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SWR3 Gedanken

Laufen tun viele Menschen. Und manche laufen Marathon. Eine Strecke von gut 42 Kilometern. Vor jedem, der nach so einem Lauf heil ins Ziel kommt, ziehe ich wirklich den Hut. Wie schafft man das?
Ganz bestimmt nicht, in dem man wie ein Wilder losprescht, um nach spätestens zwei Kilometern keuchend zusammenzubrechen. Eine so lange Strecke will geplant sein, bevor man den ersten Schritt tut. Damit man die Kraft einteilen kann, um überhaupt das Ziel zu erreichen.
Mein Leben kommt mir manchmal auch vor wie ein Marathon. Eine schier endlose Durststrecke, das Ziel in weiter Ferne. Und weil ich die Geduld nicht gerade mit Löffeln gefressen habe, möchte ich manchmal auch lospreschen wie eine Wilde und möglichst schnell ins Ziel sprinten. Aber dann passiert genauso dasselbe wie im Sport. Mir geht die Luft aus. Und ich muss mich ganz schön zusammenreißen, um überhaupt wieder in den Tritt zu kommen.
Um mich herum beobachte ich das derzeit bei einigen Leuten. Die im Dauerlauf durch den Alltag sprinten, oft mit schwerem Gepäck im Lebensrucksack. Manchen von ihnen schicke ich irgendwann Genesungskarten, weil sie gar nicht mehr in den Tritt gekommen sind. Weil sie einfach am Wegesrand des Lebens in die Knie gegangen sind Ohne jede Vorstellung, wie sie überhaupt den nächsten Schritt schaffen sollen.
Neudeutsch heißt das „Burnout“ und entwickelt sich langsam zu einer Volkskrankheit. Viel zu hohes Tempo, viel zu viele Aufgaben, getrieben von eigenen und fremden Zielsetzungen. Da geht Menschen die Puste aus. Und dann machen Körper, Geist und Seele schlapp.
Ich möchte, dass Ihnen das nicht passiert. Deswegen noch einmal die Weisheit des Marathons. Planen Sie Ihre Strecke, entdecken Sie die Langsamkeit und teilen Sie Ihre Kraft ein. Damit Sie heil ins Ziel kommen. Heil an Körper und Seele.

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Jahrmarkt in unserer Stadt. Mitten im Trubel der Berg- und Talbahn
entdecke ich ein älteres Ehepaar, das ich kenne. Sie fallen schon auf unter den Heerscharen von Teenagern. „Mein Mann will das“, sagt sie fast entschuldigend. „Für manche Dinge ist man nie zu alt“, sage ich und beobachte, wie die beiden in ihren Wagen steigen.
Der Bügel senkt sich, die wilde Fahrt beginnt. Eigentlich wollte ich mit meiner Tochter zur Zuckerwatte, aber ich bin so fasziniert von dem älteren Ehepaar, dass ich stehenbleibe. Je schneller die Fahrt, desto strahlender das Gesicht. Nicht seines, sondern ihres. Im Blinken des Discolichts sieht sie mindestens vierzig Jahre jünger aus. Mindestens.
Ende der Fahrt. Ich sehe die beiden aussteigen. Offensichtlich mit leicht wackeligen Knien. Aber beide ungemein vergnügt und heiter. „Das war schön“, sagt sie in einem Ton, als wäre sie selbst ein bisschen überrascht. Ich ziehe weiter zur Zuckerwatte. Aber einen Hauch von Heiterkeit nehme ich mit.
Als Erwachsene tun wir in unserem Leben so viele wichtige und ernste Dinge. Wir belächeln liebevoll unsere Kinder, die mit zwei Füßen in Pfützen springen oder sich mit dem Hund auf dem Boden wälzen oder eben juchzend Berg- und Talbahn fahren. Wir freuen uns an ihrer Heiterkeit und haben unsere längst verloren.
Aber für manche Dinge ist man wirklich nie zu alt. Zum Beispiel für die Heiterkeit. Für den Spaß. Für den Moment, in dem man so richtig Leben spürt. Versuchen Sie es doch einmal. Spielen Sie Fußball mit Eicheln, wenn Sie zur Arbeit laufen. Schneiden Sie in einer Pause Grimassen vor dem Spiegel. Oder tun Sie sonst etwas, für das Sie eigentlich viel zu alt sind. Und dann belächeln Sie liebevoll sich selbst. In all Ihrer Heiterkeit.

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Die Familie kommt aus Serbien. Mutter, Vater, Sohn. Es sind muslimische Serben. Aber Moslems sind sie eigentlich nur auf dem Papier.
Bereits 1992 war die Familie nach Deutschland geflohen. Damals herrschte Krieg in ihrer Heimat, damals hätten sie ohne Probleme in Deutschland bleiben können, aber sie gingen zurück. Um ihr Land wiederaufzubauen.
Was dann folgt, ist eine einzige Welt der Angst. Für die Moslems nicht muslimisch genug, für die Christen nun eben Moslems, fällt die Familie in ihrer Heimat durch alle Raster. Gewalt und Todesdrohungen sind an der Tagesordnung. Die Familie flieht 2013 erneut nach Deutschland.
Hier fallen sie wieder durch alle Raster. Serbien gilt mittlerweile als sicheres Herkunftsland. Wie sicher ist ein Land, in dem man als Kriegsdienstverweigerer mit Gefängnis rechnen muss, als Frau Freiwild ist oder als muslimischer Schüler schnell mal ein Messer am Hals hat? Offensichtlich sicher genug, um in einen Zug gesetzt zu werden.
Ganz klar. Was derzeit in Deutschland an Flüchtlingen ankommt, ist für unser Land eine echte Herausforderung. Wir sehen Bilder von Menschen, die aus bombardierten Städten kommen oder vor den marodierenden IS-Truppen flüchten. Und der Balkankrieg ist für uns irgendwie längst Geschichte.
Für die Familie aus Serbien nicht. Und sie sind mir ein Beispiel dafür, dass es mit der Sicherheit so eine Sache ist. Und dass jeder Mensch, jedes Schicksal einen eigenen Blick verdient. Auch in diesen Zeiten, in denen unsere Gesellschaft in die Knie zu gehen droht, weil so viele bei uns Heimat suchen.
Wer ein Leben rettet, rettet die ganze Welt. So lautet ein jüdisches Sprichwort. Und jenseits aller Religion, ist das doch ein Satz, den sich jede Gesellschaft ins Stammbuch schreiben kann.

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Heute ist Martinstag. Und wie ein jedes Kind schon weiß, geht es da um den heiligen Martin, der seinen Mantel mit einem armen Bettler geteilt hat. Durch seine Barmherzigkeit hat er ein wenig Licht in die Welt gebracht. Deshalb gehen jedes Jahr Kinder mit leuchtenden Laternen durch die Straßen, deshalb erzählen wir jedes Jahr seine Geschichte. Eine schöne Geschichte.
Zusätzlich möchte ich Ihnen heute jedoch die Geschichte von einem anderen Martin erzählen. Der lebte mehr als tausend Jahre später als jener Martin von Tours. Und seine Geschichte ist auch eine schöne Geschichte.
Mein Martin wurde 1483 in Eisleben geboren und heißt deshalb Martin, weil er am Martinstag, also am 11. November, getauft worden ist. Mit Nachnamen heißt er übrigens Luther. Und er hat auf seine Weise dafür gesorgt, dass Menschen ein Licht aufgegangen ist.
Zum Beispiel ein Licht über Gott. Den hat er als einen „Backofen voller Liebe“ beschrieben. In einer Welt, in der viel von Gottes Zorn erzählt wurde, hat er damit ganz schön für Furore gesorgt.
Zum Beispiel ein Licht über die Kirche. Die sollte sich weniger Gedanken darum machen, die eigenen Schäfchen ins Trockene zu bringen, sondern dafür sorgen, das möglichst viele Schäfchen den Weg zu Gott finden.
Zum Beispiel ein Licht über den Glauben. Ich kann, soll und darf meine eigene und lebendige Beziehung zu Gott leben. Andere können mir dabei behilflich sein, aber es bleibt meine Beziehung zu Gott.
Martin Luther hat damals vielen Menschen aus dem Herz gesprochen. Und tut es bis heute. Bis heute geht einem so manches Licht auf bei der Geschichte von Martin Luther.
Und deswegen ziehe ich heute mit meiner Laterne los: für den einen Martin und für den anderen Martin. Auf ihre Weise haben sie beide Licht in die Welt gebracht. Rabimmel, rabammel, rabumm.

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Interreligiöser Gesprächsabend im Gemeindehaus einer kleinen Kirchengemeinde. Vertreter des Judentums, des Christentums und des Islam sind eingeladen, um von den Basics ihres Glaubens zu erzählen.
Um das Publikum einzustimmen, haben die Veranstalter auf dem Boden religiöse Symbole und die heiligen Bücher der jeweiligen Religionen arrangiert. Auf einem bunten Tuch finden sich die Tora, die Bibel und der Koran. Eigentlich könnte es losgehen.
Doch bevor der Moderator das Wort ergreift, meldet sich ein Moslem aus dem Publikum zu Wort. Das Arrangement auf dem Boden findet er unerträglich. Der Koran darf nicht dort liegen, wo schmutzige Schuhe trampeln. Eilig werden sämtliche Gegenstände und Bücher auf einen Tisch gelegt. Die Veranstaltung kann beginnen, aber eigentlich haben wir alle jetzt schon etwas gelernt.
Eine Bibel auf dem Boden stört hierzulande keinen Menschen. Es ist ein Buch, in dem zweifelsfrei wichtige Dinge stehen. Aber es ist ein Buch. An der Wichtigkeit des Inhalts können weder Kaffeeflecken noch Eselsohren noch Staub noch Schlamm etwas ändern. Für einen Moslem geht das alles gar nicht.
Wer den Koran als Buch mit Füßen tritt, tritt auch seinen Inhalt mit Füßen. Zwischen den Buchdeckeln befindet sich für den gläubigen Moslem heiliger Inhalt, den es zu achten gilt. Und im Umgang mit dem Buch muss man diese Achtung spüren. Tja. Andere Religionen, andere Sitten.
Im Austausch der Religionen gibt es wirklich viel zu lernen. Und das hat nicht nur etwas mit Kirche und Moschee, mit Weihnachten und Zuckerfest zu tun. Im Volksmund heißt es: Der Teufel steckt im Detail. Im Miteinander der Religionen steckt Gott im Detail. Je mehr wir miteinander ins Detail unseres Glaubens gehen, desto besser werden wir einander verstehen. Und wo wir das tun und einander mit Respekt und Achtung begegnen, da leben wir nicht mehr nebeneinander, sondern miteinander.

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Ich stehe mitten in Kairo. Ich habe seit Tagen nichts gegessen. Aber ich kann mir auch nichts kaufen. Das bisschen Geld, das ich hatte, habe ich einem Anwalt gegeben. Der soll sich um meine Aufenthaltsgenehmigung kümmern. Und um die meiner drei Kinder, die noch in Deutschland sind und die ich so sehr vermisse.
Außerdem bin ich krank. Ich habe eine Hepatitis-C-Infektion, brauche dringend ärztliche Hilfe. Beim Arzt hat man mir einen Termin gegeben, aber der ist erst in sechs Monaten. Die Menschen machen einen Bogen um mich, schon längere Zeit habe ich nicht mehr meine Kleidung gewechselt. Weil ich auch gar keine Kleidung zum Wechseln besitze.
Irgendwer schickt mich zum Büro einer christlichen Organisation. Dort suche ich Hilfe. Leider spreche ich höchstens zehn Wörter Arabisch. Keiner weiß, was ich will. Ich fühle mich unendlich allein und verloren.
Natürlich stehe ich nicht in Kairo. Ich stehe in Kaiserslautern. Und vor mir steht ein Mann aus Ägypten mit genau der Geschichte, die ich Ihnen gerade erzählt habe. Mit vertauschten Rollen. Weil ich auf diese Weise oft besser fühle und verstehe, wie es jemand wirklich geht. Ich stelle mir vor, dass ich das wäre. Allein und verloren in einem fremden Land mit einer fremden Sprache. Wie  sehr würde ich mir dann wünschen, dass mir jemand hilft.
Viele Menschen kommen derzeit in unser Land, die bei uns fremd sind. Kein Mensch sollte sich allein und verloren fühlen, nur weil er fremd ist. Könnte ja jeden von uns treffen. Wer krank ist, sollte Hilfe finden. Wer seine Kinder vermisst, sollte sie wiedersehen. Wer kein Geld hat, sollte die Möglichkeit haben, welches zu verdienen.
„Der Fremde, der sich bei euch aufhält, soll euch wie ein Einheimischer gelten, und du sollst ihn lieben wie dich selbst“, sagt Gott in der Bibel. Fremd oder einheimisch: Es ist der Mensch, der zählt. Und dieser Mensch braucht spürbare Liebe. Ob in Kairo oder in Kaiserslautern.

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Ich habe ein Gedächtnis wie ein Elefant. Weniger, wenn es um römische Geschichte oder französische Vokabeln geht. Aber bei schmutzigen Socken im Flur oder Schlammspuren auf Fliesen, da läuft mein Gedächtnis zu Hochform auf.
Dann erinnere ich mich an achtzehnhundertnochwas, als unsere Tochter schon einmal ihre schmutzige Unterwäsche einfach in den Kleiderschrank gestopft hat, weil sie keine Lust hatte, sie ins Bad zu tragen. Und ich erinnere mich an jene Epoche kurz nach der Steinzeit, als mein Mann schon einmal mit seinen verschlammten Stiefeln durch den frisch geputzten Flur gelatscht ist.
Irgendwann platzt mir der Kragen. Und dann spult mein Gedächtnis die gesamte Sündenchronik der Haushaltsvergehen ab. Du hast jetzt etwas falsch gemacht und – wenn wir schon dabei sind - vor drei Tagen auch und vor drei Wochen und vor drei Jahren. Du machst eigentlich immer etwas falsch.
Gefundenes Fressen für die Konfliktforscher. Die halten nämlich wenig vom Langzeitgedächtnis, sondern setzen eher auf das Kurzzeitgedächtnis. Mich ärgert etwas. Und genau das sollte ich auch zur Sprache bringen. Und zwar jetzt. Denn an Geschichte kann ja keiner etwas ändern, an der Gegenwart schon. Und erst recht an der Zukunft.
Ich habe ein Gedächtnis wie ein Elefant. Aber der kann im Porzellanladen der Gefühle gehörig Scherben hinterlassen. Wenn mich also die nächste schmutzige Socke ärgert, verkneife ich mir die Generalabrechnung und setze auf den Moment. Wer weiß? Vielleicht springt für mein Gedächtnis am Ende dabei sogar eine gute Erinnerung heraus.

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