete von und für Muslime.
Muslime sorgen jetzt dafür, dass der Raum mit Teppichen ausgelegt wird.
Und die Schuhe draußen gelassen werden.
Auf der einen Seite des Raums steht ein Altar mit Bibeln in verschiedenen Sprachen und einem Kreuz, Blumen und Kerzen.
Auf der anderen Seite gibt es eine Gebetsnische mit Gebetsketten.
Wir- das ist das Forum der Religionen in Mannheim.
In dem treten schon seit Jahren Juden, Christen und Muslime für den Frieden in der Stadt ein.
Jetzt sind wir sehr froh, dass wir uns so schnell einig waren und diesen Raum zusammen einrichten können.
Wir wissen nicht, wie das für die Flüchtlinge ist.
Da sind manche geflüchtet, weil sie nicht die richtige Religion hatten und von anderen dafür verfolgt wurden.
Viele haben Angst vor den Islamisten des IS.
Aber wir wollen deutlich machen, dass wir hier Frieden halten unter den Religionen. Dass es möglich ist, im gleichen Raum zu beten.
Manchmal auch zusammen.
Wie zur Einweihung des Raumes oder an Weihnachten.
Da werden Muslime zu Gast sein bei der Weihnachtsfeier für die christlichen Flüchtlinge.
Und heute- heute feiern Muslime den Geburtstag des Propheten.
Und Christen sind dabei, weil wir mehr leben wollen als nur gegenseitige Toleranz.
Wir sind neugierig auf die Religion der anderen, auf die Schönheit des Glaubens des anderen, der auch mich inspiriert. Vor 700 Jahren hat das der  persische Schriftsteller Hafis so ausgedrückt:
Wir sind nicht hierhergekommen,
um einander gefangen zu nehmen
oder unsere wunderbaren Seelen einzuschließen,
sondern um immer tiefer zu erleben,
was in uns göttlich ist: Mut, Freiheit, Licht.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=21145

Es gibt ja Leute die sagen:
Wenn jetzt die ganzen Flüchtlinge hier sind, wer hilft dann noch denen, die es schon länger schlecht hatten? Das Geld, das jetzt ausgegeben wird, das gibt’s doch nur einmal.
Und überhaupt: Die Flüchtlinge würden alles noch schwieriger für sie machen.
Ich kann gut verstehen, dass die alle jetzt Angst haben.
Es gibt viel zu wenig Wohnraum für Bedürftige und zu viele leben deswegen bei Freunden oder gar auf der Straße.
In der Tat müssen wir uns jetzt entscheiden: wer zahlt?
Eine Vermögenssteuer zugunsten von Flüchtlingen soll es nicht geben.
Und die schwarze Null soll auch beibehalten werden, nur keine Schulden für Arme und Flüchtlinge machen!
Während Leute auf Hilfe warten, die seit Jahren hier leben und Leute auf Hilfe warten, die aus Krieg und bitterster Not hierhergekommen sind, frage ich mich schon: wer zahlt?
Wer spürt diese sogenannte Flüchtlingskrise in seinem eigenen Leben, Tag für Tag, außer die Flüchtlinge selbst, die in Unsicherheit in Behelfsunterkünften und mit Minimalversorgung hier leben?
Bei all der Aufregung und Drohungen, dass wir das nicht schaffen können, frage ich mich: Wessen Leben hat sich wirklich verändert? Jetzt ist es dran, die Sozialpolitik insgesamt zu ändern, zum Beispiel: Wohnraum schaffen in den Innenstädten für Leute die wenig haben und für Flüchtlinge, damit die nicht in Billigwohnghettos verdrängt werden. Dass die, die sich Powershoppen vor Weihnacht leisten können und Urlaub auf den Malediven in ihrem Wohlstand nicht verblöden, dass unsere Herzen nicht verhärten, das wünsche ich mir.
Und ich hoffe auf den Gott, dessen Herz so weich ist, dass er von der Höhe seines himmlischen Throns herabsteigt, um ein Mensch zu sein.
Denn darum geht es an Weihnachten.
Um Jesus Christus, der ja auch gleich nach seiner Geburt ein Flüchtling geworden ist.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=21144

Der 4. Advent ist so eine Art ultimative Schwelle vor dem Eintritt ins Weihnachtszimmer. Drei Wochen schon haben wir auf Weihnachten gewartet.
Obwohl Warten so gar nicht zu dem gehört was die Kinder heutzutage zu lieben lernen. Und Erwachsene auch nicht.
Eigentlich aber ist Warten etwas Wunderbares:
Die Nase in den Wein halten aber noch nicht trinken;
an der Bienenwachskerze reiben, den Duft erschnuppern, aber sie noch nicht anzünden. Oder die Geschenke einpacken und sich die Gesichter vorstellen von den Beschenkten.
Herrlich! Ich liebe das.
Psychologen reden hier von: delay of gratification, also die Belohnungsverzögerung: man muss Geige lange üben bevor es schön wird, was da rauskommt. Aber dann!
Und: Es braucht eben vier Wochen Advent.
Bis Weihnachten wird und es braucht noch viel länger bis die Welt eine bessere wird, weil Gott in die Welt kommt und alles gut wird.
Darum ist es wichtig, so warten zu können, dass in der Zwischenzeit nicht nur nichts passiert. Sondern dass man übt. Wie beim Geige spielen eben.
Advent ist eine großartige Übung.
Weil mit jeder Kerze die entzündet wird, mit jedem Plätzchen das gebacken und jedem Päckchen das verpackt und verziert ist, mit dem Aufstellen der Weihnachtskrippe, dem Aussuchen des Weihnachtsbaums.
Weil allein damit ja schon etwas passiert – auch mit mir selbst. Es ist wie die brennende Geduld mit der ich dem Kommen des Geliebten entgegen gehe.
Ich schmücke mein Herz. Ich mache mich fein.
Und gehe ihm entgegen. Ich warte.
Jesus kommt – und alles wird gut.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=21143