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SWR3 Gedanken

In der Bibel stehen neben schönen Geschichten auch grausame. Eine davon ist die von Kain und Abel.

Kain, der Ältere, setzt auf den Ackerbau. Er baut Getreide an. Sein Bruder Abel spezialisiert sich auf die Viehwirtschaft und hütet Schafe. Und irgendwie scheint er erfolgreicher zu sein. Abel hat wohl ein glücklicheres Händchen.

So kommt es, dass Kain der Neid packt. Und zwar so sehr, dass er seinen eigenen Bruder auf dem Feld erschlägt. Dort gibt es keine Hilfe und keine Zeugen - denkt sich Kain. Aber da hat er sich geirrt. Gott stellt ihn zur Rede.

In China oder den USA würde Kain heute wahrscheinlich die Todesstrafe drohen. Aber Kain wird anders bestraft. Er wird vertrieben aus seiner Heimat. Ruhelos muss er herumziehen, ist nirgends mehr sesshaft. Wie schlimm das ist, können heute all jene am besten nachvollziehen, die keine Heimat mehr haben.

Aber schlimmer noch: Als Mörder ist Kain in der damaligen Zeit vogelfrei. Das heißt, jeder darf ihn töten, ohne dafür bestraft zu werden. Doch Gott lässt sich etwas einfallen, um den heimatlosen Kain wenigstens vor dem Tod zu bewahren: Er kennzeichnet ihn mit dem so genannten „Kainsmal“. Vielleicht eine Art Tätowierung. Sie soll ihn davor bewahren, selbst erschlagen zu werden.

Amnesty International ruft heute zum Welttag gegen die Todesstrafe auf, mit dem Ziel, sie weltweit abzuschaffen. Auch Gott wollte mit dem „Kainsmal“ ein Zeichen setzen, das viele Regierungen bis heute noch nicht kapiert haben: Gewalt soll nie mit neuer Gewalt beantwortet werden.

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Wenn mich jemand fragen würde, nach was ich mich am meisten sehne, dann würde ich antworten: ein Jahr nach Irland gehen. Dort ein Buch schreiben, Musik machen und viele Pubs besuchen. Auch meine Frau träumt von Irland und einem Cottage am Meer. Da wir aber weder das Geld, noch die Zeit dafür haben, verschieben wir diesen Traum immer wieder auf übermorgen.

Ich schätze, damit sind wir nicht allein. Viele Menschen müssen ihre Träume immer wieder aufschieben, weil sie ein bisschen zu groß gedacht sind: die Safari, das eigene Bauernhaus, die Route 66, alles schwierig zu verwirklichen. Und dann kapitulieren die Menschen und gewöhnen sich das Träumen ab.

Schade eigentlich, denn Sehnsüchte machen doch eigentlich Spaß. Mir jedenfalls tut es gut, ab und zu mit meiner Frau von Irland zu träumen. Und wir haben kleine Tricks, dass wir nicht resignieren. Zum Beispiel führen wir ein „Sehnsuchtsbuch“. Dort schreiben wir alles hinein, was wir machen werden, wenn die Kinder aus dem Haus sind, oder wenn wir mal viel Zeit und Geld übrig haben sollten.

Eine Ordensschwester hat mir noch einen Tipp gegeben: „Sie müssen ja nicht immer gleich alles wollen. Manchmal reicht es, etwas nur teilweise wahr zu machen.“ „Ob mir das wohl reicht?“, habe ich gedacht. Aber dann kam die Chance, es auszuprobieren. Oma war da, hat die Kinder übernommen und uns einen freien Abend geschenkt. Wir wollten uns gerade resigniert ins Sofa fallen lassen, denn für einen Abend brauchst du nicht nach Irland zu reisen. Da hatte meine Frau eine super Idee: „Lass uns ins Irish Pub gehen!“

Yes, das war´s. Es hat so gut getan, unserem Traum ein bisschen nahe zu sein. Gemütlich unter irischen Fähnchen ein Guinness zu trinken. Es hat unsre große Sehnsucht nicht gestillt, aber es hat sie beflügelt.

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Mitten durch die Obstwiesen des Bodensee-Hinterlandes zieht ein seltsamer Tross: ganz vorne sechs Ponys, darauf und drum herum eine Horde ausgelassener Kinder. Und hinten, da laufen die Eltern. Über 40 Kilometer haben sie die letzten fünf Tage hinter sich gebracht, von Ravensburg bis nach Immenstaad. Und das ganz ohne: „Wie weit noch?“ oder „Wann sind wir endlich da?“

Der Organisator Andreas Steiner weiß warum. Er sagt: „Das liegt an den Ponys. Die ziehen die Kinder förmlich mit.“ Der Pastoralreferent wollte ein spirituelles Angebot für Familien machen, und so hat er das „Pony-Pilgern“ erfunden. Das Konzept scheint aufzugehen: Ponys – das zieht die Kinder an und Pilgern die Erwachsenen.

Die Gruppe ist auf einem Teil des Jakobswegs unterwegs. Viele sind vor ihnen schon auf diesem Weg gepilgert. Pilgern hieß schon immer: sich in die Fremde begeben, sich Ungewohntem aussetzen. Und Pilger haben immer die Hoffnung, auf ihrer Reise Gott näher zu kommen.

Das gilt auch für die Pony-Pilger. Sie haben sich vorgenommen, Gott mit ihren Sinnen zu suchen. Andreas Steiner sagt: „Letztlich können wir Gott nur mit unseren fünf Sinnen wahrnehmen – und vielleicht auch noch mit unserem sechsten.“ Und so schärfen die Kinder ihre Sinne. Zum Beispiel beim Riech-Parcours. Es gilt aber nicht nur Ponymist und Bergkäse zu erriechen, sondern auch der Frage nachzugehen: Wen kann ich nicht riechen, und wie gehe ich damit um?

Im Abendgebet wird das, was alle am Tag erlebt haben, vor Gott gebracht. Und meistens sind das schöne Erfahrungen: Auf dem Rücken eines Ponys reiten oder singen am Lagerfeuer. Der Duft von frischem Heu und Apfelbäumen. Stolz sein auf die harte Tagesetappe. Und vielleicht auch das Gefühl, heute ein Stück mit Gott unterwegs gewesen zu sein.

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Entscheidungen treffen – für manche ist das der blanke Horror. Abwägen, hin- und her überlegen und die Folgen bedenken. Andere tun sich leichter, entscheiden schnell und aus dem Bauch heraus.

Vor einer Entscheidung stehen auch drei Frauen aus der Bibel: Noomi, Ruth und Orpa. Jede entscheidet sich völlig anders – und jede macht es trotzdem irgendwie richtig.

Noomi ist die Schwiegermutter von Ruth und Orpa. Vor vielen Jahren ist sie ins Land Moab gezogen, wo sie geheiratet hat. Ihre beiden Söhne haben Ruth und Orpa geheiratet. Dann mehrere Schicksalsschläge kurz hintereinander: Noomis Mann und die beiden Söhne – alle sterben. Noomi möchte nicht länger in Moab bleiben, sie zieht es zurück in ihre alte Heimat. Sie macht ihre frühere Lebensentscheidung rückgängig. Hut ab! Eine Entscheidung zurückzunehmen – vor allem so eine große -  ist oft gar nicht so leicht.

Ruth und Orpa begleiten ihre Schwiegermutter bis zur Landesgrenze. Dort sagt sie zu den beiden: „Geht zurück zu euren Verwandten und Freunden. Ihr seid jung und könnt nochmal heiraten!“ Es kommt zum Showdown: Wie werden sich Ruth und Orpa entscheiden?

Ruth beweist Mut. Sie gibt ihre Heimat auf und entscheidet sich dafür, Noomi in ein für sie völlig fremdes Land zu begleiten. Sie setzt alles auf eine Karte. Und ihr Risiko wird belohnt werden.

Und Orpa? Sie wählt die sichere Variante: Zurück in die Heimat. Dort weiß sie, was sie erwartet. Manche sagen, sie habe etwas hasenfüßig entschieden. Finde ich nicht. Ich ziehe meinen Hut vor allen, die sich mit einer Entscheidung nicht überfordern möchten, die ihre Grenzen kennen und respektieren - so wie Orpa.

Die Bibel gibt keine Antwort darauf, wer es denn nun richtig gemacht hat. Den einzigen Hinweis den sie gibt heißt: Egal wie du dich entscheidest, Gott geht mit.

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Im altehrwürdigen Kloster Weingarten bei Ravensburg geht´s neuerdings etwas lebendiger zu als bisher. Zwei Kinder flitzen auf dem Rad über den Klosterhof, neben der Klostermauer ist ein Volleyballnetz gespannt. Und im Schatten der Basilika sitzt eine Gruppe Erwachsener auf Plastikstühlen und trinkt Tee.

Die Diözese Rottenburg – Stuttgart hat sich dazu entschieden, das Kloster Flüchtlingen zur Verfügung zu stellen. Die letzten Mönche waren schon 2010 ausgezogen. Und dennoch musste man zusammenrücken, um die Pläne umzusetzen, denn das Kloster ist inzwischen anderweitig genutzt worden.

Es war die Idee des Bischofs. Sie kam für alle etwas überraschend, ist aber durchaus nachvollziehbar. Nicht nur weil das Kloster auf dem Martinsberg steht und Sankt Martin als Paradebeispiel für alles gilt, das mit Teilen zu tun hat. Sondern auch weil es dem Wort Jesu entspricht: „Ich war fremd und obdachlos, und ihr habt mich aufgenommen.“

Die Menschen, die jetzt im Kloster aufgenommen werden, kommen aus Eritrea, Kamerun oder Pakistan.  Als Ansprechpartnerin hat sich Schwester Ines für drei Jahre zur Verfügung gestellt. Sie stammt aus dem Franziskanerkloster Reute und hat ihr beschauliches Klosterleben fürs erste aufgegeben. Sie kümmert sich um alltägliche Kleinigkeiten wie Waschpulver und Pflästerchen genauso wie um Deutschkurse oder Praktikumsplätze.

Einerseits sagt sie: „Die Ämtermühle macht mir zu schaffen. Wenn nichts vorangeht, ist das frustrierend.“ Andererseits hat sie die Arbeit mit den Flüchtlingen verändert. „Meine Welt ist größer und realer geworden“, sagt sie.

Am meisten ist sie beeindruckt davon, wie optimistisch die Flüchtlinge in die Zukunft schauen. Sie sagt: „Die Welt ist nicht schöner, sondern schmerzhafter geworden. Aber die Hoffnung ist bei allen eine halbe Nummer größer als ihre Verzweiflung.“

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Abraham und Sarah sind ein mutiges Paar aus der Bibel. Sie müssen so manches Mal ihre Sachen packen und ihre Heimat verlassen, bis sie ihr endgültiges Lebensziel erreichen: Kanaan - das Land, wo angeblich Milch und Honig fließen.

Ursprünglich stammt Abraham aus dem heutigen Irak. Sein Vater beschließt, mit der ganzen Großfamilie  auszuwandern nach Kanaan. Alles muss mit: Zelte, Werkzeug, Tongeschirr. Dazu noch Tiere, Wasser und Vorräte für die Reise über staubige Pisten.

Als der Tross in Haran in Syrien vorbeikommt, locken die Vorzüge einer Stadt. Die meisten Familienmitglieder haben das ewige laufen und schleppen satt. Sie sehnen sich nach einem festen Zuhause, vielleicht auch nach Nachbarn und einem Brunnen. Die Familie siedelt sich an, obwohl das Ziel Kanaan noch weit weg ist.

Nach einiger Zeit meldet sich Gott bei Abraham. Er wirkt fast ein bisschen hartnäckig, als er sagt: „Zieh weg von hier in das Land, das ich dir zeigen werde.“ Die ganze Verwandtschaft hat keine Lust mehr weiter zu ziehen. Aber Abraham scheint sicher zu sein, dass die Umherzieherei einen Sinn ergeben wird. Und tatsächlich: Als er mit Sara in Kanaan landet, da hat er das Gefühl, endlich angekommen zu sein.

Für mich ist entscheidend, dass Gott Abraham seine Freundschaft anbietet. Gott sagt nämlich: „Ich werde dich segnen und begleiten. Durch dich sollen alle Menschen der Erde Segen erlangen.“ Dieser Segen gilt nicht nur Abraham, sondern allen Menschen, die sich Gottes Führung anvertrauen.

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Eine High School in New York. Im Klassenzimmer geht es drunter und drüber - wie immer am ersten Schultag. Frank McCourt, der frisch gebackene Lehrer, betritt zum ersten Mal sein Klassenzimmer. Pete brüllt gerade: „Wer will mein Pausenbrot?“ Andy lässt einen dummen Spruch ab und als Quittung fliegt ihm das Pausenbrot um die Ohren. Und irgendwie landet es direkt vor den Füßen des neuen Lehrers.

Plötzlich wird es still in der Klasse. Frank McCourt weiß: jetzt entscheidet es sich, ob ich als Lehrer anerkannt werde oder nicht. Er sagt nichts, sondern folgt einer inneren Eingebung. Er bückt sich, hebt das Pausenbrot auf, wickelt es sorgfältig aus und beißt hinein. Er isst es vor den Augen der Klasse auf, und er genießt jeden Bissen.

Frank McCourt sagt später: „Ab diesem Zeitpunkt hingen mir die Schüler an den Lippen. Ich habe einfach das getan, was ich am besten kann. Anstatt zu unterrichten habe ich Geschichten erzählt.“ Frank McCourt ist Schriftsteller geworden. Seine Lieblingsgeschichte war aber immer die mit dem Pausenbrot. Er sagt: „Ich war der erste Lehrer in ihrem Leben, der ein Sandwich vom Boden aufgehoben hat und es vor versammelter Mannschaft verdrückt hat.“

In diesem Augenblick hat Frank McCourt wohl das Herz der Klasse erobert. Und nicht nur das. Er hat den Schülern mit dieser Aktion etwas Wichtiges gezeigt: Nämlich wie sehr er das schätzt, was von ihnen wie Abfall behandelt wird. Wenn das keine richtige Erntedank-Geschichte ist.

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